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Literaturbesprechung

Rupert Seuthe: "Geistig-moralische Wende"? Der politische Umgang mit der NS-Vergangenheit in der Ära Kohl am Beispiel von Gedenktagen, Museums- und Denkmalprojekten, Frankfurt am Main u. a.: Peter Lang, 2001 (Europäische Hochschulschriften, Reihe 3: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, Bd. 905). 338 S., br., ISBN 3-631-38034-8, EUR 50,10.

Rezensiert von:
Matthias Dudde M.A., Dudde+Nies GbR Geschichtsagentur, Dortmund
E-Mail: Matthias.Dudde@t-online.de


Die bundesdeutsche Erinnerungspolitik ist Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Untersuchungen. Sie beschäftigen sich mit der zentralen Frage, wie der öffentliche Umgang mit dem Nationalsozialismus gestaltet wurde und wird. Die Vorstellungen pendeln dabei, wie Jeffrey Herf in seinem Buch "Zweierlei Erinnerung" 1998 am Beispiel der ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik festhält, zwischen den Polen einer kritischen Aneignung der NS-Vergangenheit und der Umgehung einer direkten Auseinandersetzung.[1] Letztere verfolgte Bundeskanzler Konrad Adenauer. Er stellte die offene Erinnerung zurück, um eine stabile Demokratie zu etablieren und die Bundesrepublik im Westen zu integrieren. Seit den 1970er Jahren werden vermehrt politische Diskussionen über den Holocaust und andere NS-Verbrechen geführt. Wie haben sich nun die Vorstellungen zum öffentlichen Umgang mit der NS-Vergangenheit in der Regierungszeit Helmut Kohls entwickelt?

Im Titel des vorliegenden Buches stellt Rupert Seuthe die "geistig-moralische Wende" in Frage, die Helmut Kohl als neuer Bundeskanzler 1982 dem politischen Machtwechsel folgen lassen wollte. Seuthes zentrale Untersuchungsfrage in dieser überarbeiteten Fassung seiner Dissertation an der Universität Hamburg ist, ob "tatsächlich eine kohärente Geschichtspolitik ins Werk gesetzt und wirksam wurde", die "darauf abzielte, das Verhältnis zur Vergangenheit (mindestens) im Sinne einer Bedeutungsabschwächung der NS-Zeit als dominierende historische Bezugsgröße und darüber das bundesrepublikanische Gegenwarts- oder Selbstverständnis neu zu justieren." (S. 18) Seine Untersuchungsgegenstände sind erstens die Gedenktage 1985 und 1995 zum "8. Mai" sowie 1988 zum "9. November", zweitens die Museumsprojekte "Haus der Geschichte" in Bonn und "Deutsches Historisches Museum" in Berlin und drittens die Denkmalprojekte "Zentrale Gedenkstätte", zunächst geplant in Bonn, später in der "Neuen Wache" in Berlin realisiert, sowie das "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" in Berlin. Seuthes methodischer Zugriff ist, "die politischen, medialen und wissenschaftlichen - mithin öffentlichen - Erinnerungsdiskurse im Kontext der bezeichneten geschichtspolitischen Beispielfälle zu rekonstruieren" (S. 32f.). Er greift dabei ausschließlich auf leicht zugängliche Quellen zurück. So gelingt es ihm in seinen Fallbeispielen - unter anderem der Bitburg-Besuch von Bundeskanzler Kohl und US-Präsident Reagan oder die Rede des Bundestagspräsidenten Jenninger -, die auch in der Öffentlichkeit emotional geführten Debatten nachzuzeichnen. Allerdings scheint Seuthe darauf verzichtet zu haben, seine Quellenbasis durch Zeitzeugeninterviews sowie Aktenmaterialien aus Ministerien oder aus Staats- und Parteiarchiven zu vergrößern. Am Ende der Untersuchung kommt Seuthe zu dem Ergebnis, dass die Beispiele "weder Teile eines systematisch angelegten geschichtspolitischen Ganzen noch für sich genommen im oben genannten Sinne stringent zielgerichtet waren oder wirksam geworden sind". (S. 310) Die "geistig-moralische Wende" erscheine somit nur noch als ein Hirngespinst.

Die ausgewählten Untersuchungsbeispiele - darunter auch das Museumsprojekt "Haus der Geschichte" - sind bereits in der Wissenschaft kritisch kommentiert worden, die Positionen der Auseinandersetzung sind bekannt und in Sammelbänden leicht greifbar. Sabine Moller hat in ihrer Studie "Die Entkonkretisierung der NS-Herrschaft in der Ära Kohl" 1998 festgehalten, dass das "Haus der Geschichte" nicht wie gefordert durch einen parlamentarischen Gesetzgebungsakt, sondern von Helmut Kohl auf dem Verordnungswege ins Leben gerufen wurde. [2] Ferner beschreibt sie ein Vorgehen, das sie als "Entkonkretisierung" bezeichnet: In dem Museum würden zwar Einzelfakten festgehalten, die jedoch aus einem Erkenntnis- und Bewertungszusammenhang herausgelöst seien. Dieser Befund lässt sich auch auf die Belegführung Seuthes übertragen. Er rekonstruiert die Debatten und bleibt mit seinen Deutungen ganz eng an diesen veröffentlichten Texten. So kann er beispielsweise die Frage, welche Rolle der Bundeskanzler tatsächlich beim Aufbau des "Hauses der Geschichte" gespielt hat, damit beantworten, dass Helmut Kohl zwar in der ersten Planungsphase sicherlich die treibende Kraft hinter dem Projekt gewesen sei, die Federführung aber zu keinem Zeitpunkt bei ihm selber gelegen habe. Und mit Blick auf das Gesamtprojekt habe die Bundesregierung für die inhaltliche Konzeption des Museumsprojekts nicht verantwortlich gezeichnet und auf die musealen Realisierungsprozesse zu keinem Zeitpunkt Einfluss genommen. Wer die Federführung nicht hat und keinen Einfluss auf die Realisierung nimmt, kann - so legt es Seuthe nahe - auch keine kohärente Geschichtspolitik betreiben. Werden die Ansprüche einer "geistig-moralischen Wende" wirklich so schnell zu einem Trugbild? Die methodische Schwäche des Ansatzes von Seuthe liegt darin, dass er die rekonstruierten Debatten kaum mit anderen Erkenntnis- und Bedeutungszusammenhängen verbindet. Fragen und Sachverhalte, die über den Horizont seiner Quellen hinausgehen, stellt er nicht dar. Hintergründe und Werdegänge der beteiligten Politiker und Wissenschaftler sind für Seuthe kein Thema. Zudem entwickelt er keine wissenschaftlich hergeleiteten Kriterien zur Beurteilung, was an einem Museumsprojekt Anfang der 1980er Jahre im Sinne der "geistig-moralischen Wende" zu interpretieren ist. Vielmehr leitet Seuthe das Kapitel über das "Haus der Geschichte" mit dem Hinweis auf den großen Publikumszuspruch und die internationalen Auszeichnungen ein. Und er bekennt, dass angesichts dieser Erfolgsdaten die Erinnerung an die Auseinandersetzungen um das Museum "schon recht schwer" falle (S. 150). Wie blendend der Erfolg sein kann, wird deutlich, wenn Seuthe sich der Presseberichterstattung als Quelle zuwendet. Diese charakterisiert er häufig mit dem Wort polemisch, das nicht in der Bedeutung des wissenschaftlichen Meinungsstreits, sondern als unsachlicher Angriff erscheint. Hier bleibt die Gelegenheit ungenutzt, die Presse, d. h. die Feuilletonredakteure der bekannten Tages- und Wochenzeitungen, als 'medialen Erinnerungsdiskurs' und in einigen Teilen als gesellschaftspolitische Negativfolie zur "geistig-moralischen Wende" wissenschaftlich zu bearbeiten. Letztlich verweisen die Kritikpunkte an dieser Arbeit darauf, dass sich Seuthe beispielsweise beim "Haus der Geschichte" scheut, die Entscheidung für die thematische Ausrichtung Helmut Kohl zuzuordnen. Es drängt sich die Ansicht auf, dass sich der Autor falsche Vorstellungen von den Einflussnahmen eines Bundeskanzlers macht. Die Möglichkeiten der Personalpolitik beleuchtet er nicht. Darüber hinaus betrachtet er auch das konservative Umfeld nicht. Wenn ein konservativer Konsens herrscht, dass ein Museum der Bundesrepublik mit der "Stunde Null" zu beginnen hat, dann reicht die öffentliche Ankündigung aus, ein Museum einrichten zu wollen. Die beauftragten konservativen Gutachter werden ein entsprechendes Museumskonzept vorlegen. Hier fangen die eigentlich spannenden Fragen einer Geschichtspolitik an, die in dem vorliegenden Buch leider fehlen. So werden in diesem Bereich auch keine Begründungen gesucht, warum Helmut Kohl das Museum in der Anfangsphase auf dem Verordnungswege durchsetzte und damit eine breite öffentliche Debatte über dieses Museumsprojekt vermied. Wollte der noch junge Bundeskanzler ein ähnliches Integrationsmodell verfolgen wie Bundeskanzler Adenauer? Die Idee einer nationalen Erfolgsgeschichte seit 1945 muss eine direkte Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus umgehen bzw. auf ein Minimum beschränken. Konzepte eines Museums der Deutschen Geschichte von 1918 bis 1960 hingegen hätten eine kritische Aneignung der NS-Vergangenheit bedeutet. So ist auch ein alternativer Weg in Form einer öffentlichen Ausschreibung durch das Bundeskanzleramt für das Museumskonzept undenkbar. Dieser hätte eine größere erinnerungspolitische Debatte gebracht und den Versuch der "geistig-moralischen Wende" schon frühzeitig scheitern lassen.

Die fehlenden übergeordneten Zusammenhänge nicht nur im Kapitel über das "Haus der Geschichte" hinterlassen den Eindruck einer Rechtfertigungsarbeit: Bundeskanzler Kohl soll möglichst weit aus der Kritik genommen werden. Dieser Eindruck entsteht auch in einem Exkurs über die Frage, ob historische Museen geschichtspolitische Steuerungselemente seien. Es erscheint wenig plausibel, diese Frage damit zu verneinen, dass bei einem einzelnen Museumsbesuch kein wirksames Geschichtsbild vermittelt werden könne, sondern nur ein bekanntes bestätigt würde. Dies ist für den Einzelfall durchaus zu beobachten, aber die Möglichkeit von Interferenzen spricht Seuthe nicht an. So richten beispielsweise Lehrer ihre Klassenvorbereitung hauptsächlich auf das zu Sehende aus und nur sehr begrenzt auf die inhaltlichen Lücken. Ein Museum, vor allem ein so bedeutendes wie das "Haus der Geschichte", hat ein viel größeres Wirkungsfeld, als es Seuthe in seiner groben Belegführung vermittelt. So liefert das vorliegende Buch für die Charakterisierung der Erinnerungspolitik in der Ära Kohl keine neuen Hinweise - dieser Befund lässt sich natürlich auch anders deuten: "Kohl konnte es seinen Kritikern also erneut nicht recht machen". (S. 134)

Anmerkungen:

[1] Jeffrey Herf: Zweierlei Erinnerung. Die NS-Vergangenheit im geteilten Deutschland, Berlin 1998.

[2] Sabine Moller: Die Entkonkretisierung der NS-Herrschaft in der Ära Kohl. Die Neue Wache - das Denkmal für die ermordeten Juden Europas - das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Hannover 1998.


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Dokument erstellt am 5.8.2003