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Literaturbesprechung

Anja Heuss: Kunst- und Kulturgutraub. Eine vergleichende Studie zur Besatzungspolitik der Nationalsozialisten in Frankreich und der Sowjetunion, Heidelberg: Universitätsverlag C. Winter, 2000. 385 S., 6 s/w Abb., EUR 42,--.
ISBN 3-8253-0994-0

Esther Tisa Francini / Anja Heuss / Georg Kreis: Fluchtgut - Raubgut. Der Transfer von Kulturgütern in und über die Schweiz 1933-1945 und die Frage der Restitution. Zürich: Chronos-Verlag, 2001 (Veröffentlichungen der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg; 1). 595 S., EUR 43,90. ISBN 3-0340-0601-2

Rezensiert von Dr. Bettina Bouresh, Rheinisches Museums- und Archivamt, Pulheim
E-mail: bettina.bouresh@lvr.de


Seit Mitte der neunziger Jahre hat die Suche nach vermissten Kulturgütern, deren Spuren sich irgendwo zwischen 1933 und 1945 und auch noch in den Nachkriegsjahren verloren, eine Reihe von Publikationen, mal mehr populär- mal mehr wissenschaftlich, hervorgebracht. Die beiden hier zu besprechenden Publikationen ergänzen das bisher Erschienene, heben sich jedoch deutlich davon ab. Systematische Forschungsarbeit, sauberes methodisches Herangehen und die Verarbeitung einer großen Fülle von Details, ohne den Überblick zu verlieren, zeichnen beide Werke vor allen anderen aus. Für die Provenienzforschung liefern die Fußnoten mit ihren Quellenangaben und die beigesteuerten Materialien jeweils im Anhang eine Menge wertvoller Hinweise. Wie in "Fluchtgut-Raubgut" als Anspruch der Untersuchung festgestellt wird, geht es nicht vorrangig um die Klärung des Schicksals einzelner Werke, sondern um die "Ermittlung von Strukturen, Mechanismen und involvierten Akteuren im damaligen Kunst- und Kulturgüterhandel" (S.24). Beide Bücher liefern in bisher unerreichtem Maß eine Sichtung und Auswertung umfangreichen Quellenmaterials, die vorbildlich Anregung gibt, wie diese schwierige Recherche betrieben werden kann. Als ein weiterer Vorteil im Vergleich zu früheren Studien stellt sich die Vertrautheit der Autoren mit den historischen Verhältnissen in Europa und das Aktenstudium in europäischen Archiven heraus, die bei der Aufdeckung von Netzwerken im Kulturbetrieb der NS-Zeit in Deutschland und den angrenzenden Ländern hilfreich ist. Bei dem mit so viel Vorsicht zu behandelnden Thema des durch die NS-Herrschaft ausgelösten europaweiten Kulturgutraubes haben wir es hier mit zwei Büchern zu tun, die man jedem in diesem Bereich Forschenden als vertrauenswürdige Wegweiser empfehlen kann.

Im Einzelnen: Anja Heuss, die in "Kunst- und Kulturgutraub" von 2000 ihre Dissertation veröffentlichte, beschäftigt sich seit Jahren mit der Thematik in ihren vielfältigen Facetten und hat zahlreiche Einzeluntersuchungen vorgelegt, bevor mit ihrer vergleichenden Studie zum Kulturgutraub der Nationalsozialisten in Frankreich und der Sowjetunion eine Zusammenfassung ihrer akribischen Untersuchungen zur Funktion nationalsozialistischen Kulturgutraubs erschien. Untersucht wird der Raub von Kulturgut - hier bewusst weit gefasst - auf "höchster Ebene". In den Blick genommen werden die bedeutendsten Raub-Organisationen des NS-Reiches ("Führermuseum Linz", Sammlung Göring, Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg/ ERR, Ahnenerbe, Sonderkommando Künsberg, Abteilung VI G des Reichssicherheitshauptamtes, Propagandaministerium, Deutsche Botschaft Paris) und deren Aktivitäten in den beiden vom Kulturgutraub am meisten betroffenen Ländern. Es ist faszinierend zu verfolgen, wie Anja Heuss minutiös die Aktivitäten der beteiligten Organisationen und Personengruppen auseinander nimmt und anschließend bewertet. Die von ihr angeführten und immer sehr genau belegten Beispiele beweisen überzeugend ihre These, dass es sich beim Kulturgutraub sowohl in Frankreich als auch in der Sowjetunion um ideologisch begründeten Raub gehandelt hat, bei ganz unterschiedlichen Zielsetzungen der Aggression gegen die beiden Länder. Sie arbeitet heraus, dass der Kulturgutraub als ein Bestandteil der Kriegs- und Besatzungspolitik der NS-Herrschaft zu betrachten ist. Und insofern sämtliche Fachgruppen und Einzelexperten der entsprechenden Kulturbereiche und -institutionen, Museen, Bibliotheken, Archive sowie wissenschaftliche Institute selbstverständlich mitwirkten bzw. sich vereinnahmen ließen - ein Ergebnis, zu dem zunehmend auch andere Forschergruppen z.B. in der "Westforschung" in jüngster Zeit gekommen sind. Deutlich arbeitet Heuss die Rolle der Wissenschaftler in der ideologischen Kriegführung des NS-Systems heraus. Wünschenswert wäre, diesen Ansatz für den Kunst- und Kulturgutraub auch auf untergeordneten Ebenen weiter zu verfolgen.

Besonders verdienstvoll an diesem Buch ist das umfangreiche Quellenstudium und die Einordnung der bis dahin schon bekannten und bearbeiteten amerikanischen Aktenbestände, vor allem aus den National Archives in Washington, in die Interpretation zahlreicher weiterer Akten aus dem Bundesarchiv (Berlin und Koblenz), dem Landesarchiv Berlin, dem Militärarchiv Freiburg, dem Institut für Zeitgeschichte in München und weiterer Archive auf Länder- , Kommunal- bzw. Institutionsebene. Was die in amerikanischen Archiven lagernden Bestände angeht, so sei hier am Rande auf die ebenfalls jedem Provenienzforschenden zu empfehlende Veröffentlichung der American Association of Museums hingewiesen,[1] die neben grundsätzlichen Bemerkungen zur Provenienzforschung und vielen nützlichen Handreichungen für den Provenienzforscher dankenswerterweise zahlreiche Namenslisten aufführt, die den Stand der amerikanischen Nachkriegsuntersuchungen (Art Looting Investigation Unit /ALIU) zum Kunst- und Kulturraub in Deutschland und dem von den Nationalsozialisten besetzten Europa widerspiegeln. Der Ansatz von Anja Heuss geht aber über den einer Handreichung für die Provenienzforschung (AAM Guide) weit hinaus. Erstmalig gelang ihr eine umfassende Analyse des nationalsozialistischen Kunstraubes in besetzten Ländern, die bis heute von wegweisender Bedeutung ist.


Der zweite hier zu besprechende Band - in Kurzfassung übrigens von Esther Tisa Francini auf der Kölner Tagung "Museen im Zwielicht" 2001 vorgestellt und im gleichnamigen Tagungsband von der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste in Magdeburg 2002 veröffentlicht [2] - ist die erste Veröffentlichung einer Publikationsreihe zur Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg der in der Schweiz eingesetzten "Unabhängigen Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg". Neben "Raubgold" und "Flüchtlingen" bewegte die Frage nach der Rolle der Schweiz als Drehscheibe beim Transfer von Kulturgütern 1933 - 1945 die öffentliche Diskussion und sollte mit der vorliegenden Untersuchung beantwortet werden. Herausgekommen ist eine umfangreiche Studie über den Verbleib sowohl von freiwillig von Emigranten und Flüchtlingen in die Schweiz verbrachtem (Fluchtgut) als auch von NS-Behörden und Organisationen "entzogenem" (Raubgut) und in die Schweiz zur weiteren Verwendung verlagertem Kulturgut. Auch dieses Buch zeichnet sich im Vergleich mit anderen, auf Ländern angelegte Studien zum Kunst- und Kulturraub durch Genauigkeit in der Methodik und sauber belegter, umfassender Analyse aus. Der Anspruch, nicht nur auf Kunstwerke, sondern umfassend auf Kulturguttransfer einzugehen, musste mit Rücksichtnahme auf die Quellenlage doch hauptsächlich auf die in der Regel besser dokumentierten Kunstwerke eingeschränkt werden. So wird zum Thema der Untersuchung vor allem das Schicksal jüdischer Sammler und Kunsthändler, die der zunehmenden rassischen Verfolgung im nationalsozialistischen Deutschland ausgesetzt sind und sich vor dem Zugriff der NS-Behörden durch Flucht in die Schweiz zu entziehen suchen, bzw. deren Sammlungen in die Schweiz verbracht werden. Einem einleitenden Teil mit wichtigen Hinweisen zur Forschungslage folgt eine zusammenfassende Darstellung der Geschichte der Entziehung jüdischer Sammlungen.


Anmerkungen:

[1] Nancy H. Yeide / Konstantin Akinsha / Amy L. Walsh: The AAM guide to provenance research, Washington, D.C. 2001.

[2] Ulf Häder (Bearb.): Museen im Zwielicht. Ankaufspolitik 1933 - 1945 ; Kolloquium vom 11. und 12. Dezember 2001 in Köln. / Die eigene Geschichte. Provenienzforschung an deutschen Kunstmuseen im internationalen Vergleich. Tagung vom 20. bis 22. Februar 2002 in Hamburg. Hrsg. v. d. Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste Magdeburg, Magdeburg 2002 (Veröffentlichungen der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste; 2).


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Dokument erstellt am 23.10.2003