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Stadtmuseum
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Ausstellung


Eine "Hochzeitsflasche" aus Glas


von Ralf Blank




"Hochzeitsflasche", 1801

In der Dauerausstellung befindet sich eine Schnapsflasche aus Weiglas. Sie trgt eine farbige Emailmalerei. Auf der Vorderseite ist ein Paar zu sehen, in ihrer Mitte befindet sich eine Blume, wohl eine Tulpe. Der Mann reicht der Frau einen Trinkpokal. Unter dem Bild befindet sich die Jahreszahl 1801. Die beiden abgebildeten Personen sind festlich gekleidet. Auf der Rckseite trgt die Flasche folgende Inschrift: Es lebe Caspar Henderich Hffinghoff. Gott im Herzen, die Liebste im Arm, vertreibt viel Schmerzen und hlt fein warm. Proost mein Schatz.

Die Beschriftung der Glasflasche verweist auf den am 8. August 1773 in Haspe geborenen Caspar Heinrich Hfinghoff (+23.1.1831). Die auf 1801 datierte Glasflasche wurde anlsslich seiner Hochzeit am 5. Oktober 1800 mit der in Wehringhausen geborenen Regina Katharina Elisabeth Vernoh (*30.4.1776, +8.8.1862) gefertigt. Aus der Ehe stammten neun Kinder, von denen drei bereits im Kindesalter verstarben.

Die Familie Hfinghoff ist seit dem 16. Jahrhundert auf der Enneperstrae bei Voerde und Haspe nachzuweisen. Wie seine Vorfahren war auch Caspar Heinrich Hfinghoff ein Sensenschmied. Er besa mehrere Sensenhmmer bei Haspe. Als Sensenreidemeister war Hfinghoff ein Vertreter des bis Anfang des 19. Jahrhunderts wichtigsten Gewerbezweigs auf der Enneperstrae im Gericht Hagen.


Typische Brautgeschenke




Vierkantige Schnapsflaschen aus Weiglas und mit Emailbemalung, wie das in der Dauerausstellung gezeigte Exemplar, gehrten im 18. Jahrhundert zu den beliebten Hochzeitsgaben. Aus ihnen wurden dem frisch vermhlten Paar whrend der Feier ein Branntwein gereicht.

Die Verbreitung solcher Flaschen liegt in Westfalen und im Bergischen Land. Sie wurden von Glasmachern in Serie hergestellt und mit einer individuellen Datierung und Inschrift versehen.(1)

Mglicherweise stammt die Flasche aus der Werkstatt der Familie Toscana in Slde bei Dortmund. Aus dieser bis 1828 belegten Glashtte sind hnlich gearbeitete Schnapsflachen als Hochzeitsgaben bekannt. Aber auch in Hagen gab es im 18. Jahrhundert einige Glasmacher.

Bereits 1717 wurden zwei jdische Familien erwhnt, die Glser herstellten. Anfang des 19. Jahrhunderts beklagte sich der Fabrikenkommissar Alexander Eversmann bei dem Magistrat der Stadt Hagen ber zahlreiche Juden aus der Grafschaft Limburg. Sie verkauften im Amt Wetter und im Gericht Hagen in groer Zahl verschiedene Glaswaren. Aus Sicht des Fabrikenkommissars wurde dadurch das rtliche Glasgewerbe geschdigt.


Herkunft der Glasflasche




In einem Aufsatz erweckte die frhere Museumsdirektorin Dr. Herta Hesse-Frielinghaus den Eindruck, die "Hochzeitsflasche" sei dem Museum von einer "alten Hagener Familie" als Geschenk berlassen worden.(2)

Diese tradierte Herkunftsgeschichte erfuhr gegen Ende der 1990er Jahre eine Korrektur. In Wirklichkeit verbirgt sich hinter der Herkunft der "Hochzeitsflasche" im Sammlungsbestand des Stadtmuseums ein schreckliches Kapitel aus der Hagener Stadtgeschichte.

Die Glasflasche wurde im Sommer 1939 durch die nationalsozialistische Hagener Museumsleitung im Eigentum der Hagener Brgerin Klre Bachrach "beschlagnahmt". Erst auf Betreiben einer "arischen" Freundin erhielt die jdische Eigentmerin den Ankaufswert erstattet.(3)

Allerdings hatte die Museumsdirektorin im Jahre 1953 durchaus Recht, als sie schrieb, dass die Flasche aus dem Besitz einer "alten Hagener Familie" stammt. Doch ging die tradierten Herkunfsgeschichte der Glasflasche davon aus, dass sie dem Museum von Angehrigen der Familie Hffinghof berlassen worden war. Inwieweit Dr. Herta Frielinghaus, die im "Dritten Reich" bereits bei den stdtischen Museen ttig war, ber die tatschliche Herkunft der "Hochzeitsflasche" informiert war, ist nicht bekannt.


Die Familie Bachrach





Geschftshaus Moritz Bachrach in der Mittelstrae, Fotografie, um 1890. Um 1900 wurde das Gebude durch einen greren Neubau ersetzt.

Die jdische Familie Bachrach lebte seit dem 19. Jahrhundert in Hagen. 1850 hatte Moritz Bachrach in der oberen Mittelstrae ein Geschft fr Porzellan und Glaswaren erffnet. Schon bald zhlte es zu den fhrenden Fachgeschften in der gesamten Region.

Der letzte Firmeninhaber, Erwin Bachrach, sammelte wie seine Vorfahren historische Glser und altes Porzellan. Im Laufe der Zeit war eine beachtliche und wertvolle Sammlung entstanden.

Nach 1933 konnte das Geschft nur noch unter starken Einschrnkungen bis 1936/37 weitergefhrt werden. 1937 wurde das Fachgeschft der Familie Bachrach in der Mittelstrae 1 "arisiert". Das "arische" Glas- und Porzellangeschft Robert Berns "bernahm" den Betrieb. Spter wurde eine Buchdruckerei in den Rumen untergebracht.

Klre Bachrach, die Witwe des um 1930 verstorbenen letzten Firmeninhabers, musste schlielich den Immobilienbesitz verkaufen. Bis zu ihrer Flucht im Sommer 1939 lebte sie jedoch weiterhin in ihrer Wohnung. Dort erlebte sie auch den Pogrom am 9./10. November 1938.




Rechnung des Glas- und Porzellangeschfts Bachrach, 19.12.1921

In ihrer Wohnung htete Clre Bachrach die grosse und liebevoll zusammengetragene Porzellan- und Glassammlung ihres verstorbenen Ehemannes Erwin. Das Geschft wurde bis 1936 von ihrem Sohn Hans Bachrach (+1955) weitergefhrt. 1937 flchtete er sich mit seiner Ehefrau Stephanie nach Johannesburg in Sdafrika.

Nach dem Pogrom am 9./10. November 1938 erhielten viele Juden in Hagen Besuch von der Gestapo und der Stadt Hagen. Der Hagener Museumsdirektor Dr. Gerhard Brns whlte in der Wohnung von Klre Bachrach eine unbekannte Anzahl von Objekten aus der Glas- und Porzellansammlung fr das stdtische Museum aus.

Die "Hochzeitsflasche" wurde nach dem Pogrom am 9./10. November 1938 durch eine Bekannte von Klre Bachrach auf ihre Veranlassung im Museum abgegeben. Dort sollte der Ankaufswert festgestellt werden. Museumsdirektor Brns erklrte die familiengeschichtlich fr die Hagener Geschichte interessante Flasche jedoch kurzerhand fr "beschlagnahmt".(4)

Erst auf wiederholten Anfragen hin und nach einer Intervention der "arischen" Bekannten bei Brns vorgesetztem Kulturdezernenten Dr. Dnneweg wurde Klre Bachrach ein "Ankaufswert" von 100 Reichsmark erstattet. Im Juni 1939 ging der gesamte Vorgang unter dem Titel "Ankauf einer bemalten Bauernflasche von der Jdin Bachrach" - offenbar zur berprfung - an die Gestapo in Hagen. Ende 1942 wurde das Verfahren eingestellt. Angeblich war der Aktenvorgang bei der Gestapo nicht mehr aufzufinden.(5)

Im Juli 1939 flchtete sich Klre Bachrach nach Brssel. Dort lebte ihre Tochter Elisabeth mit dem Ehemann Richard Seligmann und ihrem Sohn Fritz. Die Familie der Tochter hatte Hagen bereits 1938 verlassen. 1943, vermutlich aber wohl im Sommer 1942 wurde Clre Bachrach mit ihren Angehrigen von Brssel aus deportiert und spter in Auschwitz ermordet.(6)

Die "Hochzeitsflasche" des Sensenschmieds und Reidemeisters Caspar Heinrich Hfinghoff hat aufgrund ihrer Objektgeschichte eine zustzliche inhaltliche Aussagekraft erhalten. Sie steht auch fr die Sammlungspraxis der Hagener Museen im "Dritten Reich". Vor allem aber erinnert sie an die Sammlun von Erwin und Klre Bachrach, an ihre Familie und an das traditionsreiche Geschft in der Hagener Mittelstrae. Durch das Schicksal der frheren Eigentmer aktiviert die Objektgeschichte auch das Gedenken an den Massenmord an den Juden.


Literatur




1) Borchers, Walter: Glashtten und buerliches Glas in Westfalen und dem westlichen Niedersachsen, in: Rheinisch-Westflische Zeitschrift fr Volkskunde 2 (1955), S. 39-52.
2) Hesse-Frielinghaus, Herta: ber die Glser unseres Heimatmuseums, in: Hagen, use laiwe Hime 3 (1953) H 2, S. 17-18; Ads, E.: Kohlentreiber verkaufen Flaschen mit Emailmalerei, in: Hagen, use laiwe Hime 3 (1953) H 2, S. 18-21.
3) Tagebuchaufzeichnungen von Frau Wilhelmine von H., Hagen (Kopie im Historischen Centrum Hagen). Bereits 1952/53 hatte die frhere Bekannte von Klre Bachrach in einem Leserbrief an die Westflische Rundschau in Hagen die tatschliche Herkunft der "Hochzeitsflasche" und die Umstnde, mit der sie in das Museum gelangte, verffentlicht.
4) Ebd.
5) StadtA Hagen, Best. Hagen 1, Akte 9036.
6) Stadt Hagen (Hg.): Gedenkbuch zum tragischen Schicksal unserer jdischen Mitbrger, Hagen 1961, S. 5.




Ralf Blank. Alle Rechte vorbehalten