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Battle of the Ruhr


Angriffspläne im Ersten Weltkrieg




"Waffenschmiede des Reiches"




Der Langstreckenbomber Handley Page 0/400. Mit diesen Maschinen wurden die ersten strategischen Luftangriffe geflogen (National Air and Space Museum, Washington)

Das Ruhrgebiet stand bereits vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs in dem Ruf, die "Waffenschmiede des Deutschen Reiches" zu sein. Aus diesem Grund nahm das Rhein-Ruhr-Gebiet in den britischen und französischen Planungen als Ziel für Langstreckenangriffe eine wichtige Position ein.

Den ersten Bombenabwürfen in den beiden ersten Kriegsjahren, so z.B. 1914 auf Köln und 1915 auf Essen folgten Planungen zur systematischen Bombardierung der deutschen Industrieregionen an der Saar, am Rhein und im Ruhrgebiet. Allerdings waren die Vorstellungen der Entente-Mächte bis 1917 angesichts der unzureichenden technischen Möglichkeiten und organisatorischen Voraussetzungen wenig konsequent durchgeführt und verwirklicht worden. Erst im April 1917 wurde die Royal Air Force als eine eigenständige Teilstreitkraft gebildet.

Bis dahin unternahmen Maschinen des Royal Navy Air Staff, die britischen Marineflieger, sowie des Royal Flying Corps die Mehrzahl der Angriffsoperationen gegen das deutsche Hinterland und vor allem im frontnahen Raum. Erste Ansätze zu einer koordinierten und planvollen Strategie der Alliierten gegen die Rüstungsindustrie im Deutschen Reich wurden ab Herbst 1916 entwickelt. Einen Impuls erhielten sie im Frühjahr des folgenden Jahres u.a. durch den von Deutschland begonnenen uneingeschränkten U-Bootkrieg sowie durch die wachsende Kriegsmüdigkeit in der britischen Öffentlichkeit.




Deutsche Propaganda-Karte eines Gotha-Bombers - "Englandflieger"

Hinzu kamen später noch außenpolitische Gründe, nämlich der Abfall des östlichen Verbündeten nach der Russischen Revolution im November 1917 und dem Sonderfrieden von Brest-Litowsk zwischen Rußland und dem Deutschen Reich im Frühjahr des folgenden Jahres. Im Sommer 1917 unternahmen deutsche Gotha-Langstreckenbomber auch mehrere folgenschwere Angriffe auf London, die einen weiteren innenpolitischen und militärischen Hintergrund für eine forcierte Bombenkriegspolitik der britischen Regierung darstellten.

Aufgrund des öffentlichen Drucks, der infolge deutscher Luftangriffe, dem anhaltenden U-Bootkrieg und die zunehmende Kriegsmüdigkeit in der britischen Bevölkerung verstärkt wurde, entschloß sich das britische Kriegskabinett im Juli 1918 erstmalig zur Verabschiedung eines verbindlichen strategischen Angriffskonzepts. In diesem Bombenkriegsplan wurde das Rhein-Ruhr-Gebiet als besonders wichtige Zielregion eingestuft. Ein weiterer Hintergrund waren die erhofften "moralischen" Auswirkungen von Bombenangriffen auf die deutsche Zivilbevölkerung.


Angriffsziele an Rhein und Ruhr




Ein Ingenieur der AFA in Hagen mit einer riesigen Batteriezelle für ein U-Boot, 1918

Die in den beiden letzten Jahren des Ersten Weltkriegs entstandenen Ziellisten waren bereits detailliert und nannten für das Ruhrgebiet u.a. eine mutmassliche Fabrik für "Gotha"-Bombenflugzeuge auf dem Flugplatz Gelsenkirchen-Rothensee, Maschinenbaubetriebe in Duisburg und Rheinhausen, die Essener Krupp-Werke, zwei grosse Stahlwerke in Dortmund, je eines in Oberhausen, Hagen und Mühlheim sowie die Accumulatoren Fabrik in Hagen.

Vor allem das Hagener Batterienwerk hatte neben den Krupp-Werken in Essen eine sehr hohe Zielpriorität erhalten. Hier wurden U-Bootbatterien hergestellt, die für den Einsatz dieser Kriegsschiffe unerlässlich waren. Da dieses Werk der einzige bekannte Lieferant im Deutschen Reich war, hätte die Zerstörung dieses Betriebs nach den Vorstellungen der britischen Zielplaner 1917 zu schwerwiegenden Auswirkungen auf den U-Bootbau und den operativen Einsatz dieser Kriegswaffe auf See geführt.




Viermotoriger Langstreckenbomber Handley Page 1500. Maschinen dieses Typs sollten 1918/19 die strategische Luftoffensive gegen Deutschland eröffnen (National Air and Space Museum, Washington)

Einen Zusammenhang mit dem deutschen U-Bootbau bescheinigten die britischen Zielplaner 1917/18 aber auch den Krupp-Werken in Essen sowie den Hasper Eisen- und Stahlwerken bei Hagen. Ausschlaggebend für eine diese Einschätzung war die Produktion von Spezialstahl, der zu Aussenhüllen und Druckkörper der U-Boote verarbeitet wurde. Der am 9. Januar 1917 von Deutschland erklärte uneingeschränkte U-Bootkrieg stellte für die alliierte Seefahrt eine ernste Bedrohung dar. Das verdeutlich auch die selektive Zielauswahl der britischen Planungsstäbe für Luftangriffe.

Die damals gebräuchlichen großen Doppeldecker-Maschinen waren für Langstreckenflüge noch längst nicht ausgereift. Hinzu kamen politische DIfferenzen über die Zielsetzungen der Luftangriffe. Heftig diskutiert wurden z.B. völkerrechtliche Fragen aufgrund der geplanten Bombardierung von bevölkerungsreichen Städten. Alles das verhinderte die Umsetzung der militärisch vorbereiteten Luftkriegskonzepte.

Da mit dem Aufbau einer schlagkräftigen Luftflotte in Großbritanien aber erst begonnen wurde, sah der im Juli 1918 vom britischen Kriegskabinett beschlossene Plan den Beginn einer umfassenden Luftoffensive erst für das Frühjahr 1919 vor. Der Waffenstillstand im November 1918 beendete schließlich den Beginn der Operationen, die auch Langstreckenangriffe auf weit enfernt liegende Ziele wie Berlin eingeplant hatten.


Deutsche Luftverteidigung 1915-1918




Anordnung über "luftschutzmäßiges" Verhalten, Sommer 1916 (StadtA Mülheim/Ruhr)

Im Deutschen Reich bereitete sich die militärische Führung seit 1915 verstärkt auf Luftangriffe gegen das Rhein-Ruhrgebiet vor. Auf großen Plakaten und in der Presse wurde die Bevölkerung der gefährdeten Städte ab Sommer 1916 auf mögliche Luftangriffe vorbereitet und zu einem "luftschutzmässigen" Verhalten aufgefordert. Im Frühjahr 1917 kam es dann zu ersten umfangreichen Verdunklungsmassnahmen.

Im September 1917 ordnete das VII. Armeekorps in Münster eine generelle nächtliche Verdunklung im Bereich der Städte am Rhein und im westlichen Ruhrgebiet an. Die Verdunklung der Städte sowie der Industrie- und Verkehrsanlagen im Rhein-Ruhrgebiet wurden mehrfach überprüft. Zu diesem Zweck überflog beispielsweise das Luftschiff LZ 93 der kaiserlich-deutschen Marine im Mai 1917 in mehreren aufeinanderfolgenden Nächten die Region, um bestehende Schwachstellen und zusätzliche Tarnmassnahmen zu lokalisieren.

Doch wurde nicht nur der passive Luftschutz seit 1916 forciert betrieben. Auch die Stationierung von Flugabwehr-Einheiten und fliegenden Jagdverbänden erhielt eine hohe Priorität. Im Herbst 1917 befanden sich in Essen, Dortmund und Düsseldorf drei "Flugabwehrkanonengruppen", die durch "Feuerleitung" mit den wichtigsten Industrie-, Verkehrs- und Kommunalbetrieben in ihren Gebieten verbunden waren.

Über dem gesamten Ruhrgebiet mit seinen angrenzenden Regionen erstreckte sich damals ein umfassendes System von Luftmelde- und Alarmierungseinrichtungen. Doch zu den von deutscher Seite befürchteten schweren Luftangriffen kam es dann aber nicht. Die Pläne der britischen Zielstäbe verschwanden in den Schubladen und Archive, nicht aber aus den Köpfen der verantwortlichen Militärs, allen voran Lord Hugh M. Trenchard, der 1918 zum ersten Stabschef der Royal Air Force ernannt worden war.


Zum Thema

Blank, Ralf: Strategischer Bombenkrieg gegen Deutschland 1914-1918, in: Clio-Online - Themenportal Erster Weltkrieg, Berlin 2004. URL: www.erster-weltkrieg.clio-online.de/_Rainbow/documents/einzelne/Luftkrieg14_181.pdf



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