Forum "Barbarossa": Beitrag 4 - 2002

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Generalplan Ost - eine neue Quelle?
Ein Königsberger Gutachten zur "Eindeutschung" der annektierten polnischen Gebiete

Von Michael Schröders

Mit diesem Beitrag möchte ich nicht nur die begonnene Diskussion über ökonomische Dimensionen des Vernichtungskrieges fortsetzen, sondern zunächst einmal hinweisen auf die historische Kontinuität dieser Dimension, die sich nicht erst in der Planung des Russlandfeldzuges zeigt, sondern Vorläufer bereits in der Wirtschafts- und Bevölkerungsplanung der unter Hitlers "Lebensraum"-Maxime 1939 eroberten Gebiete in Polen besitzt. Ihren Niederschlag fanden diese Pläne in den spätestens seit Ende 1939 von verschiedenen Seiten begonnenen Planungen zum sog. "Generalplan Ost", auf die ich hier eingehen möchte. Dazu aber gilt es, hier eine neue Quelle vorzustellen, um diese in die Entstehungsgeschichte des mit dem deutschen Überfall auf die UdSSR häufig in Verbindung gebrachten "Generalplan Ost" einordnen zu können:

Vorschläge für die ländliche Besiedlung des neuen deutschen Ostraumes. Gutachtliche Äußerungen von G. Blohm, H. Klaaßen, E. Lang, E. Scheu, G. Weippert. Hrsg. von Erwin Scheu. Königsberg 1940 (Wirtschaftsgeographische Arbeiten, hrsg. vom Wirtschaftsgeographischen Institut der Handelshochschule Königsberg; Sonderheft)".

Diese als "streng vertraulich!" bezeichneten, in Königsberg gedruckten Gutachten in einem Heft mit 108 Seiten Umfang liegen mir im Original vor, versehen mit der handschriftlichen Nummer 210 auf dem Einband; ich habe das Heft 1999 aus einem im Jahre 1961 in die Bibliothek des Deutschen Raiffeisenverbandes (Bonn) eingegliederten, unbekannten Nachlaß erhalten. Diese Studie ist heute fast in Vergessenheit geraten, wenn auch Peter Hartmann 1969 in einer Rostocker Dissertation sowie in einem 1989 publizierten Aufsatz ausführlich diese Gutachten analysiert hat (1); in der deutschsprachigen Literatur zum Generalplan Ost werden sie, meines Erachtens allerdings zu Unrecht, nicht erwähnt.

I. Zu den Autoren und zur Entstehung des Gutachtens

Der Herausgeber, Prof. Dr. Erwin Scheu, war 1940 Direktor des Wirtschaftsgeographischen Institutes an der Handelshochschule Königsberg und gleichzeitig deren Rektor; der Agrarökonom Georg Blohm war Direktor der Abteilung Wirtschaftslehre am Landwirtschaftlichen Institut der TU Danzig, während Emil Lang an der Albertus-Universität Köngsberg als Direktor das Institut für Wirtschaftslehre des Landbaus leitete; der vierte Akademiker, Professor Dr. Georg Weippert, war 1940 Direktor des Staatswissenschaftlichen Instituts derselben Universität (2); alle Professoren setzten ihre akademische Laufbahn auch nach dem Kriege fort, Weippert und Scheu in Erlangen, Blohm und Lang in Kiel. Der fünfte Gutachter, H. Klaaßen, war 1940 pensionierter Direktor der ostpreußischen Landgesellschaft, die sich bereits in den dreißiger Jahren mit dem Thema "Ostsiedlung" befasste, und damit praxisorientierter Vertreter der ostpreußischen Agrarwirtschaft.

Initiiert wurde das Gutachten von der "Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung" (RAG), die laut Scheu sich Ende 1939 "mit den in Betracht kommenden Wissenschaftlern in Königsberg (Pr.) und Danzig in Verbindung setzte" (Vorwort S. III). Damit aber wird bereits an dieser Stelle der persönliche und institutionelle Bezug zum GPO deutlich: Der 1936 vom preußischen Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung Hans Kerrl (zugleich Reichsminister für kirchliche Fragen) und Reichserziehungsminister Bernhard Rust gegründeten RAG stand jener Professor Dr. Konrad Meyer vor, der 1939 die Leitung des "Planungsamtes für Raumforschung und Raumordnung" im Stabshauptamt des "Reichskommissars für die Festigung des deutschen Volkstums" übernahm und Heinrich Himmler, zugleich "Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei", auch als Direktor des Instituts für Agrarwesen und Agrarpolitik der Universität Berlin umfassend in solchen Fragen beriet. Die RAG hatte die Aufgabe, "die Raumordnung zu einem wissenschaftlich fundierten politischen Instrument staatlicher Planung" (3) zu entwickeln; sie unterstand nach einem Erlaß Hitlers dem Reichsministerium für kirchliche Angelegenheiten. Ohne an dieser Stelle bereits die Planungen für den Generalplan Ost berücksichtigen zu können, muss doch vermutet werden, dass dieser und das hier vorzustellende Gutachten der Königsberger Arbeitsgruppe aus Sicht der beauftragenden RAG in einem Zusammenhang stehen. Wahrscheinlich jedoch nutzte Meyer die RAG, um bereits vor Übergabe der "Planungsgrundlagen" an Himmler die geforderten Gutachten selbst initiieren zu können, zumal angesichts der Konkurrenz aus dem Reichsernährungsministerium, der Deutschen Arbeitsfront, der Wehrmacht und dem RSHA, wie Müller betont, Eile geboten war, "einen vorzeigbaren und seriösen Plan" vorzulegen, "der den konkurrierenden Dienststellen als `Grundgesetz´ des RKF aufgenötigt werden konnte" (4).

II. Zur Zielsetzung der Königsberger Gutachten

Der Auftrag der RAG an die Arbeitsgruppe lautete, "sie mit der Herstellung eines Gutachtens über die Aufnahmefähigkeit der eingegliederten Ostgebiete an deutschen Menschen zu betrauen, soweit es sich um den agrarischen Raum handelt" (Vorwort S. III) - es ging also um die im Krieg gegen Polen eroberten und dem Reich eingegliederten Gebiete "Reichsgau Danzig-Westpreußen", "Reichsgau Wartheland" und den "Regierungsbezirk Zichenau" und darum, sowohl reichsdeutsche Siedler als auch z.B. in Polen lebende Wolhyniendeutsche oder Baltendeutsche nach dem Hitler-Stalin-Pakt in diesem Gebiet anzusiedeln. Damit, so betont Hartmann, "ist schon von der Zielstellung her klar, dass der Auftrag über die Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung von Himmlers Reichskommissariat für die Festigung deutschen Volkstums ausging und die Studien wissenschaftlich erarbeitete Unterlagen für die SS-Siedlungspolitik zu schaffen hatten" (5). Mit dieser allgemeinen Zuordnung zur "SS-Siedlungspolitik" übersieht Hartmann allerdings, dass Konrad Meyer seit November 1939 in der Planungsabteilung des Stabshauptamtes RKF tätig war und bereits für den ersten Plan zum Generalplan Ost verantwortlich zeichnete: Es ist damit vorstellbar, dass die Königsberger Gutachten sich aus Sicht der RAG bzw. Meyers anschließen sollten an die zuerst von Karl Heinz Roth editierten "Planungsgrundlagen für den Aufbau der Ostgebiete" vom Januar 1940 (6), sofern deren Datierung durch Roth und Müller (7) stimmt; damit möchte ich zugleich der von Hartmann genannten Grobdatierung, das Gutachten schließe "die Lücke zwischen der `S-Planung Gebiet II´ (d.h. einem aus dem Stabsamt des "Reichsbauernführers" und Reichsernährungsministers R. Walther Darré stammenden Siedlungsplan für Polen vom August 1939, M.S.) und der richtungweisenden agrarpolitischen `Allgemeinen Anordnung Nr. 7/II des Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums" (8) vom November 1942 eine Einordnung der Gutachten entgegenhalten, welche diese ausweist als Folge der "Planungsgrundlagen" für den Generalplan Ost, in denen es zum Schluß heißt: "Dringend erforderlich ist die Durchführung einer Bodenbestandsaufnahme, die sich sowohl aus der Beschaffung eines hinreichenden Kartenmaterials und der klimatologischen Unterlagen als auch einer Überschlagsbewertung der landwirtschaftlich genutzten Fläche zusammensetzen muss. Die Durchführung einer Überschlagsbewertung der landwirtschaftlich genutzten Fläche (Acker- und Grünland) sollte ... im Grundsatz nach den Verfahren der Reichsbodenschätzung erfolgen" (9).

Zur Frage der Einordnung der Königsberger Gutachten ist hier eine Zwischenbemerkung erforderlich: Ob die Arbeitsgruppe Scheu tatsächlich die von Meyer genannten Untersuchungen durchführen sollte, hängt zunächst einmal von der Chronologie der Ereignisse ab: Madajczyk datiert die Planungsunterlagen auf den "April / Mai 1941", während Roth und Müller ihre erste Fassung bereits in den Januar bzw. Februar 1941 verlegen; am 15. Juli 1941 übersandte Meyer die revidierte Fassung "durch die Hand von Brigadeführer Greifelt" an Himmler, während bereits Ende 1939 die RAG an die Königsberger und Danziger Agrarökonomen herantrat. Insofern bietet die Chronologie keinen Beweis für die hier vertretene These, dass die Königsberger Vorschläge als Antwort auf die zitierten Anregungen Meyers zu werten sind, solange nicht mit Hilfe zusätzlicher, hier nicht vorhandener Quellen geklärt werden kann, ob Meyer über die RAG einen solchen Untersuchungsauftrag an die Arbeitsgruppe Scheu erteilt oder diesen zumindest bei der RAG angeregt hat ? Meine These stützt sich insofern lediglich auf die zwischen Meyers Anregung am Schluß der "Planungsgrundlagen" und dem Inhalt der Königsberger Einzelgutachten auffällige inhaltliche Übereinstimmung. Zur Stichhaltigkeit dieser These sind allerdings weitere Arbeiten notwendig, so auch eine Untersuchung der Wirkungsgeschichte dieser Gutachten, die ohne ergänzende Quellen und um der Länge des Beitrages willen hier vorerst nicht geleistet werden können; auf diese Fragen wird zurückzukommen sein.

Grundlage für die Gutachten sind damit zum einen die Vorarbeiten von Meyers Planungsabteilung im RKF, zum anderen aber auch, wie Roth betont, Deportationspraxis und gleichzeitige "Rückführung" von "Volksdeutschen" insbesondere aus dem Baltikum; zumindest für die Anfangsphase der Raumplanung im Osten bedeutet dies auch, dass eher von einem Nebeneinander konkurrierender SS-Stäbe (RKF und Reichssicherheitshauptamt mit den Referaten III B, "Volkstumspolitik", und IV B 4, "Räumung", Reichsernährungsministerium, Deutsche Arbeitsfront) auszugehen ist, in denen jeweils eigene Pläne für Umsiedlungen erarbeitet wurden, so im Reichssicherheitshauptamt der sofort durchzuführende "Nahplan" als "Räumungsplan" für die annektierten Gebiete und der - allerdings nicht in Kraft getretene - "Fernplan" zur Deportation der jüdischen und polnischen Bevölkerung aus den eingegliederten Ostgebieten (10). Die Arbeitsgruppe Scheu jedenfalls unternahm, in unterschiedlicher Kooperation der Beteiligten, im Frühjahr und Sommer 1940 auf der Grundlage dieser ineinander greifenden Planungen mehrere Reisen in das Gebiet, führte Gespräche und sammelte statistisches Material, das in die ausgearbeiteten Einzelgutachten einging; diese Gutachten befassten sich im einzelnen mit folgenden Themen, die hier nach dem Inhaltsverzeichnis wiedergegeben werden:

1. Erwin Scheu: Die natürlichen Grundlagen der neuen Ostgebiete (Größenverhältnisse, landschaftliche Gliederung, Klima)
2. Erwin Scheu, Georg Weippert: Bodenbewertung (mit Karten und Tabellen)
3. Georg Weippert: Die Volkstumsgrundlagen in den neuen Ostgebieten (Umfang und Siedlungsgebiete der deutschen und der polnischen Volksgruppe)
4. Erwin Scheu, Georg Weippert: Bestehende lebensfähige volksdeutsche Höfe im neuen Ostgebiet
5. Erwin Lang und H. Klaaßen: Landwirtschaftliche Grundlagen der Besiedlung des neuen Ostgebietes und die daraus sich ergebende Betriebsstruktur
6. Georg Blohm: Die Bereinigung der bestehenden Dörfer und Siedlungen im Zuge der Eindeutschung (Aufforstungen, Betriebsgrößen in polnischen Dörfern, Flurbereinigung, Melioration, Baumaßnahmen)
7. Georg Weippert: Eindeutschungspolitik und Landarbeiterfrage
8. Erwin Scheu, Georg Weippert: Aufnahmefähigkeit und Bevölkerungsstruktur im agrarischen Raum der neuen Ostgebiete
9. Gemeinsame Vorschläge.

III. Inhalte: Die Gutachten der Arbeitsgruppe Scheu im Rahmen der Planungen zum "Generalplan Ost"

Bereits diese Themen lassen Schlussfolgerungen zu: die Arbeitsgruppe begnügte sich nicht damit, im Rahmen eines eng begrenzten Gutachterauftrages landwirtschaftliche und agrarökonomische Bedingungen zur Ansiedlung von Siedlern zu überprüfen, obwohl die Vorgaben der "Planungsgrundlagen" - Bodenbestandsaufnahme und -bewertung, "klimatologische Unterlagen", "Bewertung der landwirtschaftlich genutzten Fläche (Acker- und Grünland)" - erfüllt wurden.. Vielmehr befasste man sich - in Übereinstimmung mit wesentlichen Zielen der NS-Ideologie - auch mit "Volkstums"- und politischen Fragen unter der Prämisse: "Ausschlaggebend für die Eindeutschung des Landes ist der Ersatz der selbständigen polnischen Bauern durch deutsche Siedler" (Georg Blohm: Die Bereinigung der bestehenden Dörfer und Siedlungen im Zuge der Eindeutschung", S. 84). Ein Beispiel für die rassistisch und auf dieser Grundlage ökonomisch-zweckrational nach deutschen Interessen motivierte und orientierte Bevölkerungs- und Siedlungsplanung als Grundlage zukünftiger Politik bietet Georg Weippert, der zum Thema "Eindeutschungspolitik und Landarbeiterfrage" folgendes schrieb: "In welchem Umfang man - innerhalb der biologisch tragbaren Grenze - polnische Arbeitskräfte überhaupt (nicht Landarbeiter!) im Lande behalten will, ist eine Zweckmäßigkeitsfrage. Unsere Vorschläge gehen ja nicht so sehr auf eine völlige Verdrängung und Entfernung der Polen, als vielmehr auf eine völlige Eindeutschung und Entpolonisierung des Landes bzw. des ländlichen Grund und Bodens. Gerade weil der polnische Bauer in der Regel kein Marktbauer, sondern - bei äußerster Anspruchslosigkeit - überwiegend hauswirtschaftlich orientiert ist, würde er sich als ein sehr zäher Bewahrer seines Bodens erweisen. Doch nicht nur der polnische Bauer, auch der polnische Landarbeiter steht im Kampf um den Boden. Die Belassung polnischer bäuerlicher Inseln, die auch auf den geringen Böden bald übervölkert sein würden, erscheint aus obigen Gründen nicht ratsam.

Will man auf die polnischen Arbeiter aus irgendwelchen Erwägungen heraus nicht verzichten, so hat man sie so einzusetzen, dass eine Unterspülung deutscher bäuerlicher und landwirtschaftlicher Betriebe mit polnischem Volkstum nicht erfolgen kann. Die Einwirkungsmöglichkeiten sind bei allen baugewerblichen und industriellen Beschäftigungen ungleich größer, mag es sich auch bei Wege-, Straßen-, Eisenbahnbauten, bei Aufforstung, Meliorationen usw. um geballte und massierte Verwendung polnischer Arbeitskräfte handeln. Der Vorteil stärkerer Einwirkungsmöglichkeit gilt auch gegenüber der in den Städten wohnenden polnischen Bevölkerung. Sie ist in ganz besonderem Maße genötigt, so sie ihren Wohnsitz nicht aufgibt und wegzieht, sich umzustellen, was einer Schwächung des Volkstums gleichkommt.

Unter der Voraussetzung, dass die Juden sowohl in den deutschen Ostgebieten wie in dem Gouvernement nach dem Kriege ausgesiedelt werden können, ist die Möglichkeit gegeben, eine entsprechende Anzahl Polen aus den deutschen Ostgebieten ins Generalgouvernement zu verpflanzen. Dabei wären diejenigen auszusondern, die für eine Umvolkung in Frage kommen. Die Umvolkung kann teils in den Ostgebieten, teils in den Gebieten des Altreichs vollzogen werden" (S. 95f.).

In diesen Sätzen zeigt sich eine sehr deutliche Übereinstimmung mit nationalsozialistischen Ideologemen, ausgehend von der Forderung nach "völlige(r) Eindeutschung und Entpolonisierung des Landes bzw. des ländlichen Grund und Bodens", die Hitler bereits in seiner Rede vor Generälen am 3. Februar 1933 vertreten hatte : "Das Ziel würde wahrscheinlich der Osten sein. Doch eine Germanisierung der Bevölkerung des annektierten bezw. eroberten Landes ist nicht möglich. Man kann nur Boden germanisieren" (11). Auch die "Aussiedlung" der Juden in Form ihrer Ghettoisierung im Generalgouvernement wird bereits, ebenso wie in den "Planungsgrundlagen", vorausgesetzt: "Es wird im folgenden vorausgesetzt, dass die gesamte jüdische Bevölkerung dieses Gebietes von rund 560.000 bereits evakuiert ist bzw. noch im Laufe dieses Winters das Gebiet verlässt. Es ist daher praktisch mit einer Bevölkerung von 9 Mill. zu rechnen" (12). Dieselben Planungsgrundlagen Meyers gehen aus von dem Ziel, den Status von 1914 wiederherzustellen, als der Anteil der deutschen Bevölkerung "ungefähr 50 %" betragen habe, mit der Voraussetzung, "dass man zunächst die Zahl der in diesem Gebiet lebenden 1,1 Millionen Deutschen um 3,4 Mill. auf 4,5 Mill. vermehrt und Zug um Zug 3,4 Mill. Polen abschiebt" (13). Weippert macht sich diese Aussiedlung der polnischen Bevölkerung zu eigen; mit der Forderung, die "Belassung polnischer bäuerlicher Inseln" nicht zuzulassen und das Verbleiben polnischer Arbeitskräfte unter dem Gesichtspunkt der "Zweckmäßigkeit" als Arbeiter in diesem Gebiet zuzulassen, um sie als billige Arbeitskräfte um so zweckmäßiger beaufsichtigen und ausbeuten zu können, und der Forderung nach Abschiebung ins Generalgouvernement wird allerdings deutlich, dass er sich den SS-Plänen zur rassistisch motivierten Bevölkerungspolitik aus ökonomischen Gründen auch hinsichtlich der Größe der landwirtschaftlichen Betriebe mit rassistischen Argumenten anschließt: "Die Gefahr, vor der hier gewarnt wird, rührt allein aus dem biologischen Überdruck, wobei zu beachten bleibt, dass dieser Überdruck bei einer größeren Zahl selbst kleiner Großbetriebe rasch zunehmen würde" (S. 93). Mit einem Wort: je kleiner die Betriebe in Anzahl oder Betriebsgröße, um so weniger zusätzliche polnische Arbeiter würden notwendig sein, was zu der angestrebten Eindeutschung beitragen könne - und zugleich die polnischen Landarbeiter in die von Weippert vorgeschlagenen Tätigkeiten unter zwanghaften Bedingungen zugunsten der geplanten Eindeutschung des zu nutzenden Gebietes abdrängen würde.

Damit zeigt sich auch an dieser Stelle, dass die Gutachter auf der Linie des RKF und Meyers die wissenschaftlich begründete Grundlage für eine Bevölkerungspolitik schufen, die nach rassistischen und nachfolgend ökonomischen Kriterien zur Germanisierung des neu eroberten "Lebensraumes" führen sollte, um "harte materielle Interessen des deutschen Faschismus und Imperialismus" (14) durchsetzen zu können: Schaffung von Bauernstellen und neuen Dörfern zur Sicherung der Ernährung von neu anzusiedelnden Familien nach Entfernung der polnischen Konkurrenten aus der Landwirtschaft mittels Zwangsarbeit in Bau- und Industriewirtschaft, Ausbeutung der zuvor "meliorierten" Böden und Fluren. Daneben zeigt sich, dass Weippert und wahrscheinlich auch den übrigen Gutachtern offensichtlich zumindest Grundzüge von Meyers "Planungsgrundlagen" bekannt waren, was die oben vertretene These zur Einordnung dieser Königsberger Gutachten in die Planungsarbeit Meyers zum "Generalplan Ost" bestätigen würde.

Eine zweite Anmerkung ist notwendig, um die Kenntnisse der Gutachter zur Deportation der jüdischen Bevölkerung aus den annektierten Gebieten ins Generalgouvernement einordnen zu können: Nach den von Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamtes, im November 1939 vorgesehenen Nah- und Fernplänen "sollten im Rahmen dieses 1. Nahplans noch im Dezember 1939 80.000 Menschen vertrieben werden, um 40.000 Volksdeutschen Platz zu machen. Der Fernplan sah die vollständige `Entpolonisierung und Entjudung der deutschen Ostprovinzen´ vor" (15). Die von Weippert für die "Entpolonisierung" benannte Voraussetzung für die "Eindeutschung", "dass die Juden sowohl in den deutschen Ostgebieten wie in dem Gouvernement nach dem Kriege ausgesiedelt werden können", deutet zwar nicht auf die detaillierte Kenntnis der RSHA-Planung hin, immerhin aber darauf, dass die Absicht zur vollkommenen Entfernung aller Juden aus den annektierten Gebieten auch diesen Gutachtern zumindest als politische Absicht bekannt war - und dass diese ihre Planungen und Empfehlungen auf diesen rassenideologischen Zielen aufbauten. Damit erhebt sich die Frage, ob nicht die Frage nach einem "Synchronismus zwischen dem `Generalplan Ost´ und der Endlösung der Judenfrage" (16) heute überholt ist: Geht es nicht vielmehr darum, die Judenverfolgung in der Form ökonomischer Verdrängung und Entrechtung nicht nur im "Altreich", sondern auch von Deportation und Ghettoisierung in Polen als Bestandteile utilitaristisch-ökonomischer Zukunftsplanungen, so unmenschlich und utopisch diese gerade waren, zumindest zwischen Ende 1939 und dem Beginn des ideologische Elemente der NS-Politik wiederum hervorkehrenden Vernichtungskrieges gegen die UdSSR im Frühjahr 1941 zu "verstehen" ?

Eine Anmerkung zu Georg Weippert am Rande: Laut Tilitzky wurde er vom NS-Dozentenbund "zeitweise" mit dem Vorwurf des "politischen Katholizismus ... unter Druck gesetzt", was seine Ferne vom Nationalsozialismus beweise (17). Auch diesem Urteil kann hier nur insofern zugestimmt werden, als dies seine Arbeiten um 1933 zeigen mögen - für 1939/40 ist dies nach den mir vorliegenden Gutachten ein eindeutiges Fehlurteil.

IV. Dokumentation der Ergebnisse

Es kann nicht Aufgabe dieses Beitrages sein, den Inhalt aller Gutachten mit den Detailplanungen von Hof- und Dorfgrößen, detaillierten Berechnungen zur Zahl der Bauern- und Landarbeiterstellen, Betriebsgrößen- und Strukturberechnungen, Aufforstungen von "nicht kulturwürdigem Boden", Meliorationen, Verbesserung des baulichen Zustandes von Höfen usw. hier wiederzugeben. Hartmann hat in seiner Dissertation dazu eigene Analysen aus marxistischer Sicht vorgestellt und gibt wesentliche Teile der Gutachten umfangreich wieder (18).

Ich möchte allerdings im Hinblick auf weitere Diskussionen hier zum Schluß vollständig jene 14 "Gemeinsame Vorschläge" der fünf Gutachter wiedergeben, mit denen die Königsberger Gutachten schließen (S. 107f.) :

"Die am Ende Unterzeichneten machen für die ländliche Besiedlung der neuen deutschen Ostgebiete folgende Vorschläge:

1. Das vornehmste Ziel der Besiedlung des agrarischen Raumes muss die möglichst vollständige Eindeutschung sein.

2. Dieses Ziel kann nur durch vorwiegend bäuerliche Familienwirtschaften erreicht werden, die nach Maßgabe der natürlichen und wirtschaftlichen Bedingungen in einer Größe von 15 - 20 - 25 ha anzulegen sind.

3. Diese Familienwirtschaften sollen nur auf wirklich kulturwürdigem Boden errichtet werden; aller übrige Boden soll aufgeforstet werden (vornehmlich Böden 7. bis 8. Klasse bzw. unter 20 Ackerwertzahlen der neuen Reichsbodenschätzung).

4. An erster Stelle müssten die Betriebe der ansässigen volksdeutschen Gruppen soweit erforderlich auf eine lebensfähige Ackernahrung gebacht werden; hierzu ist vor allem eine Umsiedlung der auf nicht kulturwürdigem Boden ansässigen volksdeutschen Bauern in lebensfähige Betriebe notwendig.

5. Sodann sind die volksdeutschen Rückwanderer soweit es sich um Bauernfamilien handelt, in bisherigen polnischen Dörfern anzusetzen. Es ist eine vordringliche Aufgabe, für diese Rückwanderer lebensfähige Stellen auszubauen.

6. Die in Zukunft aus dem Altreich noch herauszuholenden Bauernsiedler sind ebenfalls zunächst in polnischen Bauerndörfern anzusetzen. Erst dann kommt eine Aufteilung der polnischen Großgüter in Betracht.

7. Neben der Hauptmasse der bäuerlichen Familienwirtschaften ist die Auslegung von großbäuerlichen Betrieben in beschränkter Zahl wünschenswert, vor allen Dingen mit Rücksicht auf die Pflege gewisser Spezialkulturen und gewisser tierzüchterischer Aufgaben.

8. Großbetriebe sollten über den Bestand des jetzigen volksdeutschen Großgrundbesitzes hinaus nicht vergeben werden, es sei denn, dass technische Erfordernisse die Form des Großgrundbesitzes notwendig machen. Die Vergebung von Gutshöfen über Erbhofgröße bis zu einem Höchstmaß von 200 ha sollte nur in ganz beschränkter Zahl in besonders begründeten Fällen erfolgen.

9. Eigentliche Großbetriebe über 200 ha sollten nur mit ausdrücklicher Zustimmung des Führers vergeben werden dürfen.

10. Anzustreben ist eine möglichst gleichmäßige räumliche Verteilung der verschiedenen Betriebsgrößen.

11. Neben der Bauernsiedlung ist der Ansetzung eines tüchtigen Dorfhandwerks größte Aufmerksamkeit zu schenken.

12. Im Interesse einer raschen Eindeutschung liegt auch das Hereinnehmen von deutschen Landarbeitern als künftigen Aufstiegsbauern in den dörflichen Verband.

13. Nicht minder wichtig als der richtige soziale Aufbau der neuen Dörfer ist eine ansprechende architektonische Gestaltung unter sinngemäßer Einfügung in die Landschaft.

14. Zusammenfassend müssen wir sagen, dass die Eindeutschung nur voll gelingen kann, wenn der soziale Grundtypus durch den bäuerlichen Familienwirt repräsentiert wird; denn das Land gehört nur dem, der es bearbeitet und nicht dem, der es von anderen bearbeiten lässt.

Voraussetzung ist, dass die bäuerliche Arbeit eine bevorzugte Bewertung im Rahmen der gesamten großdeutschen Volkswirtschaft erhält.

Schließlich muss in dem neuen Ostgebiet auch für die Wahrnehmung der kulturellen Belange (Schule und Kirche) in rein deutschem Sinne Sorge getragen werden."

Anmerkungen:

1) Peter Hartmann: Die annexionistische Agrarsiedlungspolitik des deutschen Faschismus in den sogenannten "Eingegliederten Ostgebieten" ("Reichsgau Danzig-Westpreußen", Reichsgau Wartheland", "Regierungsbezirk Zichenau") 1939 - 1945. Diss. phil. A, Univ. Rostock, 1969 (Masch.), zitiert als: Hartmann, Agrarsiedlungspolitik. Ders.: Agrarpolitische annexionistische Planung der Hitlerfaschisten gegenüber Polen : Zur Rolle der Arbeitsgruppe Erwin Scheu. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der (Wilhelm-Pieck-) Universität Rostock, Gesellschaftswissenschaftliche Reihe, 38, 1989, Heft 3, S. 48 - 51, zitiert als: Hartmann, Agrarpolitische Planung.

2) Siehe zur Albertina im Dritten Reich zuletzt Christian Tilitzki : Von der Grenzland-Universität zum Zentrum der nationalsozialistischen "Neuordnung des Ostraums" ? Aspekte der Königsberger Universitätsgeschichte im Dritten Reich. In: Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands 46, 2000, S. 233 - 269. Ohne in diesem Beitrag Tilitzkis wissenschaftshistorische Thesen über die Rolle vor allem der Geschichtswissenschaften in Auseinandersetzung z.B. mit Ingo Haar diskutieren zu können, erscheint es mir doch euphemistisch, aus der Berufungspraxis der Universität wie aus der nur zeitweiligen Anwesenheit von "SD-Ostexperten" zu deren Promotion oder Habilitation zu folgern, diese könne "spätestens in der unmittelbaren Vorkriegszeit nicht einmal als Nebenzentrum spezifisch nationalsozialistischer Ostforschung" eingestuft werden, "ein Befund, der mit Blick auf Schieders Landesstelle für ostpreußische Nachkriegsgeschichte sogar auf den Wissenschaftsstandort Königsberg als Ganzes ausgeweitet werden kann" (ebd. S. 269); die hier vorgestellte Gutachtertätigkeit von Agrar- und Nationalökonomen zweier Königsberger Hochschulen scheint eher die gegenteilige Auffassung zu stützen.

3) Götz Aly / Susanne Heim: Vordenker der Vernichtung : Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung. Durchgesehene Ausgabe. Frankfurt a.M. 1993, S. 156.

4) Müller, Rolf-Dieter: Hitlers Ostkrieg und die deutsche Siedlungspolitik. Die Zusammenarbeit von Wehrmacht, Wirtschaft und SS. Frankfurt a.M. 1991, S. 89.

5) Hartmann, Agrarsiedlungspolitik, S. 110.

6) Karl H. Roth: Konrad Meyers erster "Generalplan Ost". In: Dokumentationsstelle zur NS-Sozialpolitik (Hrsg.): Mittelungen 1, 1985, Heft 4, S. 45 - 53, Dok. 1. Zur Autorschaft Meyers siehe dessen Schreiben an Himmler vom 15. Juli 1940 in Czeslaw Madajczyk: Vom Generalplan Ost zum Generalsiedlungsplan : Dokumente. München; New Providence; London: K.G. Saur, 1994 (Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin; 80), Dok. 2, S. 14f.

7) Müller, Hitlers Ostkrieg und die deutsche Siedlungspolitik, S. 130 - 138.

8) Hartmann, Agrarpolitische Planung, S. 49. Die "S-Planung Gebiet 2" vom 25. November 1939 ist als "NS-Siedlungsplanung für das Posener Gebiet und Pommerellen, ausgearbeitet im August 1939", fragmentarisch abgedruckt bei Madajczyk, Vom Generalplan Ost zum Generalsiedlungsplan, Anlage Nr. 1, S. 325 - 358. Dieser Plan war den Königsberger Gutachtern offensichtlich bekannt, denn Weippert bemerkt zur Zahl der Kaschuben: "Nach einer anderen Quelle (Stabsamt des RBF), deren Werte aber wohl zu hoch liegen, werden für Seekreis 85.000, für Karthaus 65.000, für Berent 5.000, für Konitz 10.000 geschätzt" (S. 35); allerdings ließen sich diese Zahlen nicht in der fragmentarischen Edition von Madajczyk verifizieren.

9) "Planungsgrundlagen für den Aufbau der Ostgebiete, ausgearbeitet von der Planungshauptabteilung des Reichsführers SS, Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums"; zitiert nach Madajczyk, Vom Generalplan Ost zum Generalsiedlungsplan, Dok. 1, S. 3 - 14, hier S. 14. Zur "Reichsbodenschätzung" siehe die zitierten "Gemeinsamen Vorschläge", Nr. 3.

10) Siehe im Detail zu diesen unterschiedlichen Planungen Karl Heinz Roth: "Generalplan Ost" - "Gesamtplan Ost". Forschungsstand, Quellenprobleme, neue Ergebnisse. In: Mechtild Rössler / Sabine Schleiermacher (Hrsg.): Der "Generalplan Ost" : Hauptprobleme der nationalsozialistischen Planungs- und Vernichtungspolitik. Berlin 1993, S. 25 - 95, insbesondere S. 32ff. und S. 58. So neuerdings auch Jan E. Schulte: Zwangsarbeit und Vernichtung: Das Wirtschaftsimperium der SS. Oswald Pohl und das SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt 1933 - 1945. Paderborn u.a. 2001, S. 242ff.

11) Zitiert nach Andreas Wirsching: "Man kann nur Boden germanisieren". Eine neue Quelle zu Hitlers Rede vor den Spitzen der Reichswehr am 3. Februar 1933. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 49, 2001, Heft 3, S. 517 - 550, hier S. 547.

12) Madajczyk, Vom Generalplan Ost zum Generalsiedlungsplan, Dok. 1, S. 3.

13) Ebd.

14) Dietrich Eichholtz : "Generalplan Ost": Vor 60 Jahren: Durchgerechnet bis zur letzten Mark - die "Germanisierung" des Ostens. In: Junge Welt, 28. Mai 2002, hier zitiert nach der im Internet verbreiteten Ausgabe unter http://www.jungewelt.de/2002/05-28/012.php (letzter Zugriff 18. Juli 2002).

15) Michael Wildt: Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes. Hamburg 2002, S. 491.

16) Czeslaw Madajczyk: Besteht ein Synchronismus zwischen dem `Generalplan Ost´ und der Endlösung der Judenfrage ? In: Wolfgang Michalka (Hrsg.): Der Zweite Weltkrieg. Analysen, Grundzüge, Forschungsbilanz. München; Zürich 1989, S. 844 - 857.

17) Tilitzki, Von der Grenzland-Universität zum Zentrum der nationalsozialistischen "Neuordnung des Ostraums", S. 249. Weippert engagierte sich nach dem Kriege, dies als zweite Randbemerkung, mit zahlreichen Publikationen in der Propagierung der öffentlich-ethischen Grundsätze landwirtschaftlicher Genossenschaftsverbände, nicht ohne in der "Genossenschaftsform", ganz im Gegensatz zu früheren Auffassungen, "ein Gestaltungsprinzip der Gesellschaft und Kultur überhaupt" zu erkennen. Siehe dazu mit weiterer Literatur Helmut Faust: Geschichte der Genossenschaftsbewegung. Ursprung und Aufbruch der Genossenschaftsbewegung in England, Frankreich und Deutschland sowie ihre weitere Entwicklung im deutschen Sprachraum. 3., überarbeitete und stark erweiterte Auflage Frankfurt a.M. 1977, S. 693ff.

18) Hartmann, Agrarsiedlungspolitik, insbesondere S. 109 - 141.

 

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