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Hagener Beitrge zur Regionalgeschichte Online


Herausgegeben vom Historischen Centrum Hagen | ISSN 1618 - 9752


Eine Beilklinge aus Aachener Lousberg-Flint


von Ralf Blank



Die Stadt Hagen hat eine Geschichte, die nicht erst im Mittelalter beginnt, sondern bis weit in die Vorzeit zurckreicht. Davon zeugt auch das umfangreiche archologische Fundgut aus der Region. Zu den interessanten Exponaten in den Museumsbestnden des Historischen Centrums Hagen aus vorgeschichtlicher Zeit zhlt eine geschliffene steinerne Beilklinge.







Die Beilklinge besteht aus rtlich-grauem Feuerstein, ein glasartig splitterndes und hartes Material, das sich in der Kreidezeit aus Mikroorganismen gebildet hat und auch als Flint oder Silex bezeichnet wird. Die rtliche Frbung des bei der Herstellung dieser Beilklinge verwendeten Feuersteins entstand durch Eisenoxyt, das die Randbereiche der graufarbigen Feuersteinknollen eingedrungen war.

Das "Feuersteinbeil" wurde in den 1950er Jahren als Oberflchenfund auf dem Flurstck "Auf dem Ksberg" entdeckt. Der Fundort befindet sich oberhalb des Flusstales der Ennepe in der Gemarkung Westerbauer bei Hagen-Haspe. Die genauen Fundumstnde sind hingegen nicht berliefert, so dass weitere Rckschlsse auf den archologischen Zusammenhang unbekannt bleiben mssen. Allerdings ermglicht der Bodenfund einige Hinweise auf die Zeitstellung, die Technik und die mutmassliche Verwendung.

Das "Steinbeil" stammt aus dem so genannten Jungneolitihikum, dem jngeren Abschnitt der Jungsteinzeit. Es wurde vor rund 5.500 Jahren hergestellt und gelangte wahrscheinlich auch bereits zu dieser Zeit in den Boden.

Die Oberflche der Beilklinge ist sorgfltig berarbeitet und zeigt einen so genannten Fazettenschliff. Nur noch wenige Bereiche der Breit- und Schmalseiten lassen Spuren der Bearbeitung des Rohlings vor dem Schliff erkennen. Der hintere Teil der Beilklinge, der "Nacken", zeigt eine Bruchflche, die jedoch bereits vor der Herstellung des Werkzeugs vorhanden gewesen war. Auffllig ist die "schiefe" Form der Schneide, die auf eine Funktion als Holzbearbeitungsgert hindeutet, z.B. als Dechsel.

Das Besondere an diesem Fund ist jedoch die Herkunft des Feuersteins. Die Beilklinge besteht nmlich aus einem Rohmaterial, das im Hagener Raum sowie auch in der gesamten weiteren Region nicht zu finden ist. Eine nhere Untersuchung des Steinmaterials besttigt diese Feststellung. Das "Steinbeil" wurde demnach aus Feuerstein gefertigt, der vor allem auf dem Lousberg in Aachen vorkommt, also in einer Entfernung von ber 400 km Luftlinie von Hagen.

Auf dem Lousberg in Aachen wurde in einem jngeren Abschnitt des Neolithikums ein intensiver Bergbau auf Feuerstein betrieben. Im Tage- und Untertagebau bauten die jungsteinzeitlichen Bergleute einen plattenfrmigen Feuerstein ab, der sich besonders gut zur Herstellung von Beilklingen eignete. Mglicherweise bereits im Areal des Bergwerks erfolgte dann aus den gewonnen Feuersteinplatten die Produktion von Rohlingen. In Siedlungen in der Umgebung des Bergwerks wurden anschliessend die fertig geschliffenen Beilklingen hergestellt. Vermutlich erhielten die Beilklingen bereits dort ihre Holzschfte und gelangten in dieser Form als fertige Arbeitsgerte in den Besitz der "Endverbraucher". Die Arbeitsablufe und Produktion im Bergbauareal am Lousberg im heutigen Aachen setzten eine Organisation und Struktur der Bergbauaktivitten voraus.

Bergwerke wie auf dem Lousberg in Aachen existierten whrend der Jungsteinzeit in nahezu allen Regionen Europas, wo Rohstoffe gewonnen werden konnten, die sich zur Herstellung von Steinwerkzeugen eigneten. Die Abbau- und Produktionsmethoden hnelten sich teilweise so sehr, dass Kontakten zwischen den einzelnen Bergbaugebieten zu vermuten sind. Zugleich wird es in der Jungsteinzeit zu einer "beruflichen" Spezialisierung gekommen sein. So gab es mglicherweise bereits Experten fr das Anlegen von Bergwerken, fr den Abbau von Feuerstein und fr die Herstellung von speziellen Steinwerkzeugen, die aufgrund ihrer Formgebung und Ausprgung eine serielle Produktion nahelegen.

Wie gelangte die Beilklinge aus Aachener Feuerstein vor rund 5.500 Jahren nach Hagen? Vieles deutet darauf hin, so z.B. Depots mit Beilklingen, dass bereits in der Jungsteinzeit auf dem europischen Kontinent ein Netz von Transportwegen existierte, auf denen unterschiedliche Gter verteilt wurden. Ob es sich dabei um einen organisierten Handel handelte, ist nicht mit Sicherheit nachzuweisen, auf Grund von archologischen Indizien (z.B. Depots mit Feuersteingerten) allerdings wahrscheinlich. Es spricht vieles fr einen systematischen Austausch von Rohstoffen und Fertigprodukten, wie Beilklingen, Grossklingen, Pfeilspitzen und Dolche aus bergmnnisch gewonnenen Feuerstein. Mglicherweise gab es bereits reisende "Hndler", von denen die jungsteinzeitlichen Siedlungsgebiete beliefert wurden. Auf einem solchen Weg drfte auch die Beilklinge aus Lousberg-Feuerstein in den heutigen Hagener Raum gelangt sein. Wie sie dann in den Boden geriet - als Grabbeigabe, Siedlungsfund oder aber als absichtliche Deponierung - lsst sich auf Grund der ungeklrten Fundumstnde nicht feststellen.

Die Beilklinge aus Aachener Feuerstein ist im Bestand der archologischen Sammlungen der Stadt Hagen kein Einzelstck. In der Region fanden sich zahlreiche Steinwerkzeuge aus "ortsfremden" Rohmaterialien, die beispielsweise in Bayern, Belgien, Frankreich, Schlesien und den Niederlanden bergmnnisch abgebaut wurden. In der Jungsteinzeit waren die Siedlungspltze auf dem Gebiet des heutigen Raumes Hagen offenbar ebenfalls in den berregionalen Transport von Gtern einbezogen gewesen.


Literatur



Brandt, Karl Heinz: Studien ber steinerne xte und Beile der jngeren Stein-Kupferzeit Nordwestdeutschlands, Hildesheim 1967.

Gronenborn, Detlef: Les haches polies du Lousberg - traces dun peuple inconnue, in: J. Pelegrin / A. Richard (ed.); Les mines de silex au Nolithique en Europe: Avances rcentes. Actes de la table ronde internationale de vesoul 18-19 octobre 1991, p. 173-178.

Gronenborn, Detlef: Beilklingen aus Lousberg-Feuerstein in Hessen, in: Archologisches Korrespondenzblatt 22 (1992), S. 183-190.

Weiner, Jrgen: Haufwerk der Bausteingewinnung oder jungsteinzeitlicher Feuersteinabbau?, in: Archologie im Rheinland 1996 (1997) S. 28-31.

Weiner, Jrgen: Der Lousberg in Aachen. Feuersteinbergbau vor 5500 Jahren. Neuss 1998 [= Rheinische Kunststtten 436].

Weiner, Jrgen: Les outils d'extraction encoches en silex et pierre de la mine nolithique final du Lousberg, Aachen (Rhnanie septentrionale-Westphalie, Allemagne), in: J. Pelegrin / A. Richard (ed.); Les mines de silex au Nolithique en Europe: Avances rcentes. Actes de la table ronde internationale de vesoul 18-19 octobre 1991, Nancy 1995, p. 93-106.

Weiner, Jrgen: Der Lousberg in Aachen. Ein Feuersteinbergwerk der Jungsteinzeit, in: Archologie in Nordrhein-Westfalen (Kln 1990), S. 139-142.

Weisgerber, Gerd / Slotta, Rainer / Weiner, Jrgen: 5000 Jahre Feuersteinbergbau. Die Suche nach dem Stahl der Steinzeit. Bochum (3)1999 [= Verffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum 77].




Copyright Ralf Blank und Historisches Centrum Hagen, alle Rechte vorbehalten. URL: <http://www.historisches-centrum.de/index.php?id=351> Version vom 30.4.2002