Gauleiter der NSDAP im Ruhrgebiet
Paul Giesler (1895-1945)
von Ralf Blank
![]() | Ortsgruppenleiter und SA-Führer in Siegen, 1928-1934 |
![]() | Führer der SA-Brigade 63 (Oldenburg-Ostfriesland), 1935 |
![]() | Stabsführer der SA-Gruppe Hochland in München, 1936 |
![]() | Leiter der SA-Gruppe Alpenland in Linz, 1937-1938 |
![]() | Wehrdienst als Hauptmann der Infanterie, 1938-1941 |
![]() | Hauptdienstleiter in der Partei-Kanzlei, August 1940 - November 1941 |
![]() | Gauleiter in Westfalen-Süd, November 1941 - Januar 1943 (April 1944) |
![]() | Gauleiter (geschäftsführend) in München-Oberbayern, Juni 1942 - April 1944 |
![]() | Gauleiter in München-Oberbayern, April 1944 - Mai 1945 |
![]() | Ministerpräsident von Bayern, November 1942 - Mai 1945 |
![]() | Mitglied des Reichstags, Januar 1933 - Mai 1945 |
Lebensweg und beruflicher Werdegang
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Paul Giesler (links) mit seinem Stellvertreter Heinrich Vetter, Gaukulturtag in Hagen, 17.5.1942 (W. Lehmacher, Historisches Centrum Hagen) |
Paul Giesler wurde am 15.6.1895 in Siegen als Sohn eines Architekten geboren. Im August 1914 meldete sich der Unterprimaner Giesler freiwillig zum Fronteinsatz und beendete den Ersten Weltkrieg als Leutnant und Kompanieführer eines Garde-Pionierbataillons. Zwischen 1919 und 1921 besuchte Giesler, der seit 1919 Mitglied des paramilitärischen Stahlhelms/Bund der Frontkämpfer war, die Höhere Landesbauschule in Darmstadt.
1922 wurde er nach eigenem Bekunden Mitglied der NSDAP-Ortsgruppe in Siegen und Mitbegründer der SA im Siegerland. Giesler, seit 1922 freischaffender Architekt, betätigte sich seit 1924 als Partei- und Gauredner, SA-Führer und Ortsgruppenleiter. Der offizielle Eintritt in die NSDAP (Mitgliedsnr. 72741) ist jedoch erst für den 1.1.1928 belegt. Am 5.3.1933 als Abgeordneter für den Wahlkreis 18 (Westfalen-Süd) in den Reichstag gewählt, war Giesler zwischen 1933 und Juni 1934 hauptamtlicher SA-Führer im Siegerland sowie Stadtrat in Siegen.
Karriere in der SA und Partei-Kanzlei
Im Zusammenhang mit der Niederschlagung des "Röhm-Putsches" entging Giesler am 30.6.1934 urlaubsbedingt nur knapp einer Verhaftung bzw. möglichen Ermordung. Am 30.7.1934 wurde er dann aber durch den Gauleiter in Westfalen-Süd, Josef Wagner, vor dem Obersten Parteigericht als mutmaßlicher Anhänger des zwischenzeitlich ermordeten früheren SA-Stabschefs Ernst Röhm angeklagt. Vom Parteigericht erfolgte jedoch am 10.4.1935 ein Freispruch Gieslers mangels Beweisen, aber mit der Auflage, sich von seinem Geburtsort Siegen sowie von seinem früheren Wirkungskreis fernzuhalten.
Im Sommer 1935 übernahm Giesler die Führung der SA-Brigade 63 (Oldenburg-Ostfriesland), um 1936 zum Stabsführer der SA-Gruppe Hochland in München ernannt zu werden. Am 9.2.1937 erfolgte die Beförderung zum SA-Gruppenführer (30.1.1943: SA-Obergruppenführer) und ein Jahr später die Leitung der SA-Gruppe Alpenland mit Sitz in Linz an der Donau.
1938 meldete sich der Reserver-Offizier Giesler freiwillig zum Dienst in der Wehrmacht und nahm als Kompaniechef, zuletzt als Hauptmann eines "österreichischen" Infanterie-Regiments, 1939 und 1940 am Angriffskrieg gegen Polen und am "Westfeldzug" gegen Frankreich teil.
Im August 1941 wurde der Wehrmachtsoffizier Giesler von Martin Bormann in die Partei-Kanzlei abgeordnet. Bereits im September 1941 avancierte er in den Dienstrang eines Stellvertretenden Gauleiters (Hauptdienstleiter der NSDAP). Bormann hatte Giesler zu diesem Zeitpunkt als möglichen Ersatz für einen Gauleiter-Posten vorgesehen. Da die Intrige gegen Josef Wagner, die maßgeblich von Bormann betrieben wurde, ihrem Höhepunkt entgegensteuerte, könnte hier ein Zusammenhang bestehen.
Gauleiter in Westfalen-Süd und München-Oberbayern
Die von Hitler am 9.11.1941 in München in Gegenwart der dort versammelten Gau- und Reichsleiter sowie NS-Führungsspitzen in einer entwürdigender Weise vollzogene Absetzung des südwestfälischen Gauleiters Josef Wagner nach einer von Bormann, Himmler und Goebbels gemeinsam inszenierten Verschwörung, bedeutete für Giesler den weiteren Aufstieg in der Parteihierarchie.
Giesler wurde von Hitler mit sofortiger Wirkung zum Nachfolger seines "alten Feindes" bestimmt, ein Hinweis darauf, dass der "Coup" von Bormann vorbereitet war, und zum Gauleiter von Westfalen-Süd sowie zum Preußischen Staatsrat ernannt. Gieslers rund achtmonatige Amtszeit im Gau Westfalen-Süd erweist sich im Rückblick als zu kurz, um größere und einschneidende Rückwirkungen hinterlassen zu haben. Die Erkrankung des einflußreichen und mächtigen Gauleiters in München-Oberbayern, Adolf Wagner, ließen Giesler zu dessen potentiellen Nachfolger aufsteigen.
Am 23.6.1942 wurde Paul Giesler auf Empfehlung von Bormann durch Hitler als geschäftsführender Gauleiter im "Traditionsgau" Oberbayern und München eingesetzt. Im November 1942 übernahm Giesler zusätzlich das Amt des Reichsverteidigungskommissars sowie des federführenden Bayerischen Ministerpräsidenten sowie des Bayerischen Wirtschafts- und Finanzministers.
Wohl aufgrund der Anhäufung von Ämtern und Aufgaben in der Hand Gieslers erfolgte auf Betreiben von Bormann am 26.1.1943 mit Albert Hoffmann im Gau Westfalen-Süd die Einsetzung eines geschäftsführenden Stellvertreters
Die ständige Vertretung Gieslers durch seinen Stellvertreter, dem Hagener Oberbürgermeister Heinrich Vetter, wie sie beispielsweise seit 1940 im Gau Essen praktiziert wurde, kam für den Gau Westfalen-Süd nicht in Frage. Der im Dunstkreis von Skandalen und Affairen agierende Vetter war aus Sicht der Partei-Kanzlei für die selbständige Leitung eines Gaues nicht geeignet.
"Endkampf"
Bis zum Ende des "Dritten Reiches" spielte Giesler immer wieder im Personalkarussell die Rolle eines Ersatzkandidatens für hohe Staats- und Parteiämter. Nach dem Tod des SA-Stabschefs Victor Lutze im Mai 1943 bei einem Verkehrsunfall kam es bei Hitler zu Überlegungen, dieses vakant gewordene Amt Hermann Giesler zu übertragen. Auch als Anwärter für die mögliche Nachfolge des bei Hitler in Ungnade gefallenen Baldur v. Schirach als Gauleiter in Wien wurde Giesler favorisiert.
Nach Adolf Wagners Tod im April 1944 wurde Giesler als Gauleiter von München-Oberbayern sowie Bayerischer Ministerpräsident bestätigt und in die Ämter eingeführt. In München hatte sich Giesler bereits im Winter 1942/43 bei der Niederschlagung der Widerstandsbewegung "Weiße Rose" und der Ermordung ihrer Mitglieder einen Namen als Verfechter brutaler Terrormethoden gemacht.
In Kriegsendphase war Giesler in Planungen des Reichssicherheits-Hauptamtes zur Ermordung von Häftlingen des Konzentrationslagers Dachau und seiner Außenkommandos in Bayern einbezogen. Im April 1945 erfolgte Gieslers Ernennung zum federführenden Reichsverteidigungskommissars-Süd im süddeutschen Raum.
Mit Hilfe von SS-Einheiten schlug Giesler am 28./29.4.1945 in München die "Freiheitsaktion Bayern" unter dem Hauptmann Dr. Rupprecht Gerngroß brutal nieder. Wenige Stunden und Tage von dem Einmarsch von US-Truppen wurden auf Gieslers Veranlassung zahlreiche Menschen ermordet, allein 16 in der "Penzberger Mordnacht".
In Hitlers politischen Testament vom 29.4.1945 wurde Giesler in der Nachfolger aus der Partei und SS ausgestoßenen Heinrich Himmler mit dem Amt des Reichsinnenministers in einer längst nicht mehr existenten deutschen Reichsregierung bedacht. Am 8.5.1945 wurde Paul Giesler auf der Flucht vor den US-Truppen in einem Lazarett bei Berchtesgaden gemeinsam mit seiner Frau nach einem mißlungenen Selbstmordversuch von einem seiner Adjutanten erschossen.
Quellen
Zum Lebenslauf und zur Parteikarriere von Paul Giesler; BA Berlin, Bestand Reich (ehem. Bestand Berlin Document Center), Personalunterlagen Paul Giesler; Akten der Partei-Kanzlei, 103 006614: Schreiben des Generalbevollmächtigen für die Reichsverwaltung an Gauleiter Giesler v. 13.4.1943 betr. Entbindung von der Funktion des Reichsverteidigungskommissars für Westfalen-Süd. Zur angeblichen Verstrickung Gieslers in die sog. Röhm-Affaire s. Hüttenberger 1969, S. 87f. sowie zur Absetzung von Josef Wagner s. Hüttenberger 1989, S. 208 u. Rebentisch 1989, S. 197f. Zum Tod Giesler u. sein Verhalten in der Endphase der Krieges sowie zur "Freiheitsbewegung Bayern" s. Höffkes 1986, S. 89f. sowie Hildebrand Troll: Aktionen zur Kriegsbeendigung im Frühjahr 1945. In: Bayern in der NS-Zeit, Bd. IV. München 1981, hier bes. S. 669; Ziegler, Walter: Die nationalsozialistischen Gauleiter in Bayern. Ein Beitrag zur Geschichte Bayerns im Dritten Reich, in: Zeitschrift für Bayerische Landesgeschichte 58 (1995), S. 427-460.
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