Forum "Barbarossa": Beitrag 2 - 2001
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Das operative Scheitern des „Unternehmens Barbarossa“ im Sommer 1941 als Folge der bisherigen deutschen Kriegsführung und Außenpolitik

von Wolf-Dieter Dorn

Entgegen der öffentlichen Meinung in Deutschland brachte schon das Scheitern des „Unternehmens Barbarossa“ 1941 und nicht die Schlacht um Stalingrad 1942/43 die Entscheidung im Zweiten Weltkrieg und leitete dessen über eine längere Phase hin erstreckende Wende ein. Dieses Scheitern war die systemimmanente Konsequenz der expansiven Schritte Hitlers seit 1935 und der deutschen Kriegsführung sowie Folge eklatanter militärischer Fehler und Versäumnisse seitens der Wehrmachtsführung [1].

In den Planungen zum Ostkrieg gingen die Generalität und die politische Führung des Dritten Reiches von einem weiteren schnellen Feldzug aus, der in wenigen Wochen und spätestens im Frühherbst 1941 mit Erreichen der Linie Archangelsk-Astrachan abgeschlossen sei [2]. Trotz enormer Geländegewinne und spektakulärer Erfolge geriet der deutsche Vormarsch schon nach den Anfangserfolgen ins Stocken. Das Festlaufen der deutschen Offensive im November 1941 vor Moskau und der sowjetische Gegenangriff am 5./6. Dezember bedeuteten dann das definitive Ende des „Blitzkrieges“. Die folgende Umstellung auf eine Abnutzungsstrategie ließ nunmehr nur einen Stellungskrieg mit räumlich begrenzten Vorstößen zu. Dieser Krieg aber war (auch nach den bis dahin gültigen Einschätzungen deutscher Militärs und Rüstungsexperten) gegen die auf Dauer materiell überlegenen Feindmächte nicht zu gewinnen. Demnach bedeutete das Scheitern der Blitzkriegskonzeption die Entscheidung im Zweiten Weltkrieg, weil damit die einzige für die deutsche Seite erfolgversprechende Strategie hinfällig wurde. Es zog unmittelbar den schrittweisen Verlust der operativen und schließlich der defensiven Handlungsfähigkeit nach sich, der 1944/45 in die totale Niederlage führte.

Der Fehlschlag des „Unternehmens Barbarossa“ war die zwangsläufige Folge der Außenpolitik vor dem Krieg und der bisherigen Kriegsführung, die man als fortgesetztes Hasardspiel bezeichnen kann. Denn auch schon in Friedenszeiten wurden bei den expansiven Schritten Hitlers unübersehbare politische und militärische Risiken in Kauf genommen, die (nach den damaligen Kräfteverhältnissen) das Dritte Reich in seinem Bestand gefährdeten. So standen auch im September 1939 nach der unerwarteten Kriegserklärung der Westmächte keinerlei Reserven bereit, um einen möglichen - zwischen Frankreich und Polen sogar vertraglich vereinbarten - Einmarsch in den Westen des Reiches abzuwehren. Der Norwegenfeldzug gelang angesichts der Unterlegenheit der Kriegsmarine nur durch die Überraschung und kam einer britischen Aktion um weniger als einen Tag zuvor. Trotzdem brachten die nachhaltigen Verluste der Marine und der Kampf um Narvik die Wehrmacht dort an den Rand einer Niederlage [3]. Auch war bei Durchführung des Westfeldzuges neben allen anderen Versäumnissen der Alliierten unsicher, ob Briten und Franzosen tatsächlich ihre Reserven nach Norden vorverlegen und so der Heeresgruppe A den Weg ans Meer öffnen würden [4]. Schon bei diesem nicht ohne weiteres zu erwartenden Erfolg - Hitler befand sich im Sommer 1940 auf dem Gipfel seiner Popularität - griff er unter anderem beim Vormarsch auf Dünkirchen mit weitreichenden Folgen in militärische Abläufe ein. Die Luftschlacht um England offenbarte ein erstes Mal, daß die Wehrmacht nicht stark genug war, weitgesteckte Vorgaben auch unter widrigen Umständen zu erfüllen - oder allenfalls unter hohen Verlusten, wie bei der Eroberung von Kreta im Mai 1941 [5].

Angesichts dieser Zusammenhänge waren die bisherigen Erfolge der Wehrmacht weniger in dem operativ wie taktisch überlegenen Blitzkriegskonzept als im Zusammentreffen verschiedener unkalkulierbarer, für die deutsche Seite „glücklicher Umstände“ begründet. Bei den immer weiter ausgreifenden militärischen Schlägen mußte dieses Vorgehen früher oder später in einem Fiasko münden, insbesondere dann, wenn die Wehrmacht ihrerseits auf einen entschlossenen Gegner stoßen sollte. Für das Mißlingen des Angriffs auf die Sowjetunion wurden demnach einige Gründe angeführt: die Bedingungen des Landes, die Unterschätzung des Rüstungspotentials der Sowjetunion und der Kampfkraft der Roten Armee, die zu den Verzögerungen beim deutschen Vormarsch führte sowie das Eingreifen Hitlers in den Ablauf der Operationen. Entscheidend war meines Erachtens zusätzlich die (nicht nur durch Hitlers Interventionen) effektive Inexistenz eines - im doppelten Sinne - umfassenden Feldzugplans, mit dem das Gros der sowjetischen Streitkräfte auszuschalten und somit ein Frieden zu erzwingen gewesen wäre. Diesem Versäumnis waren alle operativen Fehlentscheidungen nachgeordnet.

Der deutsche Angriff auf das Territorium des Sowjetunion war geprägt von schnellen, raumgreifenden Panzerdurchbrüchen in den Rücken sowjetischer Verbände, die durch nachrückende Infanterieeinheiten abgesichert und von der Luftwaffe taktisch unterstützt wurden. Das Prinzip der „verbundenen Waffen“, das sich in den vorangegangenen Feldzügen bewährt hatte, wurde hier weiter perfektioniert. Diese Taktik führte dazu, daß in mehreren Kesselschlachten bis zum Jahresende 1941 mehr als drei Millionen Rotarmisten in deutsche Gefangenschaft gerieten. Auch die Ausschaltung der sowjetischen Luftwaffe in den ersten Tagen nach dem Überfall am 22. Juni muß - nach militärischen Gesichtspunkten - als beispielhaft gelten. Aber bereits die Vorstöße zuerst im Mittelabschnitt in Weißrußland, dann im Norden über die Düna Richtung Leningrad und in der Ukraine ließen die notwendige Schwerpunktbildung vermissen. Schon bald geriet der Zeitplan in Verzug und mußte immer weiter korrigiert werden. Wesentliche Bedeutung kommt dem vorübergehenden Stocken des Vormarsches der Heeresgruppe Mitte im Raum Smolensk Ende Juli 1941 zu [6]. Hitlers Befehl nach Süden einzuschwenken, brachte zwar mit der Einnahme von Kiew einen weiteren aufsehenerregenden Erfolg und noch einmal 600000 Kriegsgefangene. Er bedeutete aber einen Bruch mit dem bisherigen Operationsplan und eine folgenschwere Verzögerung des dann doch noch erfolgenden Vorstoßes auf Moskau. Denn die Rote Armee konnte ihre Kräfte soweit verstärken, daß das eigentliche Ziel des Feldzuges, die Eroberung der feindlichen Hauptstadt letztlich mißlang und die Wehrmacht dann, am Rand eines Zusammenbruchs, ihre Strategie grundsätzlich umstellen mußte.

Da die Ursachen für dieses Desaster in den Sommermonaten des Jahres 1941 zu suchen sind, bedeutet dies, daß die deutsche Strategie gerade in der Phase ihrer spektakulärsten Siege in sich zusammenbrach. Bei einer historischen Bewertung ist es müßig zu fragen, wann und wo der vermeintlich entscheidende operative Fehler begangen wurde - entscheidend ist, daß er im Wesen des Systems lag. Daran hatte die Wehrmacht selbst großen Anteil: Zum einen wurden von den militärischen Planungsstellen wesentliche Informationen über den Gegner und sein Land übergangen, damit wie in den vorangegangen Feldzügen verschiedene Unwägbarkeiten in Kauf genommen und zudem nur ein mangelhafter Feldzugsplan, der keinen Raum für Alternativen ließ entworfen. Dies hätte, so naheliegend es nach dem damaligen Stand war, die Rote Armee zu unterschätzen, bei einer beflissenen Stabsarbeit vermieden werden können. Vor allem aber hätte die Wehrmachtsführung im Vorfeld Vorgehen und Kompetenzen abzuklären müssen. Doch die Preisgabe der Autonomie des operativen Handelns ließ sich angesichts der Machtkonstellation und des Herrschaftsgefüges im Dritten Reich nicht vermeiden. Insofern war das Scheitern des „Unternehmens Barbarossa“ systemimmanent.

Denn der „Ostkrieg“ war Hitlers Krieg. Er hat ihn aus weltanschaulichen Motiven heraus und unabhängig von seinen politischen und militärischen Untergebenen, aber mit deren weitgehenden Unterstützung oder zumindest Duldung angestrebt und geführt. Die oberste Führungsebene der Wehrmacht hat sich und die ihr unterstellten Soldaten zumeist bedenkenlos für diesen Vernichtungskrieg einspannen lassen, völkerrechtswidrige Befehle formuliert, den Tod von Millionen Kriegsgefangenen verschuldet und sich zumindest indirekt am Völkermord beteiligt. Angesichts der beispiellosen humanitären Katastrophe, die gleichzeitig zum „Unternehmen Barbarossa“ Holocaust und Vernichtungskrieg insbesondere über die jüdischen Bewohner der betroffenen Gebiete brachten, war die Wehrmacht mit den an sie gerichteten Anforderungen massiv überfordert. Sie hat sich auch in spezifisch militärischen Aufgabenbereichen eklatante Versäumnisse zuschulden kommen lassen und ist relativ leichtfertig und zum wiederholten Mal unabsehbare Risiken eingegangen. Die unmittelbare Folge ihres Scheiterns waren Millionen Tote unter den Zivilisten, sowjetischen und deutschen Soldaten, eine dauerhafte moralische Hypothek für spätere deutsche Generationen und eine militärische Niederlage, die nach Andreas Hillgruber „eine der wenigen wirklich fundamentalen weltgeschichtlichen Entscheidungen dieses [des Zwanzigsten] Jahrhunderts“ [7] gewesen war.

 

Anmerkungen und Literaturhinweise:

[1] Siehe zum Folgenden: Rolf-Dieter Müller und Gerd R. Ueberschär: Hitlers Krieg im Osten 1941-1945. Ein Forschungsbericht. Darmstadt 2000, vgl. besonders Seite 83-103 und die dort angegebene Literatur,
sowie die entsprechenden Bände aus der Reihe „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg.“ Hrsg. vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt, dort insbesondere: Horst Boog: Der Angriff auf die Sowjetunion. (Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 4, Hauptband und Beiheft) 2. unveränderte Auflage Stuttgart 1987.

[2] Vgl.: Wilhelm Deist: Die militärischen Planungen des „Unternehmens Barbarossa“. In: Roland G. Foerster (Hg.): „Unternehmen Barbarossa“. Zum historischen Ort der deutsch-sowjetischen Beziehungen von 1933 bis Herbst 1941. München 1993, Seite109-122.

[3] Hans-Martin Ottmer: „Weserübung“. Der deutsche Angriff auf Dänemark und Norwegen im April 1940. (Operationen des Zweiten Weltkrieges. Hrsg. vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Band 1) München 1994.

[4] Karl-Heinz Frieser: Blitzkrieg-Legende. Der Westfeldzug 1940. (Operationen des Zweiten Weltkrieges. Hrsg. vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Band 2) München 1995.

[5] Siehe: „Luftschlacht um England“ und „Merkur, Unternehmen“ In: Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Hrsg. von Wolfgang Benz, Hermann Graml und Hermann Weiß. Mit zahlreichen Abbildungen, Karten und Grafiken. München 2. Auflage 1998, Seite 574/75, bzw. Seite 583/84.

[6] Andreas Hillgruber: Die Bedeutung der Schlacht von Smolensk in der zweiten Juli-Hälfte 1941 für den Ausgang des Ostkrieges. In: Felder und Vorfelder russischer Geschichte. Studien zu Ehren von Peter Scheibert. Hrsg. von Inge Auerbach, Andreas Hillgruber und Gottfried Schramm. Freiburg 1985, Seite 266-279.

[7] Ebd., Seite 266.

 

© Wolf-Dieter Dorn M.A.

URL: http://www.historisches-centrum.de/forum/dorn01-1.html