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Hagener Beitrge zur Regionalgeschichte Online


Herausgegeben vom Historischen Centrum Hagen | ISSN 1618 - 9752


28. April 1942 - Deportation in Hohenlimburg


von Ralf Blank



Die am 28. April 1942 von Rudolf Ante, einem Mitarbeiter der Stadtverwaltung Hohenlimburg, aufgenommenen Fotografien zeigen die Deportation von Juden vom Vorplatz der Synagoge. Auf zwei Fotografien ist der Eingang frheren, bereits 1932 aufgelsten jdischen Schule mit der ehemaligen Lehrerwohnung erkennbar. Das Gebude wurde von der Stadtverwaltung Hohenlimburg ab Herbst 1939 als "Judenhaus" genutzt. Hier wurden alle noch in Hohenlimburg wohnhaften Juden untergebracht.

Die Bildsequenz von der Deportation in Hohenlimburg zhlt zu den Quellen aus der NS-Zeit in der Region, die besonders bedrckend sind. Sie reiht sich in eine Anzahl von hnlichen Fotografien aus anderen Stdten im frheren Deutschen Reich sowie in den von Deutschland besetzten Lndern ein.

Die im Stadtarchiv Hagen berlieferten vier Aufnahmen gehrten zu einer greren Fotoserie. Der Verbleib der brigen Aufnahmen ist unbekannt. Die erhaltenen Originalaufnahmen sind in der Dauerausstellung des Stadtmuseums Hagen ausgestellt.


Die Fotografien









Bei den abgebildeten Personen handelt es sich um Hugo Lwenstein, Georg Lwenstein, Anneken Lwenstein, Berta Lwenstein, Else Lwenstein, Moritz Meyberg, Lina Meyberg, Kurt Meyberg, Paul Meyberg und eine bisher nicht identifizierte Frau.

Die Familien Lwenstein und Meyberg lebten bereits im 18. Jahrhundert in Hohenlimburg. Bis 1933 waren sie in das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben in der Stadt integriert. Sie gehrten Vereinen an, wie dem rtlichen "Heimatverein", und engagierten sich kommunalpolitisch.

Zwei Fotografien zeigen bei genauer Betrachtung mindestens zwei "Nachbarn", die von ihren Fenstern aus das Geschehen beobachten. Auf drei Fotografien sind Mitwirkende an der Deportation erkennbar: Ein uniformierter Angehriger der Ordnungspolizei und zwei Personen in Zivilbekleidung. Ein Zivilist hlt eine Liste in seinen Hnden. Er scheint in Blickrichtung auf die fr ein Gruppenfoto zusammenstehenden Juden zu grinsen.

Bei dieser Person handelt es sich wahrscheinlich um den Kriminal-Assistenten und SS-Hauptscharfhrer Walter Claussen. Als Beamter des Auenpostens Hohenlimburg der Kriminalpolizei Dortmund war er auch als rtlicher Sachbearbeiter fr die Gestapo ttig. Im April 1945 erhngte sich Claussen in einer Zelle des Polizeigefngnisses in Hohenlimburg. Er war von den US-amerikanischen Truppen inhaftiert worden.

Auf dem Lastkraftwagen ist die letzte Habe der Menschen zu sehen. Die Gestapo hatte den Juden genau vorgeschrieben, was sie als Gepck auf der Deportation mitnehmen durften. Alles andere wurde von der Stadtverwaltung und den Finanzbehrden beschlagnahmt. Wertvolle "Antiquitten" und historische Gegenstnde gelangten nachweislich in das "Heimatmuseum" in Hohenlimburg.



Von Hohenlimburg in den Holocaust



Die Fotografien halten einen dramatischen Moment im Leben der elf Menschen fest: Sie befanden sich am Beginn einer Reise in die "Endlsung". Am Ende dieser Reise stand fr sie der Holocaust und die Ermordung.

Von Hohenlimburg aus wurden die elf Personen auf dem offenen Lastkraftwagen zum Hauptbahnhof Hagen transportiert. Der Transport auf einem offenen Lastkraftwagen wurde von der Gestapo offenbar bewut gewhlt. Dadurch konnte die "Abreise" der Juden "in den Osten" von der Bevlkerung gesehen werden. Auf den Bilder sind auch Passanten auf der Strae sowie Personen in geffneten Fenstern zu erkennen, die das Geschehen beobachteten. Die Deportation und Zurschaustellung der betroffenen Personen geschah folglich in aller ffentlichkeit und war damit alles andere als ein "Staatsgeheimnis", wie zum Beispiel in Entnazifizierungsverfahren 1946 bis 1951 behauptet wurde.

Diese ffentliche Form des Abtransports gehrte zur Diffamierung, durch die Judendeportationen im Allgemeinen begleitet wurden. Die Fotografien lassen erahnen, welchen Demtigung den Hohenlimburger Juden bei der Deportation aus ihrer Heimatstadt zuteil wurde. Zur Rechtlosigkeit kam noch nie ffentliche Zurschaustellung. Die Inszenierung der Deporation in Hohenlimburg lt sich mit dem ffentlichen Transport von Deliquienten auf einem "Schinderkarren" zur Hinrichtungssttte vergleichen, wie es in der Frhen Neuzeit die Regel war.

Vom Gterbahnhof Hagen ging die Fahrt zunchst in ein Sammellager der Gestapo Dortmund auf dem Bahnhof Dortmund-Sd. Am 1. Mai 1942 wurden rund 1.000 Juden aus dem Regierungsbezirk Arnsberg in das Ghetto Zamosc im Distrikt Lublin im damaligen Generalgouvernement Polen deportiert. Hier verliert sich die Spur der Hohenlimburger Brger.

Die im Ghetto Zamosc inhaftierten Juden waren seit Frhjahr 1942 den einsetztenden Mordaktionen von SD und Polizei ausgesetzt. Zwei Monate nach der Deportation der Hohenlimburger Juden nach Zamosc begann im Distrikt Lublin die "Aktion Reinhardt". Die Vernichtungslager in Sobibor, Majdanek, Belzec und Treblinka nahmen die Massenttung von Menschen auf. Das Getto Zamosc wurde bei drei "Rumaktionen" zwischen dem 24. Mai und Ende Oktober 1942 sowie zuletzt im Mrz 1943 von SD- und Polizeieinheiten "entleert".

Die Menschen wurden in den Lagern Belzec und Sobibor berwiegend durch Motorenabgase (Kohlenmonoxid) ermordet. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich die auf den Fotografien abgebildeten Personen aus Hohenlimburg ebenfalls unter den Ermordeten befanden.



Literatur und Links



Kopciowski, Adam: Der Judenrat in Zamosc, in: Theresienstdter Studien und Dokumente (2002), S. 221-245.
Witte, Peter/Tyas, Stephen: A New Document on the Deportation and Murder of Jews during "Einsatz Reinhardt" 1942, Holocaust and Genocide Studies 15 (2001) H. 3, S. 468-486.
Witte, Peter: Zwei Entscheidungen in der "Endlsung der Judenfrage". Deportationen nach Ldz und Vernichtung in Chelmno, in: Theresienstdter Studien und Dokumente (1995), S. 38-68.
Zabel, Hermann: Hohenlimburg unterm Hakenkreuz. Beitrge zur Geschichte einer Kleinstadt im Dritten Reich. Essen 1998
Zamosc Ghetto, URL: http://www.deathcamps.org/occupation/zamosc%20ghetto.html



Ralf Blank. Alle Rechte vorbehalten







Das Buch zum Thema:
Ralf Prior (Hg.); Ohne Rckkehr. Die Deportation der Juden aus dem Regierungsbezirk Arnsberg nach Zamosc im April 1942, Essen 2012.