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Hagener Geschichtsverein - Kalenderblätter


Kalenderblatt 2008


Die Währungsreform am 20.Juni 1948 in Hagen
- von unten betrachtet


von Wolfgang Müller



„Stiller Anfang nach Sonntag X"
lautete die Schlagzeile der Westfalenpost vom 22.06.1948.
Am Morgen nach der Währungsumstellung drängt sich die Kundschaft mit den neuen Geldscheinen in den Taschen durch ein Geschäft der Mittelstraße. Über Nacht ist die Preisbindung von Haushaltswaren freigegeben worden und so hat der Besitzer seinen Laden mit einem lange gehorteten Schatz reichhaltig gefüllt; Töpfe, Eimer, Glaswaren, Porzellan etc. finden bei Flüchtlingen und Ausgebombten reißenden Absatz.
Eigentlich stehen die Türen aller Geschäfte in der Hagener Innenstadt an diesem Tag einladend offen, die Schaufenster locken mit einem üppigen Warenangebot, doch das Publikum übt sich - von der einen Ausnahme abgesehen - eher in Zurückhaltung.
Insgesamt sind die Hagener also zwiespältig gestimmt: Wie soll man umgehen mit der neuen Währung? Wird sie wirklich den ersehnten wirtschaftlichen Um- und Aufschwung bringen - die neue D-Mark, frisch verteilt am Tag zuvor? Immerhin schnappen Journalisten, die ein Stimmungsbild dieses Tages einfangen wollen, auch Sätze auf wie „Es ist alles zu haben!“ und „Wie im Frieden!“1.

Die Not an Rhein und Ruhr

Offensichtlich hatten bis zu diesem Zeitpunkt die Menschen - trotz des Kriegsendes ca. drei Jahre zuvor - in ihren Köpfen und ihrer Gefühlslage noch keinen Frieden realisieren können. Die Waffen schwiegen, der Alltag war dennoch völlig vereinnahmt vom Kampf um das Existenzminimum und verdunkelt von der tiefen Sorge um die Zukunft.
Neben dem Hunger sorgten der Mangel an Heizmaterial und Kleidung, das Wohnungselend sowie , daraus resultierend, grassierende Infektionskrankheiten und die hohe Säuglings-sterblichkeit für eine zunehmend desolate körperliche und psychische Gesamtsituation der Bevölkerung.
Noch Anfang 1948 war keine Besserung erkennbar - ganz im Gegenteil: Die Schlagzeilen der heimischen Presse spiegeln die desaströsen Zustände im Ruhrgebiet wider: „Mitten in der Hungersnot – Notgebiet NRW“, „50 000 streikten in Essen – 100 000 Tonnen Fettzufuhr gefordert“, „Bedrohung durch den Hunger“ und „Kampf um die Kalorien“, „Notruf von Rhein und Ruhr“.2
Die hier dokumentierte katastrophale Ernährungslage war hervorgerufen durch mangelnde Transportmittel und zögerliche Lieferungen aus den agrarischen Gebieten der amerikanisch-britischen „Doppelzone“. Allen voran hatte sich Bayern strikt geweigert, das vorgeschriebene Kontingent seiner Kartoffelernte an die Industriegebiete weiter zu geben. Im Januar 1948 waren in den Städten die Kartoffelvorräte aus dem vorigen Herbst weitgehend aufgezehrt. Der Hunger war schon in den Jahren zuvor ein alltäglicher Begleiter der Menschen. Durchschnittlich 1100-1200 Kalorien wurden den Einwohnern Hagens 1947 täglich zugeteilt, in einzelnen Zuteilungsperioden waren es unter 900 Kalorien.3 Nun mussten Erwachsene mit 4 Pfund Brot, 250g Nährmittel und 100g Fleisch je Woche über die Runden kommen.
NRW-Ministerpräsident Arnold richtete energische Forderungen an die Militärgouverneure und die Länderregierungen, die bereits eingetretene Hungersnot und den drohenden wirtschaftlichen Zusammenbruch durch Hilfslieferungen zu stoppen. Doch deren Maßnahmen und Verordnungen scheiterten. Sie unterlagen im „Kartoffelkrieg“ gegen die Landwirte, die ihre Produkte lieber auf dem Schwarzen Markt verschoben anstatt sie ordnungsgemäß „in den verplanten Kreislauf der Frankfurter Wirtschaftsverwaltung einzuspeisen“.4

Überlebensstrategien

Auch die unmittelbar Betroffenen machten ihrer tiefen Sorge und Empörung Luft.
Spontane Arbeitsniederlegungen griffen im gesamten Ruhrgebiet um sich.
Die Belegschaft des Hüttenwerkes Haspe streikte Anfang Januar 1948 mit ca. 2800 Beschäftigten kurzfristig, um auf ihre verzweifelte Situation und ihre Erschöpfung aufmerksam zu machen („Der Arbeiter ist am Ende seiner Kraft!“). Die Schraubenfabrik Funke und Hueck sowie das mechanische Werk Schluckebier schlossen sich an.5
Oberstadtdirektor Sasse griff die säumigen Kartoffellieferanten der Überschussgebiete heftig an.
Gleichzeitig trieben Anspannung und Not Menschen auch in die Illegalität.
Ebenfalls im Januar fand ein Prozess gegen 3 Frauen statt, die sich als Angestellte der Hasper Kartenstelle „zusätzlich“ mit Lebensmittelbezugsscheinen eingedeckt hatten. Das zahlreich erschienene Publikum quittierte die mehrmonatigen Gefängnisstrafen für die Angeklagten mit unverhohlener Schadenfreude.6
Vielleicht kam manchem Prozessbeobachter dabei doch auch in den Sinn, dass das System des Schwarzen Marktes – Ware nur gegen Ware - und somit die Illegalität zum Alltag und zur Überlebensstrategie geworden war. Die Grenzen von Recht und Unrecht waren sehr fließend, es galt das Recht des Stärkeren. Jedenfalls wurde die Bewirtschaftung, d.h. die staatliche Lenkung und Kontrolle des Handels, weitgehend ausgehebelt, ohne dass Razzien der Polizei dies grundlegend ändern konnten. Jeder Zeitzeuge erinnert sich heute noch an abenteuerliche Begebenheiten beim Plündern von Kohlezügen und auf Hamsterfahrten, die Kartoffeln, Getreide und Butter aus Sauer- und Münsterland oder den heiß begehrten Tabak gar aus der Pfalz beschaffen sollten.7

Grundlegender Wandel durch Alliierte

Seit dem März 1948 besserte sich die Ernährungslage ein wenig, die monatliche Fettration wurde von 75g auf 175g erhöht – Anlass für den SPD-Bezirksvorsitzenden Fritz Henßler auf der Unterbezirkskonferenz der Hagener SPD am 7. März 1948, deutlich verfrüht, eine baldige positive Entwicklung zu prophezeien.8
Ihr tatsächliches Zustandekommen in den folgenden Monaten bzw. Jahren ist mit dem sich ab 1946/47 verschärfenden Ost-West-Konflikt („Kalter Krieg“) zu erklären. Die USA setzen sich das Ziel (Truman-Doktrin), die aggressive Ausweitung des sowjetischen Machtbereiches in Europa „einzudämmen“. Der bisherige Hauptfeind Deutschland, an der Schnittstelle der Blöcke gelegen, sollte mit völlig veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu einem politischen wie bald auch militärischen Partner des Westens werden.
Seit September 1947 war die Bizone in das Wiederaufbauprogramm des Marshallplans einbezogen. Die Einführung einer stabilen, weil akzeptierten Währung musste als Schritt zu einem geordneten kapitalistischen Wirtschaftskreislauf folgen und wurde von den USA unter strenger Geheimhaltung vorbereitet.

Der “Tag X“ - die Währungsreform

Anfang Juni 1948 verdichten sich die Gerüchte, die Währungsreform stehe unmittelbar bevor. Gleichzeitig beklagt die WR einen „Wirtschaftsstillstand in Erwartung des Tages X. ... selbst der Schwarzmarkt ist in Streik getreten. Nur die Pflichtbewussten leisten und liefern noch. Manche Bauern verfüttern ihren Spinat lieber an die Kühe, als noch das alte Geld anzunehmen.“ 9
Endlich – am 19.Juni titelt die WR: „Neue Währung tritt am Sonntag um 24 Uhr in Kraft.“
Die Hagener Stadtverwaltung ist auf diesen Tag gut vorbereitet, die Auszahlung der neuen Banknoten verläuft unter Polizeischutz reibungslos. Jeder Bürger erhält an einer der 71 Zahlstellen 40 DM sofort, einen Monat später weitere 20 DM. Insgesamt werden lt. Presse die Haushaltskassen von ca. 48000 Familien mit über 5 Millionen DM gefüllt. Alle Hagener starten mit dem gleichen Geldbetrag in den nächsten Tag.10

Die Wirtschaftsreform

Dieser Anschein wirtschaftlicher Gleichheit war jedoch in kürzester Zeit zerstoben, ebenso wie die vom Anblick der gefüllten Schaufensterauslagen genährte Illusion, es sei für alle „wieder alles zu haben“. (s.o)
Ein herber Schlag für alle Sparer war die Abwertung des Geldvermögens im Verhältnis 1:10 eine Woche nach der Währungsreform. Viele von ihnen mussten die Erfahrung eines derartigen Geldverlustes nach 1923 jetzt zum zweiten Male machen, während die Besitzer von Sachwerten als Kriegsgewinnler ihre Vermögen rapide anwachsen sahen.
Kritische Stimmen sehen in der Währungsreform mit ihrem „Glorienschein eines imponierenden Neuanfangs“ einen „Akt der Liquidierung der finanziellen Kriegsfolgen durch massenhafte Enteignung“.11
„Der kleine Mann ist wieder einmal der Dumme,“ so lautete, einfacher ausgedrückt, der Tenor der Enttäuschten in der Umfrage der WR am 29.06.1948. Ein staatlicher Lastenausgleich wurde angemahnt, blieb aber ein frommer Wunsch.
Hoffnungsvoll hingegen stimmte die Lektüre der WP vom gleichen Tag: „Hamsterzüge leer – Bauern in der Stadt – Wandel der Dinge – Vom butterweichen Salat bis zum Pfirsich“
Die Voraussetzung dafür war eine umwälzende Wirtschaftsreform:
Am 24.Juni 1948 hatte Ludwig Erhard, der „Direktor der Verwaltung für Wirtschaft“ in der Bizone, gegen den Willen der Besatzungsmächte und der deutschen Parteien quasi über Nacht die bisherigen Preiskontrollen und Bewirtschaftungsvorschriften mit wenigen Ausnahmen aufgehoben. Damit beseitigte er für Westdeutschland das System der staatlich gelenkten Planwirtschaft, das die Nationalsozialisten von 1936 an aufgebaut hatten und das in der Besatzungszeit fortgeführt worden war.

Die Last des „Wirtschaftswunders“

Wohin wendete sich nun das Blatt der Wirtschaft in den Westzonen und speziell für die Menschen in Hagen? Lohnte sich die Maloche an den Hochöfen oder der Wiederaufbau-Ehrendienst, bei dem Tausende Frauen und Männer Schutt und Schrott tonnenweise wegräumen halfen? Kam Entspannung in den alltäglichen, die Nerven zermürbenden Kampf um das Lebensnotwendige?
In einem Jahresrückblick zieht ein Kommentar der WR am 18.12.1948 ein aussagekräftiges und differenzierendes Fazit auf die „Entwicklung seit der ´sog. Währungsreform`. Daraus einige Stichworte:
„Preise gestiegen, Löhne herabgewertet – Vermögen der Warenbesitzer gewachsen, soziale Kluft – Produktionsplanung für Massenbedarf statt Luxuswaren erforderlich – Deflation kündigt sich allerdings an. – Marshallplan-Importe bisher enttäuschend – Lasten zwischen Kriegsgewinnlern und –opfern ungerecht verteilt – Arbeitslosigkeit und Konkurse verlangen staatliche Lenkung.“
Der Widerstand gegen Ludwig Erhards Wirtschaftspolitik war bis Ende 1948 erbittert.
Eine Protestkundgebung der Gewerkschaften gegen den rasanten Anstieg der Verbraucherpreise mobilisierte August 1948 in Hagen 7000 Menschen auf der Springe, wo Erhard „die Ausplünderung des Volkes“12 vorgeworfen wurde
Das Ganze gipfelte am 12. November 1948 im bisher einzigen, eintägigen Generalstreik der deutschen Nachkriegsgeschichte, an dem sich ca. 80% der Beschäftigten beteiligten. Die Empörung über die Verdoppelung der Arbeitslosigkeit und den Anstieg der Lebenshaltungskosten um 17% im zweiten Halbjahr 1948 suchte sich so ein Ventil.
Der Kapitalismus war nicht nur dem Lager der Gewerkschaften und der SPD zutiefst suspekt, der Ruf nach staatlicher Planung und Lenkung in wirtschaftlichen Teilbereichen kam auch von CDU/CSU.
Ludwig Erhard hat die Marktwirtschaft gegen alle Widerstände durchgesetzt und gilt als „Vater des Wirtschaftswunders“. Die Hauptlast des steinigen Übergangs von der Währungs-und Wirtschaftsreform zum „Wirtschaftswunder“ mussten die Arbeitnehmer mit ihren Familien schultern. Gleichzeitig waren sie durch ihren Leistungswillen die Träger des wirt-schaftlichen Aufschwungs, wurden dessen Nutznießer aber erst mit deutlicher Verzögerung.


Anmerkungen


1 Westfalenpost(WP), 22.06.1948

2 WP, 9.1. – 13.1.1948, Westfälische Rundschau(WR), 7.1.1948

3 WP, 4.4.1947

4 Görtemaker, S.136

5 Kleßmann/Friedeman, S.50

6 WR, 10.01.1948

7 Klostermann

8 Geitz/Schledorn, S.152

9 WR, 15.06.1948

10 WR, 22.06.1948

11 Wehler, S.971

12 Geitz/Schledorn, S,152


Literaturverzeichnis

Geitz, Uwe / Schledorn, Uwe, Der Freiheit eine Gasse, Kleine Geschichte der Hagener Arbeiterbewegung, Hagen 1985

Görtemaker, Manfred, Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Von der Gründung bis zur Gegenwart, München 1999

Hildenbrand, Hanswerner, Die strukturelle Entwicklung von Wirtschaft und Bevölkerung im Stadtkreis Hagen von 1945 bis 1967, Hagen 1970

Kleßmann, Christoph / Friedemann, Peter, Streiks und Hungermärsche im Ruhrgebiet 1946-1948, Bochum 1977

Klostermann, Karlheinz, Das Ende des Zweiten Weltkrieges, erschienen unter: www.eckesey.de/basis-allerlei

Niethammer Lutz(Hrsg.), „Die Menschen machen ihre Geschichte nicht aus freien Stücken, aber sie machen sie selbst.“ Einladung zu einer Geschichte des Volkes in NRW, Berlin/Bonn 1984

Sollbach, Gerhard E.(Hrsg.), Hagen – Kriegsjahre und Nachkriegszeit 1939 – 1948, Hagen 1994

Süddeutsche Zeitung, Nr. 141 vom 19.06.2008, S.20/21, Die soziale Marktwirtschaft wird 60

Wehler, Hans-Ulrich, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd.4, Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten, 1914 bis 1949, München 2003

Westfalenpost(WP); Westfälische Rundschau(WR); auf die jeweils verwendeten Ausgaben wird im Text oder in den Anmerkungen hingewiesen