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Das Klavier in der Volme


Antijdische Gewalt in Hagen am 10. November 1938


Von Wilhelm Knaup (I ) und Andreas Kunze (Einleitung, II)


Vor 70 Jahren, am 10. November 1938, etwa ab 3:00 Uhr frh, ziehen Gruppen gewaltbereiter Mnner unbehelligt durch die Hagener Innenstadt.

Sie haben Anweisungen von offiziellen Stellen in Berlin und Hagen. Es geht gegen die Juden. Geschfte von Brgern jdischer Herkunft sollen zerstrt, die Synagoge soll in Brand gesteckt werden.

Die meisten der Mnner sind Mitglieder staatlich legitimierter deutscher Terrorverbnde: der Sturmabteilung (SA) oder der Schutzstaffel (SS). Mnner aus Vorhalle und Eckesey und vom Remberg sind dabei. Einige sind mit Knppeln und Steinen bewaffnet. Auch Kursteilnehmer der staatlichen Gaufhrerschule auf dem Hohenhof sind beteiligt. Fr die Mnner der Sturmabteilung ist angeordnet: keine Uniform.

Die Terroristen demolieren und plndern Geschfte und Wohnungen, unter anderem in der Elberfelder Strae, Mittelstrae, Hochstrae, Goldbergstrae. Schaufensterscheiben werden zertrmmert. Inventar wird zerstrt. Rume des jdischen Gotteshauses in der Potthofstrae werden verwstet und in Brand gesetzt. Die Feuerwehr darf den Brand nicht verhindern. Die Polizei darf nicht eingreifen.

Todesangst.
Einige Deutsche jdischer Herkunft werden schwer misshandelt. Unter ihnen ist Simon Cohn, Gastwirt und Metzger an der Marktbrcke. Er stirbt spter an den Verletzungen. Der Rechtsanwalt Ferdinand David wird aus dem Fenster seines Hauses gestrzt. Eine damals 14jhrige berichtet spter, wie die Gewalttter sich ihrer damaligen Wohnung nhern. Sie hat Todesangst. So ergeht es vielen.

Wie in Hagen, so finden zur gleichen Zeit in zahlreichen anderen Orten Deutschlands antijdische Gewaltaktionen statt. In der Zeit vom 7. bis 13. November ermorden nichtjdische deutsche Mnner mehrere hundert (nicht 91, wie oft behauptet) Menschen jdischer Herkunft oder treiben sie in den Tod. Etwa 1400 Synagogen und Bethuser in Deutschland werden niedergebrannt oder vollstndig zerstrt. Zahlreiche Friedhfe werden verwstet.

Moderne Terroranstalten.
Eine Berliner Anordnung vom 9. November, kurz vor 24:00 Uhr, lautet: Es ist vorzubereiten die Festnahme von etwa 20-30.000 Juden im Reiche. Es sind auszuwhlen vor allem vermgende Juden. Etwa 30.000 deutsche Mnner jdischer Herkunft werden in Terroranstalten der deutschen Regierung, genannt Konzentrationslager, inhaftiert.

Darunter sind auch Mnner aus Hagen. Viele von ihnen werden vermutlich in die 1936 erffnete - in den Worten der deutschen Regierung vollkommen neue, jederzeit erweiterungsfhige, moderne und neuzeitliche - Anstalt Sachsenhausen bei Berlin verschleppt.

In den von der Schutzstaffel betriebenen Terroranstalten herrschen entsetzliche Zustnde. Die im November eingelieferten jdischen Deutschen werden von nichtjdischen Deutschen gedemtigt, geqult, gefoltert. Hunderte werden in den Anstalten ermordet oder in den Tod getrieben. Viele sterben an den Haftfolgen. Viele werden nur freigelassen, hufig erst nach Wochen oder Monaten, wenn sie erklren, Deutschland verlassen und Geschft, Haus, Vermgen nichtjdischen Deutschen oder deutschen Regierungsstellen, zu deren Bedingungen, bereignen zu wollen.

Eine Hagener Zeitzeugin berichtet: ihr Vater wurde aus Sachsenhausen erst entlassen, als er unterschrieb, dass er bereit sei, das Haus, das Geschft und alles andere zu verkaufen.
Die Regierung in Berlin sowie ihre regionalen und lokalen Stellen, auch in Hagen, bezeichnen diese - lange vor 1938 - in groem Mastab betriebenen staatlichen Erpressungs- und Raubaktionen als Arisierung.

Doppelte Gewaltpolitik.
Der Terror der Tage und Nchte um den 10. November 1938 ist Teil der doppelten Gewaltpolitik der deutschen Regierung. Nach auen werden Eroberung und Unterdrckung europischer Lnder vorbereitet und ausgefhrt. Nach innen werden Gegner und Minderheiten - vor allem Kommunisten, Sozialdemokraten, jdische Deutsche - ausgegrenzt, verfolgt, vertrieben, ermordet.

Innen wie auen operiert die Regierung im vollen Konsens mit der Mehrheit der deutschen Gesellschaft, jedenfalls mit entscheidenden Kreisen.

1933 leben ca. 500 000 Juden in Deutschland, zur Zeit der Novembergewalt sind es ca. 300.000. In Hagen leben 1933 ca. 600 Juden, zur Zeit der Novembergewalt sind es ca. 350.

Die antijdische Gewaltpolitik wird Anfang 1938, etwa seit dem berfall auf sterreich, deutlich radikalisiert. Eine umfassende Aktion zur Inhaftierung jdischer Deutscher wird vorbereitet. Bis Oktober Ausbau der Terroranstalten Dachau, Buchenwald, Sachsenhausen. Im Juni Zerstrung der Mnchner Hauptsynagoge, im August der Nrnberger Synagoge, im September Beginn der Zerstrung der Dortmunder Alten Synagoge. 1. 10.: Besetzung des Sudentenlandes. 5. 10.: Reisepsse jdischer Deutscher werden eingezogen, Neuausstellung nur mit Aufdruck J.

Willkommener Anlass.
Ende Oktober 1938: die deutsche Regierung lsst rund 17 000 Juden polnischer Staatsangehrigkeit gewaltsam zur polnischen Grenze transportieren; die polnischen Behrden weisen sie zurck; unter elenden Bedingungen mssen sie im Niemandsland bleiben, bis sie endlich nach Polen gelassen werden. 7. 11.: ein Jugendlicher, dessen Eltern sich unter den Ausgewiesenen befinden, schiet auf einen Beamten der deutschen Botschaft in Paris. Daraufhin antijdische Gewaltaktionen ab 7. 11. in einzelnen deutschen Orten. Der Beamte stirbt am Nachmittag des 9. 11.: willkommener Anlass fr die deutsche Regierung, den groen Aktionsplan zu realisieren. -

Es folgt der Bericht des Zeitzeugen Wilhelm Knaup, damals acht Jahre alt, ber den 10. November 1938 in Hagen.


I. Das Klavier in der Volme

Am 10. November 1938 ging ich in die Stadt. Ich wollte sehen, was dort mit den Juden, ihren Husern, Wohnungen oder Geschften eigentlich passiert war.

Ich wohne in der Ascherothstrae, die damals die braune Strae genannt wurde. Hier wohnten der OB Heinrich Vetter, politische Leiter, hhere SA- und SS-Fhrer - aber auch Gegner des Nationalsozialismus.



Gegen Befehle von ganz oben kann man nichts machen.
Die Meinung der Parteileute zu dem nchtlichen Pogrom war eigentlich ablehnend. Sie betonten gegenber ihren Nachbarn, die politisch noch weit von der nationalsozialistischen Idee entfernt waren, der Befehl sei von ganz oben gekommen, und gegen einen Befehl htten sie persnlich nichts machen knnen. Es htte in der Nacht eine Eskalation der Gewalt stattgefunden, die durch fanatische Fhrer geschrt worden sei.

Sie glaubten nicht, so weiter die Parteileute von der Ascherothstrae, dass diese Ausschreitungen mit Vernichtung von wertvollem Volksgut, mit Verletzten und Toten im Sinne des Fhrers gewesen sei. Gut, dass jetzt alles vorbei sei. Die Juden stnden jetzt unter dem Schutz der Polizei.

Die Judenlmmel htten zwar Strafe verdient. Vor allen Dingen mssten sie den angerichteten Schaden selbst bezahlen. Lange genug htten sie im In- und Ausland gegen Fhrer und Volk gehetzt. In nchster Zeit mssten die Juden, als Parasiten am deutschen Volk, aus Deutschland verschwinden. Das wre dann der Sieg des Nationalsozialismus.

Juden vermbelt.
Auf dem Weg in die Stadt traf ich Freunde, die auch davon gehrt hatten, dass man heute Nacht die Juden vermbelt habe. Jeder war sehr gespannt, wie es in der Stadt bei den Juden aussah.

Am Remberg war alles normal. Wir hatten dort schon etwas erwartet. An der Marktbrcke sahen wir das groe Haus vom Pferdemetzger Cohn, der fast allen Hagenern bekannt war. Fenster und Schaufenster waren zerschlagen. Gardinenfetzen flatterten im Wind. Zerschlagene Mbel lagen auf dem Brgersteig und in der Volme. Sie waren einfach aus dem Fenster geschmissen worden. Mbelteile und ein Klavier waren vom Wasser der Volme abwrts getrieben worden.

Kleine Trupps von Passanten standen vor dem Haus und schauten sich schweigend alles an, schttelten den Kopf, viele gingen hastig weiter. Einige Fahrer der Straenbahn fuhren langsam vorbei, und die Fahrgste schauten sich alles genau an. Verschiedene drckten sich vor lauter Neugier die Nasen am Fenster platt.

Der ausgebrannte Judentempel.
Wir gingen weiter in die Potthofstrae, um den ausgebrannten Judentempel zu sehen. Bis dahin wusste keiner von uns aus den Randbezirken, wo die Synagoge eigentlich war. Ein Polizist stand dort Wache. Sa- oder SS-Leute waren nicht zu sehen.

Wir schauten uns das ausgebrannte Gebude an. In der Nacht war es von einem SS-Trupp unter Befehlsgewalt eines bekannten Hagener SS-Fhrers angezndet worden.

Eine Weile blieben wir vor den rauchgeschwrzten Ruinen stehen. Wir fingen an, Witze zu machen und wollten nher zum Gebude gehen. Der Polizist kam auf uns zu und sagte. Ihr Lausebengels, habt ihr genug gesehen? Ihr braucht nicht durch die Stadt zu gehen, man hat schon alles wieder aufgerumt und die Fenster vernagelt. Marsch, nach Hause, es hat hier im Bereich heute Nacht viel Unheil gegeben.

Der christliche Glaube und der Jude Isidor.
Wir dachten, so schlimm ist es ja gar nicht. Damals waren wir vom christlichen Glauben auch gegen die Juden und ihre Religion eingestellt; sie hatten ja unseren Herrgott ans Kreuz genagelt.

Ich erinnere mich auch an den Juden Isidor. Das war vor dem November 1938.

Bis 1936 lebte ich viel bei meinen Groeltern. Sie wohnten am Herbecker Weg, lndlich, weit und breit kein Geschft. So einmal im Monat kam ein Hausierer, der Jude Isidor. Meine Groeltern kannten ihn schon lange und kauften trotz der Aufrufe Kauft nichts beim Juden.

Wenn er kam, rief er schon im Hof: Seid gegrt, gute Leute, hier ist Isidor mit vielen neuen Sachen. Was ehr bertrieben war. Er kam wie selbstverstndlich in die Kche rein, stellte seinen Bauchladen auf den Kchentisch und ffnete seine zerschlissenen Koffer mit den neuesten Sachen.

Er kam sehr oft, wenn Grovater zu Hause war, und sagte dann zu ihm: Wilhelm, hast du deine Tremonia aus?* Was macht die Politik? Sie fingen dann an zu politisieren, whrend sich meine Gromutter Sachen aussuchte und zwischendurch mit Isidor Preise aushandelte. Sie konnte ihn nach seiner Art nehmen; er trank gerne eine Tasse Kaffee und a gerne den Bauernstuten.

Isidor jammerte immer, dass er bei meiner Oma nichts verdienen knne. Frau, Schwester und seine Kinder mssten bald verhungern. Aber es kam immer wieder zu einem Geschftsabschluss, und beide waren nachher zufrieden.

Harte Zeiten fr die Juden.
Dann ging es mit der Politik weiter. Isidor war ein Deutschjude und Grovater ein nationaler Mann. Bei einem Gesprch sagte Isidor: Die Zeiten fr uns deutsche Juden werden immer schlechter. Gott sei Dank haben wir noch ein paar alte Kunden, die noch zu uns halten, wie ihr.

Grovater sagte zu ihm: Isidor, ich werde jetzt bald pensioniert und ziehe dann zu meinem Schwiegersohn in der Ascherothstrae. Ich muss die Werkswohnung rumen. Wie soll es dann mit uns weitergehen? Kommst du dann noch?

Isidor blieb eine ganze Weile still, dann sagte er: Wilhelm, dir kann ich es ja sagen. Ich hoffe, dass ich Deutschland bald verlassen kann. Es kommen harte Zeiten fr die Juden in Deutschland. Ich habe etwas Geld gespart; mein Haus muss ich wohl an einen Arier so oder so billig verkaufen. Du kannst es kaufen, das wre mir lieb. Ich werde versuchen, nach Amerika zu gehen.

*Tremonia: katholisch orientierte Tageszeitung, erschien in Dortmund (latinisiert zu Tremonia) von 1876 bis 1945


II. und wie es in die Volme hinein gekommen ist

Wie kam es zur antijdischen Gewalt im November 1938? Wie kam das Klavier der Hagener Familie Cohn in die Volme?

Mit dem heute blichen und meist verharmlosenden Blick auf die NS-Diktatur und auf Adolf Nazi ist diese Frage nicht zu beantworten. Von 1933 her, also sozusagen aus dem Stand, ist die Zeit des von Deutschen veranstalteten hundertfachen, tausendfachen, millionenfachen Mordens nicht zu erfassen.

Die Nazis waren Deutsche, auch in Hagen. Der Zeitraum 1933-1945, und in ihm die Novembergewalt 1938, ist eine Phase der modernen deutschen Geschichte und Kultur. In diesem Rahmen lebt die beraus mchtige Tradition des modernen deutschen Antijudaismus.

Wir mssen bis zur Goethezeit, zur Zeit der Franzsischen Revolution (1789), zum Beginn der deutschen Absonderung gegenber dem Westen und der Zivilitt zurckgehen, wenn wir die gewaltsame Ausgrenzung der in Wilhelm Knaups Bericht erwhnten Judenlmmel und Parasiten, wenn wir die Einsamkeit des von der Arisierung bedrohten Juden Isidor verstehen wollen.

Der provozierende Baustil des Gotteshauses der Fremden.
Judenlmmel und Parasiten: solche oder hnliche Bezeichnungen fr Deutsche jdischer Herkunft sind lange vor 1933 blich. Mitteilungen in Hagener Zeitungen vom 11. November 1938 ber das unverschmte und dreiste Benehmen jdischer Deutscher, ber den provozierenden Baustil und die weithin sichtbaren hebrischen Zeichen der Synagoge, als Ausdruck jdischen Geistes, sind in hnlicher Form allgemein gltiges deutsches Kulturgut seit dem frhen 19. Jahrhundert.

Aus eben dieser Zeit, nicht aus den Terrorjahren, stammt die Parole Juda verrecke! Auch die andere bekannte Parole, Die Juden sind unser Unglck, ist keine nazistische Erfindung. Sie wurde 1879 von einem hochangesehenen Reprsentanten des Bildungsbrgertums formuliert.

Am 12. November 1938 sagt ein prominentes Mitglied der deutschen Regierung: Die Schweine werden einen zweiten Mord so schnell nicht machen. Im frhen 19. Jahrhundert steht auf einem Schild ber dem Eingang zum Kurhaus in einem deutschen Kurort: Ein Jude und ein Schwein drfen nicht herein.

Reinheit und Schmutz.
Das zentrale Merkmal der modernen deutschen Kultur, 1789 bis 1945 - und noch heute in manchen gesellschaftlichen Gruppen fortwirkend -, ist der allgegenwrtige Dualismus von Reinheit und Schmutz, von Idealismus und Materialismus, von Sittlichkeit und Unsittlichkeit, von Volk und Fremden.

Die zentrale Verkrperung des Negativen in dieser Dual-Struktur ist der Jude - dicht gefolgt von Demokraten, Sozialisten, Bolschewisten. Die Popularitt der Rassereinheit, die stillschweigende oder offene Zustimmung der Mehrheit der deutschen Gesellschaft zum groen Reinigen und Aufrumen, zum endgltigen Wegschaffen des jdischen Schmutzes ab 1941 - in Hagen ab 1942 -, ist ohne das Erkennen der spezifisch deutschen idealistischen Reinheitsideologie unverstndlich.

Je intensiver und rigoroser - im Laufe politischer und sozialer Ereignisse, Prozesse und Konflikte im 19. und 20. Jahrhundert - die deutsche Kultur am deutschen Protest gegenber dem Westen, am deutschen Idealismus, an der deutschen Reinheit festhlt, desto intensiver und rigoroser, bis ins Extrem der totalen Vernichtung, lehnt diese Kultur den Materialismus und den Schmutz und die Unsittlichkeit, personifiziert von den unverschmten Fremden, ab.

Sie haben unseren Herrgott ans Kreuz genagelt.
Das moderne deutsche Bild vom schmutzigen, materialistischen und schamlosen Juden beruht auf der lteren christlichen - seit dem 16. Jahrhundert katholischen - Ideologie von den teuflischen und verstockten Juden, die, wie es im Knaup-Bericht heit, unseren Herrgott ans Kreuz genagelt haben. Nicht minder judenausgrenzend war die protestantische Ideologie vom gottgewollten deutschvlkischen Obrigkeitsstaat. Protestantischer und katholischer Antijudaismus haben das Reich der Angst und des Terrors, 1933 bis 1945, von Anfang an gewollt und bis zuletzt gesttzt; das Feindgespenst war der jdische Bolschewismus.

Sittlichkeit und Judenjunge, Reine Menschheit, Schmarotzervolk und Pogrom.
Die Nazis waren Deutsche. Auch die Juden, um die es hier geht, waren Deutsche. Sie wollten Deutsche sein. Aber sie wurden seit Beginn der deutschen Moderne von der groen Mehrheit der deutschen Gesellschaft wahnhaft gefrchtet und massiv ausgegrenzt. Anstze einer Judenemanzipation seit dem frhen 19. Jahrhundert hatten mit Integration nichts zu tun. Jdische Deutsche waren ab 1871 formal den nichtjdischen Deutschen gleichgestellt. Aber die nichtjdischen Deutschen - voran das christliche und gebildete Brgertum - haben den Juden drauen vor der Tr stehen lassen.

Wolfgang Goethe schreibt 1808: Befrworter der Judenemanzipation sind Humanittssalbader, und1823: jdisch-deutsche Mischehen verletzen sittliche Empfindungen.

Friedrich Harkort 1849: Judenjungen (und Demokraten) sind Aufwiegler. Richard Wagner 1881: die jdische Rasse ist der geborene Feind der reinen Menschheit.

Karl Ernst Osthaus 1896: die Ausscheidung dieses Schmarotzervolkes ist notwendig. Walter Gropius an Karl Ernst Osthaus 1917: wir haben die Juden unbehindert gro werden lassen und ich frchte, die frische Kraft zu einem Pogrom ist nicht mehr in uns.

Sittlichkeit und Reine Menschheit, Judenjunge, Schmarotzervolk und Pogrom: so zeigt sich moderne deutsche Kultur vom spten 18. Jahrhundert bis 1945. So kommt das Klavier der Hagener Familie Cohn in die Volme.

Die schreckliche Vernderung und das Ende der Langmut der Deutschen.
Die Menschen haben sich schrecklich verndert, fast keiner grt: so heit es im Brief einer Hagenerin jdischer Herkunft im Mai 1937. Wie bei Cohn, so erfuhren auch die anderen Juden, dass die Langmut der Deutschen einmal ein Ende hat: so heit es im Bericht eines der Hagener Terroristen, verfasst nach dem 10. November 1938.

Die schreckliche Vernderung und das Ende der Langmut der Deutschen kennzeichnen die letzte Phase einer hochidealistischen Kultur Reinen Menschentums, in der fr eine simple Mitmenschlichkeit, die alle Brgerinnen und Brger umfasst, kein Platz war.

Hagener Gewalttter terrorisieren am 10. November 1938 Hagener Kinder, Frauen und Mnner. Die Gewalttter haben Berufe wie Bcker, Kohlenhndler, Eisenbahnbeamter, Gastwirt; einer ist der Sohn eines Bauunternehmers. Ein Hinweis vor dem heutigen jdischen Gotteshaus besagt, dass das frhere Gotteshaus in der Nacht vom 9. November 1938 von den Nationalsozialisten in Brand gesetzt und zerstrt wurde. Wer sind die Nationalsozialisten? Der Hinweis msste lauten, dass das Gotteshaus von Hagener Brgern in Brand gesetzt und zerstrt wurde.


Literatur

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Dr. Andreas Kunze - andreas_kunze@gmx.net