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Literaturbesprechung

Dirk Meier: Bauer - Bürger - Edelmann. Stadt und Land im Mittelalter, Ostfildern: Thorbecke-Verlag, 2003). Geb. m. farbigem Schutzumschlag, 264 S., 30 s/w Abb., EUR 22,90. ISBN 3-7995-0115-0

Rezensiert von Rainer Atzbach M.A., Mittelalter- und Neuzeitarchäologe, Marburg
Email: raintz@gmx.de


Summary:
This book gives an overview of the development of historical landscape as a product of human action between North Sea and Alps in the late Middle Ages. Although the plot is neglecting several historical aspects, all essential rural and urban habitats are described. Moreover, the interaction of church, nobility and citizens is shown. Infrastructure and technical devices are taken into consideration as mankind's means in the struggle with nature. It is a pity that poor lectoral quality and the small size of most figures are keeping the reader from taking much pleasure. Nevertheless, it is worth reading for all those, who are interested in the cultural process forming landscape, especially as far as the coasts and the high mountain region are concerned.

Im vorliegenden Sachbuch aus der Feder des Prähistorikers Dirk Meier soll "weniger die Ereignisgeschichte betrachtet werden als vielmehr die funktionalen Zusammenhänge zwischen Mensch und Umwelt, Stadt und Land" (5). Deshalb ist der Titel etwas irreführend, es stehen weder die Menschen noch die Siedlungen im Zentrum, sondern die Wandlung der Kulturlandschaft zwischen Alpen und Nordsee vom 11. bis zum 15. Jahrhundert. Den Einstieg bilden drei Kapitel, die den historischen Hintergrund und die enge Verbindung zwischen Mensch und Landschaft erläutern: "Pfaffen, Ritter und Gebure" beleuchten kurz das Wesen der mittelalterlichen Gesellschaft, "Gehauen ist der Wald, Gebreitet das Feld" spricht die Ausdehnung der Wirtschaftsflur auf Kosten des Urwaldes bis 1250 an, als die Entwaldung einen heute kaum noch vorstellbaren Höhepunkt erreichte. "Auf in die Fremde" widmet sich schließlich dem hochmittelalterlichen Landesausbau und seinen
politischen Motiven, der die seit vorgeschichtlicher Zeit genutzten Siedlungskammern in unwirtliche Zonen, Moore, Mittel- und Hochgebirge sowie die Marschen, ausdehnte. Die Darstellung der historischen Sachverhalte ist nicht durchgehend glücklich, weil sich neben die notwendige Verkürzung der komplexen Prozesse einige Ungenauigkeiten einschleichen. Verzeihlich ist etwa die Verwechslung des wenig bekannten Forchheim (Kr. Karlsruhe), Zentrum der salischen Hausgüter, mit dem oberfränkischen Ort gleichen Namens (31). Gewagt ist die Formulierung, das Königshaus der Salier stamme von "Persönlichkeiten aus dem Kontext frühmittelalterlicher Reihengräber" (30) ab, aber keineswegs begann die Christianisierung des Schwarzwaldrandes erst 727/ 752 mit Gründung des Klosters Gengenbach (34), sondern bereits vier bis
fünf Generationen früher.

Die folgenden drei Kapitel "Zwischen Pflug und Ernte", "Auf der Alm war es nicht wie bei Heidi" (sic!!!) und "Trutz, blanke Hans" befassen sich mit dem eigentlichen Arbeitsgebiet des Autors und stellen den ausgesprochen gelungenen wie auch lesenswerten Kern des Buches dar. Sie schildern die Landwirtschaft im Mittelalter und ihre gestaltende Wirkung in der meist als feindlich empfundenen Natur. Im harten Ringen mit ihr wurden nicht nur die europäischen Urwälder in Weiden verwandelt, sondern auch hochalpine Randlagen erschlossen oder fruchtbares, aber von Sturmfluten bedrohtes Marschland eingedeicht. Hier finden sich auch anschauliche Ausführungen zu Hausbau und Siedlungen.

"Im Zeichen des Kreuzes" behandelt die zentrale Rolle der Kirchen und Klöster in der mittelalterlichen Welt. Sie sorgten nicht nur für das
Seelenheil, sondern waren als Grundeigentümer, Organisator und nicht zuletzt Handelsplatz eine treibende Kraft der ländlichen Wirtschaft. Pfalzen und Burgen, "Wo der Adel residierte", werden etwas verengt vor allem als Wehrbau gewürdigt. Die Bedeutung der Burg als landwirtschaftliches und handwerkliches Zentrum einer Landschaft bleibt ebenso unerwähnt wie die enge Verwandtschaft früher Städte und Burgen. Die Städte, "Wo das Leben tobt", beenden die Schilderung der mittelalterlichen Lebenswelten. An einer Folge ausgewählter Städte wird ihre aus archäologischen und anderen Quellen erschließbare Topographie und Infrastruktur aufschlussreich beschrieben, ohne sich in Details zu verlieren. Dennoch erscheint das Phänomen Stadt hier eigenartig hohl, der Kern und Motor dieser wichtigsten Innovation des späten
Mittelalters erschließt sich nicht, nämlich ihre "Freiheit" (=Rechtssicherheit). Aus ihr gewinnt sie nämlich die Wucht zur letzten einschneidenden Landschaftsveränderung des Mittelalters, dem spätmittelalterlichen Wüstungsprozess, der merkwürdig schemenhaft nur am Rande erwähnt wird.

Die Infrastruktur schildern "Über Stock und Stein", wobei sich nicht die Land-, sondern die Wasserwege als wichtigste Routen entpuppen. Ebenso knapp behandelt "Es grüne die Tanne, es wachse das Erz" Technik und Rohstoffe als Hilfsmittel zur Beherrschung der Natur. "Am Ende" stehen die Wachstumsgrenzen, die Bedrohung der Nutzflächen durch Überanspruchung und Naturkatastrophen einschließlich der so genannten "Kleinen Eiszeit" (deren Existenz in der Klimaforschung übrigens durchaus umstritten ist). Das Schlusskapitel "Kulturelles Erbe der Landschaft" formuliert einen eindringlichen Apell zur Bewahrung und Erforschung der historisch gewachsenen und überlieferten Landschaft als Denkmal menschlichen Wirkens.

Die Umsetzung des Manuskripts lag leider nicht in glücklichen Händen: Die plakativen Kapitelüberschriften sind noch als Zugeständnis an das Marketing zu verkraften. Ein echtes Ärgernis - sicher ebenso für den Autor wie den Rezensenten - ist jedoch das oberflächliche Lektorat; abgesehen von vermeidbaren, häufigen Wiederholungen mindern zahlreiche Druckfehler das Leservergnügen. Die Illustrationen sind zwar hochwertig, aber ohne Not meist zu klein geraten. Ein echtes Desiderat ist die fehlende Übersichtskarte, nur mit Vorkenntnissen sind Haithabu, Dorestad und die Tilleda zu lokalisieren.

Fazit: Es handelt sich um eine begrüßenswerte Gesamtschau der hochkomplexen Entstehung und Gestaltung der Kulturlandschaft im Mittelalter. Gerade vor dem Hintergrund des allgegenwärtigen Mangels an archäologischen Fachleuten für das Mittelalter in Forschung und Lehre ist diese Arbeit des Prähistorikers ein mutiger Schritt in eine fremde Welt, die erst in der Verknüpfung mit den Erkenntnissen der Geschichtswissenschaft verständlich wird. Selbst wenn diese in historischen Sachbüchern im Detail erhellender wiedergegeben werden, bleibt die vorliegende Beschreibung des Denkmals Kulturlandschaft für eine breite Leserschaft verdienstvoll. Insbesondere jenen, die sich für die Lebenswelt der mittelalterlichen Alpen oder Küsten interessieren, sei zur Lektüre dieses Buches geraten.


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Dokument erstellt am 24.01.2004