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Rezension

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Susanne Anna (Hg.):
Archi-Neering. Helmut Jahn, Werner Sobek. Dt./engl.
Ostfildern: Hatje Cantz 1999, 144 S., 155 Abb., davon 74 farbig, broschiert
DM 58,- /ÖS 423,- /SFr 55,-

rezensiert von
Claus Bernet

Über den Architekten Helmut Jahn schweigt sich die Mehrheit der Architekturkritiker beharrlich aus, doch Dank des Ausstellungskataloges des Museums Schloß Morsbroich in Leverkusen werden 15 der neueren Projekte kurz vorgestellt. Darunter befinden sich u.a. die Generaldirektion der Post in Bonn, die Hauptverwaltung der Bayer AG in Leverkusen, die Transrapid-Stationen für Hamburg, Schwerin und Berlin (Variante Spandau). In Berlin ist Jahn mit drei Projekten zwar vor Ort präsent, doch trotz intensiver Bemühung gelang es dem gebürtigen Franken bisher noch nicht, ein Projekt im Bezirk Mitte zu verwirklichen – zu sehr stößt sich die High-Tech-Architektur mit den Vorgaben der Senatsbaudirektion.

So kritisiert Jahn zu Recht, daß man in Berlin Werte wiedererwecken möchte, die in unserer Gesellschaft faktisch nicht mehr vorhanden sind. Vorhanden ist dagegen eine Lebensausrichtung an Konsum und Unterhaltung, und hier zeigt sich Jahn in seinem Element: Sowohl das Sony Center als auch DIFA am Kurfürstendamm sind mit Passagen durchzogen, überwiegend aus Glas geformt und mit Illuminationen ausgestattet, womit die Aufmerksamkeit im Stadtbild gewährleistet ist. Bei diesen Projekten hätte der Leser gerne mehr erfahren über die spektakuläre Translokation eines historistischen Saales um einige Meter (Hotel Esplanade) oder über die Konflikte, die der 'Riegel' am Kurfürstendamm mit Bauverwaltung, Denkmalschutzbehörde und breiten Teilen der Öffentlichkeit verursacht hat. Immerhin ist es Jahn nun gelungen, an Deutschlands bekanntestem Boulevard drei Bauten zu setzen, jeweils am Anfang und am Ende mit einem kleinen Hochhaus in der Mitte.

Seit 1994 arbeitet Jahn mit dem Stuttgarter Ingenieurbüro Werner Sobek zusammen, mit dem auch das Wortspiel 'Archi-Neering' entstand. Dabei grenzt Jahn Archi-Neering und Performance gegenüber Design und Styling ab, und inwieweit Archi-Neering eine 'erkenntnistheoretische Alternative zum neuzeitlichen Wissenschaftspositivismus' darstellen könnte, erläutert Susanne Anna in einer philosophiebemühten, stellenweise recht kryptischen Einleitung. Lebendig berichten anschließend Jahn und Sobek in einem Interview mit Nicola Kuhn, in welcher Atmosphäre die Planung in ihren Büros abläuft. Von der Postmoderne verabschiedet, wird nun die Zweite Moderne verkündet. Diese zeichnet sich vor allem durch technische Perfektion aus, ein besonderes Anliegen von Sobek, der die Bauten mit selbstverdunkelnden Fassaden oder Kühlsystemen auf Wasserbasis in Betondecken versieht. So wird in Deutschland Ende der 90er Jahre vieles erprobt, was sich in Amerika derzeit kaum durchsetzen läßt – einer der Gründe für die mangelnde Präsenz des Erfolgsduos auf dem US-Baumarkt.

Zu Höchstform steigern sich Jahn und Sobek bei ihren Messe- und Verkehrsbauten, hier, im Umgang mit temporären Räumen, entwickeln die bekennenden Perfektionisten ihre besten Ideen, und hier werden viele Weltreisende demnächst mit Jahn und Sobek bekannt werden, die für den Flughafen München 2, Düsseldorf, Stuttgart, Shanghai, Toronto genauso planen wie für die Hauptbahnhöfe in Stuttgart und Dortmund. Gelegentlich führt der radikale Purismus in der totalen Integration von Architektur und Ingenieurwesen zu einer ganz aus Glas bestehenden skulpturalen Leichtbauweise, die an Pergola und Pagode der 50er Jahre erinnert, Frei Otto als Mentor dieser Reduktion wird namentlich genannt.

Natürlich kann das Buch die mit Filmen, Fotos, Modellen und Plänen unterhaltsam gehaltene Ausstellung nur partiell wiedergeben, doch die Qualität der Abbildungen genügt höchsten künstlerischen Ansprüchen. Wer einen Eindruck von einem der momentan am erfolgreichsten arbeitenden Architekturbüros gewinnen möchte, sollte den Katalog nicht unbeachtet lassen, da wir diese Bauten ebenfalls nicht unbeachtet lassen können.


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Dokument erstellt am 11.10.1999