Forum "Barbarossa": Beitrag 4 - 2001

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Operative Planungen der Wehrmacht für den Krieg gegen die Sowjetunion

von Christian Gerlach

Am 25. Juli 1941 notierte Generalfeldmarschall von Bock, der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte, über ein Gespräch mit dem Chef des OKW, Keitel: "Hoffnung des Führers, dass Japan seine grosse Stunde gekommen sieht, scheint sich nicht zu erfüllen. Jedenfalls ist nicht mit einem schnellen Eingreifen zu rechnen. Baldiger Zusammenbruch [der Sowjetunion] ist aber in deutschem Interesse notwendig, da man Russland nicht erobern kann. Aus dieser Lage heraus fragt sich der Führer mit Besorgnis: 'Wieviel Zeit habe ich noch, um mit Russland fertig zu werden, und wieviel Zeit brauche ich noch?' "

In diesen Worten spiegeln sich Probleme wider, die nicht erst im Juli, geschweige denn erst im August oder im Herbst 1941 entstanden, sondern in der Anlage der deutschen Militäroperationen gegen die UdSSR selbst unvermeidlich begründet waren: die enorme Bedeutung des Faktors "Zeit", die Erkenntnis, "dass man Russland nicht erobern kann", und die Hoffnung auf einen sowjetischen "Zusammenbruch" wie auf einen deus ex machina. Aus der deutschen strategischen Planung und ihren inhärenten Widersprüchen soll im folgenden eine zusätzliche Erklärung für den Vernichtungscharakter des deutschen Krieges gegen die Sowjetunion gewonnen werden. Zuletzt werde ich kurz auf die ersten Monate nach Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges eingehen.

Seit Ende Juni 1940 entwickelten das Oberkommando des Heeres und Hitler Pläne für einen Krieg gegen die Sowjetunion. Dabei lassen sich grob drei Phasen unterscheiden: im Sommer und Herbst 1940 produzierten eine Reihe von Offizieren verschiedene strategische Entwürfe für diese neue Militäraktion. Nach dem Besuch von Aussenminister Molotow in Berlin Mitte November wurde zwischen Anfang Dezember 1940 und Anfang Februar 1941 ein Feldzugsplan entworfen. Die dritte Phase bis zum deutschen Überfall im Juni war dem Aufmarsch und konkreten Vorbereitungen vorbehalten, mit denen die einzelnen Armeen bereits zur Jahreswende begonnen hatten.

Aus Sicht Hitlers und der deutschen Führung stellten die Vernichtung der Sowjetunion und des Weltkommunismus zwar langjährige, grundlegende politische Ziele dar. Auf lange Sicht hielt man daher einen Krieg im Osten für unvermeidlich. Doch nicht deswegen fiel 1940 der Entschluss zum Angriff. Stattdessen geriet das Deutsche Reich militärisch in eine Sackgasse, als England nicht zum politischen Einlenken zu bewegen war und der Angriff auf die britischen Inseln scheiterte. In einem langfristigen Abnutzungskrieg mit Grossbritannien, dem voraussichtlichen Kriegsgegner USA und mit dem unsicheren, ideologisch feindlichen Verbündeten Sowjetunion im Rücken konnte Deutschland aus Sicht der NS-Führung nicht bestehen. Geostrategisch und wirtschaftlich blieb nur ein Angriff auf die UdSSR; er sollte dem Reich eine unangreifbare Bastion im Osten und die Verfügungsgewalt über die für einen langen Krieg bitter benötigten sowjetischen Rohstoffe und Nahrungsmittel verschaffen, Grossbritannien dadurch möglichst zu einem Verlustfrieden zwingen und die deutsche Hegemonie in Europa sicherstellen. Für diese Hegemonie wäre es ohnehin erforderlich gewesen, beide Gegner zu überwältigen. Eine gewaltsame Inbesitznahme Nordafrikas und des Nahen Ostens schied aus, weil damit weder diese Gegner besiegt noch die deutschen Rohstoff- und Nahrungsmittelprobleme gelöst worden wären. Entsprechend schlossen die Ziele des Krieges gegen die Sowjetunion sehr wesentlich wirtschaftliche Motive mit ein. Gerade Hitler, dem doch immer wieder rein ideologische Motive zugeschrieben werden, argumentierte mit der Sicherung der Erzzufuhren aus Skandinavien und der rumänischen Ölfelder, beharrte entgegen den Schwerpunkten vieler Generalstäbler fortwährend auf einer Eroberung der ukrainischen Getreidefelder, des Donezbeckens und später der Ölquellen am Kaukasus.

Die militärgeschichtliche Literatur der Vergangenheit über das deutsche Vorgehen hat sich oft auf strategische Konflikte zwischen Hitler und den Militärs mit Generalstabschef Halder an der Spitze konzentriert - manchmal um Halder nachträglich quasi doch noch den Krieg gewinnen zu lassen. Doch keiner der Beteiligten konnte einen Plan vorlegen, der alle strategischen Erfordernisse unter einen Hut brachte. Hitlers Variante, Leningrad und die Ukraine mit starken Flügeln zu erobern, um sich dann Moskau zuzuwenden, musste einen Erfolg innerhalb weniger Monate sehr ungewiss erscheinen lassen; doch Halders anfängliche Vorstellung eines einzigen gigantischen Sichelschnitts von Ostpreussen über das südliche Baltikum und Moskau nach Südrussland nicht minder, obwohl General Hoth dies sogar in einer Nachkriegsbetrachtung noch als erfolgversprechend hinstellte; und General Marcks' später von Halder favorisierte Grundidee von einem Vormarsch auf Moskau unter Zurücklassen des nördlichen und südlichen Flügels garantierte auch nicht gerade den Erfolg, selbst im Fall einer Einnahme der sowjetischen Hauptstadt. Das gleiche galt für v. Greiffenbergs Vorschlag eines dominanten Südflügels; v. Sodensterns Konzentration auf Zentralrussland und Nordukraine ohne Erreichen der Ostsee oder des Schwarzen Meeres; Lossbergs Studie, die die ukrainischen Industriegebiete abseits liess; und schliesslich auch für die Aufmarschanweisung "Barbarossa" und ihre Ausführungsweisungen, die gleichzeitig ein breitgefächertes Vorgehen und stärkste sogenannte Schwerpunktsetzung sowie mehr oder weniger ein Auseinanderdriften der Heeresgruppen Mitte und Süd vorzeichnete. Entweder die deutschen Kräfte wurden, schon theoretisch, verzettelt, oder zwar konzentriert, aber unter Auslassung für die Sowjetunion wichtiger Positionen.

Zahlreiche Feldzugspläne für die Anlage des Krieges gegen die Sowjetunion wurden vorgelegt. Sie alle waren Ausdruck der enormen Probleme, die die grundlegenden Faktoren einer Militäroperation in diesem Fall boten: der Gegner, das Gelände, die Ziele und die eigenen Kräfte. Der Gegner - denn bereits im Januar 1941 wurde deutlich, dass die Rote Armee der Wehrmacht personell zumindest gleichwertig sein würde, zahlenmässig bei Panzern, Flugzeugen und Artillerie sogar überlegen; obwohl die Legende, die Deutschen seien bis Kriegsbeginn davon ausgegangen, zahlenmässig überlegen zu sein, fortwährend weiter tradiert wird. Das Gelände und die Ziele - denn der neue Kriegsschauplatz öffnete sich trichterförmig. Auch nur die wichtigsten Industrie-, Rohstoff-, Verkehrs- und Verwaltungszentren im Westen der UdSSR - Moskau, die Ukraine und Leningrad - in Besitz zu nehmen, hiess, bei als unzureichend erkannten Transportwegen in exzentrischen Bewegungen Ziele zu erreichen, die nicht nur 1.500 bis 2.000 Kilometer von der Grenze, sondern ebensoweit voneinander entfernt waren. Die eigenen Kräfte - denn die Versorgungs-, Nachschub- und Verschleissprobleme mussten immens ausfallen, eine fieberhafte Anspannung aller Kräfte und fortwährende Zeitnot waren schier unvermeidlich.

Der Kompromiss, der sich schliesslich ergab, war nicht deshalb faul, weil die Widersprüche zwischen Hitler und Halder nicht ausgetragen wurden, sondern weil es gar keinen widerspruchsfreien Plan geben konnte und die Operationsplanungen auf zu vielen optimistischen Annahmen beruhten. Nämlich auf der eigenen qualitativen Überlegenheit bezüglich Kampfkraft, Truppenführung und Bewaffnung, der Einhaltung ehrgeiziger Zeitpläne, der unabdingbaren Voraussetzung, dass sich die Masse der Roten Armee spätestens an Dnjepr und Düna zum Kampf stellen und somit vernichten lassen würde, oder gar auf einem politisch-militärischen Zusammenbruch der Sowjetunion. Der Angriff bedeutete also, wie der militärischen und politischen Führung bewusst sein musste, ein grosses Risiko und liess von vornherein zahlreiche Grundregeln der Kriegslehre ausser acht. Bekanntlich sah der Aufmarschplan drei Heeresgruppen vor, die zunächst übers Baltikum nach Leningrad, über Smolensk nach Moskau sowie in die Ukraine vorstossen mussten, auf Wunsch Hitlers mit der Option, wenn notwendig Kräfte der Heeresgruppe Mitte auf den Nord- und Südflügel einschwenken zu lassen. Dies auch deshalb, weil die Heeresgruppe Mitte die stärkste Gruppierung mit ungefähr der Hälfte der deutschen Kräfte war. Im Oberkommando des Heeres ging man davon aus, dass sie als einzige den ihr gegenüberstehenden Kräften überlegen war.

Ein in der Forschung oft vernachlässigtes Problem beim deutschen Angriff auf die Sowjetunion war die Logistik. Halder hatte den Generalquartiermeister des Heeres bereits spätestens am 1. August 1940 eingeweiht. Dessen Experten stellten schon im Herbst 1940 fest, dass wegen der langen Entfernungen und als schwach eingeschätzten Verkehrslinien immense Versorgungsschwierigkeiten bevorstanden, und diese Überlegungen flossen bereits in die zweite Planungsphase im Winter 1940/41 mit ein. Für die erste Angriffsphase, einen Vormarsch über 400 Kilometer etwa bis Riga, Smolensk und Kiew, sollten noch Kraftfahrzeuge eine herausragende Rolle spielen, dann aber war ein Ausbau und die Nutzung der Eisenbahnen von entscheidender Bedeutung. Das Eisenbahnnetz schien jedoch wenig leistungskräftig. Es galt also, zunächst den LKW-Einsatz optimal zu organisieren, der im Krieg gegen Frankreich bereits an seine Grenzen gestossen war, dann aber die Eisenbahnen auszubessern, gegebenenfalls auf mitteleuropäische Spurweite umzunageln und die Verkehrswege gegen Störungen, darunter Angriffe, zu sichern. Dies musste in fliegender Hast geschehen, um dem Gegner keine Möglichkeit zur Reorganisation von Abwehrlinien und Einheiten zu geben. Fuhr sich der Angriff fest, entstünde ein Aufwand an Artilleriemunition, der den Nachschub erst recht belastete. Überdies mussten die Versorgungstransporte von allem freigehalten werden, was nicht unbedingt nötig erschien. Und schliesslich war die Annahme sehr optimistisch, dass nur 19 Panzerdivisionen, 14 motorisierte Divisionen und ein insgesamt relativ geringer Bestand an Motorfahrzeugen ausreichen würden, fortwährend in Panzerschlachten den Gegner einzukreisen, "in Paketen abzuwürgen" (wie Hitler sich ausdrückte) und sofort über ungeheure Entfernungen auf schlechten Strassen wieder zum nächsten und übernächsten Schlachtfeld vorzurücken.

All dies prägte den Charakter des deutschen Vormarsches sowie der deutschen Ausbeutungs- und Vernichtungspolitik im rückwärtigen Gebiet mit - neben rassistischer Verachtung, politisch motiviertem Hass, Hunger nach Rohstoffen und chauvinistischen Gefühlen kultureller Überlegenheit gegenüber der sowjetischen Bevölkerung. Es gab eben keine ideelle Trennung zwischen sauber fechtender Truppe und finsteren Kräften hinter der Front, sondern zwischen den Interessen der Kriegführung und der exzessiven Gewalt bestand ein innerer Zusammenhang.

Das schnelle, keilförmige Vorstossen der deutschen Panzerverbände bewirkte oft, dass grosse sowjetische Verbände zersplittert oder eingeschlossen wurden. Die versprengten Trupps wurden von den zu höchster Eile angetriebenen deutschen Truppen nur allzu schnell zu Partisanen erklärt oder umgedeutet und bei Gefangennahme erschossen. Der vielerorts unerwartet harte Widerstand hatte sogar zur Folge, dass ganze sowjetische Einheiten von den Deutschen niedergemacht wurden. Die Kesselschlachten führten zu hunderttausenden Gefangenen, für die jedoch von vornherein eine unzureichende Versorgung und eine stark erhöhte Sterblichkeit vorgesehen war - denn die vorgefundenen Lebensmittel wurden ebenso zuerst für die deutsche Truppe benötigt wie die Transportmittel zum Abtransport der Gefangenen oder zum Antransport von Nahrung. Heereseinheiten trieben die völlig erschöpften Gefangenen auf endlosen Fussmärschen nach Westen und erschossen Zehntausende, weil sie nicht mehr weitergehen konnten und die zahlenmässig schwachen deutschen Wachkommandos oft keine andere Möglichkeit sahen.

Mangel an Besatzungskräften wirkte auch sehr stark auf das deutsche Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung ein. Die These, dass wegen des starken Widerstands an der Front kaum Sicherungskräfte übrig blieben, ist vereinfacht und ergänzungsbedürftig; tatsächlich entsprach die Dichte der deutschen Besatzungseinheiten ziemlich genau Plänen, die bereits Anfang 1941 entstanden waren (um dem zu entsprechen, hätte die UdSSR hätte ihre Besatzungszone in Deutschland mit zwei Divisionen sichern müssen). Die deutschen Planungen sahen 50 bis 60 Sicherungsdivisionen auf einem bis Archangelsk und Astrachan gedachten Besatzungsgebiet vor, was wiederum bedeutete, dass selbst im Fall eines Sieges über die Sowjetunion fast ein Drittel des deutschen Heeres auf Dauer dort gebunden gewesen wären, und zwar noch ohne die Idee einer weiterbestehenden Front, einer nach Osten offenen „Wehrgrenze“. Die Möglichkeit zu weiteren Angriffskriegen wäre schon dadurch stark eingeschränkt worden. Mit ihren schwachen Sicherungstruppen begründeten die Deutschen massgeblich ein Vorgehen durch Terror und Einschüchterung her, durch SS und Polizei, im Herbst 1941 bei der Partisanenbekämpfung aber vor allem durch die Wehrmacht. Beim deutschen Mord an den sowjetischen Juden spielten die Gedanken eine Rolle, sie seien potentielle Widerstandsträger und lästige Nahrungsmittelkonsumenten, wie aus Dokumenten hervorgeht.

Was die wirtschaftliche Ausbeutung der Sowjetunion anging, waren die sowjetischen Lieferungen vor dem Überfall deutscherseits als unzureichend betrachtet und überdies als Nukleus einer politischen Abhängigkeit begriffen worden. Überdies konnte die UdSSR auf dem Rohstoff- und Nahrungsmittelsektor ohne Einschränkung des heimischen Konsums kaum mehr exportieren. Genau dies bezweckte die deutsche Besatzung unter anderem: eine radikale Einschränkung des Konsums der sowjetischen Bevölkerung, um deutlich mehr herauszuholen, noch dazu angesichts der Produktionsrückgänge, die sich, wie den deutschen Strategen bewusst war, aus Kriegsbedingungen, - zerstörungen und zum Beispiel durch die Umleitung der Mineralöl aus der sowjetischen Landwirtschaft in die deutsche Kriegsmaschinerie ergeben würden. Hieraus entstand auch der Plan, etwa 30 Millionen Menschen in der Sowjetunion, gestützt auf eine brutale Besatzungspolitik, verhungern zu lassen. Die dadurch freigemachten Nahrungsmittelmengen waren zum allergrössten Teil nicht für den Abtransport nach Deutschland, sondern für die Versorgung des Ostheeres bestimmt, das ja Nachschub einsparen musste.

Es ist an dieser Stelle nicht möglich, ausführlich auf die sowjetische Kriegführung einzugehen. Hier soll nur kurz bemerkt werden, dass die sowjetische Führung über die deutschen Kriegsziele mehrfach Nachrichten erhielt und offensichtlich entsprechend reagierte. Denn sie konzentrierte umfangreiche Truppen vor allem im kriegswirtschaftlich wichtigsten Gebiet, der Ukraine, wo die Wehrmacht zunächst auch durch ihre Gegenwehr entsprechend lange aufgehalten wurde. In seiner berühmten Radioansprache am 3. Juli 1941 hatte Stalin erklärt: "Der Feind [...] stellt sich das Ziel, unseren Boden zu okkupieren, der mit unserem Schweiss getränkt ist, unser Getreide und unser Öl wegzunehmen." Andererseits trug diese sowjetische Einschätzung über die deutschen Absichten meiner Ansicht nach dazu bei, dass die Rote Armee die Bereitstellung von Truppen in Zentralrussland vor dem deutschen Angriff auf Russland im Frühherbst 1941 zugunsten der Ukraine vernachlässigte. Die Evakuierung und die Zerstörung von kriegswirtschaftlich wichtigen Anlagen und Gütern konzentrierte sich bewusst ganz wesentlich auf die für die Deutschen so wichtigen Eisenbahnen, nämlich das rollende Material. Dies zwang die Deutschen, weit mehr Strecken auf mitteleuropäische Spurbreite umzunageln und eigene Loks und Waggons nachzuziehen als ursprünglich geplant, mit katastrophalen Folgen vor allem im Winter 1941.

Und das war nur eine der Zuspitzungen, die folgten. Zwar fand der Vormarsch der Heeresgruppen Nord und Mitte einigermassen im vorgesehenen rasenden Tempo statt. Doch nur die Heeresgruppe Mitte konnte annähernd so starke sowjetische Kräfte vernichten oder gefangennehmen wie geplant; im Baltikum wichen die Truppen der Roten Armee aus. Für die deutsche Luftwaffe begann der Krieg sogar günstiger als erwartet, da sie einen Grossteil der sowjetischen Flugzeuge in den ersten beiden Kriegstagen am Boden zerstören konnte. Doch die Heeresgruppe Süd wurde durch eine erbitterte sowjetische Verteidigung lange aufgehalten. Die sowjetische Truppenführung, teilweise auch die Bewaffnung erwies sich tatsächlich als unterlegen. Allerdings verfügten die Sowjets über eine unerwartet starke Artillerie. Vor allem jedoch die sowjetische Kampfmoral war ein Faktor, mit dem die Wehrmachtführung nicht gerechnet hatte.

Ende Juli gingen die Heeresgruppen Mitte und Nord zur Verteidigung über, und bereits seitdem reichten die Kräfte der Deutschen nur noch zu einer strategischen Offensive bei einer Heeresgruppe gleichzeitig. Dies führte zu der bekannten Krise zwischen Hitler und dem Generalstab des Heeres aus Uneinigkeit, welcher Schwerpunkt nun Vorrang haben und ob man Panzerkräfte von der Heeresgruppe Mitte aus der Angriffsrichtung Moskau abziehen solle, was kurzzeitig geschah. Es waren weniger die personellen Verluste als diejenigen an Panzern und vor allem Kraftfahrzeugen, die weitere deutsche Angriffsbewegungen beschränkten. Weitreichende Folgen hatte die Auffassung, die Heeresgruppen Mitte und Süd müssten als Voraussetzung für die Deckung der Flanke eines Angriffs auf Moskau erst östlich der Pripjet-Sümpfe (des Polesje) Anschluss zueinander gewinnen. Das führte zwar über einen Erfolg bei Gomel zur Gefangennahme von 660.000 Mann bei Kiew in der zweiten Septemberhälfte, aber auch zu einer Verzögerung, die eine Entscheidung noch im Jahr 1941 kaum noch erwarten liess und die Einnahme Moskaus aus deutscher Sicht in Frage stellte. Diese Dimension des Problems erklärt, warum Halder noch nach dem Krieg erklärte, wäre die Wehrmacht im Besitz der Atombombe gewesen, in den Pripjet-Sümpfen hätte sie sie gebrauchen können. Tatsächlich das Oberkommando des Heeres, Hitler folgend, bereits am 21. August 1941 davon aus, Moskau würde nicht unbedingt 1941 erobert werden, und am 13. September gab man dort den Gedanken auf, man könne den Krieg an der Ostfront noch 1941 beenden. Am 23. September genehmigte Hitler eine deutsche Ernährungsplanung, die nun für weitere Kriegsjahre galt, statt Ende 1941 zu enden. Die Erfolge in der Schlacht bei Wjasma und Brjansk im Oktober 1941 liessen, unmittelbar nach dem Sieg bei Kiew, zwar kurzzeitig noch Hoffnung auf die Eroberung von Moskau oder sogar Gorki aufkommen. Doch hätte dies eben keinen Gesamtsieg bedeutet, denn die sowjetische Kampfkraft schien ungebrochen. An ihr und an der Transportkrise scheiterte schliesslich die Eroberung der sowjetischen Hauptstadt durch die deutschen Truppen, die am 5. Dezember zum Gegenangriff antraten.

Es scheint deshalb sehr fraglich, ob eine Euphorie im Herbst 1941 zu einer Ausweitung der deutschen Vernichtungspolitik führte, sei es im Reich oder in den besetzten Gebieten (dies ist vor allem die These von Christopher Browning). Vielmehr nahmen im Gegenteil alle Probleme, die sich schon in der deutschen Operationsplanung abgezeichnet hatten, noch zu, und mit ihnen der Druck, die in der Krise steckenden Militäroperationen in wirtschaftlicher und versorgungstechnischer Hinsicht zu unterstützen. Dies bewirkte beispielsweise die Hinwendung zu einer aktiven Politik des selektiven Hungermords an den als „arbeitsunfähig“ eingestuften sowjetischen Kriegsgefangenen, gerade bei der von der Transport- und Versorgungskrise besonders betroffenen Heeresgruppe Mitte. Partisanen wurden verstärkt bekämpft, denn wenn der sowjetische Staat nicht fiel, so musste von ihnen eine zunehmende politische Gefahr für die Besatzer ausgehen. Andererseits stellte die Erkenntnis von Mitte August 1941, dass der Krieg in ein weiteres Jahr gehen würde, keine derart krasse Wende dar, dass Hitler ihn etwa deshalb gleich verloren gegeben und darum gar den Mord an den europäischen Juden befohlen hätte (wie etwa Tobias Jersak meint). Eher begann eine langwierige, schleichende Umstellung auf einen längerfristigen Krieg, wie wir sie etwa in der Rüstungspolitik und in der inneren Mobilisierung innerhalb Deutschlands beobachten können, mit zwar vermittelten, indirekten, aber umso erbarmungsloseren Folgen auch für die Vernichtungspolitik.

 

© Dr. Christian Gerlach

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