Forum "Barbarossa": Beitrag 1 - 2001

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Voraussetzungen für die nationalsozialistische „Judenpolitik“ in Weißrussland

von Bernhard Chiari

Die Juden, die 1941 in Weißrussland lebten und damals (neben Weißrussen und Polen) eine der größten Bevölkerungsgruppen bildeten, wurden größtenteils Opfer des Holocaust. Mit den Menschen verschwanden die jiddische und hebräische Sprache, die meisten Synagogen wurden zerstört. Vielerorts blieben Friedhöfe als letzte Erinnerung. Wer heute in der Hauptstadt Minsk oder in kleinen weißrussischen Städten und Dörfern unterwegs ist, wird nach den Spuren jüdischen Lebens und jüdischer Kultur lange suchen müssen. Das Territorium der Republik Belarus’ ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts nahezu ausschließlich von Weißrussen, Russen sowie einer kleinen polnischen Minorität besiedelt. Die Juden sind nicht nur aus dem Straßenbild, sondern seit dem Zweiten Weltkrieg weitgehend auch aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden.

Weißrussland ist kein Einzelfall. Überall im deutsch besetzten Europa wurden Juden verfolgt und ermordet. Überall gab es Mut, Zivilcourage und Todesverachtung bei der Unterstützung jüdischer Nachbarn im Kampf gegen die nationalsozialistische Terrormaschinerie. In den Archiven von Yad Vashem lagern Zeugnisse darüber, dass in Weißrussland Weißrussen, Polen oder Russen mutig für ihre jüdischen Mitbürger eintraten. Trotz solcher Taten waren aber gerade in der „Partisanenrepublik“ die Voraussetzungen für Heldenmut und Zivilcourage schlechter als in anderen, deutsch besetzten Ländern.

Obwohl die Haltung der Menschen ihren jüdischen Nachbarn gegenüber nur schwer zu quantifizieren ist, lassen sich doch einige Grundkonstanten festhalten. Ähnlich wie im „Generalgouvernement“ herrschten in Weißrussland Passivität und Apathie gegenüber dem Schicksal der Juden unter der Bevölkerung vor. Auf antijüdische Exzesse, wie sie sich beispielsweise im Baltikum abspielten, warteten die deutschen Sicherheitskräfte meist vergeblich. Dennoch war auf lokaler Ebene ein erhebliches antisemitisches Potential unter Weißrussen und Polen vorhanden. Die Bereitschaft breiter Bevölkerungskreise, im Sommer 1941 mit den Okkupationsbehörden zusammenzuarbeiten, schloss vielfach die „Lösung der Judenfrage“ mit ein. Die Rahmenbedingungen, unter denen sich der Judenmord im „Generalkommissariat Weißruthenien“ vollzog, werden deutlich durch eine Reihe von Besonderheiten und historischen Entwicklungslinien.

Von zentraler Bedeutung sind drei Punkte. Eine entscheidende Rolle spielte erstens der Umstand, dass die BSSR in den Grenzen von 1941 und trotz der forcierten Sowjetisierung nach der Okkupation von 1939 ein ethnisches Mischgebiet geblieben war. Im Zusammenhang damit ist zweitens auf die enormen Spannungen hinzuweisen, die zwischen Gewinnern und Verlierern dieses Systemwechsels entstanden waren und mit denen die nationalsozialistische Führung 1941 rechnen konnte. Drittens entwickelte sich in Weißrussland durch die Aktivität sowjetischer und anderer Widerstandsgruppen schneller als anderswo eine Spirale der Gewalt, die auf allen Seiten und Ebenen gleichermaßen Brutalität wie Opportunismus förderte.

Damit fehlten beinahe alle Voraussetzungen dafür, nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht die Gesellschaft zur Abwehr des äußeren Feindes zu organisieren. Als Folge der Sowjetisierung von 1939 und durch die Heterogenität der westlichen und östlichen Landeshälften, aber auch nach der sowjetischen Evakuierung von 1941, bedeutete "Gesellschaft" nicht mehr als eine Vielzahl unverbundener sozialer Milieus und Interessengruppen. Gleichzeitig waren die Spannungen zwischen Gewinnern und Verlierern der Sowjetisierung erheblich. Die Deutschen beklagten sich über die "Passivität" der "Weißruthenen" und ihr mangelndes Nationalbewusstsein. In ihrer Unkenntnis der Verhältnisse vor Ort und angesichts realitätsferner Verwaltungsvorgaben aus Berlin brachten sie in kurzer Zeit sowohl Polen als auch Weißrussen gegen sich auf. Für solche interethnischen Konflikte bezahlten indirekt aber auch die weißrussischen Juden, die selbst einer Vielzahl unterschiedlichster Milieus und Gruppen angehörten. Die Gründe waren neben den bekannten Vorbehalten gegenüber Juden eine Mischung aus Angst vor Strafe, Anbiederung an die Besatzungsmacht und Gewinnstreben. In manchen Fällen richtete sich die Feindschaft der Nachbarn wohl auch nicht gegen die Juden als ethnische Gruppe, sondern gegen imaginäre Konkurrenten oder "Feinde", so wie dies auch zwischen Polen, Weißrussen, Ukrainern, Litauern oder "Volksdeutschen" der Fall war.

Von Beginn des Krieges an wurde jenen, die in die Auseinandersetzungen zwischen Polen und Weißrussen hineingezogen wurden, mit aller Brutalität ihre Schutzlosigkeit gegenüber der unberechenbaren deutschen Besatzungsmacht vorgeführt. Diese Entwicklung verstärkte sich im Verlauf des Krieges. Der deutsche Terror und die Sprunghaftigkeit der deutschen Politik - einer Politik, die von den divergierenden Interessen zahlreicher Behörden bestimmt wurde - zogen immer mehr Menschen in einen Kreislauf aus Terror, persönlicher Kompromittierung und Gegenterror. Die erbärmlichen Lebensbedingungen der Stadt- und Landbevölkerung verengten den Spielraum für Hilfeleistungen weiter. Individuen, Gruppen und Organisationen waren deshalb direkt und indirekt in die "Verwertung der Judensachen" mit einbezogen.

Zivilcourage und Heldentum waren eingebettet in ein kompliziertes System von Abhängigkeiten, Bedrohungen und Ängsten. Diese mussten überwunden werden, wollte man den Juden helfen, und damit war die große Masse der "ganz normalen" Weißrussen und Polen überfordert. Menschlichkeit und Fürsorge hatten es zum einen so schwer, weil in "Weißruthenien" das Besatzungsregime besonders unmenschliche Züge zeigte. Zum anderen legten das Ausufern der Gewalt und das weitgehende Fehlen von Widerstand offen, wie sehr die Region schon durch den sowjetischen Einmarsch 1939 zerrüttet worden war. Der Wunsch der Weißrussen und Polen, nun, unter deutscher Herrschaft, das eigene Schicksal endlich positiv zu beeinflussen, richtete sich ursprünglich nicht gegen die Juden. Aber diese gerieten zwischen alle Fronten, nachdem sie von den Okkupanten zu deren schwächstem Glied gemacht worden waren.

Der Beitrag ist eine Zusammenfassung des folgenden Aufsatzes: Chiari, Bernhard, Das Schicksal der weißrussischen Juden im „Generalkommissariat Weißruthenien“. Eine Annäherung an das Unbegreifliche, in: Benz, Wolfgang/Juliane Wetzel (Hg.), Solidarität und Hilfe für Juden während der NS-Zeit. Regionalstudien 3. Dänemark, Niederlande, Spanien, Portugal, Ungarn, Albanien, Weißrußland, Berlin 1999, S. 271-309.

 

Literatur:

Chiari, Bernhard, Alltag hinter der Front. Besatzung, Kollaboration und Widerstand in Weißrußland 1941-1944, Düsseldorf 1998;

Gerlach, Christian, Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 bis 1944, Hamburg 1999;

Golczewski, Frank, Die Revision eines Klischees. Die Rettung von verfolgten Juden im Zweiten Weltkrieg durch Ukrainer, in: Benz, Wolfgang/Juliane Wetzel (Hg.), Solidarität und Hilfe für Juden während der NS-Zeit. Regionalstudien 2, Berlin 1996, S. 9-82;

Kosmala, Beate, Ungleiche Opfer in extremer Situation. Die Schwierigkeiten der Solidarität im okkupierten Polen, in: Benz, Wolfgang/Juliane Wetzel (Hg.), Solidarität und Hilfe für Juden während der NS-Zeit. Regionalstudien 1, Berlin 1996, S. 19-98.

 

© Dr. Bernhard Chiari

URL: http://www.historisches-centrum.de/forum/chiari01-1.html