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Historisches Centrum
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Szenische Lesung anlässlich des 90. Jahrestages des Kapp-Putsches



Kommentator:
Am 1. August 1914 beginnt der Erste Weltkrieg. Mit den Worten „Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser“ begründet Kaiser Wilhelm die Aufrüstung zur See. Sie liege im Wasser, meinen hingegen kritische Zeitgenossen. Die Mehrheit jedoch lässt sich vom systematisch entfachten Nationalismus anstecken, zu dem auch die örtliche Presse ihren Beitrag leistet. „Wir Deutschen fürchten Gott, sonst nichts in der Welt!“, erklärt die Hasper Zeitung, und die Hagener Zeitung schreibt:

Sprecher 1:
„Ein Sturm der Begeisterung fegt durch die deutschen Städte und Gaue, von dem auch Hagen nicht frei bleiben kann. Wie ein alles durchdringender Fanfarenstoß hat der Kriegsruf von der Donau gewirkt. Stolzer Mut glänzt aus den Augen unserer wehrfähigen Jugend und der Männer reiferen Alters, und in den Herzen aller Vaterlandsfreunde glüht helle Begeisterung, die immer wieder impulsiv zum Ausdruck kommt.“

Kommentator:
Widerstand kommt allein aus der Arbeiterschaft. Wenige Tage vor Kriegsausbruch findet in der Friedrichslust in Eppenhausen eine von der SPD organisierte Antikriegskundgebung statt. Nach Schluss der Veranstaltung ziehen mehr als 1000 Menschen, unter anderem die Internationale singend, in Richtung Innenstadt. Vorher hatte der Gastredner, ein Sozialist aus Paris, in eindringlichen Worten vor den Folgen eines Krieges gewarnt:

Sprecher 2:
Niemand weiß heute zu sagen, wen oder was die Flammen des Weltbrandes verbrennen werden, „wo sie Halt machen werden, die Flammen, in denen nicht nur das Leben ganzer Generationen zugrunde gehen kann, sondern auch das Glück, der Wohlstand kommender Generationen – Flammen, die unerhörte Werte unserer Kultur, unseres Schaffens vernichten müssten. – Flammen, die über die ganze europäische Menschheit undenkbares Elendbringen werden..“

Kommentator:
Es dauert nur wenige Monate - dann werden diese Worte grausame Wirklichkeit. Nicht nur in den Schützengräben, sondern auch an der so genannten Heimatfront herrscht bittere Not. Schon Anfang 1915 werden erste Lebensmittel rationiert. Mit zunehmender Kriegsdauer verschlechtert
sich die Versorgungslage. Im Winter 1916/17 gibt es meist nur Steckrüben, und im April 1917 versammeln sich hungernde Frauen und Kinder vor dem Hagener Rathaus und verlangen verzweifelt Brot und Kartoffeln. Längst sind die Menschen erschöpft und kriegsmüde. Die Militaristen, an ihrer Spitze General Ludendorff, haben indessen noch immer nicht genug und ordnen im Frühjahr 1918 eine letzte verzweifelte Militäroffensive an. Der Krieg verbrauche nun mal Menschen, das liege in seinem Wesen, erklärt Ludendorff. In seinen Kriegserinnerungen schreibt er später:

Sprecher 1:
„Es geschah alles, um das Heer [...] für die Angriffsschlacht auszubilden. Dererzieherischen Tätigkeit seiner Offiziere [...] hat das Vaterland es zu danken, daß die Verlustzahlen bei uns an Toten und Verwundeten trotz ihrer großen Höhe bei weitem geringer waren als die des Feindes. Nach überschläglichen Berechnungen haben England und Frankreich weit über 2 Millionen Tote. Russland ebenso. Rechne ich die Hälfte der russischen als vor der deutschen Front gefallen hinzu [...], so stehen weit mehr als 3 Millionen tote Feinde gegenüber etwa 2 Millionen deutschen Toten [...] Das Bild verschiebt sich dadurch zu unseren Gunsten und wird es weiter tun, je klarer wir sehen.“

Kommentator:
Hunderttausende sterben einen sinnlosen Tod. Für Ludendorff sind sie einfach nur Kriegsmaterial. Sie spielen eine untergeordnete Rolle, solange der Feind noch größere Opfer zu verzeichnet hat. Dann endlich - nach mehr als vier Jahren Massensterben - ist das Ende des Krieges gekommen, herbeigeführt von streikenden Arbeitern und revoltierenden Soldaten. Auch in Hagen bildet sich ein Arbeiter- und Soldatenrat. In einem Aufruf wendet er
sich an die Bevölkerung. Darin heißt es:

Sprecher 2:
„Das deutsche Volk hat mit festem Griff sein Geschick selbst in die Hand genommen. Die herrschende Klasse, die bisherige Wirtschaftsordnung haben uns in ein Meer von Blut und Tränen geführt. Zwei Millionen Tote, unzählige Verstümmelte und Kranke draußen, Seuchen und großes Sterben drinnen, hungernde, frierende Kinder in den Wohnungen der Bürger [...] das sind die Produkte der Militaristen- und Junkerherrschaft [....] Nach mehr wie vier Jahren Krieg, mit der ganzen Welt verfeindet, in einem ausgesogenen Lande[...] da errichten wir unsere junge Republik. Eine schier unmenschliche Aufgabe! Doch wir fühlen die Kraft in uns, sie zu vollbringen!“

Kommentator:
Trotz Not und Elend sind die Menschen glücklich, endlich das Kaiserreich losgeworden zu sein. Weihnachten 1918 singen sie nach der bekannten Melodie:

Sprecher 2: „Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum
der Kaiser hat im` Sack gehaun.
Er kauft sich einen Henkelmann
und fängt bei Krupp in Essen an.“

Kommentator:
Der Kaiser allerdings muss nicht mit seinem Blechgeschirr beim Kanonenkönig in Essen um Arbeit nachsuchen, sondern kauft sich im niederländischen Doorn ein Schloss mit ausgedehnter Parkanlage und richtet es standesgemäß ein, nachdem er in Dutzenden von Güterwaggons seinen
Familienbesitz hat nachkommen lassen. Und Ludendorff, der zunächst vor der Revolution nach Schweden geflüchtet ist, hält bereits im Februar 1919 die Zeit für gekommen, nach Deutschland zurückzukehren. Seine Pläne umschreibt er in einem Brief an seine Frau wie folgt:

Sprecher 1:
„Die größte Dummheit der Revolutionäre wäre es, dass sie uns alle am Lebenließen. Na, ich komme wieder zur Macht, dann gibt`s kein Pardon. Mit ruhigem Gewissen würde ich Ebert, Scheidemann und Genossen baumeln sehen!“

Kommentator:
Tatsächlich ist die Revolution beendet, noch ehe sie richtig begonnen hat, und auch im Hagener Raum formieren sich schon bald reaktionäre Truppenverbände. Am 9. Januar 1919 will das Freikorps Lichtschlag in die Stadt einrücken, eine gezielte Provokation des Arbeiter- und Soldatenrates.
In der örtlichen Presse lesen wir:

Sprecher 2:
„Nun wurde die Arbeiterschaft durch Sirenensignal alarmiert, die schnell zur Stelle war. Die Freiwilligen zogen sich bald fluchtartig aus Eilpe zurück und zogen beim Krematorium und an der Volmeburg in die Berge [ ... ] Die Freiwilligentruppe wurde vollständig zersprengt.“ Manch Freiwilliger warf noch während des Kampfes seine Waffen fort, „hauptsächlich auf den Zuspruch mutiger Frauen hin, die sich entschlossen dem Kugelregen aussetzten und die Freiwilligen beschworen, von dem Bruderkampf abzusehen.“

Kommentator:
Fünf Arbeiter bezahlen den Kampf für die Freiheit mit dem Leben. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung werden sie auf dem Rembergfriedhof begraben. Auf dem Denkmal finden wir ihre Namen: Otto Sturm, Ernst Dembrowski, Wilhelm Schäfer, Willy Weller und Wilhelm Schindler.
Der unter großen Opfern errungene Sieg währt nicht lange. Nur wenige Wochen später rückt das Freikorps Lichtschlag in Hagen ein, auf den Lippen das Lied „Dem Kaiser Wilhelm haben wir`s geschworen, dem Kaiser Wilhelm reichen wir die Hand!“, in Marsch gesetzt von Beauftragten der neuen Reichsregierung, denen „Ruhe und Ordnung“ oberste Bürgerpflicht ist. Die „Volksstimme“, das Hagener Organ der USPD, sieht kommendes Unheil voraus. Im Mai 1919 schreibt sie:

Sprecher 1:
„Was läßt aber die Regierung geschehen? Sie lässt es geschehen, daß die Regierungstruppen vielerorts ´gesäubert werden von unzuverlässigen Elementen`. Sie duldet es, dass mit tödlicher Sicherheit eine Macht erstarken kann, die ihr, vielleicht noch ehe der Volkszorn sie hinweggefegt hat, verhängnisvoll werden kann. Die Regierung bereitet ihren eigenen Sturz vor wie die römischen Cäsaren, die durch die eigenen Söldlinge ins Grab gestoßen wurden.“

Kommentator:
Ein knappes Jahr später, am 13. März 1920, ist es soweit. Mit Hakenkreuzen am Stahlhelm besetzen Putschisten das Berliner Regierungsviertel und verjagen die Reichsregierung. Einer der maßgeblichen Drahtzieher: Exgeneral Ludendorff. Gewerkschaften und Arbeiterparteien rufen den Generalstreik aus. Auf der Springe demonstrieren mehr als zehntausend Menschen. Ein zeitgenössischer Bericht beschreibt die Stimmung sinngemäß wie folgt:

Sprecher 2:
Das reaktionäre Verbrechergesindel hat das bewirkt, was die großen Nöte der Zeit nicht vermochten: alle Arbeiter in eine Einheitsfront zusammenzudrängen. Jeder Einzelne fühlt, welch fürchterliches Urteil über die Arbeiterklasse hereinbricht, wenn es nicht gelingt, erfolgreich Widerstand zu leisten. In allen Herzen zittert die Erregung über die wahnsinnig freche Tat einer blutrünstigen Kaste, die nicht davor zurückschreckt, ein 60-Millionenvolk in das schrecklichste Chaos zu stürzen. Abertausende jubeln den Rednern zu, als diese betonen, dass in dieser bitter ernsten Stunde jeder bereit sein müsse, auch die schwersten Opfer zu bringen. Nieder mit der Verbrecherbande! Nieder mit der Reaktion!

Kommentator:
Am 15. März erreicht eine schwer bewaffnete Einheit des Freikorps Lichtschlag Wetter. Mit einem Panzerzug fahren die Putschisten in den Bahnhof ein. In Hagen schlägt die Meldung wie eine Bombe ein. Die Fabriksirenen lösen Alarm aus. Autos werden beschlagnahmt, und Straßenbahnen, die wegen des Generalstreik in den Depots stehen, werden ausgefahren, um bewaffnete und unbewaffnete Arbeiter nach Wetter zu bringen. Nach kurzem, aber erbittertem Kampf, der auf beiden Seiten Tote und Verwundete kostet, werden die Soldaten gefangen genommen. Mit den erbeuteten Waffen zieht ein Teil der Arbeiter weiter nach Herdecke, Dortmund, Remscheid und Essen und stellt sich auch hier den Putschisten entgegen. In der „Volksstimme“ erscheint die Glosse: „Wenn Lichtschlag in Hagen eingerückt wäre“. In Anlehnung an ein Gedicht Heinrich Heines heißt es darin unter anderem:

Sprecher 1:
„Wir, Lichtschlag, Kommandeur der Stadt,
Wir haben folgendes Mandat
Von heute ab an alle Klassen
Der Ordnung halber streng erlassen:

Dem Militär gehorchen ist
Die erste Pflicht für Heid und Christ.
Es schließe jeder seine Bude
Sobald es dunkelt, Christ und Jude!

Wo ihrer drei zusammensteh`n,
Da soll man auseinandergeh`n.
Des Nachts soll keiner auf den Gassen
Sich ohne Leuchte sehen lassen.

Damit ihr meine Macht auch schätzt,
Wird nur das ´Standrecht` eingesetzt.
Als erste werden unverdrossen
Die Führer standrechtlich erschossen!

Vertrauet eurem Kommandeur,
Denn er verspricht euch hoch und hehr,
Ein huldreich, hochwohlweises Walten!
- Euch ziemt`s nur, stets das Maul zu halten!“


Kommentator:
Dieses Szenario bleibt der Stadt erspart. Der Umsturzversuch in Deutschland scheitert, und die Arbeiter unserer Stadt haben mehr als nur einen bescheidenen Beitrag dazu geleistet. Auf dem Rembergfriedhof werden die Gefallenen die Gefallenen zu Grabe getragen.

„DEN TAPFEREN DIE DAS LEBEN HINGABEN IM KAMPFE FÜR DIE FREIHEIT“.

Diese Worte stehen hier auf dem Sockel des Denkmals, das vor
fast 90 Jahren ihnen zu Ehren errichtet wurde. Hier finden wir auch ihre Namen:
Georg Bühling, Karl Fuchs, Wilhelm Märtins, Friedrich Opfer,
Karl Plädderich, Salewski und Franz Sobanski.