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Historisches Centrum
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Gauleiter der NSDAP im Ruhrgebiet


Dr. Alfred Meyer (1891-1945)


von Heinz-Jrgen Priamus

Gauleiter in Westfalen-Nord, 1930 - April 1945
Reichsstatthalter fr Lippe und Schaumburg-Lippe, 1933 - April 1945




Einleitung: Im Kreise der Mittter




Dr. Alfred Meyer, um 1940 (Institut fr Stadtgeschichte, Gelsenkirchen)

Alfred Meyer war einer von zwei Teilnehmern des Reichsministeriums fr die besetzten Ostgebiete an jener Besprechung am 20. Januar 1942, die nach ihrem Tagungsort, der Berliner Villa "Am Groen Wannsee", gemeinhin unter der Bezeichnung "Wannsee-Konferenz" bekannt ist und die brokratische Regelung des Vlkermordes an den Juden zum Ziel hatte. Insgesamt nahmen 15 Mnner an dieser Konferenz teil. Nur einige der Teilnehmer sind der breiten ffentlichkeit heute noch bekannt. Eigentlich sind es nur drei Namen, die auch bei Nichtfachleuten einen gewissen Bekanntheitsgrad besitzen. Dies allerdings auch noch in anderen Zusammenhngen. 1

Da ist zunchst der Leiter der Konferenz, Reinhard Heydrich, zu nennen, der in der ffentlichkeit heute noch berwiegend als sogenannter Reichsprotektor von Bhmen und Mhren - insbesondere im Zusammenhang mit dem auf ihn in Prag verbten Attentat - ein gewisses Ma an Publizitt besitzt. Der zweite Name ist der Dr. Roland Freislers. Dieser wiederum ist nahezu ausschlielich in seiner Rolle als Prsident des sogenannten "Volksgerichtshofes" bekannt, in der er zahllose Unrechtsurteile fr den NS-Staat fllte, nicht zuletzt aber die Todesurteile ber einen Groteil der Mnner des 20. Juli verhngte. Und schlielich ist da noch Adolf Eichmann, der Leiter des sog. "Judenreferates" im Reichssicherheitshauptamt zu nennen, der in den 1960er Jahren zu trauriger Berhmtheit gelangte, als er vom israelischen Geheimdienst Mossad in Sdamerika aufgesprt, nach Israel entfhrt und in einem die Welt beschftigenden spektakulren Proze in Jerusalem zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde.

Alle anderen Mnner dieser Runde bleiben im Dunkel des Vergessens, wohl nicht zuletzt auch deshalb, weil es - obschon von Verfolgten des NS-Regimes nicht nur nachhaltig gefordert, sondern sogar offiziell gegenber den Justizbehrden beantragt - nie einen Proze gegen die Teilnehmer der Wannsee-Konferenz insgesamt gegeben hat. 2

Auch Alfred Meyer zhlt zu jenen heute "unbekannten" bzw. "in Vergessenheit geratenen" Teilnehmern der Wannsee-Konferenz. Die ber ihn vorliegenden Informationen sind eher sprlich, verstreut ber diverse Bestnde verschiedenster Archive, so da es bislang nicht gelungen ist, sich ein detailliertes Bild ber diese Person zu verschaffen, das man als Gesamtbild bezeichneten knnte. Vor diesem Hintergrund ist es auch erklrlich, da ein die Wannsee-Konferenz betreffendes dokumentarisches Fernsehspiel Alfred Meyer als einen groen bulligen und tobschtigen Menschen darstellt und damit auch rein uerlich eine vllig andere als die reale Persnlichkeit zeichnet, die hinsichtlich der Statur eher klein und zartgliedrig, hinsichtlich der Persnlichkeit eher zurckhaltend war.

Die nachfolgende Skizze will den biographischen Werdegang dieses Mannes nachzeichnen und verdeutlichen, wie aus einem im Bildungs- und Besitzbrgertum des Kaiserreichs verwurzelten Menschen der Nationalsozialist und NS-Tter Alfred Meyer werden konnte. 3

1. Jugendjahre

Man mag es getrost als einen Zufall bezeichnen, da Gustav Alfred Julius Meyer - so sein vollstndiger Name - am 5. Oktober 1891 ausgerechnet in Gttingen zur Welt kam. Besondere Verbindungen der Familie Meyer zu dieser Stadt bestanden nicht. Vielmehr hatte es den Vater Alfred Meyers, Carl Ludwig, und seine Familie, die bis zur Geburt des Sohnes neben ihm aus seiner Ehefrau Elisabeth und der gleichfalls in Gttingen zur Welt gekommenen Tochter Margarethe bestand, "auf Anordnung" seines "Dienstherrn" nach Gttingen verschlagen. Carl Meyer war nmlich preuischer Beamter und zu jenem Zeitpunkt kniglicher Regierungsbaumeister. In dieser Eigenschaft durchlief er zahlreiche geographische Stationen im gesamten deutschen Reich. An keinem Ort durfte es ihn zumeist lnger als zwei Jahre lang halten. 4

Carl Meyer und seine Ehefrau Elisabeth, beide miteinander weitlufig verwandt, entstammten einer Essener Industriellenfamilie. Dieser gehrte anteilig eines der frhesten Essener Industrieunternehmen, das Blechwalzwerk Schulz, Knaudt & Co., das schlielich in den Mannesmann Rhrenwerken aufging, was offenbar gleichbedeutend mit der Rettung des angesichts notwendig gewordener Umstrukturierungen bzw. Expansionen in Not geratenen Unternehmens war. Nachdem dieses bereits 1889 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden war, wurden nunmehr die Schulz-Aktien in Mannesmann-Aktien eingetauscht. Die mittlerweile weitverzweigte Familie Schulz, zu der auch Alfred Meyer und seine Eltern zhlten, drfte davon erheblich profitiert haben.

In Gttingen sollten Carl Meyer und seine Familie auch nicht mehr als zwei Jahre zubringen, um 1892 erneut die unfreiwillige Wanderschaft, die ihnen der preuische Staat auferlegt hatte, fortsetzen zu mssen. Als nchste Stationen standen die Stdte Vlklingen/Saar, wo man nicht einmal 1 Jahre wohnte, Trier und Saarbrcken "auf dem Programm". Weitere Versetzungen fhrten nach Wiesbaden und Allenstein, wo Alfred Meyer eingeschult wurde. An Sehaftigkeit war aber immer noch nicht zu denken, denn erneut wurde der Vater Alfred Meyers mit Bauauftrgen an einem anderen Ort versehen, diesmal Kreuzburg in Oberschlesien.

In Kreuzburg wurde Alfred Meyer zu Ostern des Jahres 1901 auch in die Sexta des dortigen Gymnasiums aufgenommen. Der bergang von der Volksschule ins Gymnasium darf als durchaus "standesgem" bezeichnet werden, d. h., er entsprach der Schichtzugehrigkeit und dem bildungsbrgerlichen Status der Familie Meyer, war gleichwohl gesamtgesellschaftlich gesehen ein beraus elitrer Schritt. Denn das Gymnasium fungierte zu jener Zeit als auerordentlich enges Nadelhr, durch das nur ganz wenige in das hhere Bildungswesen gelangten. Alfred Meyer sollte die Schule in Kreuzburg allerdings nicht einmal ein halbes Jahr, nmlich bis zum Herbst des Jahres 1901 besuchen. Ein erneuter Wechsel stand an: Soest - eine Stadt, die den Eltern Meyers nicht ganz unbekannt war, stammte doch die Familie Elisabeth Meyers vterlicherseits aus dieser westflischen Kleinstadt. Hier sollte das viele Umherziehen tatschlich ein Ende finden.

Carl Ludwig Meyer erwarb das "Haus am Spiegel", eine Investition, die er sich, obwohl in der preuischen Beamtenhierarchie durchaus eine exponierte Stellung einnehmend, wohl nur dank seines familiren finanziellen Hintergrundes leisten konnte. Carl Meyer fungierte als Kreisbauinspektor und avancierte nicht zuletzt aufgrund dieser Funktion recht bald zu einer stadtbekannten Persnlichkeit. 5

Alfred Meyer wurde nunmehr in das altehrwrdige "Knigliche Archi-Gymnasium", das einzige Gymnasium der westflischen, in hansischer Tradition stehenden Kleinstadt aufgenommen. ber seine Zeit an dieser Schule, sein Verhalten, seine Leistungen ist uns kaum etwas bekannt. Augenscheinlich hatte er, wie er im Juli 1911 selbst feststellte, im Kanon der Unterrichtsfcher einige besondere Vorlieben. "Von den Unterrichtsgegenstnden fesselt mich neben Deutsch und Geschichte besonders die griechische Philosophie, wie sie mir in Platos Worten erffnet wurde und von dem rmischen Dichter Horaz", schrieb er zu diesem Zeitpunkt etwas holperig in seinem Gesuch auf Zulassung zur Reifeprfung. Auerdem trieb er, wie er weiter betonte, "fleiig Sport". 6 Dies fhrte schlielich dazu, da er im Fach Turnen auf dem Abiturzeugnis als einziger die Note "sehr gut" vorweisen konnte. Alfred Meyer nahm offenbar, nicht zuletzt aufgrund des gutsituierten brgerlichen Elternhauses, das ihm manche Annehmlichkeiten, wie fr die Zeit bereits recht weitreichende Reisen, die ein 17- bzw. 18jhriger ansonsten zu unternehmen kaum imstande war, die Schule nicht allzu ernst. Wobei es ihm keineswegs an Intelligenz mangelte. Dies bescheinigten ihm auch seine Lehrer, als er sich 1911 schlielich zur Reifeprfung meldete. Whrend die Arbeiten in Griechisch, Mathematik und Latein naturgem wenig individuell kreativen Spielraum einrumten und uns damit heute keine Rckschlsse auf das Leben, Denken und Fhlen des nahezu 20jhrigen Abiturienten erlauben, erweist sich der von Alfred Meyer abgelieferte Deutschaufsatz als aufschlureich und durchaus kennzeichnend fr seinen weiteren Lebensweg. 7

Unter drei Prfungsaufgaben hatten er und seine sechs Mitprflinge die Wahl. "Bildung ist Macht" lautete die erste, "Welcher Mittel bedient sich Goethe in seinem Egmont, um den Helden des Stckes zu charakterisieren?" die zweite und "Wodurch ist Rom gro geworden?" die dritte Aufgabe. Alfred Meyer whlte Thema Nummer 1.

Das Thema stellt eine Variation des erstmals von Francis Bacon im Jahre 1598 geprgten, gegen den Feudalstaat gerichteten Satzes dar, der ursprnglich "Wissen ist Macht" lautete. Im 19. Jahrhundert hatte der Leipziger Verlagsbuchhndler Joseph Meyer diesen Ausspruch in "Bildung macht frei!" umgemnzt, um unter diesem Motto seine billigen Klassikerausgaben im wahrsten Sinne des Wortes unters Volk zu bringen. Nachdem in Deutschland die Arbeiterbewegung entstanden war und zunehmend Fu zu fassen begann, stellten beide Varianten durchaus einen zentralen Punkt der Auseinandersetzung zwischen liberalem Brgertum und organisierter Arbeiterschaft dar.

Auf 14 handschriftlichen, aus Korrekturgrnden jeweils nur zur Hlfte beschriebenen Seiten kam Alfred Meyer zu dem Ergebnis, da "Bildung die Macht [ist, J. P.] die alles an ihren Siegeswagen fesselt. Wenn auch der Weg zur Bildung rauh und beschwerlich ist, so soll man ihn doch einschlagen, denn Mensch sein heit, Kmpfer sein[,] und nur dem Ernst, dem keine Mhe bleichet, winkt die Krone." Hinter dieser, wie auch Dr. Niemller, der Deutschlehrer der Klasse, feststellte, schwlstigen Zusammenfassung seiner Gedankengnge, steht eine Grundhaltung, die den Bildungsbegriff macchiavellistisch instrumentalisiert. Bezeichnenderweise vernderte Meyer das vorgegebene Thema. Aus "Bildung ist Macht" wurde bei ihm "Bildung gibt Macht". Eine von seiten des korrigierenden Lehrers wohl bemerkte, aber nicht monierte, scheinbar geringfgige Vernderung ohne groe Tragweite fr die Benotung. Und dennoch ermglichte Meyer erst dieser Kunstgriff, das Thema, das in seiner eigentlichen Fassung eher statisch wirkt, zu dynamisieren. Erst damit erschien es ihm offenbar mglich, jene drei Hauptaspekte herauszuarbeiten, die ihm in diesem Zusammenhang am wichtigsten erschienen: Bildung als Machtinstrument zur Beherrschung der Natur, Bildung als Machtinstrument zur Beherrschung der Mitmenschen und Bildung als Machtinstrument des Menschen zur Beherrschung seiner selbst.

Von der mndlichen Prfung wurden Meyer und drei weitere Kandidaten befreit. Allen gemeldeten Teilnehmern wurde am Ende der Prfung die "Reife" bescheinigt. Im Gegensatz zu anderen, die auf dem langen Weg zum Abitur bereits frhzeitig die Segel hatten streichen mssen - die Zahl der scheiternden Gymnasiasten war auch nach der Jahrhundertwende noch auerordentlich gro -, hatten Meyer und seine "conabiturientia" das Ziel erreicht.

2. Offizier und Weltkriegsteilnehmer

Meyer hatte aus Anla seines Antrags auf Zulassung zur Reifeprfung als Berufswunsch den des Offiziers angegeben. Nicht zuletzt drfte ein Onkel als Vorbild gedient haben, der gleichfalls Berufsoffizier war. "Mir scheint es eine schne Lebensaufgabe zu sein, dem deutschen Reiche tchtige Soldaten heranzubilden und an der Erziehung der unteren Volksschichten zu sittlichen, kaisertreuen Soldaten mich zu beteiligen", lautete die Begrndung fr diesen Berufswunsch. 8 Dennoch ging Meyers Wunschtraum, Offizier zu werden, nicht sogleich in Erfllung. Die Grnde hierfr sind nicht mehr zu ermitteln. Mglicherweise waren die Aufnahmekapazitten der fr ihn in Frage kommenden Regimenter bereits erschpft, mglicherweise geriet ihm aber auch seine brgerliche, besser: seine nicht-adelige Herkunft in diesem Falle zum Nachteil und verhinderte seine sofortige Aufnahme ins Militr, herrschte doch nach wie vor hinsichtlich der Aufnahme der Offiziersaspiranten eine Art "Adelsmonopol", auch wenn dieses sich mehr und mehr abzuschwchen begann. 9 Vielleicht lagen die Grnde aber auch ganz woanders. Wir wissen es heute nicht, und es lt sich auch nicht mehr in Erfahrung bringen. Jedenfalls setzte Meyer seinen Berufswunsch nicht unmittelbar um, sondern begann an der Universitt von Lausanne in der Schweiz mit dem Studium der Rechtswissenschaften. Gerade diese Universitt geno, was das Fach angeht, einen ausgezeichneten Ruf. Alfred Meyers juristisches Studium in Lausanne blieb indessen Episode. Nicht einmal das erste Semester brachte er zu Ende, denn berraschenderweise bekam er zu diesem Zeitpunkt doch noch die Chance, Offizier zu werden. Wie in einem anderen Zusammenhang deutlich wird, hatte ihm dabei ganz offenbar ein alter Freund aus Kreuzburg, der bereits Offizier beim "6. Rheinischen Infanterie-Regiment Nr. 68" in Koblenz war, Hilfestellung geleistet. 10

In den Jahren 1912 bis 1914 verlief das militrische Leben des wohlhabenden Brgersohns aus der Kleinstadt ohne nennenswerte Hhen und Tiefen, d. h. die Offizierskarriere entwickelte sich gewissermaen planmig. Der Ernennung zum Fhnrich im Oktober des gleichen Jahres folgte der Besuch der "Kriegsschule" fr Offiziere in Metz, wo er am 16. Juni 1913 sein Offizierspatent erhielt, um in sein Koblenzer Regiment zurckzukehren und dort nur einen Tag spter zum Leutnant befrdert zu werden. 11

Und dann geschieht das, was zu einer Reihe von "Entwicklungsstrungen" und Brchen in Meyers Biographie fhren wird. Im August 1914 beginnt der spter so genannte Erste Weltkrieg. Vorausgegangen war eine ungeahnte Welle nationaler Erregung und der immer lauter werdende Ruf nach deutscher Weltgeltung. Meyer, der - wie die Masse der Deutschen sicherlich auch - als ein willfhriges Objekt der deutschen Kriegspropaganda betrachtet werden mu, ist von Anbeginn dabei. Seit dem 2. August 1914 Kompanieoffizier im "Brigadeersatzbataillon 30", aus dem das neuformierte Infanterieregiment 363 hervorgehen wrde, blieb von seinen, im Umfeld des Abiturs geuerten Trumen, auch die "einfachen Mnner" zu "kaisertreuen Soldaten" erziehen zu wollen, wenig brig. Schmutzigstes Kriegshandwerk war angesagt. Authentische Zeugnisse Meyers aus der Zeit selbst, die Aufschlu ber die Einschtzung der Situation geben knnten, liegen nicht vor. Dennoch ist, und das nicht nur aufgrund der in der NS-Zeit entstandenen retrospektiven selbstverklrenden autobiographischen Aussagen anzunehmen, da Meyer den Kriegsausbruch mit Begeisterung begrt hatte. Auerdem - der Krieg beschleunigt militrische Karrieren und sei es nur deshalb, weil auch vorgesetzte Offiziere "fallen" oder angesichts der soldatischen Massen, die man als Kanonenfutter bentigt, mehr "Fhrungskrfte" gebraucht werden. So nimmt es nicht wunder, da Meyer kaum einen Monat nach Eintritt in das Bataillon am 31. August 1914 zum Fhrer der dritten Kompanie avanciert, um schlielich einen weiteren Monat spter schon wieder zu wechseln und am 20. September die Aufgabe des Bataillonsadjutanten bertragen zu bekommen. In dieser Phase und in der Folgezeit nahm er an zahlreichen Kmpfen an der deutschen Westfront teil. Zweimal verwundet und mit dem Eisernen Kreuz II. ebenso wie I. Klasse sowie dem Verwundetenabzeichen dekoriert, geriet er im April 1917 in franzsische Kriegsgefangenschaft, fr Meyer nach eigenen Angaben eine Zeit, die einen traumatisch-schockhaften Zustand bei ihm hinterlie und den ohnehin vorhandenen Ha gegen den "Erbfeind" Frankreich ins Unermeliche steigerte. Inwieweit Meyers Angaben, da er whrend seiner langen Gefangenschaft, die immerhin bis 1920 dauerte, schikansen Verhaltensweisen von franzsischer Seite ausgesetzt gewesen war, ist nicht verifizierbar, kann aber auch nicht ausgeschlossen werden.

Knapp 14 Tage bevor Meyer in franzsische Kriegsgefangenschaft geraten war, waren die USA in den Krieg eingetreten. Dieses Datum, der 6. April 1917, und das der russischen Oktoberrevolution markierten die Wende im Krieg, waren aber auch das Synonym fr eine Vernderung der Welt schlechthin. Meyer konnte diese Prozesse aus seiner Gefangenschaft heraus nicht oder kaum mehr wahrnehmen. Damit mute es bei ihm zwangslufig hinsichtlich der Erfassung der politischen wie der sozialen Realitt zu einem auerordentlich tiefgehenden Bruch kommen, als er aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde. Am 14. Mrz 1920, einem der letzten Gefangenentransporte berhaupt, kehrte Meyer ber die Schweiz nach Deutschland zurck. Im April nahm er seinen offiziellen Abschied aus der Reichswehr. Schlielich erhielt er im Oktober 1920 den "Charakter als Hauptmann" und die Erlaubnis zum Tragen der Uniform des 68. Infanterieregiments zugesprochen. Zu jenem Zeitpunkt war die Formierung des Deutschland nach dem Versailler Vertrag zugestandenen "100.000-Mann-Heeres" lngst abgeschlossen. Als Offizier war er nicht untergekommen und wrde auch nie mehr eine Chance haben unterzukommen. Sein erstes persnliches Lebensziel war damit gescheitert.

3. Neuanfang und Suche

Vor dem beruflichen Nichts stehend nimmt der fast 30jhrige im Sommersemester 1920 in Bonn das unterbrochene Jurastudium wieder auf, um nach nur einem Semester an die Universitt Wrzburg zu wechseln. 12

Nicht nur fr ihn selbst bedeutete der verlorene Erste Weltkrieg einen tiefen Einschnitt. Die nicht zuletzt als Folge der Kriegsfinanzierung immer schneller galoppierende Hyperinflation zeitigte in seinem Elternhaus augenscheinlich unabsehbare Folgen. Wie bereits erwhnt, drfte ein Groteil des elterlichen Vermgens in Aktienbesitz, wohl aber auch in Barkapital bestanden haben, das nun der Inflation zum Opfer fiel. Fr Alfred Meyer bedeutete dies nicht zuletzt, da er ein Studium, ganz anders als seinen Gymnasialbesuch, keinesfalls auf der Basis gesicherter elterlicher Finanzen absolvieren konnte. Er war vielmehr gezwungen, fr seinen Lebensunterhalt weitgehend selbst zu sorgen. Dies tat er als - wie er selber im nachhinein bekundete - "kaufmnnischer Angestellter" bei der Bergwerksgesellschaft "Graf Bismarck" in Gelsenkirchen. Ob es tatschlich kaufmnnische Angestelltenttigkeiten waren, die er ausgebt hatte, oder aber nur Hilfsttigkeiten, mag dahingestellt sein. Allerdings darf man davon ausgehen, da seine Arbeit in diesem Bereich angesiedelt war und er nicht, wie es Alfred Rosenberg in seinen in der Nrnberger Haft kurz vor seiner Hinrichtung zu Papier gebrachten "letzten Aufzeichnungen" festhlt, als Arbeiter seinen Lebensunterhalt verdiente. 13

Ungewhnlich erscheint es auf den ersten Blick, da der eigentlich in Soest ansssige Meyer ausgerechnet in der Ruhrgebietsstadt Gelsenkirchen, zu der weder er noch seine Familie bis dahin irgendwelche Beziehungen unterhielten, als "Werkstudent", wie es damals hie, arbeitete. Dies drfte jedoch im Zusammenhang mit Kontakten und Beziehungen stehen, die sich bis in die Zeit der Firmengrndung des Blechwalzwerks Schulz, Knaudt & Co. zurckfhren lassen. So hatte der Firmengrnder Carl Julius Schulz auch Anteile an verschiedenen Bergwerken erworben. So etwa auch an der Zeche "Verein Bickefeld" in Dorsten, die 1904 von der Gewerkschaft "Graf Bismarck" aufgekauft wurde. Als Kompagnon von Carl Julius Schulz als Firmengrnder hatte 1855 auch Friedrich Funke fungiert, der allerdings schon 1866 aus dem Unternehmen wieder ausschied und zusammen mit Friedrich Grillo u.a. das Blechwalzwerk Grillo, Funke & Co. in Schalke, heute ein Ortsteil Gelsenkirchens, grndete. Beide Werke wiederum gingen, wie schon erwhnt, in den Mannesmann Rhrenwerken auf. Und schlielich ist darauf zu verweisen, da Friedrich Grillo wiederum als Initiator der 1868 gegrndeten Zeche "Graf Bismarck" agierte.

Alfred Meyer schlo schon Ende des Jahres 1922 sein Studium in Wrzburg mit dem Doktor der Staatswissenschaften ("Dr. rer. pol.") ab. 14 Sein "Doktorvater" war Prof. Christian Meurer, der bereits seit 1889 an der Julius-Maximilians-Universitt Wrzburg Rechtswissenschaft lehrte und als ausgewiesener Vlkerrechtler galt. 15 Alfred Meyer legte eine Dissertation zum Thema "Der belgische Volkskrieg" vor. Ausgangspunkt der Arbeiten waren von den Siegermchten erhobene Anschuldigungen, Deutschland habe bei dem zu Beginn des Ersten Weltkrieges erfolgten Einmarsch deutscher Truppen nach Belgien nicht nur die Neutralitt des Nachbarstaates miachtet und damit gegen bestehendes Vlkerrecht verstoen, sondern auch gegen internationale Konventionen, die das Verhalten der gegnerischen Kriegsparteien untereinander, die Art der Kriegsfhrung und der einsetzbaren Waffen, wie auch den Umgang mit Kriegsgefangenen regelten, da man mit ausgesprochener Grausamkeit gegen die belgische Bevlkerung vorgegangen sei. Meyer behandelt dieses Thema 180 Seiten lang allerdings keineswegs nur unter juristisch-staatswissenschaftlichen Gesichtspunkten. Vielmehr verfllt er immer wieder in eine ausgesprochen tagespolitisch orientierte, teils chauvinistische Formen annehmende Errterung, die nur eines zum Ziel hat - die Exkulpierung Deutschlands und der Deutschen im Zusammenhang mit ihrem Einmarsch in Belgien. Meyers Argumentation gipfelt in einer Umkehrung des tatschlichen Sachverhalts, da nmlich aufgrund des angeblichen Deutschenhasses der Belgier, die die deutschen Armeen widerstandslos htten durch ihr Land nach Frankreich vorstoen lassen mssen, sich auf belgischer Seite eine Art der Kriegsfhrung entwickelt htte, die auf deutscher Seite wiederum notwendigerweise spezifische Reaktionen nach sich ziehen mute. Schlielich seien die Deutschen nicht mit der Absicht zu zerstren, zu rauben und zu morden in Belgien einmarschiert, htten sich allerdings mit Beginn des "Franktireurkrieges" zu bestimmten Verhaltensweisen gentigt gesehen. Meyer kommt auf der Basis der von ihm ausgewerteten Literatur, nicht zuletzt der Arbeiten Christian Meurers, weiterhin zu dem Ergebnis, da es nach erfolgter militrischer Besetzung eines Landes in dem jeweils besetzten Gebiet kein Recht zur Volkserhebung mehr gebe. Wenn es dennoch seitens der belgischen Bevlkerung zu Gewalthandlungen gegenber den deutschen Soldaten gekommen sei, so htten diese das nicht ohne weiteres hinnehmen knnen. "Es wird der belgischen Regierung nicht glcken," so Meyer, "die grosse Lge aufrecht zu erhalten [!], dass es eine reine Erfindung der Deutschen sei, dass die Zivilbevlkerung im Invasions- und Okkupationsgebiet geschossen habe. Nicht nur ber eine harmlose Bevlkerung wurden die Strafgerichte ... verhngt. Planmssiger berfall und hinterlistiger Mord drckte den Deutschen die Abwehrwaffen in die Hand und nicht blinde Zerstrungswut." Schlielich zieht er das vorlufige Resmee: "Htte auch das Vlkerrecht die Volkserhebung im Okkupationsgebiet sanktioniert - was es nicht getan hat -[,] nie und nimmer wrde dieser meuchlerische Freischrlerkrieg vor dem Vlkerrecht bestehen knnen." 16

Christian Meurer war indes nicht nur auf seine ureigenste Ttigkeit als Hochschullehrer beschrnkt. Vielmehr stand er vom Sommer 1922 bis zum November 1925 dem dritten Unterausschu des Vlkerrechtsausschusses des deutschen Reichstages, der sich mit der Nachprfung der dem deutschen Reich zur Last gelegten Kriegsverbrechen whrend des ersten Weltkriegs befate, als Sachverstndiger zur Verfgung. In dieser Eigenschaft erstattete er vier groe Gutachten. Eines davon trug den Titel "Der belgische Volkskrieg". 17

Ursprnglich hatte Alfred Meyer wohl die Absicht, nach Abschlu seines Studiums beruflich als Bankbeamter Fu zu fassen, wobei er offensichtlich bereits einen Arbeitsplatz bei der Barmer Bank in Soest in Aussicht gestellt bekommen hatte. Aus bislang unbekannten Grnden zerschlugen sich diese Plne aber. Statt dessen kehrte Meyer nunmehr als "Zechenbeamter" auf die Zeche "Graf Bismarck" in Gelsenkirchen zurck, wo er bis zum September 1930 ttig sein sollte. 18 Erneut hatten sich seine Berufsplne nicht realisieren lassen. Hinzu kommt, da er mit dem Abschlu des Doktors der Staatswissenschaften, den er Anfang 1923 um das erste Staatsexamen in den Fchern Nationalkonomie, Finanz- und Staatswissenschaft sowie Vlkerrecht erweitert hatte, keine besonders gute Ausgangsbasis fr eine breit angelegte berufliche Karriere besa. Diese wre dann vorhanden gewesen, wenn Meyer auch das zweite juristische Staatsexamen htte vorweisen knnen und damit "Volljurist" gewesen wre. Dies war er jedoch nicht.

Die folgenden Jahre Meyers mssen insgesamt als eine Phase des Suchens eingeordnet werden. Nach wie vor war Soest, obwohl er in Gelsenkirchen seiner Arbeit nachging, der Lebensmittelpunkt fr den inzwischen ber 30jhrigen. Hier in Soest suchte er anfangs auch ber gesellschaftliche Kontakte seine Berufs- und Lebenssituation zu verbessern. Mit Hilfe eines nahen Verwandten fand er im Jahre 1924 auf diese Weise auch Zugang zu den Soester Freimaurern, was ihm Jahre spter, als er lngst zum NSDAP-Gauleiter aufgestiegen war, durchaus Probleme bereiten sollte. Allerdings fand er bei den Freimaurern wohl auch nicht das, was er suchte. Jedenfalls verblieb er im Status des "Lehrlings". Fr ihn ein Glck, kam er damit doch in der Zeit seiner NS-Karriere gewissermaen mit einem "blauen Auge" davon. 19

Von politischen Aktivitten, gar der aktiven Mitgliedschaft in einer politischen Partei, scheint Meyer in dieser Phase weit entfernt gewesen zu sein. Verbunden mit Suche und Orientierung waren vielmehr auch private Vernderungen, die ihn langfristig schlielich doch seinen Lebensmittelpunkt von Soest nach Gelsenkirchen verlagern lieen. Im August 1925 schlo Alfred Meyer die Ehe mit der schon fast 30jhrigen Dorothee Capell. Diese entstammte einer alteingesessenen Soester Buchhndlerfamilie. Das frisch vermhlte Ehepaar bezog in Gelsenkirchen eine "Zechenbeamtenwohnung". Dorothee Meyer, die als Pianistin zum Zeitpunkt der Eheschlieung ber ein hheres Einkommen als ihr Ehemann verfgt hatte, gab gleichzeitig ihre musikalische Karriere auf. Nur noch gelegentlich arbeitete sie als Klavierlehrerin. In Gelsenkirchen-Bismarck, wo sich das Ehepaar niederlie, sollte sie sich nie wirklich heimisch fhlen. Im Jahre 1926 kommt die erste Tochter der Meyers, Ilselore, zur Welt. Bis zum Jahre 1939 sollten vier weitere Tchter folgen. 20

Alfred Meyer konzentriert sich Mitte der 1920er Jahre im wesentlichen auf das Private. Fr seine erstgeborene Tochter legt er eine Art Tagebuch an, damit diese, die diese Phase selbst nicht bewut miterleben kann, das Leben ihrer Eltern im nachhinein nachvollziehen kann. 21

Eine einzige Aktivitt des spteren NS-Funktionrs in dieser Phase knnte als im weitesten Sinne ffentliches politisches Bekenntnis gegen die Weimarer Demokratie interpretiert werden: Alfred Meyer tritt in diesen Jahren dem Kriegerverein "Frst Otto von Bismarck" bei. Der Verein, der sich wohl nicht zuletzt aus leitenden Mitarbeitern der Zeche "Graf Bismarck" rekrutierte, gehrte dem reaktionren Kyffhuserbund an. Meyer sollte schon bald zu dessen Vorsitzendem aufsteigen, ein Amt, das er erst 1930 abgeben wrde. 22

4. Lokalpolitik

Bis zum Jahre 1928 ist nicht erkennbar, da Alfred Meyer in eine irgendgeartete Beziehung zu der sich zwar auch im Ruhrgebiet entwickelnden, aber alles in allem doch auerordentlich schwachen NSDAP getreten wre. Mglicherweise schien ihm diese Partei, die im Westen des Reiches mit dem sogenannten "Straer-Flgel" scheinbar "sozialistisch" ausgerichtet war, allzu proletarisch. Am 1. April 1928 waren indes alle Vorbehalte, sofern es sie tatschlich berhaupt jemals gegeben haben sollte, gewichen. Alfred Meyer tritt an jenem Tag der NSDAP bei. 23 Die Motive hierfr bleiben im dunkeln. Ein herausragendes Ereignis, wie etwa ein besonderer Wahlerfolg der Rechtsradikalen, gab es als Anla nicht. Wahrscheinlich wurde er durch sein Umfeld auf der Zeche "Graf Bismarck" zu diesem Schritt animiert, denn es war eine ganze Reihe von Mitarbeitern eben jener Zeche, die zu diesem Zeitpunkt gleichfalls den Zugang zur NSDAP fand. Vielleicht war es aber auch in gewisser Weise ein Wechsel auf die Zukunft, den Meyer ausstellte, indem er hoffte, ber diese Partei die bislang ausbleibende Karriere forcieren zu knnen.

Seit 1922/23 gab es in Gelsenkirchen ebenso wie in Buer, das bis zum Jahre 1928 eine selbstndige Stadt war, kleinere Gruppierungen der NSDAP, die, unmittelbar nach ihrer Entstehung sofort wieder verboten, nach der Verbotszeit 1925 wieder ins Leben gerufen worden waren. Sowohl 1922/23 als auch 1925 war die Zahl der Mitglieder kaum erwhnenswert. Politisch besonders bedeutsam waren diese Gruppen von daher weder vor 1923 noch unmittelbar nach ihrer Wiedergrndung.

1925 verfgte die NSDAP ber kaum mehr als 27.000 Mitglieder im ganzen Reich. Fr Gelsenkirchen liegen fr diesen Zeitraum keine Mitgliederzahlen vor, zieht man jedoch Parallelen zum Ruhrgebiet, so darf man davon ausgehen, da sich die Mitgliederentwicklung als uerst zh erwies, wenn sie nicht gar stagnierte. Und selbst 1929 kamen die Gelsenkirchener Nationalsozialisten nicht ber 350 Mitglieder hinaus. Allerdings werden sie von der sie berwachenden Polizei als "fhrend" im NSDAP-Bezirk Emscher-Lippe bezeichnet, der insgesamt 631 Mitglieder gezhlt haben soll.

Alfred Meyer erlebte nach seinem Eintritt in die Partei einen schnellen Aufstieg in deren Hierarchie. Bereits im Jahr seines Eintritts avancierte er zum Ortsgruppenleiter "Gro-Gelsenkirchen". Ganz offenbar steigerte er tatschlich die NSDAP-Aktivitten dieser Stadt und trat schon 1929, nach dem Weggang von Fritz Florian nach Dsseldorf, dessen Nachfolge als Bezirksleiter Emscher-Lippe innerhalb des Gaues Westfalen an. Bei den im November 1929 stattfindenden Kommunalwahlen zieht er als bis dahin erster und einziger Nationalsozialist in den Rat der Stadt Gelsenkirchen ein. Er profitiert dabei erneut vom Weggang Florians, der das auf Platz 1 der Liste errungene Mandat nicht antreten kann. Meyer geriert sich in der Stadtverordnetenversammlung mit seiner demagogischen Rhetorik als einer der belsten Gegner und Hasser der Demokratie und der Republik von Weimar. Gleichzeitig entwickelt er unermdlich werbende Aktivitten fr die NSDAP auch auerhalb des Rates. Versammlung folgt auf Versammlung, Rede auf Rede. Dies, aber nicht zuletzt auch die prekre wirtschaftliche Situation, fhrt zu einem massiven Mitgliederzuwachs der NS-Partei. Im gesamten Gau Westfalen, so die Berichte der politischen Polizei, steigerte sich die Mitgliederzahl von der Jahreswende 1929/30 bis zum 1. September 1930 von anfangs 3.500 auf 11.500 Mitglieder. Zwar liegen fr den von Meyer geleiteten Bezirk keine entsprechenden Zahlen vor. Die Tatsache, da man dreimal die Geschftsstelle wechselt und sich dabei stets vergrert, legt jedoch die Vermutung nahe, da auch hier immense Steigerungsraten zu verzeichnen waren.

Die Aktivitten Meyers und - aus der Sicht der Nazis - seine Erfolge ebenso wie eine wohl durchaus bemerkenswerte Eloquenz bzw. rhetorische Begabung fhrten dazu, da Meyer auf Platz 1 der nationalsozialistischen Liste im Wahlkreis Westfalen-Nord fr die Nationalsozialisten zum Reichstag kandidierte und gewhlt wurde. Er war damit nach dem 14. September einer von 107 NSDAP-Abgeordneten im Deutschen Reichstag - ein Ergebnis, das so von niemandem erwartet worden war, hatte die NS-Partei doch zuvor immerhin nur ber eine Fraktionsstrke von 12 Abgeordneten verfgt. In dieser Phase gewann Alfred Meyer intensive Kontakte, nicht nur zu Adolf Hitler, sondern auch zu anderen fhrenden Nationalsozialisten, die mit ihm gemeinsam in der NSDAP-Fraktion vertreten waren. Hier ist insbesondere Alfred Rosenberg zu nennen, mit dem er sich recht bald in einer Art Geistesverwandtschaft verbunden fhlen sollte und der seinen weiteren Lebensweg nachhaltig prgen sollte.

5. Gauleiter, Reichsstatthalter und Oberprsident

Es berraschte alle Beobachter der regionalen Szene, d.h. die ffentlichkeit ebenso wie die die NSDAP wegen ihrer radikalen Umtriebe beobachtende Polizei, da Alfred Meyer Anfang Januar 1931 auf seine Funktion als Leiter des zum Gau Westfalen zhlenden NSDAP-Bezirks Emscher-Lippe verzichtete. Ebenso berraschend legte er sein Mandat in der Gelsenkirchener Stadtverordnetenversammlung nieder. Allerdings bedeutete dieser Schritt keineswegs, wie Zeitgenossen flschlicherweise vermuteten, da sich Meyer ins Privatleben zurckgezogen hatte. Im Gegenteil, er hatte einen weiteren Schritt auf der Karriereleiter innerhalb der NSDAP vollzogen und war von Hitler zum Leiter des aus der Teilung des Gaues Westfalen hervorgegangenen Gaues Westfalen-Nord ernannt worden. Leiter von Westfalen-Sd wurde der bisherige Gauleiter Westfalens, der Bochumer Josef Wagner. Meyer gehrte damit zu den nur 29 Gauleitern, die bereits vor 1933 in diese Funktion gelangt waren. 24

Die Gauleitung des neuen Gaues blieb zunchst in Gelsenkirchen, was sich erst im Oktober 1932 ndern sollte, als man den Sitz in das katholische Mnster verlegte. Als Gauleiter hatte Meyer indes einen politisch und sozial heterogenen und schwierigen Gau bernommen. Dessen war sich Meyer auerordentlich bewut.

Um so positiver fr ihn und seine Karriere war es, da der NSDAP-Gau Westfalen-Nord auch Lippe und Schaumburg-Lippe umfate. Denn gerade in diesem Land errangen die Nationalsozialisten unter enormem personellen Einsatz bei den am 15. Januar 1933 stattfindenden Wahlen 39,5 Prozent der Stimmen und avancierten damit zur strksten Partei. 25 Meyer war als Gauleiter an diesem Wahlsieg der Nationalsozialisten in exponierter Stellung beteiligt, wenngleich er hinsichtlich der Wahlkampffhrung in den Kreisen der Parteileitung nicht unumstritten war. 26 Nichtsdestotrotz beanspruchte Meyer nunmehr auch staatliche mter und Macht und erhielt sie: Am 16. Mai 1933 wurde er von Hindenburg auf Vorschlag Hitlers zum Reichsstatthalter von Lippe und Schaumburg-Lippe ernannt - eine Berufung, die allerdings keineswegs von vornherein feststand und auch nicht unumstritten war. Obgleich nur im kleinsten deutschen Staat, war die Satrapenfunktion mit der Bezeichnung "Reichsstatthalter" auch in einem nicht so wichtigen Land (zumindest vorbergehend) offenbar auerordentlich attraktiv. 27

Zwar wurde Meyer nicht einmal drei Jahre spter bereits ein weiteres Staatsamt bertragen, das des Staatsministers von Lippe und Schaumburg-Lippe, 28 was ihm jedoch immer noch fehlte, war die Position des Oberprsidenten der Provinz Westfalen. Mit diesem Amt war auf Dauer zweifelsohne mehr Renomme bzw. Prestige verbunden, als dies in der wenig wichtigen Funktion des Statthalters in einem wenig bedeutenden deutschen Teilstaat der Fall war. Im brigen mute Meyer ohne das Amt des Oberprsidenten der Provinz Westfalen zwangslufig auf den ber diese Funktion auszubenden Einflu auf den greren Teil seines Gaugebiets verzichten.

Fr ihn mute es eine herbe Enttuschung gewesen sein, als Josef Terboven, Leiter des benachbarten Essener NSDAP-Gaus, und Josef Wagner, seines Zeichens Leiter des Gaus Westfalen-Sd, 1935 jeweils zu Oberprsidenten ernannt wurden, er selbst jedoch leer ausging. 29 Es sollte noch bis 1938 dauern, bis auch Meyer nachzog. Dabei ist nicht auszuschlieen, da Gring, der sich zu diesem Zeitpunkt persnlich fr Meyer verwendet hatte, obwohl er zu dessen Erzrivalen Terboven auch auerordentlich enge private Beziehungen unterhielt, ihn damit eigentlich nur hatte "kdern" wollen. Wurden doch im Zuge der lange schon ausstehenden Reichsreform auch berlegungen angestellt, den Staat Lippe an Preuen anzugliedern und damit in den Machtbereich Grings zu berfhren, ein Vorhaben, das letztlich in den Planungen steckenblieb. 30

Auch die mit Kriegsbeginn vorgenommene Ausdehnung von Macht und Einflu der Gauleiter ging an Alfred Meyer zunchst mehr oder minder spurlos vorber. Am 1. September 1939 wurde fr jeden Wehrkreis ein Gauleiter als sogenannter "Reichsverteidigungskommissar" (RVK) eingesetzt. 31 Im Gegensatz zu seinem "Nachbarn" und Konkurrenten Terboven wurde Meyer auch dieses Mal nicht bercksichtigt. 32 War dieses unter direkten Konkurrenzgesichtspunkten mglicherweise schon schwerwiegend genug, so wurde die Situation insofern um so prekrer, als die RVK - so war es geplant - ber keinen eigenen brokratischen Apparat verfgen, sondern sich der Behrde des Oberprsidenten bedienen sollten. Dies htte zu einem Hineinregieren Terbovens in das "Hoheitsgebiet" Meyers gefhrt. Da andernorts hnliche unangenehme Lagen zu entstehen drohten, entschlo man sich in Berlin, allen Gauleitern, die man nicht mit der Funktion des Reichsverteidigungskommissars hatte bedenken knnen, das Amt des "Beauftragten des RVK" angedeihen zu lassen, um so die Konflikte unter den Gauleitern abzumildern. Endgltig aus dem Wege gerumt wurde diese Problematik aber erst mit der geographischen Angleichung der Reichsverteidigungsbezirke an die Grenzen der Gaue und der Ernennung aller Gauleiter zu RVK im Jahre 1942. 33

Alfred Meyer war ein von "preuischen Offizierstugenden" wie Treue, Pflichterfllung und Ehrgefhl geprgter, 34 zutiefst berzeugter Nationalsozialist. Dieses Bild entspricht nicht nur der NSDAP-offiziellen, von ihm selbst wie von der Mnchner Parteifhrung in der ffentlichkeit verbreiteten Legende, 35 sondern darf durchaus als Faktum betrachtet werden. 36 Daraus resultierend ergab sich eine unverbrchliche Bindung an Adolf Hitler als (seinem messianischen) "Fhrer", 37 die sich mit einem von einem volkserzieherischen Impetus getragenen Sendungsbewutsein paarte. Dieses war offenbar schon in frher Jugend angelegt. Darauf deutet zumindest eine Aussage im seinem Zulassungsantrag zur Abiturprfung hin. Im Zusammenhang mit seinem bei dieser Gelegenheit geuerten Wunsch, die Laufbahn eines Berufsoffiziers einschlagen zu wollen, formulierte der seinerzeit noch nicht ganz zwanzigjhrige Meyer: "Mir scheint es eine schne Lebensaufgabe zu sein[,] dem deutschen Reiche tchtige Soldaten heranzubilden und an der Erziehung der unteren Volksschichten zu sittlichen, kaisertreuen Soldaten mich zu beteiligen." 38

So nimmt es nicht wunder, da auch sein Selbstverstndnis als Gauleiter sich in diesem Kontext bewegte. Exemplarisch sei dies an einem am 15. April 1937 im Berliner Hotel Adlon "vor der auswrtigen Diplomatie und Presse" gehaltenen Vortrag verifiziert, der mit dem Titel "Aus der Arbeit eines Gauleiters und Reichsstatthalters" berschrieben war. 39 Er, der er sich als "Hitlers westflische[r] Vertrauensmann" 40 bzw. "Stellvertreter des Fhrers in Westfalen-Nord" 41 betrachtete, definierte seine Rolle so: "Parteipolitisch gesehen ist der Gauleiter dem Fhrer dafr verantwortlich, da die Partei als Garant der Volksgemeinschaft in Deutschland ein jederzeit schlagfertiges [!] Instrument des Fhrers ist." 42 Hierzu bedrfe es dessen, was er in seinen Ausfhrungen als "die entscheidendste Aufgabe des Gauleiters" apostrophierte - der "Menschenfhrung". "Diese Aufgabe", fhrte Meyer weiter aus, "kann man nicht vom grnen Tisch aus lsen. Der Gauleiter mu sich die Herzen, das Vertrauen und den Glauben der ihm vom Fhrer anvertrauten Volksgenossen eigentlich tglich wieder erobern. Und so mssen wir immer wieder als Redner und Prediger der nationalsozialistischen Idee mitten ins Volk hineingehen, um in Stdten und Drfern bald in Grokundgebungen, bald aber auch in den kleinsten Dorfversammlungen zu sprechen." 43 Oberstes Ziel msse es sein, "die Manahmen des Fhrers und Staates von Mund zu Mund [zu erklren,] und so die deutschen Volksgenossen langsam zum Nationalsozialismus [zu erziehen]." 44

Meyer bemhte sich, dieser Intention folgend und gleichzeitig damit eigene Gre dokumentierend, "kulturstiftend" zu wirken, sich andererseits aber auch architektonisch dauerhaft und monumental zu prsentieren.

Es waren drei groangelegte stdtebauliche Projekte, die Meyer im Jahre 1938 anstrebte, die wegen des Krieges insgesamt jedoch nie umgesetzt wurden. Der erste Plan sah einen gigantomanischen Ausbau Mnsters vor. "Wie Mnchen und Nrnberg, Berlin, Weimar und Hamburg und andere Stdte im Reich begonnen haben, durch grozgige stdtebauliche Umgestaltung ihrer Stadt ein neues lebensfrisches Gesicht zu geben, so wird auch Mnster, die Gauhauptstadt, neu geformt werden. Erst die nationalsozialistische Bewegung, entsprechend der Gre ihrer Weltanschauung und ihres fanatischen Willens und Glaubens, ist berufen, ein neues Stadtgebiet neben dieser Jahrtausende alten Stadt ... entstehen zu lassen." 45

Meyers Absicht, die er mit Speer und Hitler bereits abgestimmt hatte, war es, einen riesigen Parteibezirk entstehen zu lassen, in deren Mittelpunkt eine 20.000 Menschen fassende "Volkshalle" nebst "Aufmarschplatz" stand. Dominiert werden sollte dieser Bezirk von einem "aus dem Wasser steigenden, weithin sichtbaren, gewaltigen Glockenturm". 46 Des weiteren sollte Mnster ein neues, sich an den Parteibezirk anschlieendes Behrdenviertel erhalten. Und nicht zuletzt sollten neue Wohnviertel entstehen. Diese sollten "geschlossene Straenzge in drei- und viergeschossiger Bebauung sein, mit luftigen Grn- und Innenhfen". 47

Gerade in diesem Teil des Mnsteraner Projekts suchte Meyer seine soziale Haltung zum Ausdruck zu bringen. Dieses war auch die zentrale Intention des von ihm geplanten zweiten Groprojekts, dem Um- und Ausbau Gelsenkirchens. So verkndete die National-Zeitung am 25. Juni 1938: "Um in der Stadt Gelsenkirchen aber, der Hochburg nationalsozialistischer Arbeit, auch die wirtschaftliche Freiheit zu erringen, werden wir die Zeugnisse des liberalistischen Geistes in Gestalt von schauderhaften Wohnvierteln mit hlichen Elendshhlen und Straenzgen niederlegen und eine moderne Arbeiterstadt bauen, die das beredteste Zeugnis des deutschen Sozialismus der Tat und der nationalsozialistischen Sehnsucht sein soll." 48

Als drittes Groprojekt plante Meyer schlielich die Errichtung einer megalomanen Kultsttte auf dem Hiddeser Berg bei Detmold, die die permanente, in Stein gegossene Erinnerung an den Sieg im Lippewahlkampf des Jahres 1933 manifestieren sollte. Auch hier sollte ein riesiges Hallengebude, eine "Halle der Volksgemeinschaft", errichtet werden. "In Architektur und Formgebung entspricht sie in schlichter, klarer, klassischer Haltung unserer Kunstauffassung. Eine Hochschule germanischen Geistes, das 'Ahnenerbe', wird in unmittelbarer Nhe dieser Halle stehen. Die Adolf-Hitler-Schule, die Gauschulungsburg, eine Freilichtbhne und eine Pflegesttte deutscher Musik und Kunst, werden diese Gesamtanlage unterhalb des Hermann-Denkmals [!] zu einer neuen 'Akropolis' werden lassen." 49 Eine Strae sollte von Detmold hinauffhren, wobei auf der Hhe des Berges das "Tor des '15. Januar', eine groe Sulenarkade, liegt." 50

Bei allen drei Projekten, die in Meyers berlegungen sicherlich auch unter dem Blickwinkel der "gerechten Versorgung" dreier disparater Regionen seines heterogenen Gaugebiets angegangen wurden, versumte die NZ nicht, den Gauleiter als den Initiator, als die eigentlich treibende Kraft, der dies alles zudem versehen mit dem "Segen" des "Fhrers" plante, herauszustellen. 51

Eine direkte Verbindung lt sich zwischen den Bauplnen in Detmold und Meyers "kulturstiftenden" Aktivitten herstellen, die sich vor allem in den "Richard-Wagner-Festwochen" manifestierten, die gleichfalls in dieser Stadt veranstaltet wurden. Denn Meyer verstand die Bayreuther Wagner-Festspiele, wie er in einer Rede anllich des Gautreffens 1938 selbst formulierte, als "Nationalheiligtum". 52 Meyer lie sich hinsichtlich der von ihm initiierten Festspiele gebhrend feiern. "Hier ist eine politische Fhrerpersnlichkeit von groem politischen Weitblick, der Gauleiter von Westfalen-Nord, Reichsstatthalter Dr. Alfred Meyer am Werke," verkndete eine Sonderbeilage der National-Zeitung zum Gauparteitag 1938, "die Bayreuther Kulturidee der Gesamtheit seines Gaues zum tiefsten Erlebnis und zum feierlichsten Bewutsein zu bringen. In einzigartiger Weise hat er seinen Gau unter die deutsche Kulturidee von Bayreuth gestellt! Alle Volksgenossen seines Gaues werden seit dem vierjhrigen Bestehen der Detmolder Kultursttte mit dem Lebenswerk Richard Wagners, seinen Kunstwerken und seinem deutschen Kulturprogramm, das auch die Werke eines Bach, eines Gluck, eines Beethoven, eines Weber und anderer deutscher Meister umfat, auf das Innigste vertraut gemacht." 53

Von ihm im Jahre 1935 ins Leben gerufen, 54 fand diese Veranstaltung alljhrlich bis ins Kriegsjahr 1941 hinein statt. 55 Aus Anla der ersten Durchfhrung der Festveranstaltung, der Goebbels "mit Rcksicht auf die kulturpolitische Bedeutung dieser Festwoche die Reichswichtigkeit verliehen [hatte]", 56 stellte Meyer, damit von vornherein erwarteten Vorwrfen entgegentretend, fest, da damit kein zweites Bayreuth geplant sei. Vielmehr ziele diese Veranstaltung auf die "Vermittlung des Wagnerschen Werkes im Sinne der ... Erschlieung bester deutscher Musikkultur" fr breite Schichten der Bevlkerung ab. 57

Meyer verband, wie er immer wieder betonte, mit diesen Festwochen wie mit seinen kulturell orientierten Aktivitten berhaupt erzieherische Absichten. 58 So formulierte er Anfang 1938, "da die Partei fr alle Zukunft die Aufgabe habe, die deutschen Menschen zum Nationalsozialismus zu erziehen, und zwar mit allen Mitteln, die dazu tauglich seien, nicht zuletzt mit Hilfe der Kunst. Frher habe der deutsche Arbeiter mit der Kunst wenig zu tun gehabt. Heute msse er sich von dem Gedanken freimachen, da die Kunst nicht fr ihn da sei. Gerade den schaffenden Menschen gegenber habe die Kunst groe Aufgaben zu erfllen. Wir mten den Menschen die Schnheiten Deutschlands und die Werke der groen deutschen Meister nahebringen." 59 Und anllich des Gautreffens im Juni 1938 konstatierte er: "Das Gebot des Fhrers befolgend, fhren wir im Gau Westfalen-Nord das breite und gesunde Volk zur deutschen Kunst hin, erziehen es bewut zur inneren Aufnahme dieser Meisterwerke und machen es mit Urwchsigkeit der deutschen Kunst vertraut. Der Gau Westfalen-Nord hat das durch Bayreuth selbst anerkannte Verdienst, der Vorort von Bayreuth zu sein und in der Arbeit fr den Bayreuther Kulturgedanken an der Spitze zu stehen eben deshalb, weil er das Bayreuther Kulturideal in die Massen des Volkes zu tragen bemht ist. ... Durch ihre Eigenart, d.h. durch dieses volkserzieherische Moment, sind diese kulturellen Groveranstaltungen des Gaues ... Veranstaltungen geworden, die ber den Rahmen des Gaues, aber auch der Provinz fr das ganze Reich Bedeutung erlangen. Sie sind bleibende Einrichtungen und aus dem kulturellen Leben unseres Gaues nicht mehr fortzudenken und werden von Jahr zu Jahr weiter ausgebaut werden." 60

Neben offensichtlich bei ihm sehr wohl vorhandenen persnlichen kulturellen Interessen, 61 die sein kulturelles Engagement inhaltlich begrndeten, drfte Meyer mit seinen kulturellen Vorhaben jedoch auch eine gewisse "Nische" gefunden haben, einen noch nicht vllig besetzten politischen Freiraum, der ihm Karrierechancen und damit verbundene Machtausweitung zu versprechen schien.

Dennoch wre es falsch, Meyers kulturelles Engagement darauf zu beschrnken. Vielmehr drfte sich dahinter auch - unabhngig von Machtkalkl und Karrierestreben - ein frh angelegtes und damit tief verwurzeltes Sendungsbewutsein verbergen, das hinter dem Selbstverstndnis Meyers als Fhrer insgesamt stand.

6. Ministerstellvertreter im "Reichsministerium fr die besetzten Ostgebiete"

Am 18. November 1941 informierte die in Essen erscheinende National-Zeitung zeitgleich mit der brigen deutschen Presse die ffentlichkeit ber die Schaffung eines neuen Reichsministeriums. "Der Fhrer hat zu diesem Zwecke den Reichsleiter Alfred Rosenberg zum Reichsminister fr die besetzten Ostgebiete ernannt. Als dessen stndigen Vertreter hat der Fhrer den Gauleiter und Reichsstatthalter Dr. Alfred Meyer bestellt." 62 Alfred Meyer sollte mit dieser Berufung den endgltigen Hhepunkt seiner NS-Karriere erreicht haben. Dabei war das "neue" Ministerium - was die allgemeine ffentlichkeit unterdessen nicht wissen konnte - keineswegs erst im November des Jahres ins Leben gerufen worden. Schon am 3. Mrz hatte Hitler seine diesbezglichen Absichten dem Oberkommando der Wehrmacht gegenber angekndigt, als er Keitel nach Fertigstellung des den Angriff auf die Sowjetunion beinhaltenden Planes Barbarossa mitteilte, da er die politischen Aufgaben im besetzten Ruland fr so schwierig halte, da er sie keinesfalls dem Heer berlassen knne. Und am 2. April setzte er diese berlegungen weiterhin konsequent fort, indem er ein "Zentrales politisches Bro fr die Ostarbeit" schuf. Mit der Leitung dieses Bros betraute er den in Parteikreisen und zum Teil auch darber hinaus als verquer, realittsfern und wenig durchsetzungsfhig geltenden Alfred Rosenberg, der allerdings - mglicherweise war dies ein entscheidender Grund - seit 1933 Leiter des Auenpolitischen Amtes der NSDAP war. Rosenberg holte sich noch im April Alfred Meyer als Stellvertreter an seine Seite. Und am 17. Juli 1941 wurde per Geheimerla das Reichsministerium endgltig geschaffen.

Es war ein schwaches Ministerium. Denn Hitlers Erla aus dem Juli 1941 regelte von vornherein, da nicht nur die militrischen Befugnisse von der Schaffung dieses Ministeriums nicht tangiert wurden, sondern auch jene des Beauftragten fr den Vierjahresplan, also Hermann Grings, ebenso unberhrt blieben wie die Heinrich Himmlers als "Reichsfhrer-SS" und "Chef der Deutschen Polizei". Gring besa aufgrund eines Fhrererlasses, der vom 29. Juni stammte, umfassende Eingriffsrechte, um vorgefundene Wirtschaftskapazitten zum Ausbau der deutschen Kriegswirtschaft zu nutzen. Und auch die Rechte Himmlers im Hinblick auf die polizeiliche Sicherung "der besetzten Gebiete" erlaubten diesem, an Rosenberg vorbei zu agieren. 63

Rosenberg hatte Meyer in seiner "Denkschrift Nr. 2" vom 7. April 1941, in der er sich selbst zunchst als "Reichsprotektor" vorgeschlagen hatte, als Staatssekretr vorgesehen. "Dr. Meyer ist ein alter nationalsozialistischer Kmpfer, der die politischen Probleme klar und nationalsozialistisch sieht. Er hat sich in den letzten Jahren so eingehend mit staatsrechtlichen und Verwaltungsmanahmen befat, da er auch diese ihn in seiner Arbeit als Gauleiter zustzlich belastende Arbeit durchfhren kann. Es ist klar, da von Dr. Meyer ein auerordentlicher Einsatz gefordert werden wrde, aber umgekehrt wrde er eine solche Ernennung sicher als besonders ehrenvoll betrachten." 64 Was letztlich zur Ernennung Meyers nicht zum Staatssekretr, sondern zum "stndigen Vertreter" des Ministers, einer vllig neuen Funktion - und Meyer selbst sah dies auch so -, gefhrt haben mochte, bleibt im dunkeln. Angenommen werden kann jedoch, da Alfred Meyer sich nur ungern von seinen brigen Funktionen trennen wollte. Die Funktion des Staatssekretrs in Verbindung mit denen eines Oberprsidenten, Reichsstatthalters, nicht zuletzt aber auch eines Gauleiters, auszuben, htte allerdings einen absoluten Przedenzfall bedeutet. So drfte man auf die Idee gekommen sein, die Funktion des "stndigen Vertreters" zu schaffen. Eine Institution, die es bisher in keinem Ministerium gegeben hatte und auch knftighin nicht mehr geben sollte. Nach dem Selbstverstndnis Meyers war diese Funktion in der brokratischen Hierarchie zwischen der des Ministers und der eines Staatssekretrs angesiedelt. Faktisch nahm Meyer aber nichts anderes als die Funktion eines Staatssekretrs wahr. Seine Kompetenzen als stndiger Vertreter unterschieden sich nicht von denen eines Staatssekretrs. 65

Als Ministerstellvertreter im Ostministerium hatte Alfred Meyer den hchsten Punkt seiner Karriereleiter erklommen. Zwar stets loyal seinem Dienstherren gegenber - ein Charakterzug, der nicht zuletzt aufgrund der Sozialisation Meyers whrend seiner Soldatenzeit zu seinen hervorstechendsten Eigenschaften zhlte -, blieb er als stellvertretender Ressortchef bla und mittelmig. Dies fiel selbst Rosenberg, wenn auch erst in der Retrospektive, auf, wenn er in seinen vor seiner Hinrichtung im Nrnberger Gerichtsgefngnis verfaten Erinnerungen festhielt, da Meyer "nicht immer die jetzt einzunehmende Stellung einer Obersten Reichsbehrde ausfllen konnte". 66

Diese Meyer gleichzeitig entschuldigende Kritik war, auch wenn Rosenberg es nicht offen zugeben mochte, gleichbedeutend mit dem Eingestndnis, mit seiner Besetzung der Stelle des "stndigen Vertreters" eine personelle Fehlentscheidung getroffen zu haben, eine Einschtzung, die fhrende Nationalsozialisten - und dies waren nicht nur Gegner Rosenbergs - zum Zeitpunkt der Bekanntgabe dieser Entscheidung, aber auch im nachhinein gleichfalls zum Ausdruck brachten. Meyer erweckte nach auen hin offenbar den Eindruck des Praktikers oder, wie man heute sagen wrde, des "Managers", was scheinbar durch seine langjhrige gleichzeitige Ttigkeit als Reichsstatthalter, Staatsminister und Oberprsident nachhaltig untermauert wurde. Mglicherweise hatte sich Rosenberg bei dessen Berufung neben der Tatsache der alten Bekanntschaft von diesem Eindruck leiten lassen. 67

Da er trog, beweist z.B. eine uerung Gottlob Bergers, der am 21. November 1942 dem "Reichsfhrer-SS und Chef der Deutschen Polizei", Heinrich Himmler, als seinem Vorgesetzten berichtete: "Rosenberg sieht, da Gauleiter Meyer nicht der Mann ist, der ihm die Sache zusammenhalten kann, da Meyer genau so [!] wie er unsicher ist und den praktischen Dingen des Lebens fremd gegenbersteht." 68 Selbst wenn man die durchaus auf Gegenseitigkeit beruhende Antipathie des SS-Gruppenfhrers Berger, der stellvertretend fr seinen Chef Heinrich Himmler steht, gegenber der gesamten Neukonstruktion des Ostministeriums und des dazugehrigen Ministers, 69 bercksichtigt, ist am faktischen Grundgehalt dieser Aussage nicht zu zweifeln. Diese wird zudem durch die Charakterisierung Meyers durch einen frheren Mitarbeiter aus dem Ostministerium, Otto Brutigam, besttigt. Meyer "verstand nichts, aber auch gar nichts von den Ostproblemen," schreibt Brutigam, der vom Auswrtigen Amt als Abteilungsleiter in das RMO unmittelbar nach dessen Grndung gewechselt war, in seinen ausschlielich der eigenen Rechtfertigung dienenden Memoiren. "Die Sowjetunion war ihm ein Buch mit sieben Siegeln, er hatte keinerlei Ideen und traf nie selbstndig eine Entscheidung." 70 Und Karl-Friedrich Kolbow zeigte sich erschrocken ber den heillosen "Dilettantismus, mit dem die neue Behrde geleitet wurde." 71 Ohnehin zu einer Zeit geschaffen, da Macht und Einflu unter den fhrenden Mnnern des NS-Regimes lngst aufgeteilt waren, geriet das neue Ressort damit von vornherein endgltig und hoffnungslos ins Hintertreffen.

Trotz der Vielzahl der geschilderten Probleme des Ministeriums und auch Meyers selbst, versumte er es auch im Amt des Ministerstellvertreters nicht, neben einer schngefrbten Darstellung der Arbeiten des Ministeriums sich persnlich hinreichend in Szene zu setzen. Am Abend des 17. September 1942 wandte er, und nicht etwa Rosenberg, sich in einer Rundfunkansprache an die deutsche ffentlichkeit, um in vlliger Verkehrung der tatschlichen Verhltnisse "ber das erste Jahr erfolgreicher Arbeit des Reichsministeriums fr die besetzten Ostgebiete" zu berichten. Vor nunmehr einem Jahr sei das Ministerium samt der beiden Reichskommissariate Ostland und Ukraine aus der Taufe gehoben worden. Es seien Aufgaben ungeheuren Ausmaes gewesen, die auf diese Einrichtung, die "fr die riesigen Rume des Ostens fast alle Zustndigkeiten der obersten Reichsbehrden in sich vereint", zugekommen seien. "Der Einsatz im Osten erfordert starke und selbstsichere Persnlichkeiten. Mnner aus allen Gebieten des Lebens wachsen an dieser unerhrt groen Aufgabe, die ihnen im Osten gestellt ist, zusammen." Sehr bald sei es mglich gewesen, den drei baltischen Lndern, die traditionellerweise "in ihrer ganzen Einstellung Europa zugewendet" seien, eigene Verwaltungen zukommen zu lassen, nachdem man die "Bolschewistenherrschaft liquidiert" habe. "Trotz schwerer Schden konnten Landwirtschaft und Forstwirtschaft, Industrie und Handel, Handwerk und Gewerbe, ffentliche Behrden und Schulen unter deutscher Anleitung und Frderung wieder in normale Gleise gelenkt werden. Auch auf kulturellem Gebiet blhte neues Leben auf." Auch in der Ukraine, aus dessen Bevlkerung "der Bolschewismus ... eine verarmte und zermrbte Proletariermasse gemacht habe", seien nach nur einem Jahr "deutscher Arbeit" die Spuren "neuen Lebens" erkennbar. "Das Ziel der deutschen Fhrung, die auerordentlichen Nahrungs- und Rohstoffquellen der Ukraine fr die deutsche Kriegfhrung und Kriegswirtschaft im grtmglichen Umfang zu erschlieen, wurde erreicht. Entscheidend fr diesen Erfolg war die eingeleitete totale Neuordnung aller Lebensbezirke. Die neue Agrarordnung, die Neuordnung des Handwerks und eine neue Whrungsordnung gingen Hand in Hand mit entscheidenden Manahmen zur Instandsetzung der Industrie, Frderung des Verkehrs und Erschlieung der groen Rohstoffvorkommen. Darber hinaus wurde das kulturelle und geistige Leben der Bevlkerung gefrdert." 72

Einerseits ebenfalls als ein Beitrag zur "Selbstinszenierung" Meyers ist die von ihm verantwortete Herausgabe einer Gesetzessammlung mit dem Titel "Das Recht der besetzten Ostgebiete", 73 die im Februar 1943 erfolgte, zu betrachten. Andererseits verdeutlicht die Edition einer solchen Gesetzessammlung aber gleichzeitig die hinreichend bekannte brokratische Akribie des NS-Staates und seiner Eliten, selbst objektiv als Unrecht zu bezeichnenden Bestimmungen "Rechtscharakter" zuzuweisen. Damit vermittelt sie berdies zugleich, bezogen auf den Herausgeber - Alfred Meyer -, ein Bild von Rechts- und Unrechtsbewutsein nationalsozialistischer Fhrungseliten.

Zum Kapitel "Selbstinszenierung" zhlt die Herausgeberschaft dieser Sammlung nationalsozialistischer Unrechtsbestimmungen von mehr als 1.000 Seiten insofern, als Meyer zwar auch auf eine juristische Vorbildung verweisen konnte, aber zu keinem Zeitpunkt auf irgendeinem Gebiet der Rechtsetzung oder Rechtsprechung ttig gewesen war, infolgedessen auch nicht besonders hervorgetreten sein konnte. Alfred Meyer selbst drfte sich allerdings mglicherweise keineswegs fr inkompetent in dieser Angelegenheit gehalten haben, war er doch seit Juni 1943 Mitglied der "Akademie fr deutsches Recht", die von Hans Frank, "Starjurist" der NSDAP, 74 Reichsminister ohne Geschftsbereich und seit Oktober 1939 "Generalgouverneur" im nationalsozialistisch besetzten Polen, gegrndet und geleitet wurde. 75 Meyer dachte sich mit der Herausgabe jenes Gesetzeswerks, dem aus Sicht der Nationalsozialisten wegweisender Charakter zukam, gewi historisch verewigen zu knnen, was berdies seinen mangelnden Blick fr die Realitt beweist. Erfolgte doch die Verffentlichung des "Rechts der besetzten Ostgebiete", auch wenn die Sammlung redaktionell bereits im Dezember 1942 abgeschlossen war, 76 just zu jenem Zeitpunkt, als die Niederlage von Stalingrad die endgltige Kehrtwende des Zweiten Weltkriegs zuungunsten des Deutschen Reiches manifestierte und damit den absehbaren Zusammenbruch der NS-Herrschaft einleitete. Gleichzeitig wirft das Auftreten Meyers als Herausgeber dieser Gesetzessammlung ein weiteres Schlaglicht auf dessen Person: der faktischen Bedeutungslosigkeit des Ostministeriums ebenso wie seiner eigenen Person im Konzert der nationalsozialistischen Machttrger und einer ebensolchen weitgehenden Wirkungslosigkeit im Rahmen seiner brigen Funktionen stehen Meyers bersteigerte Ambitionen gegenber.

Was die Frage der Kodifizierung nationalsozialistischen Unrechts in Form von Rechtsstatuten und das eigene Rechts- bzw. Unrechtsbewutsein angeht, so spricht Meyers Vorwort zu der von ihm edierten Sammlung von "Gesetzestexten" gewissermaen fr sich selbst. "Die Herausgeber haben es sich zum Ziel gesetzt, in der vorliegenden Sammlung den gesamten Rechtsstoff, nach Sachgebieten geordnet, bersichtlich zusammenzufassen und grundstzliche Vorschriften mit Erluterungen der zustndigen Referenten zu versehen. Sie verfolgen damit einen doppelten Zweck. Einmal soll die Sammlung den Mnnern im Osteinsatz ein Hilfsmittel bei ihrer praktischen Ttigkeit sein. Dann aber soll sie allen Kreisen in- [!] und auerhalb des Deutschen Reiches, die im Rechts- und Wirtschaftsverkehr mit dem Ostraum stehen, ein zuverlssiger Berater ber den Rechtszustand in den besetzten Ostgebieten sein." Zuvor hatte Meyer festgestellt, da "diese Gesetzgebungsttigkeit ... zwar nur einen kleinen Teil der vom Fhrerkorps Ost in dieser Zeit geleisteten Aufbau- und Organisationsarbeit" widerspiegele. "Denn wichtiger als alle gesetzgeberische Ttigkeit war und ist auch der unmittelbare Einsatz der Mnner drauen im weiten Raum des Ostens. Gleichwohl erwies sich auch hier, da eine jede Ordnung, die dem europischen Rechtsbewutsein gerecht werden will, ohne rechtliche Grundlagen nicht mglich ist." 77 Entstanden war das Konvolut nationalsozialistischen "Rechts" mit dem Vorwort, das vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Greueltaten auf dem Gebiet der Sowjetunion an Zynismus kaum zu berbieten ist, vor dem Hintergrund des "Fhrererlasses" ber die "Verwaltung der neu besetzten Ostgebiete" vom 17. Juli 1941, wo die "Rechtsetzung" in den eroberten Gebieten der Sowjetunion dem "Reichsminister fr die besetzten Ostgebiete" bertragen worden war. 78

Ende August 1943 berichtete die Presse erneut ber Aktivitten Meyers als Vertreter Rosenbergs. Anla war eine Reise Meyers, die dieser vom 20. bis 26. August 1943 durch das "Reichskommissariat Ostland" unternommen hatte. Zweck dieser Reise sei es gewesen, "an Ort und Stelle die aktuellen Fragen der deutschen Verwaltung in den einzelnen Generalbezirken des Generalkommissariats Ostland zu klren." 79 Die Ergebnisse und Erkenntnisse der Reise enthielt man der Bevlkerung unterdessen vor. In einem fnfzehnseitigen "Reisebericht" zusammengefat, bildeten sie jedoch die Grundlage einer Auswertungsbesprechung, die Meyer im Anschlu an die Reise mit seinen leitenden Mitarbeitern durchfhren sollte. 80

Meyer reiste in Begleitung einer Reihe von Bediensteten des Ministeriums. Insgesamt fhrte er eine Gruppe von 10 Mitarbeitern an. Die Reise war minutis vorgeplant worden. Am Freitag, den 20. August, brach man morgens mit einem Sonderflugzeug vom Flughafen Tempelhof nach Kauen auf. Am ersten Tag stand dort am Nachmittag eine Besprechung mit dem Generalkommissar von Litauen, dem in Ruland geborenen Adrian von Renteln, einem Journalisten und Wirtschaftsfachmann, 81 auf der Tagesordnung. Am darauffolgenden Tag war eine Reihe von Besichtigungen geplant. Am Sonntag flog der Tro weiter nach Wilna. Hier waren Treffen mit den Gebietskommissaren von Wilna-Stadt und -Land sowie die Besichtigung eines "Schulungsgutes" in der Nhe von Wilna angesagt. Tags darauf flogen Meyer und seine Begleiter weiter nach Dnaburg, das eigentlich Dwinsk hie und in Sdostlettland lag. Nach Gesprchen mit dem Generalkommissar von Lettland und Gauleiter von Mecklenburg-Lbeck, Otto-Heinrich Drechsler, 82 und dem Gebietskommissar von "Dnaburg", Rieken, und einer Besichtigung der Stadt sah das Programm endlich das vor, was Meyer im Grunde am liebsten tat: eine Rede vor der Bevlkerung zu halten und dabei als Apologet des Nationalsozialismus aufzutreten, ohne dabei zu vergessen, sich und die eigenen persnlichen Leistungen hinreichend positiv darzustellen. Anla hierzu war die "bergabe von 78 Bauernhfen an einheimische Landwirte", die man im Rahmen einer "Reprivatisierungsfeier" in dem kleinen rtchen Kalupe vornahm. Anschlieend ergab sich zudem die Mglichkeit des "Kontaktes mit dem Volk" bei einem Abendessen, das auf "Einladung der Dorfgemeinschaft" stattfand. Die beiden nchsten Tage verbrachten die Mnner aus dem Ostministerium in Minsk, der Hauptstadt des "Generalkommissariats Weiruthenien". Hier wechselten sich erneut Besichtigungen - etwa einer "Radiofabrik" und einer "Lehrwerksttte" - mit Gesprchen mit lokalen Vertretern der nationalsozialistischen Besatzungsmacht ab. Eingehend konferierte Meyer vor allem mit Wilhelm Kube, dem Generalkommissar von "Weiruthenien", den er aus seiner politischen Ttigkeit vor 1933 gekannt haben drfte. 83 Am 26. August, einem Donnerstag, trat die Delegation die Heimreise an.

Der aus Anla dieser Reise gefertigte "Reisebericht" beschreibt mit einer - selbst angesichts der Tatsache, da er lediglich fr den "inneren Dienstgebrauch" bestimmt war - erstaunlichen Offenheit die "Defizite" in der Verwaltung des Generalkommissariats Ostland - jedenfalls das, was Meyer und seine Leute als solche betrachteten.

Nach der kurzen Presseberichterstattung ber diese Reise, die keineswegs die erste war, die Meyer in die von den Nationalsozialisten eroberten und besetzten Ostgebiete unternommen hatte, wurde es in der ffentlichkeit still um Meyer in seiner Funktion im Ostministerium, auch wenn dieser das Amt des "stndigen Vertreters" auf dem Papier bis zum Zerfall des Regimes im Jahre 1945 ausbte. Allerdings verfiel mit Rckzug der deutschen Truppen aus der SU seit 1943 die deutsche Zivilverwaltung der besetzten Ostgebiete mehr oder minder schnell der Selbstauflsung. Das Ministerium bestand zwar formell noch bis zum Kriegsende, war aber zum Schlu vor allem mit Abwicklungsgeschften und Rechnungsangelegenheiten befat. 84

7. Beteiligung am Genozid

Am 22. Juni 1941 fielen deutsche Truppen in die Sowjetunion ein. Auch fr dieses Gebiet wurde nunmehr Heinrich Himmler bzw. in dessen Auftrag Heydrichs, von Adolf Eichmann geleitetes "Judenreferat" zustndig, woran Heydrich Rosenberg, dem neuen "Ostminister", gegenber keinen Zweifel lie. Zwischen Himmler und Rosenberg gab es hinsichtlich der Ausrottungspolitik den Juden gegenber zu diesem Zeitpunkt keinerlei Divergenzen. 85 Dies geht eindeutig aus einer von ihm selbst gefertigten Niederschrift ber ein nicht fr die ffentlichkeit bestimmtes Referat vor Pressevertretern am 18. November 1941, also unmittelbar nach Bekanntgabe der Existenz des neuen Ministeriums, hervor. Darin heit es: "Zugleich ist dieser Osten berufen, eine Frage zu lsen, die den Vlkern Europas gestellt ist: das ist die Judenfrage. Im Osten leben noch etwa sechs Millionen Juden, und diese Frage kann nur gelst werden in einer biologischen Ausmerzung des gesamten Judentums in Europa. Die Judenfrage ist fr Deutschland erst gelst, wenn der letzte Jude das deutsche Territorium verlassen hat, und fr Europa, wenn kein Jude mehr bis zum Ural auf dem europischen Kontinent steht. Das ist die Aufgabe, die das Schicksal uns gestellt hat. Sie knnen sich vorstellen, da zur Durchfhrung dieser Manahmen nur Menschen berufen sind, die die Frage als eine historische Aufgabe begreifen, die nicht aus persnlichem Ha handeln, sondern aus dieser sehr nchternen politischen und historischen Einsicht. Der 9. November 1918 ist fr uns Schicksals- und Entscheidungstag gewesen. Damals hat das Judentum gezeigt, da es auf die Vernichtung Deutschlands eingestellt war. Da dies nicht gelang, ist nur dem Fhrer und der Charakterkraft der deutschen Nation zu verdanken, wir haben deshalb vorzubeugen, da nicht ein romantisches Geschlecht in Europa die Juden wieder aufnimmt. Und dazu ist es ntig, sie ber den Ural zu drngen, oder sonst irgendwie zur Ausmerzung zu bringen." 86

Bereits Anfang August 1941 - die Existenz des Reichsministeriums fr die besetzten Ostgebiete war der ffentlichkeit gegenber noch gar nicht bekanntgegeben worden - hatte "Reichskommissar" Hinrich Lohse von Alfred Rosenberg als seinem vorgesetzten Minister Anweisungen fr die Behandlung der Juden in seinem Gebiet, dem sog. "Reichskommissariat Ostland", das die baltischen Staaten und Weiruland umfate, angefordert. Auf Dauer, so hie es, sei ein Verbleib der Juden im "Ostland" undenkbar, gleichzeitig erschien allerdings auch eine doch groes Aufsehen erregende Deportation der jdischen Bevlkerung nicht mglich. Ohne nher zu erlutern, was er damit meinte, forderte Lohse statt dessen fr den Anfang die Ausweitung polizeilicher Manahmen auf die Juden der besetzten Gebiete. Vor dem Hintergrund der Tatsache, da eine Deportation der Juden ebenso unmglich erschien wie ein Verbleib im Lande, wird die makabre Bedeutung dessen, was unter "polizeilichen Manahmen" zu verstehen war, auch so klar. Nichts anderes als - Ausrottung! 87

Und im Januar 1942 fanden Verhandlungen zwischen ungarischen Militrvertretern auf der einen und Vertretern des RMO und der SS auf der anderen Seite statt. Es ging dabei um die Frage der Deportation aller illegal nach Ungarn gelangten Juden nach "Transnistrien", also in jenen sdlichen Teil der Ukraine, den die deutschen und rumnischen Truppen im Sommer 1941 erobert hatten und den Hitler Rumnien als "Belohnung" fr die rumnische Kriegsteilnahme berlie. Das von den Ungarn an die deutsche Seite herangetragene Ansinnen wurde jedoch zurckgewiesen. 88

Schlielich sei auf einen Besuch italienischer Faschisten in den besetzten Ostgebieten, genauer: in Minsk, verwiesen, wo diese auf Berge von Koffern aufmerksam geworden waren, die man in einer von den Kommunisten skularisierten Kirche aufgestapelt hatte. Auf die Frage, um was es sich handele, habe der in Minsk ansssige Generalkommissar Kube geantwortet, da dies die einzigen berbleibsel nach Minsk deportierter Juden seien. Anschlieend habe er der italienischen Delegation angeblich eine Gaskammer gezeigt, in der die Juden gettet worden seien. Allerdings erscheint diese Aussage wenig wahrscheinlich. Zwar ist bekannt, da viele Juden im Minsker Gebiet von Erschieungskommandos ermordet worden sind, ber die Errichtung von Gaskammern liegen allerdings keinerlei schriftliche Informationen vor. 89

Rosenberg gehrte in der Frage der Behandlung der Juden zu Hitlers innerstem Zirkel. So sind die uerungen Rosenbergs anllich der Erffnung des "Institutes zur Erforschung der Judenfrage" in Frankfurt am Main, die dieser am 28. Mrz 1941 tat, von besonderer Bedeutung. Der Vlkische Beobachter berichtete Tags darauf und zitierte den "Parteiphilosophen", der festgestellt hatte, da "fr Deutschland ... die Judenfrage erst dann gelst (sei), wenn der letzte Jude den grodeutschen Raum verlassen" habe. Und: "Fr Europa ist die Judenfrage erst dann gelst, wenn der letzte Jude den europischen Kontinent verlassen hat." 90 Angesichts der stets engen persnlichen Beziehungen zwischen Rosenberg und Meyer, der seine antisemitische Haltung in zahlreichen Redeauftritten immer wieder ffentlich demonstriert hatte, ist davon auszugehen, da Meyer Rosenbergs Ansichten in jeder Hinsicht teilte.

So durfte Rosenberg sicherlich annehmen, da Alfred Meyer ihn und sein Ministerium in jeder Hinsicht angemessen vertreten wrde, als dieser die Einladung zu der am 20. Januar 1942 stattfindenden Besprechung in dem SS-Gstehaus am Wannsee erhielt. 91 Die spter so genannte "Wannsee-Konferenz" sollte einer der makabren Hhepunkte der Karriere Alfred Meyers werden. 15 Vertreter von Reichsbehrden und der SS trafen sich, um in brokratischer Minutisitt den Vlkermord an den Juden zu organisieren. Neben Meyer nahm als weiterer Vertreter des Rosenbergschen Ministeriums dessen Mitarbeiter und Hauptabteilungsleiter Dr. Georg Leibbrandt teil. Dr. Alfred Meyer drfte der wenn auch nicht wichtigste, so doch - protokollarisch betrachtet - als "stellvertretender Minister" wohl ranghchste Besprechungsteilnehmer gewesen sein, der zudem als Gauleiter der einzige "Politiker" des Kreises war. Leibbrandt war von ihm augenscheinlich recht kurzfristig aufgefordert worden, ihn zu diesem Termin zu begleiten und ihm im Hinblick auf die ntige "fachliche" Untersttzung zur Seite zu stehen. Ein derartiges Verhalten Meyers, sich auch bei wichtigsten Anlssen mit nachgeordneten Mitarbeitern zu umgeben, war durchaus blich, mangelte es Meyer doch in vielerlei Hinsicht gerade an "Fachkompetenz".

Alfred Meyer selbst ist einer der wenigen Teilnehmer der "Wannsee-Konferenz", der mit spezifischen Aussagen zitiert wird, was allerdings nicht bedeutet, da sich die brigen nicht besonders hervorgehobenen Teilnehmer nicht geuert htten. Dennoch nimmt Meyer dadurch innerhalb des Protokolls eine besonders exponierte Stellung ein. Im Kontext der zum Abschlu der "Konferenz" besprochenen "verschiedenen Arten der Lsungsmglichkeiten" vertrat Meyer - gemeinsam mit Dr. Josef Bhler, dem Stellvertreter Hans Franks als "Generalgouverneur" der deutsch-besetzten Teile Polens - den Standpunkt, "gewisse vorbereitende Arbeiten im Zuge der Endlsung gleich in den betreffenden Gebieten selbst durchzufhren, wobei jedoch eine Beunruhigung der Bevlkerung vermieden werden msse." 92 Anders ausgedrckt: Die Ermordung der Juden sollte ohne Zeit- und Organisationsaufwand erfolgen; allerdings ohne ffentliches Aufsehen, da Meyer wohl fr den Fall, da derartige Aktionen bekannt wrden, nicht vorhersehbare Reaktionen der Bevlkerung befrchtete.

Die "Wannsee-Konferenz" hatte eine Reihe von Fragen offengelassen, die erst in Nachfolgebesprechungen geregelt wurden. So war Heydrich offenbar flschlicherweise davon ausgegangen, da die "Nrnberger Rassegesetze" von 1935 als Grundlage fr die Ausrottungsaktionen an den Juden auch in den Ostgebieten dienen konnten. Dies war jedoch nicht der Fall. Und hier wird die aktive Rolle Alfred Meyers in diesem perversen Geschehen deutlich: Das Ostministerium erkannte nmlich unmittelbar nach dem 20. Januar 1942 das "Loch im Vernichtungsgewebe" 93 und berief aus diesem Grunde schon fr den 29. Januar eine Sitzung in den eigenen Rumen in der Berliner Rauchstrae 17/18 ein, an der (allerdings nachgeordnete) Vertreter verschiedenster Ministerien, der Parteikanzlei sowie des Oberkommandos der Wehrmacht teilnahmen. Das "Reichsministerium fr die besetzten Ostgebiete" war gleich mit 8 von insgesamt 16 Teilnehmern vertreten. Geleitet wurde die Sitzung von Otto Brutigam, seines Zeichens Abteilungsleiter im RMO. 94

Die Vertreter des Ostministeriums machten anllich dieser Besprechung deutlich, da ihnen daran gelegen war, die "Judenfrage" auf rigideste Art "zu lsen". Der Begriff "Jude" drfe keinesfalls "zu eng" definiert werden. Im Gegenteil msse er gegenber den bis zu diesem Zeitpunkt geltenden Regelungen sogar "verschrft" werden. Insbesondere msse dies die, wie die Vernichtungsbrokraten es formulierten, "Mischlinge" und hier besonders die "ersten Grades", worunter man Personen mit zwei jdischen Groelternteilen verstand, betreffen. Diese mten in der zu treffenden Regelung wie "Volljuden" behandelt werden. Insbesondere glaubte die Gruppe eine - wie man es zynischerweise ausdrckte - "Besserstellung" der Juden im "Protektorat Bhmen und Mhren" und im "Generalgouvernement Polen", wo man die "Mischlinge" nach den Nrnberger Rassegesetzen behandelte, gegenber den rund 5 Mio. "Sowjet-Juden" festzustellen. Schlielich einigten sich die Konferenzteilnehmer auf einen "Vereinheitlichungsvorschlag" fr alle besetzten Gebiete. Als Juden sollten danach alle Angehrigen der jdischen Religion, nichtjdische Ehefrauen von Juden, sowie eheliche und uneheliche Kinder aus Verbindungen gelten, in denen ein Teil Jude war. Auch auf diesem Gebiet der "Endlsung" sollten die "politisch-polizeilichen Organe und deren Sachverstndige in Rassenfragen die Entscheidungen treffen." 95

Die Sitzungsaktivitten hatten zudem eine Reihe von Schriftwechseln zur Folge. So schlug Alfred Meyer in einem Schreiben, das vom 16. Juli 1942 datiert, vor, "eine Entscheidung des Fhrers einzuholen", um gleichzeitig die Einbeziehung der sog. Mischlinge in die Vernichtungsaktionen zu befrworten: "Die Gleichstellung der jdischen Mischlinge ersten Grades in den besetzten Ostgebieten mit Juden fhrt zu dem Ergebnis, da die betreffenden Mischlinge in jeder Beziehung wie die Juden behandelt werden, das heit, sie unterliegen den gleichen Manahmen, die gegen Juden angewandt werden. Damit sind aber Befrchtungen dahin, da aus diesen Mischlingen infolge ihres artverwandten Bluteinschlages besondere Gefahren gegen die deutsche Herrschaft im Ostraum erwachsen, nicht berechtigt. 96 Abgesehen von der perfiden Offensive, mit der Meyer rckhaltlos den Genozid voranzutreiben bemht war, offenbart dieses Schreiben gleichzeitig ein wiederholtes Mal die grundlegende Autorittsgebundenheit Meyers und seinen Hang, Hitler als alleingltigen Autoritts- und Entscheidungsfaktor zu akzeptieren. Meyer bersandte seine Vorschlge zu dem den sechs wichtigsten Ressorts: der Parteikanzlei, dem Reichsinnenministerium, der Vierjahresplanbehrde, dem Auswrtigen Amt, dem Rasse- und Siedlungshauptamt der SS sowie dem Chef der Sicherheitspolizei und des SD. So ist es nicht nur den "Anstrengungen" des Reichssicherheitshauptamtes, sondern auch den autorittsorientierten, brokratisch-eilfertigen "Bemhungen" Meyers zuzuschreiben, da man den Judenbegriff bei den Ausrottungen im Osten auerordentlich weit fate. 97

8. Das Ende

Eine Folge der von Meyer betriebenen mterhufung war ein stndig von ihm notwendigerweise vorzunehmender Ortswechsel. Heute als Gauleiter und Oberprsident in Mnster, morgen als Reichsstatthalter in Detmold und bermorgen als stellvertretender Ostminister in Berlin - so oder hnlich waren seine Wochenablufe strukturiert. Vor diesem Hintergrund ist es uns heute nicht mehr nachvollziehbar, wann Alfred Meyer das letzte Mal in Berlin bzw. in Michendorf bei Berlin war, wohin die Zentrale des Ostministeriums zum Kriegsende hin verlegt worden war. Es ist jedoch kaum anzunehmen, da er zu Beginn der Schlacht um Berlin, das heit also Ende April 1945, in der "Reichshauptstadt" weilte. Wo er sich denn nun in diesen Tagen aufgehalten haben mochte, ist andererseits auch nicht exakt herauszufinden. Glaubt man dem, was mehr oder weniger die Gerchtekche verbreitete, so htte sich Meyer Anfang April des Jahres 1945 im Ruhrgebiet aufgehalten, um den von Hitler erlassenen sog. "Nero-Befehl" umzusetzen. Dieses angebliche Faktum erscheint aber mehr als unwahrscheinlich, bestand doch zu diesem Zeitpunkt bereits der "Ruhrkessel". Und es ist kaum davon auszugehen, da Meyer, selbst wenn es ihm gelungen wre, von auen in diesen Kessel zu gelangen, sich selbst und freiwillig einer solchen Gefahr ausgesetzt htte. 98

Wie berhaupt im Zusammenhang mit dem Verbleib Meyers in dieser Phase die Gerchte ins Kraut schossen. So wollen andere Augenzeugen ihn und seine Familie Anfang April in Heiligenkirchen bei Detmold gesehen haben, wo seine Familie seit August 1943 polizeilich gemeldet war, er selbst jedoch nicht. Nach Angaben seiner frheren Mitarbeiter habe er jedoch noch kurz vor dem Einmarsch der alliierten Truppen an einer Gauamtsleiterbesprechung in Obernkirchen teilgenommen. 99 Danach verliert sich seine Spur und es gibt erst wieder Hinweise auf ihn im Zusammenhang mit seinem Tod, die allerdings hchst widersprchlich sind.

Einem Polizeibericht vom 29. Mai 1952 zur Folge, in dem die Ermittlungsergebnisse in Sachen Meyer zusammengefat werden, soll die Leiche Alfred Meyers Ende April bei Zersen, heute ein Ortsteil von Hessisch-Oldendorf, unterhalb des Hohensteins aufgefunden worden sein. "Sie soll stark verwest und mit einer braunen Stiefelhose (ohne Stiefel) bekleidet gewesen sein." Der Polizeibeamte, der ihn gefunden hatte, gab auerdem zu Protokoll, da neben der Leiche eine Pistole, ein Tagebuch und eine zerbrochene Ampulle gelegen htten. 100 Aber selbst hier tauchen bereits Widersprche auf, berichtet doch ein anderer Augenzeuge, es habe sich nicht um ein Tagebuch, sondern lediglich um einen Abschiedsbrief gehandelt. Letzteres wird von heute noch lebenden Mitgliedern der Familie Meyer besttigt. 101

Eine zweite, indes weniger glaubwrdige Version der Todesumstnde Meyers entstammt den autobiographischen Aufzeichnungen des Detmolder Schulrats a. D., Martin Wolf, aus dem Jahre 1966/67. Danach sei eine mit einer Schuwunde versehene Leiche, gekleidet in eine reich verzierte Parteiuniform am Ufer der Weser in der Nhe von Hessisch-Oldendorf angeschwemmt worden. Hierbei habe es sich um Alfred Meyer gehandelt. Nach dieser Version war Meyer angeblich von einer Gruppe aus dem Westen fliehender Soldaten kurzerhand mit der Bemerkung erschossen worden, als er sich als Gauleiter ihnen gegenber zu erkennen gegeben habe: "Solche Kerle suchen wir, die uns in diesen Schlamassel gefhrt haben." Danach habe man die Leiche in die Weser geworfen. 102 Dahingegen geht die dritte Version der Todesumstnde Meyers, eine eidesstattliche Erklrung des frheren Regierungsprsidenten Dr. Werner Pollack, von einem Selbstmord Meyers aus. Dieser habe sich in den ersten Apriltagen 1945 im Kreis Grafschaft Schaumburg aufgehalten, der in der ersten Aprilhlfte von amerikanischen Truppen besetzt worden war. Danach habe von Meyer jede Spur gefehlt. Mitte Mai, und damit deckt sich die Aussage Pollacks mit dem Polizeibericht, sei am Fue des Hohensteins eine bereits bis zur Unkenntlichkeit verweste Leiche gefunden worden.

Auch in dieser Version, wie in beiden anderen, wird das sog." Tagebuch" bzw. der Abschiedsbrief erwhnt. Im Gegensatz zu dem Erinnerungsbericht Hoffmanns und dem Polizeibericht zitiert Pollack sogar Auszge aus diesem Schriftstck. "Ich schreibe im Dunkeln", gibt Pollack Teile des Inhalts wieder. "Das letzte Stck meines Gaues ist heute verlorengegangen. Wir haben Rinteln und die Weser tapfer verteidigt. Im letzten freien Stck meines Gaues nehme ich Abschied vom Fhrer, dem meine innigsten Wnsche gehren, von Deutschland. Es wird frei werden und nationalsozialistisch bleiben. Ich nehme Abschied von meiner Liebsten, von meinen Lieben. Mchte es ihnen gut ergehen. Ich habe die Freiheitsbewegung aufgebaut. Sie zu fhren, fehlt mir die Gesamtheit der physischen Kraft. Die Anstrengungen der letzten Tage haben es bewiesen." Pollack schlo aus diesen Worten ebenso wie aus der mit "M" gekennzeichneten Wsche, da es sich um Alfred Meyer handeln mute. 103

Whrend ber den weiteren Verlauf der Geschehnisse die autobiographischen Aufzeichnungen Martin Wolfs schweigen, decken sich beiden brigen Quellen zumindest in groben Zgen. Pollack, der seinerzeit als Landrat im Kreis Grafschaft Schaumburg ttig war, ordnete die Beisetzung der Leiche an. Auf Gehei des Polizeiprsidenten von Hannover fand jedoch Ende Juli/Anfang August 1945 eine erneute Exhumierung statt, da man sich auch auf britischer Seite offenbar der Tatsache nicht ganz sicher war, ob es sich tatschlich um den Leichnam Alfred Meyers handelte. Eine anschlieende zahntechnische berprfung des Gebisses konnte indes auch nicht schlssig die Identitt des Toten beweisen.

Es wurden schlielich weitere Ermittlungen nach dem Verbleib Alfred Meyers von verschieden englischen und zum Teil auch deutschen Dienststellen vorgenommen, die jedoch ebenfalls ergebnislos verliefen.

Ob Meyer im Frhjahr 1945 tatschlich zu Tode kam und wie er zu Tode kam, wird wahrscheinlich auf immer ungeklrt bleiben. Auszuschlieen ist es aber, da Alfred Meyer angeblich, so ein Augenzeuge, noch im Februar 1946 als Insasse des Internierungslagers Recklinghausen gesehen worden sein soll. 104 Eine berprfung der Lagerliste hat bewiesen, da es sich hierbei ganz augenscheinlich um eine Verwechslung mit einem Namensvetter handelt. Insasse des Lagers Recklinghausen war in der Tat ein Dr. Alfred Meyer, der jedoch den Namenszusatz "zu Jllenbeck" trug und absolut nichts mit dem nordwestflischen Gauleiter zu tun hatte. 105

Fazit: Vom Brgersohn zum NS-Tter

Alfred Meyer entstammte einem Elternhaus in dem sich Besitz- und Bildungsbrgertum vereinigten. Familir und - nicht zuletzt damit unmittelbar verbunden - hinsichtlich seiner Sozialisation fest im wilhelminischen Kaiserreich verwurzelt, schien sein beruflicher Weg und damit seine "Lebensplanung" stringent vorgezeichnet und einen durchaus typischen Verlauf zu nehmen. Der von ihm wie von weiten Teilen des Brgertums emphatisch begrte Erste Weltkrieg lie jedoch jegliche "normale" Lebens- und Karriereerwartung abrupt enden. Erst 1920 aus franzsischer Kriegsgefangenschaft zurckgekehrt, zu einem Zeitpunkt, als die Rekrutierung des "100.000-Mann-Heeres" abgeschlossen und ihm jeglicher Zugang hierzu versagt war, sah er sich als (ehemaliger Berufs-)Offizier vor dem beruflichen Nichts. Es lag nahe, dies subjektiv den Regelungen des von der antidemokratischen Rechten mit Begriffen wie "Schandfrieden" in Verbindung gebrachten Versailler Vertrag zuzuschreiben und der demokratischen Republik von Weimar die volle Verantwortung fr den Bruch in der eigenen Biographie zuzuweisen. Meyer entspricht damit durchaus einem gngigen Klischee.

Die nun notwendig werdende Neuorientierung Meyers knpft an individuelle Initiativen aus der Zeit des Kaiserreichs an. Er nimmt sein anfnglich begonnenes Jurastudium wieder auf, bringt es jedoch nicht wie geplant - zumindest darf man davon ausgehen, da eine andere Planung bestand - zu Ende. Nicht der "Volljurist" ist das Ergebnis, sondern der "Doktor der Staatswissenschaft". Dieser Abschlu schrnkt erneut die beruflichen Karrieremglichkeiten des mittlerweile ber Dreiigjhrigen ein. So nimmt er, der er nach wie vor von "brgerlichem Standesdenken" getragen ist, eine eher inferiore berufliche Ttigkeit bei einer Bergwerksgesellschaft mitten im Ruhrgebiet, umgeben von "Proletariern", an. Zur Befrderung seiner Karrierechancen ist er um Kontakte bemht. Diese sucht und findet er bei den Freimaurern ebenso wie in einem dem brgerlich-reaktionren Kyffhuserverband angeschlossenen Kriegerverein, ohne da sie jedoch die gewnschte "Wirkung" zeitigen wrden. So zieht er sich gewissermaen zunchst ins Privatleben zurck, heiratet, wird Familienvater. An einen Beitritt Meyers zur NSDAP ist in dieser Phase nicht zu denken. Zu "proletarisch" ist ihm diese, insbesondere deren vom Straer-Flgel dominierter Ableger im Ruhrgebiet.

Der anschlieend vollzogene Gesinnungswandel, der Meyer am 1. April 1928 schlielich doch in die Reihen der Nationalsozialisten fhrt, ist nicht - sieht man von der von ihm selbst im nachhinein vollzogenen Legendenbildung ab - auch nur ansatzweise glaubhaft dokumentiert. Ist es ein bestimmtes Ereignis, das ihn dazu veranlat? Sind es ihn umgebende Kollegen, die zum gleichen Zeitpunkt denselben Schritt vollziehen und ihm verdeutlichen, da die NSDAP nicht nur ber eine "proletarische Basis" verfgt? Oder wird ihm gar von vornherein eine politische Karriere offeriert? Eine eindeutige Antwort lt sich nicht geben. Jedenfalls steigt Meyer nach seinem Beitritt in rasanter Geschwindigkeit in der Parteihierarchie auf, wird Ortsgruppenleiter, Bezirksleiter und schlielich Gauleiter. Forciert wird dieser Aufstieg nicht zuletzt durch seine Ttigkeit als 1929/30 erster und einziger NSDAP-Stadtverordneter im Rat der Stadt Gelsenkirchen und als Mitglied des Reichstags ab September 1930.

Alfred Meyer hat das Glck, da Lippe und Schaumburg-Lippe geographisch zu dem von ihm seit Januar 1931 gefhrten Gau Westfalen-Nord zhlen. Die im Januar 1933 von den Nationalsozialisten in diesem kleinen Land zur "Schicksalswahl" hochstilisierten Landtagswahlen - nachdem die NSDAP bei den Reichstagswahlen vom November 1932 erhebliche Einbrche hatte hinnehmen mssen - werden zur entscheidenden Weichenstellung fr die NSDAP. Diese ist erfolgreich, auch wenn der Erfolg keineswegs so exorbitant ist, wie es die nationalsozialistische Propaganda im nachhinein glauben machen will. Und Meyer ist als Gauleiter an diesem Erfolg beteiligt. Er avanciert - wenn auch nicht ohne eigenes Nachhelfen - zum "Reichsstatthalter" von Lippe und Schaumburg-Lippe.

Allerdings wird seine Karriere von nun an gebremst. Im Rnke- und Intrigenspiel der nationalsozialistischen Fhrungselite kann er nur begrenzt mithalten. Insbesondere in der Auseinandersetzung mit dem Leiter des benachbarten Essener NSDAP-Gaus Josef Terboven, der sich von Hermann Gring untersttzt sieht, mu er, der an der Seite des "verqueren", innerparteilich weitgehend einflulosen Alfred Rosenberg steht, mit dem ihn eine Art Geistesverwandtschaft verbindet, den Krzeren ziehen. Machterweiterungen wie die Ernennung zum Oberprsidenten der Provinz Westfalen lassen so zunchst ebenso auf sich warten wie die zum Reichsverteidigungskommissar. Aber auch seine persnlichen kulturell orientierten Vorlieben drngen Meyer machtpolitisch eher an den Rand.

Um so berraschender ist die Ernennung Alfred Meyers zum "stndigen Vertreter" Alfred Rosenbergs als "Reichsminister fr die besetzten Ostgebiete", die er wohl nicht zuletzt der langjhrigen "Gefolgschaft und Treue", die er Rosenberg entgegengebracht hatte, zu verdanken hat. Fr Meyer ist es der formale Gipfelpunkt seiner Karriere, auch wenn er diesen innerhalb einer nationalsozialistischen Behrde ohne tatschliche Macht erklimmt. In dieser Funktion wird Meyer nachhaltig in die Verbrechen des Vlkermords an den Juden und - was hier nicht nher behandelt werden konnte - die Versklavung insbesondere von Teilen der sowjetischen Bevlkerung verstrickt. Sozialisiert im Kaiserreich und der Armee, mit fanatischem Glauben an den Nationalsozialismus und "seine Idee" ausgestattet, zudem sendungsbewut und karriereorientiert, adaptiert er das perverse "Wertekonglomerat" des Nationalsozialismus und setzt es innerhalb seiner diversen Aufgabenfelder pflichtbewut um, dabei gleichzeitig allgemeingltige westliche Werte und Normen (selbstverstndlich und als falsch) auer Kraft setzend. Meyer degeneriert dabei keineswegs zur entmenschlichten Bestie, wie sie sich z.B. in der KZ-Aufseherin Ilse Kochs oder anderen Sadisten manifestiert, die insbesondere zum Personal der nationalsozialistischen Konzentrationslager gehrten. Andererseits ist Meyer indessen auch nicht jener Kategorie sog. "kleiner Schreibtischtter" zuzurechnen, die aufgrund des arbeitsteilig angelegten Verwaltungsmassenmordes sich hinter ihrer Teilaufgabe, sich damit selbst exkulpierend, verstecken konnten. Vielmehr ist Meyer in die Phalanx derer einzuordnen, die man als "gefhrte Fhrer" bezeichnen kann. Einem mittelalterlichen Vasallen nicht unhnlich bte er die ihm zugewiesene Macht - dabei keineswegs uneigenntzig - in dem von ihm erwarteten Sinne und sich vllig mit den vorgegebenen Zielen identifizierend aus. Sein (wahrscheinlicher) Selbstmord im Angesicht des zusammenbrechenden NS-Systems und dem damit verbundenen Verlust objektiv zwar pervers-verbrecherischer, subjektiv aber als der vorgegebenen Norm entsprechender und damit "richtiger" Orientierungen und Werte war insofern nur mehr als folgerichtig.

Anmerkungen:

1 Vgl. zur Wannsee-Konferenz allgemein: Kurt Ptzold/Erika Schwarz, Tagesordnung Judenmord. Die Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942, Berlin 2. Aufl. 1992. Die allgemeine Darstellung der Konferenz im folgenden bezieht sich auf diese Arbeit.

2 Vgl. den Antrag des Bundes der Verfolgten des Nazi-Regimes gegen die Teilnehmer der Wannsee-Konferenz, in: Der Generalstaatsanwalt der Staatsanwaltschaft I bei dem Landgericht Berlin, 1 P Js 686/55, Handakten.

3 Die vorliegende biographische Skizze stellt den teilweisen "Extrakt" einer greren biographischen Arbeit ber Alfred Meyer dar, die gegenwrtig in Vorbereitung ist. Sie erhebt von daher nicht den Anspruch auf Vollstndigkeit. So wurden neben weiteren Aspekten z.B. Alfred Meyers Rolle im "Kirchenkampf" ebenso wie seine Verstrickung in den Komplex Zwangsarbeit bewut ausgeklammert. Zu Meyer vgl. im brigen: Heinz-Jrgen Priamus, Alfred Meyer. Selbstinszenierung eines Gauleiters, in: Heinz-Jrgen Priamus/Stefan Goch, Macht der Propaganda oder Propaganda der Macht? Inszenierung nationalsozialistischer Politik im "Dritten Reich" am Beispiel der Stadt Gelsenkirchen. Essen 1992, S. 48-67, sowie Heinz-Jrgen Priamus, Regionale Aspekte in der Politik des nordwestflischen Gauleiters Alfred Meyer, in: Horst Mller/Andreas Wirsching/Walter Ziegler, Nationalsozialismus in der Region. Beitrge zur regionalen und lokalen Forschung und zum internationalen Vergleich, Mnchen 1996, S. 175-195.

4 Die nachfolgenden Details zum familiren Hintergrund Alfred Meyers wurden den an den Verfasser gerichteten schriftlichen Ausknften der verschiedenen Archive jener Stdte, in denen die Familie Meyer Station machte, entnommen. Vgl. darber hinaus den Lebenslauf, in: Alfred Meyer, Der belgische Volkskrieg, Diss. Wrzburg 1922. Vgl. zudem: W. Dbritz, Carl Julius Schulz. Der Begrnder des Blechwalzwerks Schulz, Knaudt & Co., Essen, in: Beitrge zur Geschichte von Stadt und Stift Essen, 46. Heft (1928), S. 279 ff. sowie Horst A. Wessel, Kontinuitt im Wandel. 100 Jahre Mannesmann, Gtersloh o.J. [1990], S. 142 - 147. Darber hinaus konnten detaillierte Informationen zur Familie in einem Interview des Verfassers mit einer der Tchter Alfred Meyers, Dorothee Z., gewonnen werden.

5 Vgl. die im Stadtarchiv Soest von Gerhard Khn gesammelten Unterlagen zu Meyer.

6 Antrag Alfred Meyers auf Zulassung zur Reifeprfung, in: Stadtarchiv Soest, Akten des Archi-Gymnasiums.

7 Vgl. hierzu wie zum folgenden: Stadtarchiv Soest, Akten des Archi-Gymnasiums.

8 Vgl. Stadtarchiv Soest, Akten des Archi-Gymnasiums.

9 Vgl. Hans-Ulrich Wehler, Das deutsche Kaiserreich 1871 - 1918, Gttingen 1977, S. 161.

10 Vgl. Staatsarchiv Detmold, Regierung Minden I P Nr. 646, Bl. 157 - 160.

11 Zum militrischen Werdegang Meyers vgl. Paul Gramann/Rudolf Maywald (Bearb.), Stammliste der Offiziere, Sanitts-Offiziere und Beamten des 6. Rheinischen Infanterie-Regiments Nr. 68 vom 4. Juli 1860 bis 30. April 1919, Berlin 1924, S. 122; Bundesarchiv, Auenstelle Zehlendorf (vormals Berlin Document Center), PK Alfred Meyer sowie Abschrift eines Urteils der Spruchkammer Berlin vom 17. September 1958, in: Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklrung von NS-Verbrechen, Ludwigsburg, Alfred Meyer.

12 Vgl. Archiv der Rheinischen Friedrichs-Wilhelms-Universitt, Bonn, Belegbogen Alfred Meyer sowie Bundesarchiv Koblenz, Auenstelle Zehlendorf, PK Alfred Meyer.

13 Vgl. Alfred Rosenberg, Letzte Aufzeichnungen. Ideale und Idole der nationalsozialistischen Revolution, Gttingen 1955, S. 145; s. a. Lebenslauf, in: Meyer, Volkskrieg.

14 Vgl. Meyer, Volkskrieg.

15 Neben schriftlichen Ausknften, die der Verfasser seitens der Kommission fr die Geschichte der Julius-Maximilians-Universitt Wrzburg erhielt, vgl. zu Meurer des weiteren: Die Dreihunderfnfzigjahrfeier der Julius-Maximilians-Universitt Wrzburg 1932. Festbericht im Auftrage von Rektor und Senat erstattet von Otto Handwerker, Wrzburg 1932, S. 73; s. a. Krschners Deutscher Gelehrten-Kalender 1925, Berlin/Leipzig 1925, Sp. 662 f.

16 Meyer, Volkskrieg, S. 116 f.

17 Vgl. Dieter Blumenwitz, Der Wrzburger Rechtsgelehrte Christian Meurer (1856 - 1935) und seine Bemhungen um den Frieden in der Welt. Vortrag, gehalten am 11. Mai 1982 anllich des 400. Stiftungsfestes der Julius-Maximilians-Universitt Wrzburg, in: 400. Universitts-Stiftungsfest 1982, S. 11 - 43, hier S. 40.

18 Vgl. Lebenslauf, in: Meyer, Volkskrieg sowie Bundesarchiv Koblenz, Auenstelle Zehlendorf, (vormals Berlin Document Center) PK Alfred Meyer; vgl. darber hinaus den Einleitungstext zum Findbuch des Bestandes D 72, Nachla Meyer, in: Staatsarchiv Detmold.

19 Vgl. Rundschreiben an Gauinspekteure, Kreisleiter und Ortsgruppenleiter vom 19.02.1934, in: Staatsarchiv Mnster, Gauleitung Westfalen-Nord, Gauinspekteure 93.

20 Vgl. Sammlungsunterlagen ber Alfred Meyer, in: Stadtarchiv Soest sowie die Einleitung des Findbuchs zum Bestand D 72, Nachla Meyer, in: Staatsarchiv Detmold.

21 Vgl. Tagebuchartige Aufzeichnungen Alfred Meyers, in: Privatbesitz Dorothee Z.

22 Vgl. National-Zeitung vom 22.06.1936.

23 Vgl. zu diesem Aspekt sowie zur im folgenden dargestellten Frhgeschichte der Gelsenkirchener NSDAP: Heinz-Jrgen Priamus, Die Reihen noch nicht fest geschlossen. Entstehung und Aufstieg der NSDAP in Gelsenkirchen, in: ders., Deutschlandwahn und Wirtschaftskrise. Gelsenkirchen auf dem Weg in den Nationalsozialismus. Teil I: Die antidemokratische Allianz formiert sich, Essen 1991, S. 75 - 130, hier bes. S. 101 ff.

24 Vgl. hierzu wie zum folgenden: Priamus, Reihen 1991, S. 105 f.

25 Vgl. die Wahlergebnisse bei Jutta Ciolek-Kmper, Wahlkampf in Lippe. Die Wahlkampfpropaganda der NSDAP zur Landtagswahl am 15. Januar 1933, Mnchen 1976, S. 256 ff.; s.a. Hans-Ulrich Thamer, Verfhrung und Gewalt. Deutschland 1933-1945, Berlin 1986, S. 212 f.

26 Vgl. Ciolek-Kmper, S. 130, die feststellt: "Auch Gauleiter Meyers Ansichten entsprachen nicht denen der Berliner Fhrung im Hinblick auf die Propagandamethoden." Ciolek-Kmper nennt hierfr allerdings keine Quelle.

27 Vgl. zur Funktion der Reichsstatthalter: Peter Httenberger, Die Gauleiter. Studie zum Wandel des Machtgefges in der NSDAP, Stuttgart 1969, S. 76 ff.; zur Auseinandersetzung um die Besetzung dieses faktisch als Vollzugsorgan des NS-Zentralstaats zu betrachtenden Amtes vgl. Hans-Jrgen Sengotta, Der Reichsstatthalter in Lippe 1993 bis 1939. Reichsrechtliche Bestimmungen und politische Praxis, Detmold 1976, S. 62 ff. Danach drfte die Initiative zur Erlangung des Amtes wesentlich von Meyer selbst ausgegangen sein. Vorher waren offenbar die Gauleiter von Oldenburg, Rver, bzw. Anhalt-Braunschweig, Loeper, in Berlin im Gesprch gewesen. Vgl. auerdem Httenberger, S. 80, 88 u. 114 ff., wo auf Sauckel verwiesen wird, der die geringe Bedeutung der Funktion des Reichsstatthalters beklagt.

28 Vgl. Sengotta, S. 61 und 136 ff., dessen Daten jedoch teilweise fehlerhaft sind. Vgl. auch Httenberger, S. 216. Verllichere in: Bundesarchiv, Auenstelle Zehlendorf (vormals Berlin Document Center), PK Alfred Meyer, sowie den Unterlagen der Zentralstelle der Landesjustizverwaltungen zur Ermittlung von NS-Verbrechen, Ludwigsburg.

29 Vgl. Httenberger, S. 78 sowie Robert Wistrich, Wer war wer im Dritten Reich? Ein biographisches Lexikon, Frankfurt/Main 1988, S. 368 ff.

30 Vgl. Httenberger, S. 78 sowie Sengotta, S. 398 ff.

31 Vgl. Dieter Rebentisch, Fhrerstaat und Verwaltung im Zweiten Weltkrieg. Verfassungsentwicklung und Verwaltungspolitik 1939 - 1945, Stuttgart 1989, S. 132 ff.

32 Vgl. zur Konkurrenz zwischen Meyer und Terboven: Karl Teppe, Provinz - Partei - Staat. Zur provinziellen Selbstverwaltung im Dritten Reich untersucht am Beispiel Westfalen, Mnster 1977, S. 120 ff.

33 Vgl. Httenberger, S. 152 ff. sowie Rebentisch, S. 132 ff., hier zu Meyer insbesondere S. 134.

34 Vgl. National-Zeitung 12.10.1941.

35 Vgl. verschiedene offizielle Lebenslufe. So z.B. in: Die braune Post, 24.6.1934, in: Privatbesitz Dorothee Z.; vgl. des weiteren: Vlkischer Beobachter, 18.11.1941, den im Bundesarchiv, Auenstelle Zehlendorf (vormals Berlin Document Center) befindlichen Lebenslauf ("Eigenmaterial Partei-Kanzlei Zusammenstellung und Fassung II P") sowie: Mnner im Dritten Reich. Hrsg. von der Orientalischen Cigaretten-Compagnie "Rosma" GmbH, Bremen o.J., S. 160 (Es handelt sich hierbei um ein Album zum Sammeln von Zigarettenbildchen", d. Verf.).

36 Vgl. das Bekenntnis zum Nationalsozialismus aus dem Jahre 1929, das sich in tagebuchartigen Aufzeichnungen Meyers und seiner Ehefrau findet, in: Privatbesitz Dorothee Z.; vgl. weiter: Rosenberg, S. 149. S.a. die aus dem engeren NS-Fhrungszirkel stammende Bewertung Meyers, der "zum Guten zu schwach und zur Snde zu feige" sei. (Alexander Dallin, German Rule in Russia 1941 -1945. A Study of Occupation Policies, London 2nd Ed. 1981, zit. nach: Rebentisch, S. 318).

37 So soll Meyer in einem dem Verf. nicht vorliegenden politischen Testament, das Meyer bei seinem Selbstmord hinterlie, noch einmal ein eindeutiges Bekenntnis zu Adolf Hitler abgelegt haben. Informationen ber die Inhalte des politischen Testaments gewann der Verf. in einem Interview, das er mit einer Tochter Meyers, Dorothee Z., im Mrz 1991 fhrte.

38 Stadtarchiv Soest, Akten des Archi-Gymnasiums, Angaben Alfred Meyers in seinem Gesuch auf Zulassung zur Reifeprfung vom 10.07.1911.

39 Staatsarchiv Detmold, Bestand D 72, Nachla Meyer: "Aus der Arbeit eines Gauleiters und Reichsstatthalters'[.] Vortrag des Gauleiters und Reichsstatthalters Dr. Alfred Meyer vor der auswrtigen Diplomatie und Presse am 15. April 1937". Vgl. auch National-Zeitung, 23.6.1937.

40 So die Formulierung der National-Zeitung am 17.5.1933 anllich der Amtseinfhrung Meyers als Reichsstatthalter von Lippe und Schaumburg-Lippe.

41 National-Zeitung, 15.8.1933. Vgl. auch National-Zeitung, 5.10.1933: Aus Anla des Geburtstages Meyers erscheint ein Artikel ber ihn, in dem er als "der getreue Ekkehard unseres groen Volksfhrers" bezeichnet wird.

42 Aus der Arbeit eines Gauleiters, S. 3.

43 Aus der Arbeit eines Gauleiters, S. 10.

44 Aus der Arbeit eines Gauleiters, S. 3.

45 Aus der Arbeit eines Gauleiters, S. 3.

46 National-Zeitung, 7.4. 1938.

47 National-Zeitung, 7.4. 1938.

48 National-Zeitung, 25.6. 1938.

49 National-Zeitung, 25.6. 1938.

50 National-Zeitung, 20.3. 1938.

51 Vgl. National-Zeitung, 20.3. 1938.

52 Vgl. National-Zeitung, 25.6. 1938.

53 Vgl. National-Zeitung, 25.6. 1938.

54 Vgl. National-Zeitung, 15.3. 1938.

55 Vgl. hierzu die Berichterstattung, in: National-Zeitung, 22.7. 1935; National-Zeitung, 29.1., 16.2., 15.3., 1.6., 14.6. u. 25.6. 1938; National-Zeitung, 7.5., 19.5., 31.5. u. 13.6. 1939; National-Zeitung, 8.8. 1940; National-Zeitung, 12.1., 26.2., 18.6. u. 20.7. 1941; Meyer begrndet die Notwendigkeit kultureller Aktivitten auch whrend des Krieges damit, da darber die "seelischen Widerstandskrfte" der heimischen Bevlkerung ("innere Front") gestrkt wrden (vgl. National-Zeitung, 20.11. 1939).

56 National-Zeitung, 22.7. 1935; vgl. auch National-Zeitung, 29.1. 1938, wo darauf verwiesen wird, da dank der Initiative Meyers die Detmolder Richard-Wagner-Festwoche zu einer Kultureinrichtung geworden sei, "deren Bedeutung weit ber den Bereich des Gaues Westfalen-Nord hinausgehe".

57 National-Zeitung, 22.7. 1935.

58 An dieser Stelle kann auf diese Aktivitten nicht im einzelnen eingegangen werden. Auf Meyers Initiative hin wurden im Gau Westfalen-Nord jedoch z.B. regelmig sog. "Gaukulturwochen" durchgefhrt. Ebenso wird Meyer in der National-Zeitung der Grndung verschiedener Stadttheater gerhmt. (vgl. exemplarisch National-Zeitung, 19.4. 1937; National-Zeitung, 25.6. 1938; National-Zeitung, 7. u. 12.11. 1938; National-Zeitung, 15.4. 1939; National-Zeitung, 30.4. 1940).

59 National-Zeitung, 29.1. 1938.

60 National-Zeitung, 25.6. 1938.

61 Meyer war nach Ausknften seiner Tochter durchaus musisch veranlagt. Einem brgerlichen Elternhaus entstammend, beherrschte er "selbstverstndlich" das Klavierspiel. Damit mute er sich jedoch an den Qualitten seiner Ehefrau messen lassen, die geraume Zeit als Pianistin und Klavierlehrerin ttig gewesen war. (Interview Dorothee Z.)

62 National-Zeitung vom 18.11.1941; vgl. zudem die Berichterstattung im Vlkischen Beobachter vom gleichen Tage; zur Entstehung und zum Aufbau des Ostministeriums vgl., sofern nicht anderweitig verwiesen, Rebentisch, S. 309 - 331.

63 Vgl. Dokument 1997-PS, in: Der Proze gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militrgerichtshof, Bd. XXIX, Nrnberg 1948 (Reprint Mnchen 1989), S. 235 ff.

64 Anhang zur Denkschrift Nr. 2, Personelle Vorschlge fr die Reichskommissariate im Osten und die politische Zentralstelle in Berlin, S. 18 ff. (Dokument 1019-PS), in: Der Proze gegen die Hauptkriegsverbrecher, Bd. XXVI, S. 559 f.

65 Zur Stellung Meyers als "stndiger Vertreter" und seiner Selbsteinschtzung vgl. die Aussage seines Mitarbeiters Otto Brutigam aus dem Jahre 1948, der feststellte: "Meyer fhlte sich als Gauleiter im Rang eines Ministers und etwas ber den [!] Staatssekretr." (Vernehmung Dr. Otto Brutigams am 14. Januar 1948 ..., in: Staatsarchiv Nrnberg, Staatsanwaltschaft Nrnberg-Frth, Prov. Nr. 2638/VI, Bl. 142 ff.)

66 Rosenberg, S. 149.

67 Vgl. zu diesem Eindruck Hartmann Lauterbacher, Erlebt und mitgestaltet. Kronzeuge einer Epoche 1923-1945. Zu neuen Ufern nach Kriegsende, Pr. Oldendorf 1984, S. 236 f.

68 Schreiben Bergers v. 21.11. 1942, in: Bundesarchiv, Auenstelle Zehlendorf (vormals Berlin Document Center), SS-HO 870.

69 Vgl. Otto Brutigam, So hat es sich zugetragen. Ein Leben als Soldat und Diplomat, Wrzburg 1968, S. 306 f., wo dieser die ablehnende Haltung Rosenbergs gegenber der SS und Himmler anspricht.

70 Brutigam, S. 307.

71 Zu den Vorbehalten Kolbows gegenber dem Ministerium vgl. Teppe, S. 89.

72 Abdruck der Rundfunkansprache, in: National-Zeitung, 18.9. 1942.

73 Das Recht der besetzten Ostgebiete. Estland, Lettland, Litauen, Weiruthenien und Ukraine. Sammlung der Verordnungen, Erlasse und sonstigen Vorschriften ber Verwaltung, Rechtspflege, Wirtschaft, Finanzwesen und Verkehr mit Erluterungen der Referenten. Hrsg. v. Dr. Alfred Meyer, Gauleiter und stndigem Vertreter des Reichsministers fr die besetzten Ostgebiete, unter Mitarbeit v. Dr. Walter Wilhelmi, Ministerialrat, Dr. Walter Labs, Oberregierungsrat, Dr. Hans Schfer, Oberregierungsrat im Reichsministerium fr die besetzten Ostgebiete. Mnchen, Berlin 1943.

74 So die Formulierung bei Christoph Klemann, Hans Frank. Parteijurist und Generalgouverneur in Polen, in: Ronald Smelser/Rainer Zitelmann (Hrsg.), Die braune Elite. 22 biographische Skizzen, Darmstadt 2. Aufl. 1990, S. 41-51, hier: S. 41.

75 Vgl. zur Mitgliedschaft Meyers in der Akademie fr Deutsches Recht die Berufungsurkunde, in: Staatsarchiv Detmold, Bestand D 72, Nachla Meyer, Nr. 76. Zu Frank vgl. neben Klemann 1990 grundlegend: Joachim Fest, Das Gesicht des Dritten Reiches. Profile einer totalitren Herrschaft, Mnchen 1963 sowie Christoph Klemann, Der Generalgouverneur Hans Frank, in: Vieteljahrshefte fr Zeitgeschichte 19 (1971), S. 245-260.

76 Das Recht der besetzten Ostgebiete, Vorwort, S. 7.

77 Das Recht der besetzten Ostgebiete, Vorwort, S. 5.

78 Vgl. Der Proze gegen die Hauptkriegsverbrecher, Bd. XXIX, S. 235 ff. (Dokument 1997-PS).

79 Vgl. National-Zeitung, 27.8. 1943.

80 Vgl. die Einladung zu der Besprechung v. 20.9. 1943 sowie den "Vermerk ber die Reise des Stndigen Vertreters des Reichsministers Gauleiter und Reichsstatthalter Dr. Meyer nach Kauen, Wilna, Dnaburg und Minsk in der Zeit vom 20.8.-26.8. 1943", in: Bundesarchiv, Abteilung Potsdam, Reichsministerium fr die besetzten Ostgebiete. Die folgende Darstellung bezieht sich auf dieses Dokument.

81 Vgl. Erich Stockhorst, 5 000 Kpfe. Wer war was im 3. Reich, Kiel 1985, S. 342. Er stand auf der Liste der Kriegsverbrecher, nach denen die Sowjetunion fahndete. Am Ende des Krieges von den Russen gefangengenommen, wurde er 1946 gehngt. (Vgl. Wistrich, S. 280 f.).

82 Vgl. Stockhorst, S. 112.

83 Kube fiel knapp einen Monat nach dem Besuch Meyers am 22. September 1943 dem Attentat einer Partisanin zum Opfer. Zu Kube insgesamt vgl. Wistrich, S. 213-216.

84 Bundesarchiv, Abteilung Potsdam, Findbuch zum Bestand "Reichsministerium fr die besetzten Ostgebiete", Einleitung.

85 Robert M. W. Kempner, Eichmann und Komplizen, Zrich 1961, S. 86.

86 Kempner, S. 86 f.

87 Vgl. Christopher Browning, The Final Solution and the German Foreign Office, London 1978, S. 70.

88 Vgl. Browning, S. 128.

89 Vgl. Browning, S. 150.

90 Vlkischer Beobachter, 29.3.1941, zit. nach: Kempner, S. 96 f.

91 Vgl. Kurt Ptzold/Erika Schwarz, S. 40-43

92 "Wannsee-Protokoll", zit. Nach: Leo Poliakov/Joseph Wulf, Das Dritte Reich und die Juden. Frankfurt/Main u.a. 2. Aufl. 1983.

93 Kempner, S. 165.

94 Kempner, S. 165.

95 Kempner, S. 165 f.

96 Kempner, S. 167.

97 Kempner, S. 167.

98 Vgl. Stadtarchiv Gelsenkirchen, Chronik 1945, S. 71 f.

99 Vgl. Bericht der Polizeibehrde des Regierungsbezirks Detmold ber den Tod Alfred Meyers, in: Staatsarchiv Detmold, D 1, Nr. 25559.

100 Vgl. Bericht der Polizeibehrde des Regierungsbezirks Detmold ber den Tod Alfred Meyers, in: Staatsarchiv Detmold, D 1, Nr. 25559.

101 Interview des Autors mit Dorothee Z.

102 Vgl. Auszug aus den autobiographischen Aufzeichnungen des Detmolder Schulrats a. D. Martin Wolf (1966/67), in: Zusammenbruch und Wiederaufbau. Lippe zwischen 1945 und 1949. Eine Dokumentation. Zusammengestellt u. bearb. v. Volker Wehrmann. Hrsg v. Kreis Lippe, Detmold 1987, S. 62.

103 Eidesstattliche Erklrung zum Tod Alfred Meyers, in: Stadtarchiv Mnster, Amt 43 E, Nr. 14.

104 Vgl. Heiner Wember, Umerziehung im Lager. Internierung und Bestrafung von Nationalsozialisten in der britischen Besatzungszone Deutschlands, Essen 1991, S. 65.

105 Vgl. Bundesarchiv Koblenz, Spruchgerichte in der britischen Zone, VI/1553 (Dr. Alfred Meyer zu Jllenbeck).


Dr. Heinz-Jrgen Priamus. Alle Rechte vorbehalten.