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Literaturbesprechung

Jan Carstensen (Hg.): Die Dinge umgehen? Sammeln und Forschen in kulturhistorischen Museen, Münster/New York/München: Waxmann, 2003 (Schriften des Westfälischen Freilichtmuseums Detmold, Bd. 23). Br., 128 S., 19,80 EUR, ISBN 3-8309-1322-2

Rezensiert von Thomas Overdick M.A., Freilichtmuseum am Kiekeberg, Rosengarten
Email: overdick@kiekeberg-museum.de


Erfreulich zeitnah - nämlich bereits ein Jahr nach der überaus gut besuchten und äußerst anregenden 15. Tagung der Arbeitsgruppe Sachkulturforschung und Museum der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde (DGV), die im Oktober 2002 im Westfälischen Freilichtmuseum Detmold stattfand - liegt nun der Tagungsband vor, der sämtliche Beiträge des Symposiums dokumentiert. Die Tagung und der Tagungsband stellen nach den Treffen in Bad Windsheim (1998) und Cloppenburg (2000) den vorläufigen Abschluss der Neupositionierung der DGV-Arbeitsgruppe Sachkulturforschung und Museum dar. Gab die Bad Windheimer Tagung - und hier insbesondere Hermann Heidrichs Überlegungen über die "Facetten zu einer Theorie der Dinge" - den notwendigen Anstoß, die Auseinandersetzung mit der Sachkultur als eines der Kernkompetenzen der Volkskunde/Europäischen Ethnologie stärker theoretisch zu fundieren, so bot die Folgetagung in Cloppenburg am Beispiel ausgewählter Sammlungs- und Ausstellungsstrategien vielfältige Einblicke in aktuelle Umgangsweisen mit der musealisierten historischen Dingwelt. In Detmold ging es nun zu den Dingen selbst, wurde doch bereits im Titel der Tagung "Die Dinge umgehen?" - eine Reminiszenz an den für die volkskundliche Sachkulturforschung so bedeutenden Regensburger Volkskunde-Kongress "Umgang mit Sachen" des Jahres 1981 - ganz explizit die Frage nach der Bedeutung der Dinge in der Sammel- und Forschungspraxis kulturhistorischer Museen gestellt: "Gehen wir ihnen als Museumsmacher und Forscher zunehmend aus dem Weg", fasst Jan Carstensen einleitend die Ausgangsfrage der Tagung noch einmal zusammen, "»umgehen« wir sie mit Medien, Inszenierungen und Gestaltung, oder werden sie eo ipso für Forschung und Besucher mit aktuellen Fragestellungen neu erschlossen, also »umgehbar« und »begreifbar«?" (7) Die 17 im vorliegenden Band
dokumentierten und nach vier Themenbereichen gegliederten Tagungsbeiträge geben hierauf zwar - wie bei Tagungsbeiträgen auch nicht anders zu erwarten - keine erschöpfenden Antworten, eröffnen jedoch vielschichtige und zum Teil inspirierende Einblicke in aktuelle Ansätze und Arbeitsweisen im volkskundlichen Umgang mit Dingen, wobei insbesondere die Beiträge der Sektionen "Gegenwart" und "Qualifizierung" weitreichende Perspektiven für das zukünftige Sammeln und Forschen in kulturhistorischen Museen eröffnen.

Der Themenbereich "Gegenwart" stellt die Frage nach Konzepten zur Sammlung und Dokumentation der Gegenwart, einem Themenkomplex, mit dem sich die hiesigen kulturhistorischen Museen trotz vereinzelter Ansätze nach wie vor sehr schwer tun. Als herausragende Ausnahme ist dabei ohne Frage das vom Westfälischen Freilichtmuseum Detmold initiierte Projekt "ZimmerWelten" zu nennen, einem Forschungs- und Dokumentationsprojekt zu den Lebens- und Wohnweisen junger Menschen heute. Dass es durchaus umfassende und langfristige Ansätze in diesem Bereich gibt, zeigt Eva Kjerström Sjölin in ihrem Bericht über die laufende Diskussion und Praxis des schwedischen Museumsnetzwerkes SAMDOK. Auch wenn Sjölin kritisch die Probleme und Veränderungen beschreibt, die die Arbeitsgemeinschaft SAMDOK in den rund 25 Jahren ihres Bestehens durchlaufen hat, so wird doch deutlich, dass das Projekt immer noch Vorbildcharakter hat. Denn SAMDOK ist nicht nur weltweit das wohl einzige Projekt, das sich in einer derartigen Kontinuität der Gegenwartsdokumentation widmet, sondern es ist auch ein faszinierendes Beispiel dafür, welche Möglichkeiten überregionale Kooperationen von Museen in den Bereichen Sammlung und Forschung bieten. - Nachahmung wäre wünschenswert! - Darüber hinaus beweist SAMDOK ebenfalls, dass es auch für
alltagskulturell orientierte Museen möglich ist, dem passiven Entgegennehmen von Schenkungen Konzepte des aktiven, gezielten und dokumentierenden Sammelns entgegenzusetzen. Letzteres unterstreicht auch der Beitrag "Textiles Sammeln der Gegenwart" von Claudia Gottfried. Am Beispiel der Sammlungsstrategien des Rheinischen Industriemuseums im Bereich Kleidung zeigt sie auf, wie sich durch die klare Benennung themen- und forschungsorientierter Leitfragen, die sich sowohl auf die Akquisition zeitgenössischer als auch historischer Objekte anwenden lassen, ein ebenso strukturiertes wie offenes Vorgehen im Sammlungsaufbau entwickeln und umsetzen lässt.

Der zweite Themenblock "Qualifizierung" stellt einen regelrechten Tabubruch im deutschsprachigen Fachdiskurs um den Umgang mit musealem Sammlungsgut dar, werden hier doch erstmals explizit Verfahrensweisen zur Aussonderung von Sammlungsobjekten diskutiert. Angesichts des chronischen Platzmangels, der wohl die Magazinsituation der meisten Museen prägt, war es mehr als überfällig, sich mit diesem Thema einmal konstruktiv und ohne Scheuklappen auseinanderzusetzen. Wie weit die deutsche Diskussion in diesem Bereich
hinterher hinkt, zeigt der Bericht von Erik van't Hull über das "DELTA-Projekt im Freilichtmuseum Arnhem". Das DELTA-Projekt ist ein Ende der 1980er Jahre vom niederländischen Kulturministerium entwickelter Plan zur Aufarbeitung und Erhaltung der Sammlungen der ehemaligen Reichsmuseen, der in den Jahren 1990 bis 2000 verwirklicht wurde. Neben Maßnahmen der Konservierung und Restaurierung galt es hierbei vor allem die katastrophale Situation der Magazinierung in den Griff zu bekommen. Wichtiger Baustein war dabei eine kritische Beurteilung der bestehenden Sammlungen, in deren Zuge auch eine kontrollierte Selektion und Aussonderung von Objekten stattfand. Wie eine solche kritische Beurteilung der Sammlungsbestände in aller Konsequenz und in Einklang mit dem ICOM-Kodex der Berufsethik konkret durchgeführt werden kann, zeigt Stefan Baumeier am Beispiel des Qualifizierungsprojektes der Sammlungen des Westfälischen Freilichtmuseums Detmold. Die Sensibilität des Themas lässt auch einen typologischen Ansatz im Umgang mit Sammlungsgütern, wie ihn Hermann Josef Stenkamp mit seiner sachkundigen Bestimmung und Beurteilung von "Ackerwagen im Westfälischen Freilichtmuseum Detmold" präsentiert, in einem neuen bzw. aktuellen Licht erscheinen.

Während die ersten beiden Sektionen des Bandes allgemeine Perspektiven auf das Museum in seiner Funktion als Sacharchiv eröffnen, widmet sich der dritte Themenbereich dem speziellen Sach- und Sammlungsbereich der "Fotografie". So weist etwa Irene Ziehe am Beispiel der Bestände des Museums Europäischer Kulturen - Staatliche Museen zu Berlin auf zentrale Forschungsaspekte bei der wissenschaftlichen Erschließung privater Fotografien hin, die in der Regel einen Großteil der Fotosammlungen kulturhistorischer Museen ausmachen und es als kultur- und sozialhistorische Quelle in ihrer (Be-)Deutungsvielfalt zu entschlüsseln gilt. In diesem Zusammenhang widmen sich Ulrike Zimmermann, Ellen N. Henkel und Carsten Vorwig vor dem Hintergrund laufender Forschungs- und Aufbauprojekte in den Freilichtmuseen Detmold und Beuren in ihren Beiträgen verschiedenen Aspekten der Geschichte und Musealisierung von Fotoateliers. Neben diesen
interessanten Beiträgen zur Fotogeschichte wäre es wünschenswert gewesen, sich verstärkt mit der Fotografie als Instrument und Medium der
Dokumentation und Interpretation der gegenwärtigen Sachkultur auseinanderzusetzen. So bleibt die Perspektive der fotografischen Forschung
mit dem Beitrag von Jutta Buchner-Fuh "Fotografierte Dinge - visualisierte Erzählanreize" zur Methode der Fotobefragung leider ein wenig
unterrepräsentiert.

Das Dokumentationspotential der Fotografie wäre auch ein spannender Anknüpfungspunkt für den vierten und letzten Themenbereich des Bandes zur "Multimedia der Dinge" gewesen, stellt sich doch die Frage nach dem medialen Dingsurrogat gerade im Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit immer wieder aufs Neue. Wie eng jedoch nach wie vor und vermutlich auch weiterhin die Mensch-Ding-Beziehungen sind, hat Bastian Bretthauer als Kurator der Ausstellung "Botschaft der Dinge" herausgearbeitet, die mittlerweile bereits in den Museen für Kommunikation in Berlin und Frankfurt am Main zu sehen war. Das von ihm vorgestellte Ausstellungskonzept knüpft dabei indirekt an
die wegweisende Waldenbucher Ausstellung "13 Dinge" an, stellt es doch die objektgeschichtlichen, sozialen und auch biographischen Dingbedeutsamkeiten in den Vordergrund und ermöglicht so einen neuen Blick auf die vermeintlich so vertrauten Dinge des Alltags wie Fußball, Springerstiefel, Kopftuch oder Teddybär.

Insgesamt zeigt der Band sehr deutlich, dass die kulturhistorischen Museen die Dinge keineswegs umgehen können und dürfen. Denn das "Original", so Andrea Hauser in ihrem Resümee über die "Probleme und Perspektiven der Sachkulturforschung", bleibt "nach wie vor das Pfund jeglicher Museumsarbeit und seine Entschlüsselung die Hauptaufgabe musealer Sachkulturforschung." (124) In diesem Sinne darf man gespannt sein auf die kommende Tagung der Arbeitsgruppe Sachkulturforschung und Museum, die sich im Herbst diesen Jahres auf Einladung des Donauschwäbischen Zentralmuseums in Ulm dem Thema "Migration und Museum" zuwendet.


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Dokument erstellt am 24.02.2004