Forum "Barbarossa": Beitrag 2 - 2003

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Stalingrad: Von der Hybris zur Nemesis
Wissenschaftliches Colloquium zum 60. Jahrestag der Schlacht von Stalingrad

von Werner Röhr

Am 30. Januar 2003 fand an der Universität Potsdam ein Colloquium über die Stalingrader Schlacht statt. Veranstaltet wurde die Tagung vom Lehrstuhl Militärgeschichte an der Universität Potsdam, dem Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam, der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V. und dem Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst. Die deutsche und die sowjetische Militärstrategie 1942 sowie Reaktionen der deutschen Führung auf die Niederlage in Stalingrad standen im Mittelpunkt der Erörterung. Das Colloquium war in seinem ersten Teil komparatistisch angelegt. Die Vorträge bauten auf dem neuesten Forschungsstand auf und formulierten prägnant Streitfragen für die Debatten. Neben Historikern und Militärhistorikern nahmen Studenten der Potsdamer Universität teil.

Bernd Wegner, Professor an der Universität der Bundeswehr in Hamburg, behandelte eingangs Probleme der Strategie der Wehrmachtführung seit dem Sommer 1942. Die „Operation Blau“ – wie der Feldzug vom Sommer 1942 gegen die Sowjetunion in der militärischen Planung hieß – steht bei Historikern und noch bei Publizisten weit zurück hinter dem Unternehmens „Barbarossa“. In der Öffentlichkeit wird sie gar nicht so selten als Bestandteil oder bloße Fortsetzung von „Barbarossa“ angesehen. Wegner unterstrich nachdrücklich den spezifischen Charakter des Sommerfeldzuges der Wehrmacht von 1942 gegen die Sowjetunion. Dieser unterschied sich wesentlich von dem vorangegangenen des Jahres 1941, hinsichtlich der Ziele, der Strategie, und der eingesetzten militärischen Kräfte. Die Wehrmacht hatte 1941 weder die Zerschlagung der Sowjetunion noch ihrer Streitkräfte erreichen können. Mit dem definitiven Scheitern des „Blitzkrieges“ vor Moskau war der Strategie für „Barbarossa“ die Grundlage entzogen. Nunmehr war klar, daß der Krieg länger dauern würde, darauf war das faschistische Deutschland nicht ausreichend vorbereitet.

Im Dezember 1941 war nicht nur das Blitzkriegskonzept endgültig gescheitert, vor allem hatten sich die weltpolitischen Rahmenbedingungen des Krieges grundlegend geändert. Seit Pearl Harbor war der Krieg nicht mehr nur ein europäischer, sondern er wurde weltweit geführt. Seit dem Kriegseintritt der USA war eine zweite Front in Europa zu erwarten. Diese Bedingungen zerstörten die bisherigen Kalküle Hitlers, über eine Reihe von Blitzkriegen zur Vorherrschaft zu gelangen. So stand die deutsche Kriegführung unter Zeitdruck; sie wollte den Krieg gegen die Sowjetunion vor dem erwarteten Eingreifen der Westmächte beenden. Dafür aber fehlten ihr nach den Verlusten des Jahres 1941 die militärischen Mittel. Seit Dezember 1941 war der Krieg für Deutschland nicht mehr zu gewinnen.

Der zweite deutsche Ostfeldzug war der letzte mit einer eigenen strategischen Zielsetzung. Verglichen mit 1941 war sie bescheidener: Eroberung einer Rohstoffbasis zur Erhaltung der eigenen Kriegsfähigkeit. Folglich waren die Eroberung des Donezbeckens mit seiner Schwerindustrie und vor allem der kaukasischen Erdölfelder die strategischen Ziele des Sommerfeldzuges 1942. Die Notwendigkeit, die Kriegführungsfähigkeit für die weltweite Auseinandersetzung zu sichern, diktierte die Ziele der Operation „Blau“. Daher wurde nicht der Angriff auf Moskau wiederaufgenommen, was die meisten der um die wirtschaftlichen Grundlagen der Kriegführung unbekümmerten Feldzugsplaner politisch favorisierten, sondern der Vorstoß ausschließlich im Süden geführt. Um die rohstoffwirtschaftliche Grundlage für eine längerfristige Fortsetzung des Krieges zu sichern, hatte die deutsche Führung militärisch keine andere Alternative. Hinsichtlich der strategischen Zwänge seiner Lage war Hitler nicht so militärisch beschränkt wie manche seiner Generale, hob Wegner hervor. Priorität für die Sommeroffensive hatte die Rohstoffsicherung, gleichzeitig sollte die Sowjetunion vom kaukasischen Öl abgeschnitten und damit geschwächt und gleichzeitig die britische Stellung im Nahen Osten bedroht werden. Mit der Operation „Blau“ sollte die Gefahrenzone der neuen Situation rechtzeitig überwunden, das im Dezember 1941 weit geöffnete „Fenster der Verwundbarkeit“ geschlossen werden.

Nicht nur Zeitdruck und Erfolgszwang waren die Ursachen, wenn ungeachtet des Rückschlages vor Moskau 1941 die Kräfte der Roten Armee weiterhin unterschätzt, die eigenen überschätzt und die Risiken überspielt wurden. Dessenungeachtet glaubte Wegner, von einem gegenüber 1941 pragmatischeren Stil der Kriegführung für „Blau“ sprechen zu können. Der Generalstab des Heeres teilte Hitlers Vorgaben nicht, ordnete sich aber unter; seine Operationsplaner gingen nicht vom Machbaren aus, sondern kalkulierten Kräfte und Möglichkeiten auf der Basis vorgegebener Entscheidungen. Mit Hitlers Vorgaben für den Feldzug war jeglicher prinzipiellen Kritik an den Grundlagen von „Blau“ die Basis entzogen. Eine allein „vertikale Kommunikation“, d.h. das Bemühen der militärischen Fachleute um die Gunst Hitlers, ließ diese operativen Alternativen nicht einmal denken. Ihre Denkschriften verfaßten sie erst nach Hitlers Entscheidung.

Als die Wehrmacht am 28. Juni 1942 mit einer Heeresgruppe zur Sommeroffensive antrat, waren die einsatzbereiten militärischen Kräfte nur noch ein Schatten derer, die für „Barbarossa“ aufgeboten worden waren. 1941 waren 65 Prozent der angriffsbereiten Divisionen voll einsatzfähig, 1942 nur noch 5 Prozent. Die Verluste waren weder personell noch materiell auszugleichen, Beweglichkeit und Feuerkraft hatten erheblich gelitten. Dennoch begründete die rasche Eroberung großer Räume zu Beginn der Offensive 1942 den Optimismus, das kaukasische Öl schnell unter Kontrolle bringen und damit die Sowjetunion wie Großbritannien in Schach halten zu können.

Mit Hitlers Entscheidung vom 23. Juli 1942, die Heeresgruppe Süd aufzuspalten und gleichzeitig gegen den Kaukasus und Stalingrad vorzumarschieren, war das Schicksal von „Blau“ besiegelt. Eine Schwerpunktbildung unterblieb. Faktisch rückte Stalingrad in den Mittelpunkt; als ob sich hier die Schlacht um das kaukasische Öl entschiede. Die strategischen Ziele im Kaukasus blieben unerreichbar, die wenigen eroberten Ölfelder bei Grosny waren so nachhaltig zerstört, daß sie der Wehrmacht nicht zur Verfügung standen. Seit Ende September 1942 stand die 6. Armee bei Stalingrad auf verlorenem Posten, ihr Untergang wäre, so Wegner, selbst ohne die spätere Einkesselung durch die sowjetische Gegenoffensive unausweichlich gewesen, da es keine Winterbevorratung gab.

Die sowjetische Gegenoffensive seit dem 19. November 1942 traf die deutschen und die verbündeten Armeen keineswegs völlig überraschend, wohl aber unvorbereitet. Zu keinem Zeitpunkt hatten sie die Chance, den status quo ante wiederherzustellen. Ein Ausbruch aus dem Kessel wäre riskant gewesen, hätte in den ersten Tagen jedoch gewisse Chancen gehabt. Hitler verhinderte ihn und Manstein stützte Hitler dabei. Die Ersatzoffensive unter Hoth war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Und nach dem Rückzug der Heeresgruppe A aus dem Kaukasusvorland – Hitlers Befehl datierte vom 28.12.1942 - war selbst das Halten Stalingrads militärisch sinnlos geworden. Die Abwälzung der Schuld auf die Verbündeten verfehlte das Problem, denn deren Situation und Ausrüstung waren der Wehrmachtführung bekannt, nichtsdestotrotz hatte man ihnen zu breite Frontabschnitte zugewiesen.

Wegner bewertete die Niederlage der Wehrmacht bei Stalingrad als bedeutende Zäsur, nicht aber als Wende des Weltkrieges. Dieser war bereits seit Dezember 1941 für Deutschland nicht mehr zu gewinnen. Stalingrad war daher keine Wende des Krieges in dem Sinne, daß ein bis dahin gewinnbarer Krieg nun erst verloren gewesen wäre. Eine Wende für Hitlers Ostkrieg war diese Zäsur aber deshalb, weil die Wehrmacht ein für allemal die Fähigkeit zur strategischen Initiative verlor.

Michail Miagkov vom Institut für Weltgeschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften behandelte die Pläne des sowjetischen Hauptquartiers des Obersten Befehlshabers, seit März 1942 eine Reihe von Schlägen auf breiter Front gegen die deutschen Truppen zu führen, insofern als Fehlschläge, als es nicht gelang, die Blockade Leningrads zu durchbrechen, die Rshew-Wjasma-Gruppierung der Heeresgruppe Mitte einzukesseln und das Donezbecken zu befreien. Dennoch banden diese Kämpfe die Wehrmacht an vielen Stellen der Front und verzögerten faktisch den Beginn der Operation „Blau“. Nach der Einkesselung der Truppen der Südwestfront bei Charkov im Mai 1942 wurde die Lage der sowjetischen Kräfte am Südflügel der Front kritisch. Obwohl der Donbogen geographisch eine von der Wehrmacht dort geplante Einkesselung der sowjetischen Kräfte begünstigte, konnte sie die Katastrophe von 1941 bei Wjasma nicht wiederholen. Der Kommandeursbestand der Roten Armee hatte seit 1941 an Professionalisierung gewonnen.

Breiten Raum widmete Miagkov dem Befehl Nr. 227, den Stalin nach den großen Raumgewinnen der Wehrmacht während der ersten Wochen der Operation „Blau“ am 28. Juli 1942 erlassen hatte. („Keinen Schritt zurück!“) Er sah strenge Maßnahmen gegen Feiglinge und Deserteure vor. Stalin nahm dabei, so Miagkov, Bezug auf die Erfahrungen der deutschen Führung, die mit ähnlichen Maßnahmen den sowjetischen Angriff im Winter 1941 zum Stehen gebracht hatte. Die heute zugänglichen Dokumente geben Auskunft über die Aufnahme dieses Befehls durch die Soldaten. Im ganzen haben die sowjetischen Truppen diesen Befehl positiv aufgenommen, obwohl es auch wenige negative, meist defätistische Äußerungen gab, die in den Berichten der Sonderabteilungen, die Miagkov auswerten konnte, festgehalten wurden.

Bei seiner Untersuchung der Genese der Operationspläne für die Gegenoffensive der Roten Armee bei Stalingrad ging Miagkov davon aus, daß erstens die Verteidigung Moskaus immer Vorrang vor allen anderen Fronten hatte und auch wichtiger war als selbst ein Verlust Stalingrads. Zweitens nahm die Moskauer Führung lange Zeit an, eine deutsche Sommeroffensive 1942 werde in Richtung Moskau erfolgen - sie interpretierte die Dislozierung der Heeresgruppe Mitte entsprechend. Drittens wollte sie weder eine Zersplitterung noch eine Erschöpfung der Reserven zulassen und Ressourcen zur Fortsetzung des Krieges 1943 aufbauen.

Der Plan, Paulus’ Armee in Stalingrad einzukesseln, entstand zuerst im sowjetischen Generalstab, wurde aber vom Hauptquartier keineswegs von Anfang an favorisiert, sondern war zunächst einer von vielen Plänen, die deutschen Kräfte nicht nur bei Stalingrad, sondern auch im ganzen Kaukasus, bei Leningrad und bei Rshew zu zerschlagen. Nicht nur die sowjetische Aufklärung hatte den Schwerpunkt der erwarteten deutschen Sommeroffensive in der Heeresgruppe Mitte angesetzt. Auch die Abteilung Fremde Heere Ost des OKH erwartete in ihrer Lageeinschätzung die sowjetische Winteroffensive 1942 nicht bei Stalingrad, sondern eher im Mittelabschnitt.

In der Tat hatte das sowjetische Hauptquartier mit der Operation „Mars“ eine großangelegte Angriffsoperation der Westfront und der Kalininfront gegen die Heeresgruppe Mitte geplant, deren Ziel darin bestand, den deutschen Truppen im Frontvorsprung Rshew-Wjasma eine Niederlage zuzufügen. Die 9. Armee sollte bei Rshew und Belyj eingekesselt werden. Diese Offensive begann am 24. November 1942 gegen den Frontbogen von Rshew. Doch trotz eines anfänglichen Einbruchs in die deutsche Front bei Velikije Ljuki mißlang sie und forderte große Opfer. Die deutschen Verbände waren besser als im Sommer 1942 auf die Verteidigung ihrer Frontabschnitte eingerichtet.
Miagkov skizzierte die Debatten russischer Historiker über den Stellenwert der Operation „Mars“ vom November 1942 bis Januar 1943. Sollte diese Operation von der Vorbereitung der Offensive bei Stalingrad ablenken oder war sie ein Glied der Winterkampagne? Jedenfalls wird diese parallel zur Stalingrader Schlacht unternommene Gegenoffensive von den russischen Historikern stärker betont als früher.

Die Stalingrader Schlacht wurde sofort zum Symbol der Standhaftigkeit der Roten Armee. Vom Ergebnis dieser Schlacht - so damals die sowjetische Bevölkerung und die öffentliche Meinung der Alliierten, und so heute die Mehrheit der russischen Historiker – hing der Ausgang des Krieges ab. Welchen Einfluß sie auf die strategischen Entscheidungen der Alliierten und auf die Geheimdiplomatie der USA und Englands hatte, ist schwieriger zu bestimmen. Zu den Folgen des sowjetischen Sieges gehört auch die größte Krise in den Beziehungen der Alliierten im Frühjahr und Sommer 1943 und deren Befürchtungen über einen deutsch-russischen Sonderfrieden.

In der Diskussion zu beiden Vorträgen ging es einmal um den Stellenwert der Operation „Mars“ und ihr Verhältnis zur Stalingrader Gegenoffensive. Obwohl es dem Denken der Militärs widersprach, war, so bestätigte Wegner noch einmal, kein Angriff auf Moskau geplant. Ihnen habe der Sinn für die strategischen Rahmenbedingungen gefehlt. Ein zweiter Punkt der Debatte war die Differenzierung zwischen den Sondierungen und den realen Bestrebungen für einen Sonderfrieden und den Gerüchten darüber. Ausführlich wurde schließlich erörtert, in welcher Hinsicht die Niederlage der Wehrmacht bei Stalingrad eine Wende bzw. eine Zäsur des Weltkrieges darstelle. Wegners These rief Widerspruch hervor. Er benannte als Kern seiner Bewertung den Verlust der Fähigkeit zur strategischen Initiative, was aber nicht bedeutete, daß die Wehrmacht nicht auch danach gigantische Operationen durchführen konnte, z.B. die 1943 die Operation „Zitadelle“ bei Kursk, nur sei diese größte Panzerschlacht in der Geschichte keine strategische Offensive mehr gewesen, sie habe niemals eine Aussicht eröffnet, den Krieg gewinnen zu können. Auch war die Niederlage bei Stalingrad nicht die größte Niederlage der Wehrmacht an der Ostfront, sondern der Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte 1944.

Die Fortsetzung des Colloquiums am Nachmittag trug einen anderen Charakter. Die Folgen der Niederlage in Stalingrad wurden nicht im Hinblick auf militärisch-operative Entscheidungen der Wehrmacht thematisiert. Vielmehr wurde die Führungs- und Vertrauenskrise, welche die faschistische Führung durch Stalingrad erlitt, in zwei Vorträgen behandelt. Jürgen Förster von der Universität Freiburg/Br. untersuchte den Ausbau der „wehrgeistigen Führung“ in der Wehrmacht, Kurt Pätzold von der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung analysierte, wie die Naziführung die politische Krise überwinden konnte. Pätzolds Vortrag mußte wegen seiner Erkrankung verlesen werden.

Jürgen Förster holte weit aus, um die Quellen und Traditionen jener „wehrgeistigen Schulung“ aufzuzeigen, mit der das „Sterben für das Vaterland„ zum kategorischen Imperativ“ erhoben wurde. Bereits unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg hatte die Reichswehrführung Schlußfolgerungen für eine Militarisierung des Volkes gezogen. Sie bedurfte nicht erst der NSDAP, um die Politisierung der Wehrmacht vor dem und im zweiten Weltkrieg fortzusetzen. Die militärische Führung war über den „seelischen Zustand“ der Soldaten durch die Feldpostprüfstellen, durch die Erfahrungsberichte der Beratenden Psychiater bei den Armeeärzten, durch Frontreiseberichte spezieller Offiziere sowie durch die regelmäßigen Berichte der Befehlshaber und Kommandeure ausgesprochen gut unterrichtet. Sie führte 1943 in allen Waffengattungen ein einheitliches System „wehrgeistiger Führung“ ein, das die „Weltanschauung Hitlers“ zur Kompaßnadel erklärte. Die Wehrmachtführung ging davon aus, ihre „wehrgeistige Schulung“ brauche keine besonderen Kommissare, sondern dies sei die Pflicht der Einheitsführer selbst. Dessenungeachtet wurde 1944 die Dienststellung eines „nationalsozialistischen Führungsoffiziers“ in jeder Einheit eingeführt.

In der gegenwärtigen medialen Großoffensive zur Stalingrad werde durch aufgebotene Zeitzeugen Scheinauthentizität erzeugt. Doch die da vor der Kamera redeten, seien nicht mehr die Soldaten, von denen sie reden. Und diese Zeitzeugen werden von den veranstaltenden Historikern dabei nicht etwa gebremst, kritisierte Jürgen Förster. Die Niederlage bei Stalingrad wurde zum „aufopferungsvollen Heroenkampf“ stilisiert, wobei schon seit Görings Leichenrede vom 30. Januar 1943 auf germanische und andere Mythen zurückgegriffen worden sei. Doch löste der Schock von Stalingrad bei der Wehrmacht systematische Anstrengungen auf dem Feld der „geistigen Kriegführung“ aus, um die Soldaten „stärker als bisher“ gegen die Einflüsse, Härte und Dauer des Krieges „seelisch“ zu wappnen. Es hatte sich erwiesen, daß die propagandistische Mythisierung des „Lebensopfer(s) der Stalingradkämpfer“ für sich allein keineswegs jenen „infernalischen Vernichtungswillen“ bei den Soldaten zu erzeugen vermochte, den Wehrmacht und NSDAP anstrebten.

Zwar galt der Wehrmachtführung die Vertrauenskrise nach Stalingrad im Mai 1943 als überwunden, doch der Ausbau eines einheitlichen Systems der „wehrgeistigen Schulung“ in allen Waffengattungen und auf allen Ebenen war damit weder erledigt noch überflüssig geworden. Förster belegte die insgesamt wenig erfolgreichen Versuche der Wehrmachtführung, zum Zwecke dieser „wehrgeistigen Schulung“ Hitler persönlich vor Kommandeuren und Soldaten sprechen zu lassen.

Hatte Förster die Führungskrise nach Stalingrad als psychologischen Wendepunkt des Gesamtkrieges diagnostiziert, so griff Kurt Pätzold darüber hinaus und bestimmte das gestörte Verhältnis zwischen der Führung und den Volksmassen als Kern der politischen Krise nach Stalingrad. Nun war diese Krise keineswegs der erste „Stimmungsknacks“. Pätzold wandte sich dagegen, von dem „völlig systemkonformen praktischen Verhalten der Masse der Deutschen“ kurzerhand auf ihre mentale Verfassung zu schließen. „Das Bild von den Deutschen als eine hinter Hitler dicht marschierende Kolonne (sei es als Täter- oder als Opferkolonne), in der nicht gedacht, nicht gefragt, nicht gezweifelt wurde, das die Zeitgenossen geistig und mental als Herde betrachtet, dumm, einfältig, aufgehetzt, wird der realen Geschichte nicht gerecht und, schlimmer noch, es täuscht Heutigen einen Fortschritt vor, auf den keinerlei Probe gemacht ist. Wirklichkeitsnäher ist das Bild, das die Herstellung der unstreitigen Einheit von Führer, Führung und Volk als Prozeß sieht, in dessen Verlauf diese Einheit immer wieder neu geschaffen wurde und sich zugleich in einem Wandel befand.“

Pätzold analysierte, wie die „Vertrauenskrise“ nach Stalingrad behoben wurde, wie diese Einheit von faschistischer Führung und der Mehrheit des deutschen Volkes wiederum produziert wurde. Erstrangiges Anliegen der Naziführung mußte es sein, den erschütterten Glauben an den „Endsieg“ wieder zu erwecken. Dieser sei erreichbar, wenn nur in einem „totalen Krieg“ alle Reserven des deutschen Volkes mobilisiert würden. Diese Mobilisierung würde zugleich den „kürzesten Krieg“ möglich machen.

Der tägliche Augenschein in Deutschland sprach dafür, daß ungenutzte Reserven vorhanden waren. Die ungleiche Verteilung der Kriegslasten machte es Goebbels möglich, unter dem Beifall der Arbeiter zu fordern, daß die Anforderungen alle betreffen sollten. Die demagogische „klassenkämpferische Aufmöbelung“ wurde zielstrebig genutzt, aber nicht öffentlich ausgesprochen. Als wären die Arbeiter am meisten auf den totalen Krieg orientiert, sprach die Mobilisierung öffentlich vor allem die Notwendigkeit aus, daß Angehörige der oberen Schichten ihre Haltung ändern müßten.

Es gelang der faschistische Führung in relativ kurzer Zeit, die politische Krise zu überwinden, der Unwille nach Stalingrad schlug nicht in Kriegsunwilligkeit um. Das lag nicht an der Überzeugungskraft von Goebbels’ Argumenten für den „totalen Krieg„, vielmehr war die entscheidende Grundlage der neu fundierten Einheit von Führung und der Mehrheit der Geführten das gemeinsame Wollen, eine Niederlage unbedingt zu vermeiden. Die mobilisierende Furcht vor der Niederlage, so Pätzold, erzeugte eine Blindheit gegenüber allen Kriegsereignissen, die gegen einen Sieg sprachen. Natürlich wurde diese Flucht in phantastische Wunschwelten durch einen Kriegsalltag befördert, der die Menschen betäubte. Die „Kraft-durch-Furcht-Propaganda“ operierte mit Schreckensbildern des Bolschewismus, der Steppe Asiens, einer Ausrottung der Deutschen, deren praktisches Pendent der eigene Terrorapparat war. Es gab zu jener Zeit in Deutschland keinen politischen Gegner der Nazis, der deren politische Krise hätte ausnutzen können.

Pätzold stellte die Nach-Stalingrad-Situation als ein Fallbeispiel dafür dar, „wie sich Volksmassen verhalten, nachdem ihnen Alternativen allein schon gedanklich abhanden gekommen sind und ihnen die Möglichkeiten genommen wurden ... , unterhalb einer durch Sondergerichte, Fallbeil und Konzentrationslager gekennzeichneten Gefahrenschwelle ihre Interessen zur Geltung zu bringen.„

Leonore Krenzlin von der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung untersuchte an vier Beispielen die Auseinandersetzung deutscher Schriftsteller mit dem Thema Stalingrad: Theodor Pliviers „Stalingrad“ (1943), Schumanns „Gudruns Tod“ (1943), Franz Fühmanns „Fahrt nach Stalingrad“ (1953) und Hans Konsaliks „Der Arzt von Stalingrad“ (1956). Im Zentrum stand Pliviers Roman, die bekannteste und literarisch bedeutendste Darstellung des Untergangs der 6. Armee. Noch ehe der Untergang des Nazireiches Wirklichkeit geworden war, fungierte Pliviers Buch als Gleichnis dieses Untergangs.

Der Nazischriftsteller Schumann flüchtete aus dem Stalingrad-Schock in ein mythisierendes Drama, während Konsalik über zehn Jahre später tradierte Vorurteile bekräftigte und den von Göring und Goebbels kreierten Opfermythos auf die deutschen Kriegsgefangenen übertrug. Franz Fühmann stilisierte 1953 Stalingrad zum symbolischen Ort, dem er als Eroberer, Kriegsgefangener und Gast nacheinander begegnete, er reflektierte in seinem Poem schonungslos Stationen seines eigenen Lebens und seine individuelle Wandlung gleichsam als Modell der notwendigen Wandlung seines Volkes.

Werner Röhr

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