Gauleiter der NSDAP im Ruhrgebiet
Josef Wagner (1899-1945)
von Ralf Blank
![]() | Ortsgruppenleiter in Bochum 1925 - 1927 |
![]() | Gauleiter im Gau Ruhr, 1929 - Dezember 1930 |
![]() | Gauleiter in Westfalen-Süd, Januar 1931 - November 1941 |
![]() | Gauleiter in Schlesien, Januar 1935 - Januar 1941 |
![]() | Oberpräsident der Provinzen Nieder- und Oberschlesien, Juni 1935 - März 1938 |
![]() | Oberpräsident der Provinz Schlesien, April 1938 - Januar 1941 |
![]() | Reichsverteidigungskommissar des Wehrkreises VII (Schlesien), September 1939 - Januar 1941 |
![]() | Reichskommissar für die Preisbildung beim 'Beauftragten des Führers für den Vierjahesplan', Oktober 1936 - Dezember 1941 |
![]() | Staatssekretär |
![]() | Mitglied des Reichstages, Mai 1928 - Dezember 1941 |
![]() | Ausschluß aus der NSDAP, Oktober 1942 |
Jugend und beruflicher Werdegang
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Josef Wagner, 1939 (StadtA Hagen) |
Josef Wagner wurde am 12. Januar 1899 in der kleinen lothringischen Gemeinde Algringen (heute: Algrange bei Thionville, Département Moselle) als Sohn eines Bergmanns geboren. Nach dem Besuch der Oberrealschule besuchte er seit Sommer 1913 das Lehrerseminar in Wittlich. Im Juni 1917 wurde Wagner für den Kriegseinsatz an der "Westfront" einberufen. Aus der französischen Kriegsgefangenschaft, in die er im Mai 1918 geraten war, gelang ihm nach fünf erfolglosen Versuchen im folgenden Jahr über die Schweiz die Flucht aus dem Lager.
Nach seiner Rückkehr in das Deutsche Reich im August 1919 beendete Wagner im Oktober 1920 die durch den Krieg unterbrochene Ausbildung zum Volksschullehrer. Diesen Beruf konnte er zunächst jedoch nicht ausüben, so daß Wagner bis Sommer 1921 anfänglich als Finanzbeamter in Fulda und anschließend bis April 1927 als Angestellter im Bochumer Verein sowie in der Abteilung Bergbau der Vereinigten Stahlwerke AG beschäftigt gewesen war.
Im Mai 1927 erhielt Wagner in Gelsenkirchen-Horst eine Anstellung als Volksschullehrer. Wegen seiner besonders aktiven politischen Betätigungen für die NSDAP wurde er bereits im November 1927 aus dem Schuldienst entlassen.
Politische Laufbahn
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Erster Besuch Hitlers im Ruhrgebiet. Das Foto entstand in Hattingen, Juni 1926 |
In die NSDAP war Wagner bereits 1922 (Mitgliedsnr. 16951) eingetreten und hatte im folgenden Jahr die Ortsgruppe Bochum gegründet. Nach dem Verbot der NSDAP und ihrer damaligen Gliederungen am 23. November 1923 setzte Josef Wagner bis zur offiziellen Neugründung der Partei am 24. Februar 1925 als führendes Mitglied und Bezirksleiter des Völkisch-Sozialen-Blocks in Westfalen und dem Ruhrgebiet seine politischen Aktivitäten fort. Am 20. Mai 1928 erhielt Wagner ein Reichstagsmandat der NSDAP für den Wahlkreis 18 (Westfalen-Süd).
Die Gründung des Gaues Ruhr im März 1926 unter der gemeinsamen Leitung von Dr. Josef Goebbels, Karl Kaufmann und Franz Pfeffer von Salomon hatte sich aufgrund der Differenzen unter den drei Gauleitern als Fehlschlag erwiesen. Mit der Gründung des Gaues Westfalen unter der Leitung von Josef Wagner wurde 1928 eine Neuorganisation der territorialen Gebietsstruktur der NSDAP versucht, die schließlich zu der mit Datum vom 4. Januar 1931 vollzogene Bildung der Gaue Westfalen-Süd und -Nord führte.
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Wagner auf dem Kreistag der NSDAP in Bochum, 6.6.1937 (StadtA Bochum) |
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde Josef Wagner im April 1933 vom Preußischen Ministerpräsidenten, Hermann Göring, zum Ersten Vizepräsidenten im Preußischen Staatsrat sowie im September des Jahres zum Preußischen Staatsrat ernannt.
Im Januar 1935 wurde Wagner von Hitler zum Gauleiter in Schlesien ernannt. In Schlesien löste er Helmuth Brückner (*1896, +1954) ab, der den Gau seit 1925 geleitet hatte. Brückner wurde im Dezember 1934 von Hitler aus der NSDAP ausgeschlossen sowie aus aus allen Ämtern entlassen. Dem schlesischen Gauleiter und SA-Gruppenführer wurde seine Kritik an der blutigen Niederschlagung des "Röhm-Putsches" zum Verhängnis. Josef Wagner agierte bei seinem Amtsantritt in Schlesien als rücksichtsloser "Aufräumer" unter der SA und Brückners Gauclique.
Wagner befand sich in der ungewöhnlichen Position eines Gauleiters, der zwei räumlich weit auseinanderliegenden Territorien regierte. Das Amt seines Stellvertreters in Schlesien erhielt der bis dahin im Gau Westfalen-Süd als Bezirks- und Kreisleiter eingesetzte Fritz Bracht. Seine laufenden Amtsgeschäfte im Gau Westfalen-Süd überließ Wagner dem Hagener Oberbürgermeister und Stellvertretenden Gauleiter Heinrich Vetter.
Die im Juni 1935 ausgesprochene Ernennung zum Oberpräsidenten der beiden Provinzen Nieder- und Oberschlesien sowie die mit Wirkung vom 29. Oktober 1936 erfolgte Berufung zum Reichskommissar für die Preisbildung in Görings Vierjahresplan-Apparat stärkten vorübergehend Wagners Stellung innerhalb der staatlichen Verwaltung und Innenpolitik. Im April 1938 wurde Wagner zum Oberpräsidenten der neu gebildeten Provinz Schlesien ernannt.
Mit der am 1. September 1939 erfolgten Ernennung zum Reichsverteidigungskommissar für den Wehrkreis VIII (Schlesien) sowie der im folgenden Jahr vollzogenen Berufung zum Staatssekretär erreichte Josef Wagner schließlich den Zenit seiner politischen Laufbahn. Längst hatten sich einflußreiche Gegner in Stellung gebracht. Sie arbeiten in der Partei-Kanzlei und auch in Wagners Territorien an dem Sturz des mächtigen Politikers.
Abstieg
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Josef Wagner war bei Bormann, Himmler und Goebbels gleichermaßen unbeliebt. Hinzu kam, dass sein Stellvertreter in Schlesien, Fritz Bracht, sowie der dortige Höhere SS- und Polizeiführer, Udo von Woyrsch, ebenfalls gegen ihn intrigierten und ab 1939 maßgeblich den Sturz Wagners vorbereitet hatten.
In Verlauf der Intrigen wurde nicht nur Wagners Amtsführung als Reichskommissar für die Preisbildung kritisiert. Auch seine konfessionelle Bindung zum Katholizismus sowie die Führung der Amtsgeschäfte als Oberpräsident der Provinz Schlesien und als Gauleiter in Westfalen-Süd gerieten in den Fokus der Intrigen.
Offenbar hatte sich Wagner anscheinend ebenfalls kritisch über das Verhalten der SS und des SD in Polen geäußert. Seine Gegner unterstellten ihm eine Art "Schutzpolitik" gegenüber der polnischen Bevölkerung in Schlesien, die zumeist dem katholischen Glauben angehörte. Dies widersprach natürlich der rigorosen Germanisierungspolitik, die vor allem von der SS durchgesetzt werden sollte.
Am 20. Dezember 1940 erfolgte der Erlaß des "Gesetzes über die Teilung der Provinz Schlesien", das am 4. Januar 1941 durch die Bildung der Provinzen Nieder- und Oberschlesien in Kraft trat. Damit war der Zustand Schlesiens zwischen 1919 und 1938 wiederhergestellt. Gleichzeitig wurde der Gau Schlesien in die Einzelgaue Nieder- und Oberschlesien aufgeteilt. Die Amtseinführung von Fritz Bracht als Gauleiter und Oberpräsident in Oberschlesien erfolgte am 27. Januar 1941. Zu seinem Stellvertreter ernannte Adolf Hitler den Reichsamtsleiter Albert Hoffmann aus der Partei-Kanzlei.
Die Gebietsreform bedeutete für Wagner den Wegfall seiner Position als Gauleiter in Schlesien sowie seines Amts als dortiger Oberpräsident. Damit war auch ein hoher Prestige- und Machtverlust verbunden. Für die verlorenen Ämter und das Territorium erhielt Wagner keinen Ersatz. Letztendlich verblieb ihm sein Gau Westfalen-Süd. Doch dieser Gau war bis 1940/41 durch die Planungen des Essener Gauleiters Josef Terboven für einen geschlossenen "Ruhrgau" gefährdet.
In Westfalen-Süd versuchte Wagner daraufhin eine eigene Verwaltungsprovinz sowie einen "Reichsgau" zu bilden. Der Gau- und Verwaltungsbezirk Westfalen-Süd war ein Teil der preußischen Provinz Westfalen, die von dem Oberpräsidenten in Münster verwaltet wurde. Wagners Bemühungen scheiterten letztlich, da sich massiver Widerstand aus den Reihen des Oberpräsidiums, der Partei-Kanzlei und des Reichsinnenministeriums formiert hatte.
Entlassung durch Hitler
Das gegen Josef Wagner gerichtete Komplott nutzte im November 1941 ein Schreiben der Ehefrau von Wagner an ihre Tochter. In dem Schreiben äußerte sie sich u.a. gegen die geplante Hochzeit mit einem SS-Führer und Konfessionslosen. Himmler und Bormann spielten dieses Schreiben Hitler in die Hände, um Josef Wagner zu diskreditieren.
Für Wagner hatten die Intrigen und Denunziationen verheerende Konsequenzen. Auf der jährlich stattfindenden Tagung der Reichs- und Gauleiter in München verkündete Hitler am 9. November 1941 in Anwesenheit der Amtskollegen und der Reichsleitung die sofortige Absetzung von Josef Wagner als Gauleiter in Westfalen-Süd sowie die Einleitung eines Parteiausschlußverfahrens vor dem Obersten Parteigericht.
Der von dieser Entwicklung anscheinend völlig überraschte und auf das Recht einer Verteidigung pochende Wagner wurde in Gegenwart der übrigen Teilnehmer von Hitler gemaßregelt und des Raumes verwiesen. Mit dem Datum seiner Absetzung hatte Wagner gleichzeitig auch sämtliche Staats- und Parteiämter verloren. Das von ihm seit 1928 wahrgenommene Reichstagsmandat für den Wahlkreis Westfalen-Süd erlosch auf Veranlassung Hitlers bzw. Görings mit Wirkung vom 10. Dezember 1941.
Allerdings verlief das Ausschlußverfahren unter Vorsitz des Obersten Parteirichters Walter Buch am 6. Februar 1942 dann aber zugunsten von Wagner. Sehr zum Mißfallen von Bormann, dem Schwiegersohn von Buch, und Hitler konnte das Oberste Parteigericht keine formalrechtlichen Gründe für einen Auschluß aus der NSDAP finden. Hitler ignorierte daraufhin dieses Urteil und ordnete mit Wirkung vom 12. Oktober 1942 ohne weiteres den Ausschluß Wagners aus der NSDAP an. Gleichzeitig schränkte er die bisher weitgehend unangetastete Autonomie des Obersten Parteigerichts zugunsten der Partei-Kanzlei bzw. Bormanns erheblich ein.
Ende
Josef Wagner lebte nach seiner Absetzung zurückgezogen überwiegend in Bochum und auch in Berlin. Ähnlich wie z.B. bei den früheren von Hitler ausgestoßenen NS-Größen Ernst Röhm und Rudolf Hess wurde der Name von Josef Wagners seit November 1941 systematisch aus der offiziellen Parteigeschichte und dem öffentlichen Leben getilgt.
In seinem früheren Gau Westfalen-Süd erhielten die nach ihm benannte Straßen, Plätze und Schulen neue Bezeichnungen, allerdings oftmals erst über ein Jahr nach seiner Absetzung. So wurde z.B. in Castrop-Rauxel noch im April 1943 eine Josef-Wagner-Schule in Richard-Wagner-Schule umbenannt, was jedoch keinesfalls in Pressemeldungen bekanntgegeben werden durfte. In der südwestfälischen Kleinstadt Altena, deren Ehrenbürger Wagner seit 1933 war, erlosch diese Ehrung vor 1945 stillschweigend.
Interessanterweise war Wagner noch bis November 1943 zumindest nominell für die von Hitler zwei Jahre zuvor gesetzlich geregelten Baumaßnahmen zur Neugestaltung der Gauhauptstädte Bochum und Breslau zuständig, bis sein Nachfolger im Gau Westfalen-Süd, Albert Hoffmann, aufgrund der angelaufenen Planungen für den Wiederaufbau der zerstörten Städte im Dezember 1943 einen allgemeinen, jedoch nicht mehr auf die Person des Gauleiter bezogenen neuen Hitler-Erlaß erreichte.
Aufgrund der Initiative von Albert Hoffmann, der Bormann und dem RSHA-Chef Ernst Kaltenbrunner in Form einer Korrespondenz und Recherchen neues Material über den früheren Gauleiter und Staatssekretär zugespielt hatte, wurde Wagner auf Himmlers persönlicher Veranlassung seit Ende Oktober 1943 durch die Gestapo überwacht. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde Josef Wagner im Zusammenhang mit der "Aktion Gitter" (22. August 1944) durch die Gestapo verhaftet.
Die letzte Lebenszeit des im berüchtigten Hausgefängnis der Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße in Berlin inhaftierten Josef Wagner sowie auch die Umstände seines Todes sind weitgehend unbekannt. Am 22. April 1945 soll Wagner von der Gestapo in Berlin ermordet worden sein. Nach anderen Zeugenaussagen wurde er nach seiner Befreiung von einem sowjetischen Soldaten erschossen.
Josef Wagners politischer Werdegang ist zumindest seit November 1941 ungewöhnlich für einen Spitzenfunktionär im "Dritten Reich" und kann mit gewissen Vorbehalten durchaus mit dem Schicksal von Ernst Röhm und Gregor Strasser verglichen werden. Trotzdem darf Wagners Schicksal als Opfer des NS-Regimes nicht darüber hinwegtäuschen, daß auch er tief in NS-Verbrechen, so z.B. die Judenverfolgung und den Terror gegen politische Gegner in Westfalen und Schlesien, verstrickt gewesen war. Er vereinigte als abgesetzter, verfolgter und schließlich ermordeter hoher NS-Politiker gewissermaßen Täter und Opfer in einer Person.
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