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Medienbesprechung

Das Evangeliar Kaiser Ottos III. Eine Handschrift zum Blättern
CD-ROM, hg. vom Haus der Bayerischen Geschichte u. der Bayerischen Staatsbibliothek in der Reihe "Handschriften aus bayerischen Bibliotheken auf CD-ROM" (2002), Regensburg: MediaCircle, 2002.
Artikelnr. Nr. 4004, ISBN 3-927233-81-1, EUR18,- (zzgl. Versand.)

Systemvoraussetzung: WIN 95 oder höher. Pentium III-Rechner/ 64 MB RAM empfohlen, CD-ROM-Laufwerk mit mindestens 16-facher Geschwindigkeit. Bildschirmauflösung: 800 x 600/ True Color (24Bit Farbtiefe). Der Treiber
QuickTime 4.1 muss zur Ausschöpfung aller Funktionen installiert werden (im Lieferumfang enthalten).

Rezensiert von Rainer Atzbach M.A., Mittelalter- und Neuzeitarchäologe, Marburg
Email: raintz@gmx.de


Summary:
Emperor Otto III.'s Evangeliar was written around 1000 AD on the Isle of Reichenau. In the 10th and 11th century, this famous scriptory produced a sequence of marvellous manuscripts, richly illuminated with brilliant pictures, which came to the imperial court. The original book belongs as manuscript CLM 4453 to the treasure of the Bavarian State Library. It consists of two parts: firstly the canon tables (comparing the four texts on Jesus Christ's life and passion), secondly the complete Evangelia of Matthew, Mark, Luke and John, which are enriched with a cyclus of images displaying the way from Bethlehem to Golgatha.

This edition is produced as a virtual book, easy to handle by mouse click. Although the quality of reproduction, especially as far as the pictures are concerned, could be better - a 17" screen should be preferred -, the additional functions of the CD-ROM provides useful information (only in
German) on the images and the Latin texts: So, in the evangelian part, each passage can be compared with its transcription and (modern unified) translation as well. It is a pity, that there is no way to export its beautiful images - apart from taking a screenshot. Although this digital
edition is not a match for a 'real' facsimile, it could be used at least as a device by scientists. Moreover it is an invitation to the famous
illuminated Ottonian books for all those, who like the art of painting.


Das Evangeliar ruht als Handschrift Clm 4453 in der Schatzkammer des Bayerischen Staatsarchivs. Dieses Glanzstück ottonischer Buchmalerei entstand wahrscheinlich um das Jahr 1000 auf der Reichenau als Gabe für Kaiser Otto III. Das dortige Skriptorium fertigte im 10. und 11. Jahrhundert eine Folge prächtiger Handschriften mit herausragenden Illuminationen, die in das kaiserliche Umfeld Eingang fanden.

Das Original gehört in Aufbau und Form zu einem Typus, der sich im Laufe des 10. Jahrhunderts verfestigte. Den ersten Teil bilden reich geschmückte Kanontafeln, die auf 24 Folioseiten die vier überlieferten lateinischen Texte zum Leben und Sterben Jesu Christi tabellenartig nebeneinander stellen. An sie schließen sich zwei Schmuckseiten mit der Huldigung der Provinzen und dem thronenden Herrscher (beigefügte Abbildung) als Zueignung an. Sie bilden zugleich die optische Einleitung zur eigentlichen Lektüre, denn im zweiten Teil folgen die vier Evangelien in der üblichen fortlaufenden Niederschrift. Er ist mit einem umfangreichen Bilderzyklus ausgestattet, der den eigentlichen Reiz dieses Werkes - nicht nur für Wissenschaftler - ausmacht: das Buch Matthäus enthält Darstellungen zur Kindheit und Jugend, im Buch Lukas und Markus folgen Umsetzungen der Gleichnisse und des öffentlichen Wirkens, das Buch Johannes zeigt schließlich Miniaturen zu Passion und Auferstehung.

Offensichtlich konnte sich der Kaiser dieses Kunstwerkes nur kurze Zeit erfreuen: nach seinem frühen Tod (1002) ging es in die Hände seines
Nachfolgers Heinrich II. über, der es als Teil eines Bücherschatzes dem neu gegründeten Bamberger Bistum schenkte. Hier überdauerte das Evangeliar die Jahrhunderte wohl behütet bis zur Säkularisation 1803, die es - wie viele andere Pretiosen des fränkischen Nordbayern - nach München führte. Das kostbare Original ist verständlicher Weise nur sehr beschränkt einsehbar, auch die faksimilierte Ausgabe ist - schon allein ob des Preises - nur bedingt verfügbar. [1] So bietet die digitale Edition eine kostengünstige Alternative. Sie kann wahlweise auf Festplatte installiert oder von der CD-ROM direkt betrieben werden (ein hinreichend schnelles Laufwerk mit mindestens 32-facher Geschwindigkeit vorausgesetzt). So präsentiert sich ein virtuelles Buch, das mit der Maus zu handhaben ist. Jederzeit ist über die Navigationsleiste ein Inhaltsverzeichnis verfügbar, das auch eine gezielte Fortbewegung quer durch das Evangeliar ermöglicht.

Wahlweise lassen sich die Seiten realistisch blättern (hierfür muss QuickTime installiert sein) oder der Schnellmodus springt auf Mausklick
direkt zur nächsten aufgeschlagenen Gesamtansicht. Jedes Blatt lässt sich in einem vergrößerten Modus betrachten, der ihm Erläuterungen buchstäblich zur Seite stellt. Eine Lupenfunktion erlaubt zudem die Betrachtung ausgewählter Details. Die Informationen zum Kanonteil bieten eine kurze Übersicht zum Wesen der Kanontafeln, konzentrieren sich aber vor allem auf die Beschreibung der Darstellungen. Dagegen sind für den Evangelienteil die kompletten Transkriptionen und die jeweilige Bibelstelle der modernen Einheitsübersetzung verfügbar. Die Bedienung erschließt sich dem geübten Benutzer rasch, im Bedarfsfall steht auch eine ansprechende und verständliche Hilfefunktion zu Verfügung. Etwas dürftig fällt die Einleitung mit sehr knappen Hintergrundinformationen zu Genre, Entstehung und Bedeutung des Evangeliars auf. Hier führt bei intensiveren Studien kein Weg an der genannten faksimilierten Edition mit Begleitband vorbei. [2] Von Interesse wären sicherlich auch Ausführungen zur Person des jugendlichen Kaisers Ottos III. [3] Mit Blick auf den allgemein guten Literaturstand - gerade im Gefolge der Magdeburger Ausstellung entstand eine Fülle neuer Veröffentlichungen zur ottonischen Zeit - sind diese Auslassungen jedoch durchaus gerechtfertigt. Bedauerlich bleibt allerdings die selbst bei hochauflösenden Bildschirmen nicht recht befriedigende Bildqualität der Standardansicht; der volle Zauber der Schmuckseiten entfaltet sich erst auf 17"-Monitoren, auch wenn der Vergrößerungsmodus einen Teil dieses Mankos ausgleicht (leider lassen sich die Seiten nicht in unmittelbarer Folge in diesem Modus aufrufen). So wirkt das Fehlen einer Exportmöglichkeit der herrlichen Bilder reichlich knausrig - zumal der Freistaat Bayern sowohl Eigentümer der Handschrift als auch Herausgeber dieser Edition ist. Wer hier kleinlich mit etwaigen Einbußen beim Verkauf von Kunstpostkarten argumentiert, scheint die
Möglichkeit der Bildentnahme über den Screenshot nicht zu kennen, die erfreulicherweise möglich ist.

Insgesamt bietet die CD eine gute Übersicht über eine der bedeutendsten Handschriften des Abendlandes. Sie eignet sich zur schnellen Orientierung für den Fachmann, aber eröffnet auch dem Laien in flüssig geschriebenen Texten die Kunstfertigkeit der Buchmalerei auf der Reichenau. Obwohl sie als Faksimile der gedruckten Ausgabe nicht gewachsen sein mag, so bietet sie doch eine Einladung, mehr als einen Blick auf diese funkelnde Facette des Mittelalters zu werfen.

Anmerkungen:
[1] Das Evangeliar Ottos III. Clm 4453 der Bayerischen Staatsbibliothek München, Frankfurt am Main/München/Stuttgart 1978.
[2] Zu erwähnen ist die ebenfalls zitierte jüngere Edition: Florentine Mütherich/Karl Dachs (Hg.): Das Evangeliar Ottos III. Clm 4453 der
Bayerischen Staatsbibliothek München, München/London/New York 2001.
[3] Vgl. hierzu etwa Eduard Hlawitschka: Kaiser Otto III., in: Karl Rudolf Schnith (Hg.), Mittelalterliche Herrscher in Lebensbildern, Graz u.a. 1990, S. 155-165.

 


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Dokument erstellt am 24.01.2004