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Focus Stadt Hagener Photographien

Vom 16. September 2014 bis 11. Januar 2015 im Stadtmuseum Hagen
Eine...

Gauleiter der NSDAP im Ruhrgebiet


Josef Wagner (1899-1945)


von Ralf Blank



Ortsgruppenleiter in Bochum 1925 - 1927
Gauleiter im Gau Ruhr, 1929 - Dezember 1930
Gauleiter in Westfalen-Sd, Januar 1931 - November 1941
Gauleiter in Schlesien, Januar 1935 - Januar 1941
Oberprsident der Provinzen Nieder- und Oberschlesien, Juni 1935 - Mrz 1938
Oberprsident der Provinz Schlesien, April 1938 - Januar 1941
Reichsverteidigungskommissar des Wehrkreises VII (Schlesien), September 1939 - Januar 1941
Reichskommissar fr die Preisbildung beim 'Beauftragten des Fhrers fr den Vierjahesplan', Oktober 1936 - Dezember 1941
Staatssekretr
Mitglied des Reichstages, Mai 1928 - Dezember 1941
Ausschlu aus der NSDAP, Oktober 1942



Jugend und beruflicher Werdegang




Josef Wagner, 1939 (StadtA Hagen)

Josef Wagner wurde am 12. Januar 1899 in der kleinen lothringischen Gemeinde Algringen (heute: Algrange bei Thionville, Dpartement Moselle) als Sohn eines Bergmanns geboren. Nach dem Besuch der Oberrealschule besuchte er seit Sommer 1913 das Lehrerseminar in Wittlich. Im Juni 1917 wurde Wagner fr den Kriegseinsatz an der "Westfront" einberufen. Aus der franzsischen Kriegsgefangenschaft, in die er im Mai 1918 geraten war, gelang ihm nach fnf erfolglosen Versuchen im folgenden Jahr ber die Schweiz die Flucht aus dem Lager.

Nach seiner Rckkehr in das Deutsche Reich im August 1919 beendete Wagner im Oktober 1920 die durch den Krieg unterbrochene Ausbildung zum Volksschullehrer. Diesen Beruf konnte er zunchst jedoch nicht ausben, so da Wagner bis Sommer 1921 anfnglich als Finanzbeamter in Fulda und anschlieend bis April 1927 als Angestellter im Bochumer Verein sowie in der Abteilung Bergbau der Vereinigten Stahlwerke AG beschftigt gewesen war.

Im Mai 1927 erhielt Wagner in Gelsenkirchen-Horst eine Anstellung als Volksschullehrer. Wegen seiner besonders aktiven politischen Bettigungen fr die NSDAP wurde er bereits im November 1927 aus dem Schuldienst entlassen.


Politische Laufbahn




Erster Besuch Hitlers im Ruhrgebiet. Das Foto entstand in Hattingen, Juni 1926

In die NSDAP war Wagner bereits 1922 (Mitgliedsnr. 16951) eingetreten und hatte im folgenden Jahr die Ortsgruppe Bochum gegrndet. Nach dem Verbot der NSDAP und ihrer damaligen Gliederungen am 23. November 1923 setzte Josef Wagner bis zur offiziellen Neugrndung der Partei am 24. Februar 1925 als fhrendes Mitglied und Bezirksleiter des Vlkisch-Sozialen-Blocks in Westfalen und dem Ruhrgebiet seine politischen Aktivitten fort. Am 20. Mai 1928 erhielt Wagner ein Reichstagsmandat der NSDAP fr den Wahlkreis 18 (Westfalen-Sd).

Die Grndung des Gaues Ruhr im Mrz 1926 unter der gemeinsamen Leitung von Dr. Josef Goebbels, Karl Kaufmann und Franz Pfeffer von Salomon hatte sich aufgrund der Differenzen unter den drei Gauleitern als Fehlschlag erwiesen. Mit der Grndung des Gaues Westfalen unter der Leitung von Josef Wagner wurde 1928 eine Neuorganisation der territorialen Gebietsstruktur der NSDAP versucht, die schlielich zu der mit Datum vom 4. Januar 1931 vollzogene Bildung der Gaue Westfalen-Sd und -Nord fhrte.




Wagner auf dem Kreistag der NSDAP in Bochum, 6.6.1937 (StadtA Bochum)

Nach der nationalsozialistischen Machtbernahme wurde Josef Wagner im April 1933 vom Preuischen Ministerprsidenten, Hermann Gring, zum Ersten Vizeprsidenten im Preuischen Staatsrat sowie im September des Jahres zum Preuischen Staatsrat ernannt.

Im Januar 1935 wurde Wagner von Hitler zum Gauleiter in Schlesien ernannt. In Schlesien lste er Helmuth Brckner (*1896, +1954) ab, der den Gau seit 1925 geleitet hatte. Brckner wurde im Dezember 1934 von Hitler aus der NSDAP ausgeschlossen sowie aus aus allen mtern entlassen. Dem schlesischen Gauleiter und SA-Gruppenfhrer wurde seine Kritik an der blutigen Niederschlagung des "Rhm-Putsches" zum Verhngnis. Josef Wagner agierte bei seinem Amtsantritt in Schlesien als rcksichtsloser "Aufrumer" unter der SA und Brckners Gauclique.

Wagner befand sich in der ungewhnlichen Position eines Gauleiters, der zwei rumlich weit auseinanderliegenden Territorien regierte. Das Amt seines Stellvertreters in Schlesien erhielt der bis dahin im Gau Westfalen-Sd als Bezirks- und Kreisleiter eingesetzte Fritz Bracht. Seine laufenden Amtsgeschfte im Gau Westfalen-Sd berlie Wagner dem Hagener Oberbrgermeister und Stellvertretenden Gauleiter Heinrich Vetter.

Die im Juni 1935 ausgesprochene Ernennung zum Oberprsidenten der beiden Provinzen Nieder- und Oberschlesien sowie die mit Wirkung vom 29. Oktober 1936 erfolgte Berufung zum Reichskommissar fr die Preisbildung in Grings Vierjahresplan-Apparat strkten vorbergehend Wagners Stellung innerhalb der staatlichen Verwaltung und Innenpolitik. Im April 1938 wurde Wagner zum Oberprsidenten der neu gebildeten Provinz Schlesien ernannt.

Mit der am 1. September 1939 erfolgten Ernennung zum Reichsverteidigungskommissar fr den Wehrkreis VIII (Schlesien) sowie der im folgenden Jahr vollzogenen Berufung zum Staatssekretr erreichte Josef Wagner schlielich den Zenit seiner politischen Laufbahn. Lngst hatten sich einflureiche Gegner in Stellung gebracht. Sie arbeiten in der Partei-Kanzlei und auch in Wagners Territorien an dem Sturz des mchtigen Politikers.


Abstieg




Josef Wagner und sein Stellvertreter Heinrich Vetter (erste Reihe), Hagen, 1941

Josef Wagner war bei Bormann, Himmler und Goebbels gleichermaen unbeliebt. Hinzu kam, dass sein Stellvertreter in Schlesien, Fritz Bracht, sowie der dortige Hhere SS- und Polizeifhrer, Udo von Woyrsch, ebenfalls gegen ihn intrigierten und ab 1939 mageblich den Sturz Wagners vorbereitet hatten.

In Verlauf der Intrigen wurde nicht nur Wagners Amtsfhrung als Reichskommissar fr die Preisbildung kritisiert. Auch seine konfessionelle Bindung zum Katholizismus sowie die Fhrung der Amtsgeschfte als Oberprsident der Provinz Schlesien und als Gauleiter in Westfalen-Sd gerieten in den Fokus der Intrigen.

Offenbar hatte sich Wagner anscheinend ebenfalls kritisch ber das Verhalten der SS und des SD in Polen geuert. Seine Gegner unterstellten ihm eine Art "Schutzpolitik" gegenber der polnischen Bevlkerung in Schlesien, die zumeist dem katholischen Glauben angehrte. Dies widersprach natrlich der rigorosen Germanisierungspolitik, die vor allem von der SS durchgesetzt werden sollte.



Am 20. Dezember 1940 erfolgte der Erla des "Gesetzes ber die Teilung der Provinz Schlesien", das am 4. Januar 1941 durch die Bildung der Provinzen Nieder- und Oberschlesien in Kraft trat. Damit war der Zustand Schlesiens zwischen 1919 und 1938 wiederhergestellt. Gleichzeitig wurde der Gau Schlesien in die Einzelgaue Nieder- und Oberschlesien aufgeteilt. Die Amtseinfhrung von Fritz Bracht als Gauleiter und Oberprsident in Oberschlesien erfolgte am 27. Januar 1941. Zu seinem Stellvertreter ernannte Adolf Hitler den Reichsamtsleiter Albert Hoffmann aus der Partei-Kanzlei.

Die Gebietsreform bedeutete fr Wagner den Wegfall seiner Position als Gauleiter in Schlesien sowie seines Amts als dortiger Oberprsident. Damit war auch ein hoher Prestige- und Machtverlust verbunden. Fr die verlorenen mter und das Territorium erhielt Wagner keinen Ersatz. Letztendlich verblieb ihm sein Gau Westfalen-Sd. Doch dieser Gau war bis 1940/41 durch die Planungen des Essener Gauleiters Josef Terboven fr einen geschlossenen "Ruhrgau" gefhrdet.

In Westfalen-Sd versuchte Wagner daraufhin eine eigene Verwaltungsprovinz sowie einen "Reichsgau" zu bilden. Der Gau- und Verwaltungsbezirk Westfalen-Sd war ein Teil der preuischen Provinz Westfalen, die von dem Oberprsidenten in Mnster verwaltet wurde. Wagners Bemhungen scheiterten letztlich, da sich massiver Widerstand aus den Reihen des Oberprsidiums, der Partei-Kanzlei und des Reichsinnenministeriums formiert hatte.


Entlassung durch Hitler



Das gegen Josef Wagner gerichtete Komplott nutzte im November 1941 ein Schreiben der Ehefrau von Wagner an ihre Tochter. In dem Schreiben uerte sie sich u.a. gegen die geplante Hochzeit mit einem SS-Fhrer und Konfessionslosen. Himmler und Bormann spielten dieses Schreiben Hitler in die Hnde, um Josef Wagner zu diskreditieren.

Fr Wagner hatten die Intrigen und Denunziationen verheerende Konsequenzen. Auf der jhrlich stattfindenden Tagung der Reichs- und Gauleiter in Mnchen verkndete Hitler am 9. November 1941 in Anwesenheit der Amtskollegen und der Reichsleitung die sofortige Absetzung von Josef Wagner als Gauleiter in Westfalen-Sd sowie die Einleitung eines Parteiausschluverfahrens vor dem Obersten Parteigericht.

Der von dieser Entwicklung anscheinend vllig berraschte und auf das Recht einer Verteidigung pochende Wagner wurde in Gegenwart der brigen Teilnehmer von Hitler gemaregelt und des Raumes verwiesen. Mit dem Datum seiner Absetzung hatte Wagner gleichzeitig auch smtliche Staats- und Parteimter verloren. Das von ihm seit 1928 wahrgenommene Reichstagsmandat fr den Wahlkreis Westfalen-Sd erlosch auf Veranlassung Hitlers bzw. Grings mit Wirkung vom 10. Dezember 1941.

Allerdings verlief das Ausschluverfahren unter Vorsitz des Obersten Parteirichters Walter Buch am 6. Februar 1942 dann aber zugunsten von Wagner. Sehr zum Mifallen von Bormann, dem Schwiegersohn von Buch, und Hitler konnte das Oberste Parteigericht keine formalrechtlichen Grnde fr einen Auschlu aus der NSDAP finden. Hitler ignorierte daraufhin dieses Urteil und ordnete mit Wirkung vom 12. Oktober 1942 ohne weiteres den Ausschlu Wagners aus der NSDAP an. Gleichzeitig schrnkte er die bisher weitgehend unangetastete Autonomie des Obersten Parteigerichts zugunsten der Partei-Kanzlei bzw. Bormanns erheblich ein.


Ende



Josef Wagner lebte nach seiner Absetzung zurckgezogen berwiegend in Bochum und auch in Berlin. hnlich wie z.B. bei den frheren von Hitler ausgestoenen NS-Gren Ernst Rhm und Rudolf Hess wurde der Name von Josef Wagners seit November 1941 systematisch aus der offiziellen Parteigeschichte und dem ffentlichen Leben getilgt.

In seinem frheren Gau Westfalen-Sd erhielten die nach ihm benannte Straen, Pltze und Schulen neue Bezeichnungen, allerdings oftmals erst ber ein Jahr nach seiner Absetzung. So wurde z.B. in Castrop-Rauxel noch im April 1943 eine Josef-Wagner-Schule in Richard-Wagner-Schule umbenannt, was jedoch keinesfalls in Pressemeldungen bekanntgegeben werden durfte. In der sdwestflischen Kleinstadt Altena, deren Ehrenbrger Wagner seit 1933 war, erlosch diese Ehrung vor 1945 stillschweigend.

Interessanterweise war Wagner noch bis November 1943 zumindest nominell fr die von Hitler zwei Jahre zuvor gesetzlich geregelten Baumanahmen zur Neugestaltung der Gauhauptstdte Bochum und Breslau zustndig, bis sein Nachfolger im Gau Westfalen-Sd, Albert Hoffmann, aufgrund der angelaufenen Planungen fr den Wiederaufbau der zerstrten Stdte im Dezember 1943 einen allgemeinen, jedoch nicht mehr auf die Person des Gauleiter bezogenen neuen Hitler-Erla erreichte.

Aufgrund der Initiative von Albert Hoffmann, der Bormann und dem RSHA-Chef Ernst Kaltenbrunner in Form einer Korrespondenz und Recherchen neues Material ber den frheren Gauleiter und Staatssekretr zugespielt hatte, wurde Wagner auf Himmlers persnlicher Veranlassung seit Ende Oktober 1943 durch die Gestapo berwacht. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde Josef Wagner im Zusammenhang mit der "Aktion Gitter" (22. August 1944) durch die Gestapo verhaftet.

Die letzte Lebenszeit des im berchtigten Hausgefngnis der Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Strae in Berlin inhaftierten Josef Wagner sowie auch die Umstnde seines Todes sind weitgehend unbekannt. Am 22. April 1945 soll Wagner von der Gestapo in Berlin ermordet worden sein. Nach anderen Zeugenaussagen wurde er nach seiner Befreiung von einem sowjetischen Soldaten erschossen.

Josef Wagners politischer Werdegang ist zumindest seit November 1941 ungewhnlich fr einen Spitzenfunktionr im "Dritten Reich" und kann mit gewissen Vorbehalten durchaus mit dem Schicksal von Ernst Rhm und Gregor Strasser verglichen werden. Trotzdem darf Wagners Schicksal als Opfer des NS-Regimes nicht darber hinwegtuschen, da auch er tief in NS-Verbrechen, so z.B. die Judenverfolgung und den Terror gegen politische Gegner in Westfalen und Schlesien, verstrickt gewesen war. Er vereinigte als abgesetzter, verfolgter und schlielich ermordeter hoher NS-Politiker gewissermaen Tter und Opfer in einer Person.




Ralf Blank. Alle Rechte vorbehalten.