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Rezension

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Augenblicke Grewenig, Mainrad Maria (Hg.):
Augenblicke des Jahrhunderts. Meisterwerke der Reportagefotografie von Associated Press (Katalog zur Ausstellung Historisches Museum der Pfalz, Speyer, 9.5.-12.9.1999)
Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz 1999, 176 S., 160 Abb., davon 43 farb., 117 in Duplex, brosch., DM 48,- /ÖS 350,- /SFr 46,-

Rezensiert von
Christoph Bühler
Landesverein Badische Heimat e.V., Heidelberg

Die Reportagefotografie ist das Medium des 20. Jahrhunderts. Fotografien begleiteten Kriege, Katastrophen, Glücksfälle, Ehrungen, Prominente, waren in den Sekunden dabei, als "Begebenheiten des Weltgeschehens zur Geschichte gefroren", wie der Direktor des Historischen Museums der Pfalz, Meinrad Maria Grewenig, es im Vorwort zu dem Band, der hier vorgestellt werden soll, kurz und prägnant ausdrückte. Der Band: Augenblicke des Jahrhunderts - Meisterwerke der Reportagefotografie von Associated Press, und er begleitete eine gleichnamige Ausstellung 1999 im Historischen Museum der Pfalz in Speyer.

Kriege, Katastrophen, Glück und Leid - es ist der manchmal recht eng gefaßte Umkreis des persönlichen, menschlichen, auch des voyeuristischen Interesses, der als Abnehmer der Bilder die Themen der Fotografie bestimmt. Kaum eine andere Produktion von Bildwelten ist so vom Konsumenten gesteuert. Denn ein Reportagefotograf will nicht Kunst produzieren, wo das Eine Symbol für das Übergeordnete, Allgemein-Menschliche sein kann. Er will anrühren - und Authentizität vermitteln.

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts läßt sich mit Fotografien lückenlos dokumentieren, so lückenlos, wie es frühere Jahrhunderte nicht möglich ist und für kommende Zeiten nicht mehr notwendig sein wird. Denn das 20. Jahrhundert ist das Jahrhundert, das mit der schnellen Verbreitung von Ablichtungen begann, die auf silberbromidhaltigem Papier gebannt, aufgerastert, auf Matern gezogen und im Zeitungsdruck vervielfältigt wurden. Und es endet mit dem Siegeszug der digitalen Technik, wo es für den Bildbearbeiter eine der leichtesten Übungen ist, aus einem digitalen Video am Computer dasjenige Bild herauszulösen und weiter zu verarbeiten, das den Intentionen der Berichterstattung am ehesten entspricht.

Die Reportagefotografie "beschränkte sich nicht nur auf die autonomen Möglichkeiten ihres Mediums, sondern wollte das abgebildete oder dargestellte Bildnis transportieren". So umreißt Meinrad Maria Grewenig in seinem einleitenden Aufsatz "Das Bild der Geschichte unseres Jahrhunderts" die Besonderheiten der Fotografie am Scheideweg zwischen Kunst und Reportage. Und die Frage ist in der Tat, wie man sie sich auch anhand der Bilder dieses Kataloges immer wieder stellt, was eigentlich ein einzelnes Bild "aus dem Heer der Abermillionen Bilder heraushebt und seine über die Tagesaktualität hinausreichende Wirkung begründet". Eindringlichkeit und Bildaussage - da ist dem Autor unumwunden recht zu geben. Aber auch das einzig Besondere an eben diesem einen Moment, der in der Kamera festgehalten ist. Das Unverwechselbare. Das Singuläre, das im nächsten Augenblick schon wieder vorbei ist.

Aus dem eigenen Erleben berichten anschließend Horst Fass ("Hundert Jahre Fotojournalismus - Rückblicke und Miterlebtes") und Herbert Knosowski ("Bilder und Nachrichten"). Fass bringt das spezifische Problem der Reportagefotografie auf den Punkt, wenn er sagt: "Das beste Bild ist nichts wert, wenn es nicht prompt und in guter Qualität übertragen werden kann." Und er zieht damit sowohl die Grenze zur Dokumentarfotografie als auch zum digitalen Zeitalter, das eben dieser Übertragung völlig neue Dimensionen erschlossen hat.

Schließlich und endlich formuliert Wolfgang Leitmeyer unter dem Titel "Die Macht der Bilder" sieben Gedanken zur Reportagefotografie. Seine erste These: "Fotografien entsprechen nicht der Wirklichkeit, sie bilden sie nur ab." Nichts von dem, was vorher war oder was nachher wurde, bleibt im Bild erhalten. Seine zweite: Reportagefotos sind subjektive Beweisstücke als Zeugnis des Wahrgenommenen. Subjektivität aber muß hinterfragt werden und hinterfragt werden können, wenn sie - wie in dem Fall der Bilder - den öffentlichen Raum betritt.

Diese Beweisstücke werden in einer unübersehbaren Menge und Vielfalt verfügbar. "Der Bilderberg wird zum kollektiven Gedächtnis der Zeit" - die dritte These. Wenn das sehende Individuum aber vor dem Berg steht - bracht es dann nicht wieder jemanden, der ihn an der Hand nimmt und für ihn auswählt? Die vierte These: Der Bildgegenstand selbst bleibt mit seiner Aufnahme unveränderlich (wenn auch nicht unverfälschlich), bleibt also als Konstante bestehen, wo der geschichtliche Prozeß fortschreitet. Die Konstante also wird zum neuen Medium, das seine Aussage auch unter anderen Verhältnissen weitergeben muß.

Die fünfte These: Gerade die Pressefotografie ist wie kaum ein anderer Zweig dieser Sparte darauf angewiesen, eine ganze "Geschichte fast ganz ohne Worte" zu erzählen, "Vergangenheit und Zukunft eines Ereignisses in einer Aufnahme zusammen" zu bringen. Gerade mit dem "entscheidenden Moment" aber, in dem der Auslöser betätigt wird, tritt die "Bildwirklichkeit" an die Stelle der "erfahrenen Wirklichkeit".

"Eindringliche Fotografien können im Kontext weniger Informationen zu Symbolträgern werden" - die siebte These. Das sind die Bilder, die um die Welt gehen und menschliche Grunderfahrungen widerspiegeln.

Und die sechste These? Sie wird im einleitenden Text unkommentiert, wertfrei, neutral formuliert: "Die Aufnahmetechnik der Kamera liefert keine wertfreien Abbilder der Realität." Zusatzinformationen können "das Verhältnis des Betrachters zum Bildgegenstand völlig neu bestimmen". Betende Muslime werden eben erst durch die Zusatzinformation "Tod von 13 muslimischen Fundamentalisten" zu Symbolen - ebenso wie eine Heerschar betender ultra-orthodoxer Juden. Hier gibt es gerade in der jüngsten Zeit sehr interessante Untersuchungen, auch und gerade über die "Produktion" solcher "Ikonen". Was ist "gestellt"? Was ist "echt"?

Diese These ist der Schlüssel zur Aussage vieler Bilder, die im Katalogteil wiedergegeben sind - alle von ausgezeichneter fotografischer Qualität - Bilder vom Haß und Leid, vom Triumph der Technik und menschlichen Siegen, von Josephine Baker und Mutter Theresa, von Marylin Monroe und gelynchten Schwarzen. Bilder von Mord und Totschlag, von Krieg und Verderben. An der Anzahl dieser Bilder läßt sich der Charakter des eben zu Ende gehenden Jahrhunderts entschlüsseln.


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Dokument erstellt am 31.5.2000