Forum "Barbarossa": Beitrag 3 - 2001

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Ostpolen beim Einmarsch der Wehrmacht nach dem 22. Juni 1941

von Bogdan Musial

Der 22. Juni 1941 zählt zu den wichtigsten Daten in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. An diesem Tag um drei Uhr früh überfiel NS-Deutschland seinen einstigen Komplizen beim Überfall auf Polen im September 1939. Die deutschen Truppen rückten schnell vor, während die sowjetischen vor ihnen flüchteten. An der sowjetischen Front und im rückwärtigen Raum herrschten Chaos und Panik. Millionen von Soldaten und Zivilisten zogen ostwärts.

Die vorrückenden deutschen Truppen lösten aber in den neu besetzten Gebieten nicht nur Panik, Chaos und Entsetzen aus. Vielmehr wurden sie von vielen Ukrainern, Polen, Litauern oder Letten als Befreier begrüßt, insbesondere in den Gebieten, die von den Sowjets im Herbst 1939 (Ostpolen) und im Sommer 1940 (Baltische Länder) besetzt wurden. Dies mag aus heutiger Sicht für viele schwer nachvollziehbar erscheinen. Wenn wir uns aber mit der Geschichte der sowjetischen Besatzung in diesen Gebieten vor dem 22. Juni 1941 auseinandersetzen, erscheint diese Haltung in anderem Licht.

Die im September 1939 besetzten polnischen Gebiete eignen sich wie wenige andere für eine vergleichende Untersuchung von nationalsozialistischer und sowjetischer Besatzungspolitik sowie der Verbrechen, die von den Besatzern begangen wurden. Von September 1939 bis Juni 1941 verfolgten sowohl Deutschland als auch die Sowjetunion eine Politik, deren Ziel es war, den polnischen Staat in seiner Gesamtheit zu zerstören. Im Frühjahr 1941 waren die Sowjets diesem Ziel näher als die Nationalsozialisten. Hierbei sei aber angemerkt, dass der NS-Terror in besetzten Polen seinen Höhepunkt “erst” in den Jahren 1942-1944 erreichte.[1]

Den 1. September 1939 verbindet man im allgemeinen mit dem deutschen Überfall auf Polen. Dabei wird oft übersehen, daß dieser Überfall in Absprache mit der Sowjetunion (der Hitler-Stalin-Pakt vom 24. August 1939) stattfand und daß sich die Sowjetunion aktiv am Krieg gegen Polen beteiligte. Am 17. September 1939, als Polen praktisch besiegt, wenn auch noch nicht ganz besetzt war, überschritten sowjetische Truppen die sowjetisch-polnische Grenze und okkupierten das östliche Polen.

Die endgültige Aufteilung der Kriegsbeute fand am 28. September 1939 statt. An diesem Tag unterschrieben Ribbentrop und Molotow einen Grenz- und Freundschaftsvertrag, in dem die Teilung Polens vertraglich fixiert wurde. Die neue Grenze verlief entlang der Flüsse San und Bug. Das Gebiet, das der Sowjetunion zufiel, umfaßte 201 000 Quadratkilometer, das heißt 51,5 Prozent des ehemaligen polnischen Staatsgebiets. Auf diesem Territorium lebten etwa 13,2 Millionen Menschen, denen am 29. November 1939 die sowjetische Staatsbürgerschaft verliehen wurde. Die Bevölkerung war ethnisch gemischt; sie setzte sich aus Polen, Ukrainern, Juden, Weißrussen, Litauern und anderen zusammen.

In Ostpolen gab es in der Zwischenkriegszeit für polnische Verhältnisse eine einzigartige Konfliktkonstellation. Zudem stimmten die ebenso vielfältigen wie vielschichtigen Konflikte weitgehend mit den religiösen und ethnischen Grenzen überein, was ihnen eine zusätzliche Dynamik und Brisanz verlieh. So gab es Konflikte zwischen Polen, Juden, Ukrainern und Weißrussen, die politisch, wirtschaftlich, sozial, religiös und ethnisch bedingt waren. Der polnische Staat verschärfte diese Konflikte durch eine nationalistische Politik, die naturgemäß gegen die übrigen Minderheiten gerichtet war und deshalb in Ostpolen eine starke antipolnische Stimmung entstehen ließ.

Zu Recht nannte der polnische Wissenschaftler Marian Zdziechowski die in Ostpolen herrschenden Verhältnisse bereits in den zwanziger Jahren eine »Büchse der Pandora«. Ende September 1939 wurde sie von den Sowjets geöffnet.

Nach der militärischen Besetzung Ostpolens gingen die Sowjets daran, ihre Macht im Land zu etablieren. Ihr Ziel war es, die alte kapitalistische Ordnung zu zerschlagen und das kommunistische System einzuführen, das heißt das Land zu sowjetisieren. Dafür mußten zunächst die alten politischen und sozialen Eliten ausgeschaltet werden. Zu den dabei angewandten Methoden gehörten Verhaftungen, Folter, Massendeportationen, Zwangs­umsiedlungen und Massenerschießungen.

Die sowjetischen »Befreier« überzogen das von ihnen besetzte Ostpolen mit einem Terror, der dort in diesem Ausmaß bis dahin unbekannt gewesen war, während die Sowjets über eine zwanzigjährige Erfahrung mit dem Terror verfügten und die vorhandenen ethnischen und sozialen Spannungen instrumentalisieren konnten, um ihre Herrschaft zu festigen. Dabei funktionalisierten und förderten sie, zum Teil unbeabsichtigt, niedere Instinkte und Negativwerte wie Denunziantentum, Rachedurst, Mißgunst, Schadenfreude und die Neigung, anderen »eins auszuwischen«.

Resultat der knapp einundzwanzig Monate währenden sowjetischen Herrschaft in Ostpolen waren mehrere hunderttausend Deportierte (330.000 bis etwa 400.000) und Inhaftierte (etwa 120.000) sowie Abertausende von Gefolterten und Ermordeten. Hinzu kamen die Folgen weiterer Maßnahmen, die für die sowjetisch-kommunistische Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung typisch sind: Enteignung und Kollektivierung, Mangel- und Mißwirtschaft, Schwarzmarkt, Korruption und Nepotismus.

Die einzelnen Volksgruppen waren in unterschiedlichem Ausmaß vom Sowjetisierungsprozeß und vom sowjetischen Terror betroffen. Zuerst wurden vor allem Polen verfolgt, wenngleich auch die ukrainischen und jüdischen Eliten nicht verschont blieben. Im Lauf der Zeit verschob sich in der heutigen Westukraine der Schwerpunkt der Verfolgung jedoch immer mehr auf die ukrainische Bevölkerung, und im Frühjahr 1941 waren die meisten Verfolgten ukrainischer Herkunft. Hinzu kam, daß die Sowjets in dieser Zeit die bereits seit dem Frühjahr 1940 einsetzende Kollektivierungskampagne intensivierten. Darunter hatten vor allem die Bauern zu leiden, die zunächst von der Sowjetisierung sogar profitiert hatten. Die meisten Ukrainer lebten auf dem Lande, ähnlich wie die Weißrussen.

Alle diese Maßnahmen und ihre Folgen verschärften die bestehenden Spannungen und schufen zugleich neue Konfliktherde zwischen den Bevölkerungsgruppen. In eine äußerst prekäre Lage geriet die jüdische Bevölkerung. Einerseits wurden ihre Eliten verfolgt und viele Flüchtlinge aus Westpolen nach Sibirien deportiert, so daß die jüdische Bevölkerung atomisiert wurde und ihre traditionelle Führungselite verlor. Andererseits bot das sowjetische System vielen Juden eine neue Perspektive. Für viele von ihnen, insbesondere die Jugend, brachte die sowjetische Herrschaft den sozialen Aufstieg mit sich.

Dies weckte bei den anderen Bevölkerungsgruppen Neid und Rachewünsche. Viele Nichtjuden assoziierten die sowjetische Herrschaft nun mit der sozialen Besserstellung der Juden und ihrer Beteiligung an der Macht. Daß auch viele Juden verfolgt und benachteiligt waren, übersah man meistens. Auf diese Weise erhielten die antijüdischen Ressentiments während der sowjetischen Herrschaft eine neue Dimension. An die Seite der in wirtschaftlichen, religiösen und sozialen Unterschieden und Konflikten wurzelnden traditionellen Vorurteile trat das Bild der Juden als vermeintlicher Nutznießer des Sowjetisierungsprozesses und Helfershelfer der sowjetischen Besatzer.

Das ehemalige Ostpolen glich am Vorabend des deutsch-sowjetischen Krieges einem Hexenkessel, in dem sich negative Emotionen und Leidenschaften (vor allem Haß und Rachewünsche) infolge der sowjetischen Besatzungspolitik auf unvorstellbare Weise aufgeheizt hatten. Die sowjetischen Besatzer versuchten, diese Leidenschaften zu unterdrücken, indem sie antijüdische und antisowjetische Äußerungen verfolgten. Dies führte aber dazu, daß die negativen Emotionen, die man nun nicht einmal mehr verbal abreagieren konnte, weiter radikalisiert wurden. Andererseits fachten die Sowjets die antipolnischen und antikapitalistischen und später auch die antiukrainischen Gefühle an und nutzten sie, um die eigene Herrschaft zu festigen. Diese Vorgehensweise erbitterte und radikalisierte die Verfolgten und Benachteiligten. So schufen die sowjetischen Maßnahmen ein komplexes System von negativen Reaktionen und Verhaltensweisen, das die alten sozialen, ethnischen und politischen Spannungen verschärfte und zugleich neue Konflikte hervorrief.

Mit dem Anspruch, eine von Gleichheit, Gerechtigkeit, Brüderlichkeit und Altruismus geprägte Gesellschaft aufbauen zu wollen, erreichten die Sowjets auch in Ostpolen genau das Gegenteil: die Herrschaft von Willkür, Massenterror, Denunziantentum, ethnisch und sozial bedingtem Haß, kollektivem Rachebedürfnis, Mißgunst und Zynismus. Auch wirtschaftlich bedeutete die sowjetische Besatzung eine weitere Verelendung des ohnehin armen Landes.

Der sowjetische Terror der Jahre 1939 bis 1941 im ehemaligen Ostpolen gipfelte in den ersten Wochen des deutsch-sowjetischen Krieges in Massakern an Tausenden von Gefängnisinsassen und unzähligen Übergriffen auf die Zivilbevölkerung. Verglichen mit anderen sowjetischen und nationalsozialistischen Verbrechen, war die absolute Zahl der Opfer relativ klein (schätzungsweise 20 000 bis 30 000 Menschen). Einmalig waren jedoch die Umstände, unter denen diese Verbrechen begangen und dann aufgedeckt wurden, sowie ihre Auswirkungen.

Bereits der Ablauf der Erschießungen war ungewöhnlich, denn sie fanden, vom Standpunkt der Täter aus gesehen, unter äußerst ungünstigen Bedingungen statt. Es handelte sich um eine Ad-hoc-Maßnahme, die beschlossen wurde, weil es den Sowjets nicht mehr möglich erschien, alle Gefangenen aus den von deutschen Truppen bedrohten Gebieten zu evakuieren. Eine Befreiung der Gefangenen durch die Deutschen oder gar ihre Freilassung kam aus sowjetischer Sicht nicht in Frage. Es handelte sich schließlich um »sowjetfeindliche Elemente«, die man so oder so ausmerzen mußte.

In den meisten Gefängnissen im Baltikum, in Weißrußland, der Ukraine und Bessarabien (Moldawien) kam es in diesen Tagen und Wochen zu Massakern an Häftlingen. In der Regel wurden die Opfer einzeln durch Genickschuß oder, wenn die Zeit knapp war, gruppenweise mit Maschinengewehren und Handgranaten liquidiert. Vielfach blieben die Leichen in den Zellen oder Gefängniskellern liegen. In Weißrußland töteten die Sowjets hingegen Tausende von Häftlingen auf sogenannten Todesmärschen. In Gefängnissen, die weiter von der Grenze entfernt waren, hatte man meistens genug Zeit, die »Aktionen« abzuschließen, das heißt die Leichen zu verscharren. Auch bedrohte Arbeitslager wurden auf diese Weise »aufgelöst«. Hinzu kamen zahlreiche Verbrechen von Rotarmisten an der Zivilbevölkerung: Verdächtige Personen wurden erschossen, Geiseln genommen und getötet, Häuser und Dörfer niedergebrannt.

Unter diesen Umständen ist es kaum verwunderlich, dass viele Ukrainer, Polen, Letten oder Litauer die einmarschierenden deutschen Truppen als Befreier begrüßten. Eine Ausnahme bildeten die Juden, die etwa 10 Prozent der Gesamtbevölkerung in Ostpolen ausmachten, sowie diejenigen, die mit den Sowjets zusammengearbeitet hatten. Sie fürchteten Repressionen und Verfolgung. In der Tat, nach der Flucht der Sowjets kam es in vielen Orten zu blutigen Ausschreitungen und Pogromen, die gegen die jüdische Bevölkerung, aber auch gegen echte und vermeintliche Kollaborateure nichtjüdischer Herkunft gerichtet waren.

Dieses brisante antisowjetische und antisemitische Stimmung instrumentalisierten nun die Einsatzgruppen, deren Aufgabe es war, die rückwärtigen Gebiete von echten und potentiellen Gegnern NS-Deutschlands zu säubern. Die deutschen Besatzer konnten sich in dieser Hinsicht auf die aktive Hilfe vieler Einheimischer, die über notwendige Ortskenntnisse verfügten, verlassen. Diese Hilfe reichte von aktiver Teilnahme an der Verfolgung von Juden, sowjetischen Funktionären und echten und vermeintlichen sowjetischen Kollaborateuren bis zu Denunziationen an die deutschen Stellen.

Der Beitrag ist eine Zusammenfassung von drei Kapiteln aus dem folgenden Buch: Bogdan Musial, “Konterrevolutionäre Elemente sind zu erschiessen.” Die Brutalisierung des deutsch-sowjetischen Krieges im Sommer 1941, Propyläen Verlag, Berlin, München 2000, (zweite Auflage Februar 2001).

[1] vgl. dazu Bogdan Musial, Die deutsche Besatzungspolitik in Polen 1939-1945: Das Generalgouvernement, in: Deutsch-polnische-Beziehungen 1939 - 1945 - 1949. Eine Einführung, hrsg. von Wlodzimierz Borodziej und Klaus Ziemer, Osnabrück 2000, S. 71-104.

Dr. Bogdan Musial

 

© Dr. Bogdan Musial

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