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Hagener Geschichtsverein - Kalenderbltter


Kalenderblatt 2016


125 Jahre IG Metall Hagen


Rede von Werner Schmidt und Bericht darber in der Westflischen Rundschau



zum Zeitungsartikel (PDF, 1.033 kb):



Werner Schmidt


Hagen, den 20.09.2016


125 JAHRE IG METALL


Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

125 Jahre Metallgewerkschaft das ist ein Anlass zu Rckblick und Ausblick. Rckblick auf den Weg erkmpfter Erfolge und erlittener Niederlagen. Unsere Erfolge haben Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern erst Chancen zu eigenstndiger Lebensgestaltung verschafft, aber sie noch keineswegs in die Lage versetzt sich frei von sozialer Ungerechtigkeit, Fremdbestimmung und herrschaft-licher Entmndigung entfalten zu knnen. 1945 - nach zwlf Jahren der Unterdrckung, Verfolgung und Zerstrung war endlich mit der Befreiung vom Faschismus und dem Kriegsende die Zeit fr eine Neuordnung und einen Neu-anfang gekommen. Es galt Hunger, Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit und Elend zu bekmpfen.

Im April 1945 befreiten die amerikanischen Truppen die zerstrte Stadt Hagen von der Naziherrschaft. Die ber-lebenden Gewerkschafter und demokratischen Politiker nahmen alte Verbindungen wieder auf. Am 22. April fand bereits eine Zusammenkunft von Mitgliedern der drei Richtungsgewerkschaften statt. Der bereinstimmende Wunsch der Versammelten: Es muss eine Einheitsgewerkschaft gegrndet werden, denn Spaltung schwcht. Das war die Lehre aus "Weimar". Zu den Mnnern, die noch vor dem Kriegsende mit dem Aufbau der Gewerkschaft begannen, gehrten: Heinrich Treichel und Gustav Triebel von der SPD, Eduard Vieth und Ewald Aufenberg von der KPD, sowie Paul Hecker und Josef Golcke von der spteren CDU. Es war ein mhsames Unterfangen fr die Mnner der ersten Stunde, lieen die Alliierten zu diesem Zeitpunkt doch die Grndung von Gewerkschaften noch gar nicht zu. Ich mchte zur Illustration eine - nicht untypische - Episode erwhnen: Natrlich wollten die Kollegen den 1.Mai 1945 nicht stillschweigend verstreichen lassen. Also verfassten zehn von ihnen - darunter Gustav Triebel - einen Aufruf. Trotz des Verbots der Militrregierung. Prompt wurden sie von der Militrbehrde verhaftet, ins Gefngnis gesteckt, am 2.Mai jedoch wieder freigelassen. Schritt fr Schritt ging es in Hagen, wie in vielen Industrie-stdten, vorwrts mit der gewerkschaftlichen Organisation. Zunchst errichteten die Alliierten in zehn groen Betrieben Betriebsrte. Schon im Juni 1945 existierten in Hagen die ersten gewerkschaftlichen Strukturen. Walter Freitag (einer der drei gleichberechtigten Vorsitzenden der IG Metall ab 1948) und Wilhelm Alef wurden zu Beauftragten der Gewerkschaften in Hagen berufen. Am 6.August 1945 gelang in Hagen die Grndung der ersten Betriebsgewerkschaften. Drei Monate spter folgte die offizielle Grndung des Westflischen Gewerkschaftsbundes. Mitte 1946 war die Entscheidung fr eine verbndete Einheitsgewerkschaft und gegen eine zentrale Einheitsgewerkschaft gefallen. Von da an wurden die Industriegewerkschaften gegrndet, auch die rtliche IG Metall, deren erste Delegierten-versammlung am 14.Juli stattfand. Auf dieser Versammlung zog Gustav Triebel die Bilanz der bisherigen Arbeit. Rund 15.000 Metallerinnen und Metaller gab es schon wieder in Hagen. Deshalb geht der Kampf fr die Umsetzung der Werte und Ideale der IG Metall weiter, die unser Handeln seit 125 Jahren bestimmen.

Es gab in diesem Kampf auch Niederlagen. Und die deutsche Arbeiterbewegung trifft auch Mitschuld. Zweimal hat sie nicht entschieden und einig gehandelt, als diese Werte mit Fen getreten wurden. Zwei Weltkriege und die Diktatur waren die Folge. Eine Lehre daraus war die Einheitsgewerkschaft als Interessensverband aller abhngig Beschftigten, jenseits der Parteigrenzen. Eine weitere Lehre ist, dass die Voraussetzung fr ein gerechtes, sicheres und selbstbestimmtes Leben das leidenschaftliche Eintreten gegen Vlkerhass, Krieg und Diktatur verlangt. Das Gleiche gilt fr den respektvollen Umgang miteinander und die Demokratie, die in allen Bereichen, in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ein hohes Ma an Beteiligung und Mitbestimmung sichert. Demokratie muss erkmpft, erhalten, bewahrt und gestaltet werden. Demokratie erfordert Einsatz, Einmischung und auch die Bereitschaft und Fhigkeit, um den besten Weg zu streiten. Dies wird vor allem dann deutlich, wenn die Demokratie in Gefahr ist. Der Nationalsozialismus bedeutete den grten Einschnitt in der Geschichte des DMV. Die Gewerkschaften wurden fr aufgelst erklrt. Die SA marschierte in die Gewerk-schaftshuser. Zahlreiche Mitglieder und Funktionre fielen dem Terror der Gestapo, der Folterkeller und Konzentrationslager zum Opfer.

Fr das Schicksal vieler Funktionre und Mitglieder mag hier beispielhaft Walter Freitag stehen. Seit 1920 war er Bezirksleiter des DMV in Hagen und seit 1932 Mitglied des Preuischen Landtages. Er wurde einer der fhrenden Kpfe der neuen Gewerk-schaftsbewegung nach 1945. Im Sommer 1933 war Walter Freitag verhaftet worden. Im Polizeigefngnis in Hagen teilte er 10 Wochen mit zwei weiteren "Schutzhftlingen" eine Ein-Mann-Zelle. Anschlieend wurde er mit anderen Naziopfern in das Moor-KZ Neusystrum bei Papenburg im Emsland transportiert. Misshandlungen und Schwerstarbeit ruinierten auch seine Gesundheit. Hier schrieben die Hftlinge das berhmt gewordene "Lied der Moorsoldaten", das nicht nur die Qualen und das Leid der Hftlinge schildert, sondern auch ihrer Hoffnung Ausdruck verleiht, dass am Ende die Freiheit siegen wird. Walter Freitag wurde von dort mit Hftlingen aus insgesamt vier Moorlagern in das KZ Lichtenburg bei Torgau an der Elbe gebracht, wo er mit Wilhelm Leuschner zusammentraf, der 1944 nach dem Hitler-Attentat hingerichtet wurde.

Gewerkschaftsjugend

Unmittelbar nach 1945 hat es einen Zustrom von Jugendlichen in die Gewerkschaften gegeben, wie man ihn vor 1933 nicht gekannt hatte. Die Einheitsgewerkschaft gewann deutlich mehr jugendliche Mitglieder als die Parteien. Zu den Gewerkschaften fanden vor allem die jungen Menschen, die den Ohne-mich-Stand-punkt` ablehnten. Die Ortsverwaltung der IG Metall stellte Gustav Wieland als ersten hauptamtlichen Jugendsekretr an. Ein Jugendausschuss unter seinem Vorsitz setzte sich aus den Sprechern der Jugendausschsse jener Betriebe zusammen, in denen einflussreiche Betriebsrte ttig waren. Auch Rudolf Loskand, spter angesehener langjhriger Oberbrgermeister von Hagen, und Otto Klann, ein bewhrter Betriebsratsvorsitzender, waren Mitglieder im ersten Jugend-ausschuss. "Das eigentliche Leben entwickelte sich aber in der Jugendgruppe", sagt Willi Neuhaus, der in der Grndungszeit deren Vorsitzender war. Die Sommerlager an Nord- und Ostsee sowie an den heimischen Talsperren waren Hhepunkte und unvergessliche Erlebnisse. Diese Erlebnisse frderten sichtlich die Gemeinschafts-gefhle. Das galt auch fr die ffentlich gehaltenen Bezirksjugend-Treffen, so u.a. in Iserlohn auf der Alexander-hhe. Der Jugendausschuss war Initiator und Antrieb fr eine breit angelegte Bewegung, die sich in vielfltiger Form zeigte. Groveranstaltungen im Hohenzollernsaal in Altenhagen und in der Httenhalle waren Anziehungspunkte fr Hunderte von Berufsschlern und Lehrlingen. Das alles strahlte in die Betriebe aus. Dort wurde gefordert, Betriebsjugendversammlungen abhalten und Jugendsprecher whlen zu drfen, sowie und gewerkschaftliche Bildungs-veranstaltungen einzurichten. Die Gewerkschaftsjugend wurde einer der Trger der Aktionen gegen die gesellschaftliche und politische Restauration. Das begann mit dem Kampf fr ein fortschrittliches Betriebs-verfassungsgesetz im Jahre 1952, setzte sich fort in Aktionen gegen die Wiederbewaffnung in den frhen fnfziger Jahren und mit Demonstrationen gegen die Atombewaffnung in den spten sechziger Jahren.

Und hier darf ich Namen vorbildlich wirkender Kollegen anfgen: Ohne Walter Freitag, Wilhelm Alef, Helmut Turck, Karl Kleine und Willi Michels htten wir Jungen, - und das darf ich wohl auch fr Dich, lieber Wolfgang Wegener, mal sagen,- unseren Auftrag nicht erfllen knnen. Den sozialen Fortschritt in diesem Land haben wir mit-geprgt. Das wird von niemandem bestritten. Und es ging eben auch nicht ohne Konflikte - oft genug mussten Arbeitskmpfe gefhrt werden. Alle DGB-Gewerkschaften starteten Mitte der 50er Jahre ihren Kampf um krzere Arbeitszeiten. Am 1. Januar 1967 war das Ziel erreicht, die 40-Stunden-Woche war Wirklichkeit in den Betrieben der Metallindustrie. Andere Branchen ziehen nach. Damit wird die IG Metall zum Vorreiter der Arbeitszeitverkrzung. Eine Region schafft den Wandel Im Herbst 1968 waren in Nordrhein-Westfalen die Meinungsforscher unterwegs, um zu erfragen: "Was ist das wichtigste Problem, um das es uns im Lande geht? " Mehr als die Hlfte der Befragten antwortete: <Arbeitspltze und Industrieansiedlungen.> Die Angst der ersten Wirtschafts-krise der Nachkriegsgeschichte hatte bereits 1966 um sich gegriffen. In der Eisen- und Stahlindustrie gingen in einem Jahr ber 30.000 Arbeitspltze verloren. Die Belegschaft der Hasper Htte war eine der ersten an Rhein und Ruhr, die von Stilllegung erfasst wurde. Am 21. Juli 1967 gab die Klckner-Werksleitung die Entlassung von 1400 Arbeitern und Angestellten bekannt, die Belegschaft ging auf 4000 Beschftigte zurck. Es war der Anfang des allmhlichen Sterbens des grten Be-triebes der Stadt bis hin zum endgltigen Aus in den 80-er Jahren. Es begann zugleich eine Epoche der Hagener Wirtschaft, in deren Verlauf ber 20.000 industrielle Arbeitspltze verloren-gingen. Der Aderlass traf fast alle Stadtteile, vor allem aber Haspe und Eckesey mit den Klckner-Betrieben, dem Gussstahlwerk Wittmann und den Krupp-Sdwestfalen-Stahlwerken. Die grte Kundgebung, zu der ber 4000 Stahlarbeiter am 4. Oktober 1971 vor dem Rathaus zusammenkamen, wurde gleichzeitig auch das Signal zum Kampf um neue Arbeits-pltze. Innenminister Willi Weyer rief den Demonstranten den unvergessenen Satz zu: "Hagen darf keine sterbende Stadt werden!" Das war zugleich ein Ausdruck des Protestes, der sich bei vielen Demonstrationen mit Tausenden von Teilnehmern entlud. Gegenwehr wurde verlangt. Gemeinsam mit ihrer Gewerk-schaft, der IG Metall, verlangten die Stahlwerker von ihren Konzernen Ersatzarbeitspltze und mahnten ihre gesell-schaftliche Verantwortung fr die Region an. Erwin Ebeling stand in der vorderen Reihe. Die Proteste konnten die geplanten Stilllegungen nicht verhindern, manche allerdings verzgern. Hart ausgehandelte Sozialplne zwischen Vorstand und Betriebsrat wurden zur bedeutsamsten Sicherung des sozialen Besitzstandes der Betroffenen vereinbart. An die Politik ging die Aufforderung: "Sorgt fr die Erschlieung neuer Industrie- und Gewerbe-flchen!"

Betriebliche Mitbestimmung

Der Niedergang der Stahlindustrie wie auch des Steinkohlebergbaus war die Bewhrungszeit fr die Montanmitbestimmung. Fr die Arbeitnehmer von Klckner und danach auch von Krupp-Sdwestfalen war die parittische Mitbestimmung die Basis, vermeidbare soziale Hrten zu verhindern. Die Hasper Belegschaft sah sich in der Tradition der Gewerk-schaftskollegen besttigt, die schon 1945 entscheidende Weichenstellungen vornahmen, durch die 1951 die parittische Beteiligung der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat und Vorstand der Unternehmen Gesetz wurde. Mit Fug und Recht kann also von einer Vorreiterrolle der Hasper Htte gesprochen werden. Mit ihr sind Namen bedeutender Mnner verbunden: Walter Freitag, Paul Harig und Fritz Steinhoff. 1979 begann mit dem Arbeitskampf in der nordrhein-westflischen Eisen- und Stahlindustrie der Kampf um die 35-Stunden-Woche. Damals konnte das Tor zur 35 noch nicht aufgestoen werden, aber es gelang, zustzliche Freischichten und sechs Wochen Urlaub zu durchzusetzen. Der Kampf um die 35-Stunden-Woche entwickelte sich nun zur grten sozialen Machtprobe der Nachkriegszeit. Die Arbeitgeber reagierten auf die Streiks mit der Aussperrung. Tausende gingen dagegen mit Protest auf die Strae. Schlielich wurde 1995 die 35- Stunden-Woche Realitt in der metallverarbeitenden Industrie. Beim Rckblick und Ausblick gilt eines festzuhalten: Wir arbeiten nie allein, sondern in einer arbeitsteiligen Wirtschaft. Wo Menschen zusammenarbeiten, mssen Arbeitsorganisation und -ablufe geklrt werden. 1891 geschah dies einseitig durch den Arbeitgeber. 2016 geschieht dies mitbestimmt durch unsere Vertrauensleute, Betriebsrte, Aufsichtsrte und durch die Kolleginnen und Kollegen selbst. Ins Regelwerk eingreifen, Arbeitsbedingungen zu verbessern - das schaffen wir 1891 und 2016 nur aus einem einzigen Grund: Weil wir uns freiwillig zusammentun und weil wir solidarisch handeln. Nicht verordnet - sondern aus berzeugung. Der heutige Sozialstaat ist in vielen Punkten gesetzgewordene Gewerkschaftspolitik. Forderungen, die wir zunchst tariflich durchgesetzt haben, wurden hufig gesetzlicher Anspruch fr alle. Auf diese Vorreiterrolle sind wir stolz und geben sie auch in Zukunft nicht auf. Solidaritt - auch und gerade am Arbeitsplatz - ist das Binde-mittel, das unsere Gesellschaft zuallererst zusammenhlt.

Unsere Solidaritt lebt von der Einsicht, die 1891 genauso gltig war wie heute. Das gute Leben ist fr jeden Einzelnen nur mglich, wenn gemeinsam fr dieses gute Leben gekmpft und gestritten wird. Gemeinsam - aber eben nur gemeinsam und nicht als Einzelkmpfer - werden wir es schaffen, sichere gerechte und selbstbestimmte Arbeit durchzusetzen.