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Rezension / Review

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Die vergessene Geschichte. 775 Jahre Frauenleben in Hamm. Werkstattberichte.
Hrsg. von Antje Flüchter-Sheryari und Maria Perrefort im Auftrag des
Gustav Lübcke-Museums Hamm, Hamm: Gustav-Lübcke-Museum, 2001 [Notizen
zur Stadtgeschichte, 7]. 284 S, zahlreiche Abb., Farbtafeln S. 269-284. ISBN: 3-9806491-6-4.
Zugleich Begleitband der gleichnamigen Ausstellung im Gustav-Lübcke-Museum Hamm,
November 2001 - 17. Februar 2002)

Rezensiert von
Dr. Elisabeth Dickmann, Hedwig-Hintze-Institut der Universität Bremen
E-Mail: <hhi@uni-bremen.de>

Jubiläen sind immer ein willkommener Anlass, stadt- oder regionalgeschichtliche Rückblicke zu halten, zumal wenn es ein aktives Stadtmuseum gibt. Die 775-jährige Wiederkehr der Stadtgründung Hamms wurde in mehreren Ausstellungen gefeiert, darunter auch die materialreiche und gut dokumentierte zum Frauenleben in Hamm namens "Die vergessene Geschichte". Dazu wurde der vorliegende Begleitband veröffentlicht.
Ob die Geschichte der Frauen in Hamm ganz so ‚vergessen' war, mag dahingestellt bleiben, die Fülle des hier zur Verfügung stehenden Bild- und Schriftmaterials scheint dagegen zu sprechen, aber das Suchen nach diesen Zeugnissen war wie allerorten mühselig und gehört zu den Kärrnerarbeiten der Historischen Frauenforschung. Erschwerend kamen die Brände von 1741 und 1944 hinzu, die jedes Mal das ganze Stadtarchiv vernichteten. Die ForscherInnen waren also auf andere und jüngere Überlieferungen angewiesen.

Dieser Band vereinigt nicht nur eine Vielzahl von Aufsätzen und Autorinnen sondern auch von Fragestellungen und Forschungsfeldern, ist er doch der erste seiner Art in Hamm, der den Versuch unternimmt, die 775 Jahre umfassende Stadtgeschichte aus weiblicher Perspektive zu präsentieren. Es wurde jedoch wesentlich mehr als ein Ausstellungsführer daraus, der Band wurde zu einem Handbuch der Geschichte der Frauen dieser Stadt und vermittelt wichtige Kenntnisse der städtischen Sozialgeschichte im Laufe der Jahrhunderte. Er ist überdies das Ergebnis einer äußerst fruchtbaren Zusammenarbeit des Gustav-Lübcke-Museums Hamm und der Universität Münster, konkret eines offenbar sehr anregenden Seminars der Historikerin Barbara Stollberg-Rillinger, die eingangs ihre "Werkstatt" und die allgemeinen Voraussetzungen der Frauen- und Geschlechterforschung kurz skizziert. Nicht zu vergessen sind die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen des Museums als Autorinnen und Herausgeberinnen und auch die zahlreichen Privatpersonen aus der Hammer Öffentlichkeit, die ihre Fotoarchive und familiären Sammlungen für dieses Projekt öffneten. Eine wirklich beeindruckende Leistung der sogenannten ‚public history'! Besonders erfreulich scheint mir die gelungene Einbeziehung junger Menschen zu sein, nämlich der Studierenden an der Universität Münster, die ihre Arbeiten gleichberechtigt neben den Beiträgen der WissenschaftlerInnen publizieren durften. Ein nachahmenswertes Beispiel! So entstand ein buntes Kaleidoskop von Geschichten und Geschichte, das nun freilich nicht beliebig geschüttelt werden kann, um immer neue Bilder entstehen zu lassen, sondern zielstrebig und systematisch gelesen werden möchte, gleichwohl unterschiedlichste Zugänge erlaubt.

Das Publikumsinteresse an der Ausstellung legte es nahe, die Chronologie walten zu lassen. Im Katalog bildet sie gewissermaßen die ‚Kettfäden des Gewebes', das durchzogen ist mit thematischen und biographischen ‚Schußfäden' verschiedener Farbigkeit und Dichte. So sind im einleitenden Kapitel "Die Bildung von Seele und Geist" mittelalterliche Frauenklöster in Hamm (Christina Wolter) und die Namenspatroninnen der Hammer Kirchen (Petra Mecklenbruck) als Orte und Vorbilder der religiösen Bildung von Frauen ebenso vertreten wie die (neuere) Entwicklung des Mädchenschulwesens bis hin zur Gegenwart (Hendrik Snethkamp und Martina Schäfer). Hier findet sich aber auch ein Beitrag über den gnadenlosen Umgang mit den ‚Hexen von Heesen' (Rita Kreienfeld), die an dieser Stelle etwas befremdlich wirken, es sei denn, der Aspekt der ‚weisen Frauen' sollte hier betont werden.

Es folgen im nächsten Kapitel Szenen aus dem Frauenalltag unter dem viel strapazierten Schiller-Zitat "Und drinnen waltet die züchtige Hausfrau", in denen die Arbeitsfelder der Frauen in Haus, Hof und Küche vom Mittelalter bis in die Neuzeit dargestellt sind: ‚Die Entwicklung des Wohnen' (Kirsten Bernhard), zwei Ehe-Szenarien (Katrin Herbers über Heirat und Ehe im geschichtlichen Wandel und der Prozeß der Kauffrau Elisabeth Boenen gegen ihren eigenen Ehemann wegen Verletzung des Ehevertrages von Rabea Berghahn), welch letzterer die Tatsache verdeutlicht, wie schwer es Frauen hatten, auch einmal mehr oder weniger erfolgreich aus dem engen Wirkungskreis des Hauses herauszutreten und im Geschäftsleben um Erfolg zu kämpfen. Es handelt sich hier um deutlich sozialgeschichtliche und rechtshistorische Themen, die unterstreichen, wie fruchtbar die Geschlechterperspektive die gesellschaftsgeschichtlichen Erkenntnisse erweitert. ‚Handarbeiten im bürgerlichen Frauenalltag' (Dorothee Kandzi) und die ‚Haushaltsschulen zur Ausbildung der Mädchen für den Hausfrauenberuf' (Antje Flüchter-Sheryari) führen in das 19. und 20. Jahrhundert.

"Macht und Ohnmacht in Politik, Wirtschaft und Militär" ist das nun folgende Kapitel übertitelt, in dem es um die Präsenz und Wirksamkeit der Frauen in der alltäglichen städtischen Öffentlichkeit geht. Dahinter verbergen sich allerdings recht disparate Einzelfragen, sodass hier an der Zusammenfassung doch einige kritische Anmerkungen zu machen sind, so interessant und wichtig die Beiträge selbst sein mögen. 3 von insgesamt 8 Beiträgen kreisen um typische Frauenarbeiten, nun ohne chronologische Orientierung und vom Bildmaterial her auch nicht immer nur mit Regionalbezug: ‚Städtisches Dienstbotenleben' (Kathrin Gelhaus), ‚Mägde, Meisterinnen und Meistersfrauen' (Eva-Maria Lerche) und Sonja Schubert über ‚Geburtshelferinnen und Hebammen'. Es ist richtig und wichtig, bei regionalhistorischen Forschungen den Blick für die gesamte gesellschaftliche Entwicklung in einem Land nicht aus den Augen zu verlieren, deshalb ist das an sich nicht zu kritisieren, nur ist dadurch an einigen Stellen der Bezug zur Realität der Frauengeschichte in Hamm etwas in den Hintergrund gerückt. - Anders in den folgenden Beiträgen: Christine Nierhoff berichtet über Aspekte des Armenwesens und Maria Perrefort über die Mädchenschutzarbeit der Bahnhofsmissionen, ferner gibt es einen interessanten Beitrag über das spannungsreiche Verhältnis der städtischen Bürger zum Militär, das seit dem 17. Jh. in der Garnisonstadt Hamm das öffentliche Leben mitbestimmte (ebenfalls Maria Perrefort). Genau genommen handelt es sich hier um die Schilderung der Lebensverhältnisse von Händlerinnen, Prostituierten und Bettlerinnen, die zwischen die Mühlen städtischer und militärischer Gerichtsbarkeit gerieten. An diesem Beitrag wird sowohl das aktuelle Interesse der Geschlechtergeschichte an der Institution Militär deutlich wie die Problematik der Prostitution und ihrer Kontrolle seitens der Militärs und der Stadtregierung, im ausgehenden 19. Jh. ein heiß diskutiertes Thema, das heute erst wieder von der historischen Forschung entdeckt werden muss. - Etwas unerwartet schließt sich hieran der Beitrag ‚Die Partei ist männlich - Frauen im Dritten Reich' (Elke Hielscher) an, der auf knapp 7 Seiten den Versuch unternimmt, eine Einschätzung der Rolle der Hammer Frauen in und außerhalb von NS-Organisationen und Funktionen zu geben und das Schicksal jüdischer Mitbürgerinnen wenigstens kurz zu beschreiben, eine Alltagsgeschichte der Jahre 1933-1945 gewissermaßen, in der aber gerade nur Hinweise, so z.B. über so bedeutsame Personen wie Anna Siemsen, gegeben werden können. Hier wurde eine Chance zu größerer Breite und kritischer Sicht vergeben, die in dem folgenden Abschnitt von Anneliese Beeck über ‚die AG der Hammer Frauenverbände' eigentlich auch fehlt. Ein Stück Geschichte der Frauenbewegung in der Stadt und Region wird nämlich historisch nur insoweit zurückverfolgt, als eine Tabelle vier Daten vor der Gründung der AG im Jahre 1953 nennt, nämlich 1813 (vermutlich ist der ‚Vaterländische Frauenverein' gemeint), eine weitere Vereinsgründung von 1840, die Bildung von zwei konfessionellen Frauenvereinen 1883 und schließlich das Jahr 1919, das 3 Frauen im Hammer Stadtparlament sieht. Das sind leider nur magere Hinweise, und es ist schade, dass hier intensivere Nachforschungen offensichtlich unterblieben sind oder nicht mehr berücksichtigt wurden, denn allein diese Eckdaten sind schon untersuchenswert und vielversprechend. Die Bedeutung der heute noch existierenden ‚AG der Hammer Frauenverbände' wäre dadurch noch unterstrichen worden. - Vielleicht legte es der Gang durch das Ausstellungsmaterial nahe, diese Zusammenfassung zu geben, aber der Band hätte nach meinem Dafürhalten von einem eigenen Kapitel ‚Frauenarbeit' profitiert, was auch die Bedeutung dieser Thematik in Geschichte und Gegenwart sowie in der Historischen Frauenforschung gerechtfertig hätte, wenngleich es natürlich richtig ist, dass die Frauenerwerbsarbeit jeder Art etwas mit den ‚öffentlichen Räumen' zu tun hat. Aber so wäre mehr Raum entstanden für einen eigenen Abschnitt, der die politische Dimension des öffentlichen Lebens und des Vereinslebens unterstrichen hätte. Schließlich haben Frauen durch die Jahrhunderte hinweg wie sichtbar auch immer daran teilgenommen, und die durchaus öffentlich zur Schau gestellten Zwangsdienste in der NS-Zeit, z.B. die BDM-, RAD- und anderen Einsätze von Frauen, die es ja auch in Hamm reichlich gegeben haben muss, wären noch deutlicher in den Blick gerückt.

Das letzte Kapitel des Buches ist dem biographischen Interesse gewidmet, überschrieben ‚Frauenportraits'. Die biographische Perspektive soll und darf nicht fehlen in solchen Darstellungen. Angeführt von der Regentin Herzogin Jakobe von Jülich-Klave-Berg und Mark (Antje Staeckling), die in den letzten 10 Jahren des 16. Jahrhunderts für Aufsehen und Skandale gesorgt hatte und unter mysteriösen Umständen zu Tode kam, gefolgt von einer biographischen Skizze über die Hofhebamme Justine Siegemund (Sonja Schubert), die Bedeutung wegen ihres Lehrbuchs der Hebammenkunst erlangte, widmen sich drei Beiträge dem Schicksal jüdischer Frauen in Hamm: Über Sophie Haindorf, verheiratete Loeb, die Tochter eines bekannten jüdischen Reformers, der 1825 in Hamm einen Schul- und Ausbildungsverein für jüdische Jugendliche gegründet hatte, berichtet Susanne Freund; Mechtild Brand zeichnet die Portraits der Geschäftsfrauen Bertha Meyberg, Ida Goldstein und Helene Lauter zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Auch ‚die Frauen der Familie Herz', die als Christinnen in die Familie einheirateten bzw. als ‚Halbjüdinnen' das Dritte Reich unter abenteuerlichen Bedingungen überlebten, werden von Mechtild Brand vorgestellt, die außerdem einen anrührenden Bericht über die obdachlose Olga Bamberger, die sich als ‚Zigeunerin' bezeichnet und den Lagerterror in der NS-Zeit überlebte, geschrieben hat. Die Opferseite der NS-Zeit ist also recht gut dokumentiert! - Es folgen Berichte über die Schauspielerin Käthe Fuchs (Anneliese Beeck) und über die Künstlerinnen Emmy Kraushaar, Almuth Lütkenhaus und Lisa Merkel (Ellen Schwinzer), die das Kapitel abrunden. Einige Zeugnisse dieser künstlerischen Tätigkeiten sind in der Hammer Öffentlichkeit heute noch aufzuspüren.

Mit einem Zeittableau und einigen schönen Farbtafeln aus dem Ausbildungsmaterial ssowie einem beachtlichen Personennamenregister, einer wahren Fundgrube, endet der sorgfältig komponierte Band, der die inzwischen schon ganz stattliche Anzahl städtischer ‚Frauengeschichten' deutlich bereichert. 1271 wurde das Zisterzienserinnenkloster Marienhof gestiftet, 2001 (so der letzte Eintrag in der Zeittafel) "erinnert sich Hamm der vergessenen Geschichte der Frauen" (S. 265) - also doch immerhin 730 Jahre dokumentierte Frauengeschichte in Hamm!



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Dokument erstellt am 1.6.2002