Forum "Barbarossa": Beitrag 6 - 2004

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Die Kontinuität des Journalisten: Paul Karl Schmidt alias Paul Carell*

von Wigbert Benz

In seiner eidesstattlichen Erklärung vom 13.November 1947 im Nürnberger Prozess Fall Nr.11, dem sog. Wilhelmstraßenprozess gegen das Auswärtige Amt und andere Ministerien, präsentierte sich Paul Karl Schmidt als Zeuge der Anklage. Entschieden für Pressefreiheit und Demokratie eintretend führte er aus: „Das nationalsozialistische System der Presselenkung war meiner Ansicht nach typisch für einen totalen Staat. Während die Presse auf Grund ihrer geschichtlichen Entwicklung eine soziologische Funktion hat und eine Institution der demokratischen Lebensform ist, ein Atmungsorgan wie man sagen könnte, bekommt sie im totalen Staat eine andere Funktion und muss etwas ganz anderes werden. Sie wird ein periodisches Plakat, ein periodisches Flugblatt oder in der Sprache des totalen Staates gesprochen: ein ‚Führungsmittel der Propaganda’. Diesen Weg ist die deutsche Presse gegangen.“(1) Diese Aussage Paul Karl Schmidts, 1940 - 1945 Ribbentrops Pressechef und ab den 50er Jahren unter verschiedenen Pseudonymen wie P.C. Holm oder Paul Carell Journalist der ZEIT, des SPIEGEL, der WELT und anderer Zeitungen sowie Bestsellerautor zum „Unternehmen Barbarossa“, erscheint bemerkenswert. Zunächst einmal weil er es nach zwei Jahren Internierung in alliierter Haft vom potentiell Anzuklagenden zum Zeugen der Anklage geschafft hatte, der insbesondere den Reichspressechef Otto Dietrich schwer belastete und selbst im Rahmen seiner angeblich geringen Kompetenzen das Menschenmögliche für eine freie Berichterstattung getan habe. Derartige Beschönigungen der eigenen Rolle im Pressewesen des Dritten Reiches waren allerdings bei Journalisten nach dessen Ende gang und gäbe.(2) Schmidt jedoch beschönigt seine Rolle im Nationalsozialismus nicht nur, sondern verkehrt sie ins Gegenteil dessen, wofür er vor 1945 geradezu als Protagonist stand: ein Kriegspropagandist erster Güte, der sich auch nicht scheute aus eigener Initiative den Entscheidungsträgern des Dritten Reiches Vorschläge zu unterbreiten, die Tausende Menschenleben in Gefahr brachten. Dies wird im Folgenden ebenso zu zeigen sein, wie die Kontinuitäten seines journalistischen Wirkens nach 1945 bis in die 90er Jahre.

NS-Studentenführer seit 1933

Paul Karl Schmidt wurde 1911 in Kelbra (Thüringen) geboren und trat noch als Gymnasiast am 12.Januar 1931 der NSDAP bei.(3) In seinem dem Aufnahmeantrag in die SS 1938 handschriftlich beigefügten Lebenslauf führt er aus: “1933 Studentenbundsdienst, Redner, Gautagsredner, Leiter des Kampfausschusses wider den undeutschen Geist, Ältester der Kieler Studentenschaft, Vertrauensmann für die Kameradschaftserziehung und Führer des staatlichen Kameradschaftshauses der Uni Kiel. 1934 Beendigung des Studiums, wissenschaftlicher Assistent am Psychologischen Institut der Uni Kiel; Dozent an der Nationalpolitischen Volksbildungsstätte, Redner. 1935 Stellvertreter des Gaustudentenbundsführers Schleswig-Holstein.“(4) Die Bedeutung dieser frühen NS-Studentenbundskarriere für seine Haltung zu Journalismus und Pressefreiheit sollte nicht unterschätzt werden. Sehen wir uns gerade auch im Hinblick auf Schmidts antisemitische Einstellung ein Detail an, das in der Forschung bislang nicht erörtert wurde: dessen frühe Funktion als „Leiter des Kampfausschusses wider den undeutschen Geist.“ Diese „Kampfausschüsse“ agitierten als Speerspitze der deutschen Studentenschaft gegen den „jüdischen Intellektualismus“. So wurde z.B. am 12.April 1933 an allen deutschen Universitäten ein Plakat mit dem Titel „Wider den undeutschen Geist!“ ausgehängt, dessen 12 Thesen auch am Tag der Bücherverbrennung, dem 10.Mai 1933, verlesen wurden. Darin hieß es z.B. in den Thesen 5 und 6: „Der Jude kann nur jüdisch denken. Schreibt er deutsch, dann lügt er. Der Deutsche, der deutsch schreibt, aber undeutsch denkt, ist ein Verräter (...) Wir wollen die Lüge ausmerzen, wir wollen den Verrat brandmarken (...).“(5) Schmidts Rolle als Leiter dieses „Kampfausschusses wider den undeutschen Geist“ prägte ihn für seine spätere antijüdische Kriegspropaganda als Pressechef im Auswärtigen Amt.

Pressechef im Auswärtigen Amt 1940 bis 1945

Innerhalb der SS stieg Paul Karl Schmidt mit noch nicht einmal 29 Jahren zum Obersturmbannführer auf, einem Rang, dem bei der Wehrmacht der Oberstleutnant entspricht. Ebenfalls 1940 avancierte er unter NS-Außenminister Joachim von Ribbentrop zum Chef der Nachrichten- und Presseabteilung im Auswärtigen Amt und Gesandten I.Klasse. Damit war er mit 28 Jahren der jüngste Karrierist in einem NS-Ministerium, der gleichzeitig den Rang eines Gesandten I. Klasse ( Ministerialdirigent) und eines SS-Obersturmbannführers (Oberstleutnant) erreicht hatte.(6) Schmidt, der u.a. die täglichen Pressekonferenzen des NS-Außenministeriums leitete, gehörte nach den Ergebnissen der Dissertation des renommierten Historikers Peter Longerich über die Presseabteilung des Auswärtigen Amtes unter Ribbentrop zu den einflussreichsten Kriegspropagandisten des NS-Systems. Er wurde bald neben dem Reichspressechef Otto Dietrich, der direkt Hitler unterstand, und Hans Fritzsche, der in Goebbels Propagandaministerium der Abteilung "Deutsche Presse" vorstand, zum dritten Presselenker unter den NS-Funktionären.(7) Teilweise war er sogar einflussreicher als Dietrich und Fritzsche, denn diese waren in erster Linie Verbindungsleute zwischen Hitler bzw. Goebbels und der Presse mit geringem eigenem Gestaltungsspielraum. Paul Karl Schmidt aber nutzte die Schwäche seines Konkurrenten Otto Dietrich, dessen Ansehen schwer geschädigt war, nachdem er am 9.Oktober 1941 in einer großen Pressekonferenz vor in- und ausländischen Journalisten den Endsieg über die Sowjetunion und das Aus aller britischen Optionen eines Zweifrontenkrieges verkündet hatte. So konnte Schmidt die Ambitionen Dietrichs und auch seines anderen Konkurrenten Fritzsche vom Goebbels-Ministerium zur Einflussnahme auf die NS-Propagandazeitschrift SIGNAL ausschalten. Schmidt sicherte sich den Zugriff auf diese Kriegs-Illustrierte, die seit April 1940 alle 14 Tage für das besetzte oder "befreundete" Ausland erschien und 1943 eine Auflage von 2,5 Millionen Exemplaren in 20 Sprachen erreichte. Der DAILY EXPRESS urteilte am 25. April 1940: "Seiten im besten Farbdruck (...) Konzentrierte, geschickte Propaganda zu einem Preis, den jedermann zahlen kann und geschrieben in fast jedermanns Sprache."(8)

Als Leiter der Presseabteilung des Auswärtigen Amtes war Schmidt für die Erfindung von „Sprachregelungen“ bei der Weitergabe von NS-Propaganda an ausländische Korrespondenten verantwortlich. Während Schmidt in seiner Nürnberger Aussage 1947 den alliierten Richtern weis machen wollte, dass bei „Auslandsvorgängen (der Reichspressechef) Dr. Dietrich durchweg, bevor das Auswärtige Amt seine Wünsche zur Behandlung kundtun konnte, bereits eine Weisung oder Sprachregelung zu diesen Ereignissen besaß“, hatte tatsächlich entsprechend dem Führerbefehl vom 8.9.1939 das Auswärtige Amt die Führungsrolle in der Auslandspropaganda inne.(9)

Kriegs- und Holocaustpropaganda

Schmidts „Arbeitsplan für eine offensive Nachrichten- und Pressearbeit“ vom Herbst 1941 muss im Hinblick auf seine weitreichende Zuständig­keit für die Auslandspropaganda des „Dritten Reiches“ gelesen werden. Darin fordert er als Zielvorstellungen, denen die Propaganda des Auswärtigen Amtes zu dienen habe: „1. Beseitigung des Bolschewismus. 2. Beseitigung des Judentums (geborene Anarchisten). 3. Ausschaltung Englands und Roosevelts, der Zuhälter des Bolschewismus.“(10) In seiner schon erwähnten Dissertation schildert Longerich die Auslandspropaganda des Auswärtigen Amtes im Wesentlichen nur bis 1943 (11), so dass er Schmidts propagandistische Vorschläge für die Ermordung der Budapester Juden 1944 nicht erörtert. Die gleiche Nichtberücksichtigung der Rolle Schmidts beim Holocaust in Ungarn gilt für weitere geschichtswissenschaftliche Studien, einschließlich dem jüngsten Band von Götz Aly und Christian Gerlach zum Holocaust in Ungarn.(12)

Entsprechend seiner propagandistischen Zielvorstellung „Beseitigung des Judentums“ wandte sich Schmidt am 27.Mai 1944 nicht etwa gegen die Ermordung der ungarischen Juden, sondern erteilte Ratschläge zu deren besserem Gelingen. Als Ungarn ab dem 19. März 1944 von der Wehrmacht besetzt wurde und der Rib­bentrop unterstellte Reichsbevollmächtigte Edmund Veesenmayer fast täglich Telegramme an das Auswärtige Amt richtete, liefen diese auch über Schmidts Schreibtisch. Seine Aufgabe bestand darin, politische Entscheidungen im Hin­blick auf ihre außenpolitische Wirkungen zu prüfen und gegebenenfalls propagan­distisch gegenzusteuern. Allerdings reagierte Schmidt mit seiner Vorlage für den Staatssekretär Wilhelm Keppler vom 27. Mai 1944 kei­neswegs auf eine Anfrage Veesenmayers. Vielmehr antizipierte er die möglichen Auslandsproteste gegen die bevorstehende Deportation der Budapester Juden und entfaltete ein propagandistisches Szenario, um „vor­zu­beugen“. Er schrieb an Keppler:

"Aus einer recht guten Übersicht über die laufenden und geplanten Judenaktionen in Ungarn entnehme ich, dass im Juni eine Großaktion auf die Budapester Juden geplant ist. Die geplante Aktion wird in ihrem Ausmaß große Aufmerksamkeit erregen und Anlass zu einer heftigen Reaktion bilden. Die Gegner werden schreien und von Menschenjagd usw. sprechen und unter Verwendung von Gräuelberichten die eigene Stimmung bei den Neutralen aufzuputschen versuchen. Ich möchte deshalb anregen, ob man diesen Dingen nicht vorbeugen sollte dadurch, dass man äußere Anlässe und Begründungen für die Aktion schafft, z.B. Sprengstofffunde in jüdischen Vereinshäusern und Synagogen, Sabotageorganisationen, Umsturzpläne, Überfälle auf Polizisten, Devisenschiebungen großen Stils mit dem Ziel der Untergrabung des ungarischen Wirtschaftsgefüges. Der Schlussstein unter eine solche Aktion müsste ein besonders krasser Fall sein, an dem man dann die Großrazzia aufhängt."(13)

In meiner Analyse dieser propagandistischen Vorschläge Schmidts für eine geschichtswissenschaftliche Fachzeitschrift habe ich gezeigt:

- Schmidts „Notiz für Herrn Staatssekretär“ vom 27.5.1944 blieb nur deswegen „folgenlos“, weil sich die Rahmenbedingungen für die propagandistischen Vorschläge mit der Invasion der Alliierten am 6.Juni 1944 dramatisch änderten und der Reichsbevollmächtigte für Ungarn, Edmund Veesenmayer, die zu erwartenden Auslandsproteste zu den projektierten Deportationen der Budapester Juden geringer einschätzte.
- Schmidts Notiz stellte keine geschäftsmäßige Antwort auf eine vorliegende Anfrage Veesenmayers dar, sondern eine eigene propagandistische Initiative;
- Der Adressat dieser Initiative, Staatssekretär Wilhelm Keppler, u.a. Hitlers persönlicher Berater in Wirtschaftsfragen, nahm die Initiative ernst, und ordnete, wie aus dem Vermerk ersichtlich ist, sowohl ihre Weiterleitung an Veesenmayer als auch die Einholung dessen Stellungnahme an.
- Neben Keppler waren weitere hochrangige Vertreter des Auswärtigen Amtes in die Erörterung von Schmidts Initiative involviert: Franz Alfred Six, 1941 Chef des Sonderkommandos Moskau der SS-Einsatzgruppe B und nun Leiter der kulturpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes sowie der Leiter der Abteilung Inland II des AA, Legationsrat Horst Wagner, dessen Aufgaben von Wagners Abteilung werden in einem Geschäftsbericht vom September 1943 in erster Linie als „Verbindung(sstelle) zum Reichsführer SS“ charakterisiert werden.
- Schließlich und am wichtigsten: Paul Karl Schmidts Vorschläge vom 27.Mai 1944 hätten geholfen, die Ermordung von ca. 200000 Menschen in Budapest, die zu diesem Zeitpunkt eben noch nicht feststand, zu ermöglichen und zu rechtfertigen.(14)


Karriere nach 1945

Während es Schmidt im Nürnberger „Wilhelmstraße-Prozess“, wie eingangs erwähnt, gelang als Zeuge der Anklage aufzutreten, wurde fast zwei Jahrzehnte später von 1965 bis 1971 ein Ermittlungsverfahren „wegen Mordes“ der Staatsanwaltschaft gegen ihn durchgeführt, das in den Akten der „Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen Ludwigsburg“ dokumentiert ist, die damals entsprechend ihrem Aufgabenbereich für das Landgericht Verden Vorermittlungen leistete.(15) Dieses wurde nach sechs Jahren niedergeschlagen, weil „auf den Vorschlag des Beschuldigten daraufhin nichts unternommen (wurde.)“(16)

1945 bedeutete für Paul Karl Schmidt, gegen den nie ein Gerichtsverfahren eingeleitet wurde, keinesfalls das Karriereende. Schmidts zweite, unter verschiedenen Pseudonymen sehr erfolgreiche publizisti­sche Karriere nach 1945 ist sogar sehr viel bekannter als seine Tätigkeit in Ribbentrops Auslandspropaganda. Er schrieb in DIE WELT und DIE ZEIT als P.C. Holm und in der Itze­hoer NORDDEUTSCHEN RUNDSCHAU als „Vocator“, war freier Mitarbeiter ver­schiedener Zeitungen, darunter auch des SPIEGEL, wo er die Manuskripte von Fritz Tobias zum Reichstagsbrand redaktio­nell be­treute .(17) Schmidt schrieb als P.C. Holm am 2.9. 1954 den langen Artikel „Düsteres September-Gedenken“ in der ZEIT. Darin minimierte er die deutsche Verantwortung sowohl für den Ersten wie den Zweiten Weltkrieg. Er propagierte: „Der (erste Welt-)Krieg war eine Kurzschlusserscheinung. Statt zu fragen- ‚Wer wollte ihn?’, ist es richtiger nachzuforschen: ‚Wer tat nicht alles, um ihn zu verhindern?’ Die Antwort darauf enthüllt in Wien so viele Schuldige wie in Petersburg, in London und Berlin so viele wie in Paris und Belgrad. Dabei steht Berlin in der ‚Schuldliste’ auf keinen Fall an erster, eher an letzter Stelle.“ Und zum Zweiten Weltkrieg: „Nur einer irrte sich nicht. Vorerst jedenfalls noch nicht. Das war Josef Stalin. Sein Beitrag zum Krieg, nämlich der deutsch-sowjetische Pakt vom 23. August 1939, war wohl der entscheidendste Faktor. Ohne diesen Pakt hätte die seit Bismarcks Wirken im Volksbewusstsein so lebendige und im ersten Weltkrieg so erwiesenermaßen tödliche Gefahr eines Zweifrontenkrieges auch von Hitler nicht ignoriert werden können. Man stellt den deutsch-sowjetischen Pakt gern als Hitlers große diabolische Leistung hin. Das ist eine Verkennung der Tatsachen und der historischen Hintergründe. Wer die Vorgeschichte und das Zustandekommen dieses Paktes wirklich studiert, muss zu der Einsicht gelangen, dass nicht Hitler, sondern Stalin der Initiator war. Für ihn war dieser Pakt die richtig kalkulierte Beihilfe zum Ausbruch eines ‚selbstzerfleischenden Krieges der kapitalistischen Welt’. Und so kam es.“(18)

Schon Ende 1952 engagierte sich Schmidt bei der Konstitution eines „neo-nationalsozialistischen Führungsringes“, der sog. „Hundertmann-Gruppe“ um den ehemaligen Goebbels-Staatssekretär Dr. Werner Naumann und den früheren RSHA-Amtschef Franz Alfred Six, der 1941 Chef des SS-Sonderkommandos vor Moskau war und 1943 als Leiter der „Kulturpolitischen Abteilung“ des Auswärtigen Amtes Kollege Schmidts.(19) Weitere führende Mitglieder waren Hans Fritzsche, der in Goebbels Propagandaministerium der Abteilung "Deutsche Presse" vorstand, sowie der ehemalige Reichsstudentenführer Gustav Adolf Scheel. Die Gruppe strebte publizistischen und politischen Einfluss für ein national orientiertes und wiedervereinigtes Deutschland an. Hitler-Mythos und Antisemitismus wurden als nicht mehr zeitgemäß abgelehnt. Die Debatten um die Mitschuld ehemaliger Eliten des NS-Regimes an Kriegsverbrechen sollten durch die Herbeiführung einer Generalamnestie beendet werden.

Publizistisches Hauptbetätigungsfeld Schmidts aber war die auflagenstarke, im Axel-Springer-Verlag erscheinende Zeitschrift KRISTALL. Hier schrieb er zunächst als „Paul Karell“, dann als "Paul Carell" - Artikel zum Zweiten Weltkrieg, die laut KRISTALL-Ausgabe 25/1952, "immer vor dem Hintergrund der Wahrheit...dem Leser ein Bild von der Dramatik des Geschehens geben", und zwar auf der Basis der "persönlichen Erinnerungen des Verfassers Paul Karell."(20) Damit wurde der Grundstein für die Legende von einer angeblichen früheren Tätigkeit Carells als "Kriegsberichterstatter", der er tatsächlich nie war, gelegt. Schmidt-Carells die Verbrechen der Wehrmacht vollständig ausklammernden und statt dessen die deren Handlungen heroisierende Kriegsdarstellungen und die Absicht der Verlagsleitung, Schmidt „zum Chef des Ressorts ‚Politik und Aktuelles’“ zu machen, führten Ende der 50er Jahre zur Kündigung der Redaktionsmitglieder Anton Geldner, Ingeborg Elsterer, Carola Heldt und Fritz Langour.(21) Zudem war an Tausenden Kiosken im Bundesgebiet der KRISTALL-Werbeslogan zu lesen: „Erich Maria Remarque / Paul Carell - zwei Autoren von Weltruf - schreiben exklusiv für KRISTALL“, wogegen sich Remarque mit der Aussage wandte: „Ich möchte nicht in zweifelhafte Gesellschaft kommen, um Gottes Willen, ich will doch nicht in meinem Alter plötzlich noch zu den Nazis gehören.“(22) Zwei Wochen später am 25.August 1959 teilte die Geschäftsleitung des Axel-Springer-Verlages zu den Vorgängen in der Redaktion der Illustrierten KRISTALL mit, „Dr. Paul Schmidt sei nach Veröffentlichung der gegen ihn erhobenen Vorwürfe auf seinen eigenen Wunsch von einer weiteren Mitarbeit bei KRISTALL entbunden worden“.(23)

Im Gegensatz zu dieser Ankündigung erreichte ein Jahr später die Autorenschaft Schmidts für die knapp eine halbe Million Exemplare auflagenstarke Zeitschrift KRISTALL eine neue Dimension. Denn 1960 wurde der Dr. Paul Karl Schmidt gut bekannte Dr. Horst Mahnke Chefredakteur von KRISTALL. SS-Hauptsturmführer Mahnke war persönlicher Adjutant des SS-Brigadeführers Franz Six, der 1941 Chef des Vorkommandos Moskau der SS-Einsatzgruppe Moskau war und ab 1943 - wieder mit Mahnke als persönlichem Assistenten - die „Kulturpolitische Abteilung“ des Auswärtigen Amtes leitete. 1952 wurde Mahnke Ressortleiter des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL, für den auch Schmidt tätig war. Als Chefredakteur von KRISTALL ermöglichte Mahnke Schmidt Anfang der 60er Jahre den Abdruck der beiden schier endlosen Serien "Marsch nach Russland", zuerst als "Unternehmen Barbarossa" und dann als "Verbrannte Erde". Damit hatte Carell den Durchbruch als führender „Nachkriegschronist“ des Russlandfeldzuges geschafft. Beide KRISTALL-Serien führten zu Paul Carells Bestseller „Unternehmen Barbarossa“, der laut Ullstein-Verlagsanzeige schon 1967 im „222.Tausend“ gedruckt war und seine Darstellung des Russlandfeldzuges in jeder der zahlreichen Neuauflagen mit einem Zitat aus Hitlers Tagesbefehl zum Angriff beginnt, in dem die Präventivkriegsthese aufgetischt wird, nach der die Wehrmacht am 22.Juni 1941 angeblich nur einem Angriff der Roten Armee zuvorgekommen sei.(24) Bis heute entstanden und entstehen immer neue Variationen von "Bildbänden" Paul Carells zum Russlandfeldzug. Sie haben Millionenauflage erreicht und sind in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt. In den 90er Jahren hat der zu diesem Zeitpunkt noch immer überaus umtriebige Publizist Schmidt-Carell in seinem bis heute ebenfalls vielfach verkauften Ullstein-Band "Stalingrad. Sieg(!, W.B.) und Untergang der 6.Armee" dem NS-Mythos vom sinnvollen Kampf ("Sie starben, damit NS-Deutschland lebe") neuen Auftrieb verschafft, indem er die falsche Behauptung, nach Stalingrad sei der Ausgang des Krieges noch offen gewesen, als Essenz neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse deklarierte.(25) Auch in diesem, seinem letzten Buch bleibt Carell seiner Linie als skrupelloser Propagandist treu: Der Krieg wurde dem Deutschen Reich aufgezwungen. Eine Ausrottungspolitik gegen die sowjetische Bevölkerung hat es nie gegeben, ebenso wenig wie verbrecherische Befehle der Wehrmachtsführung. 

Die Generäle haben im Ostkrieg großartige Arbeit geleistet. Ihre geniale operative Kriegführung aber wurde ebenso wie die Frontsiege der Truppen durch Hitlers stümperhafte Politik sozusagen am grünen Tisch wieder verspielt, und Deutschland hätte auch nach Stalingrad noch den Krieg gewinnen können, wenn nur der eine Mann an der Spitze, Hitler, nicht gewesen wäre. Darüber hinaus ist an diesem letzten Werk Carells zu Stalingrad zweierlei bemerkenswert: Zum einen gibt er auf dem Klappentext des Bandes zum ersten Mal seine vorher sorgsam verschwiegene Identität der Öffentlichkeit bekannt: "Ab 1938 im Auswärtigen Dienst, Gesandter und Leiter der Presseabteilung des Auswärtigen Amtes." Zum anderen hält er offensichtlich 1992 den Zeitpunkt für gekommen, nicht nur wie in seinem Buch "Unternehmen Barbarossa" Hitlers Tagesbefehl vom 22.Juni 1941 als unkommentierten Beleg für die Präventivkriegsthese abzudrucken, sondern dem Leser unverblümt die angebliche historische Wahrheit mitzuteilen: "Der deutsche Angriff am 21.(22.) Juni 1941 war objektiv ein Präventivschlag."(26) Damit schließt sich der Kreis von Paul Karl Schmidts Karriere als "Propagandist im Krieg" (Peter Longerich) 1941 zu Paul Carells Karriere als Bestsellerautor und einflussreichem Nachkriegschronisten des "Unternehmens Barbarossa", der neben seiner publizistischen Tätigkeit „lange Zeit als einflussreicher Bera­ter im Hause Springer (galt)“ und bis zum Tod des Verlegers 1988 als dessen Sicherheitschef fungierte.(27) Paul Karl Schmidt alias Paul Carell verstarb im Juni 1997 in seinem Altersdomizil in Rottach-Egern.

Anmerkungen

(1) Nürnberger Dokument NG 3590, Staatsarchiv Nürnberg

(2) Vgl. Weiß, Matthias: Journalisten. Worte als Taten. In: Hitlers Eliten nach 1945. Hrsg. v. Norbert Frei. München 2001, S.218-268; Hachmeister, Lutz / Siering, Friedemann (Hg.): Die Herren Journalisten. Die Elite der deutschen Presse nach 1945. München 2002

(3) Zum Lebenslauf vgl. Longerich, Peter: Propagandisten im Krieg. Die Presseabteilung des Auswärtigen Amtes unter Ribbentrop (= Studien zur Zeitgeschichte, Bd. 33). München 1987, S.154f. sowie Otto Köhler: Unheimliche Publizisten. Die verdrängte Macht der Medienmacher. München 1995, S.164-203

(4) Nürnberger Dokument NG 2644 (= SS-Akte Paul Karl Schmidt), Staatsarchiv Nürnberg

(5) Staatsarchiv Würzburg, Akte RSF I 21 C 14/1

(6) Bestätigt von PD Dr. Klaus Michael Mallmann, Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart, mit Nachricht vom 19.12.2003. Mallmann betont, dass das Verhältnis Alter / Karriereposition bei Schmidt einmalig sei und selbst im Reichssicherheitshauptamt, für seine relative Jugendlichkeit bekannt, auch die jüngsten Amtschefs Ehrlinger und Ohlendorf älter als Schmidt waren.

(7) Longerich, Propagandisten im Krieg, betont an zahlreichen Stellen - durchgängig im ganzen Buch - die große Bedeutung Schmidts für die Kriegspropaganda des Dritten Reiches. Die Identität Schmidts als der Nachkriegschronist des „Unternehmens Barbarossa“ Paul Carell erwähnt er nur auf S.154 in Anmerkung 13

(8) Vgl. Moll, Martin: Signal. Die NS-Auslandsillustrierte und ihre Propaganda für Hitlers „Neues Europa“. In: Publizistik 31 (1986), S.357-400, Zitat aus Daily Express, S.381f.

(9) Vgl. Longerich, Propagandisten im Krieg, S.134f.

(10) Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes Bonn, Propaganda-Ausschuss IV 4/6, undatierte Aufzeichnung Schmidts, zit. nach Longerich, Propagandisten im Krieg, S.88

(11) Vgl. ebd., S.149-234

(12) Christian Gerlach / Götz Aly: Das letzte Kapitel. Der Mord an den ungarischen Juden. Stutt­gart 2002

(13) Nürnberger Dokument NG 2424, Bundesarchiv, Außenstelle Ludwigsburg

(14) Vgl. Benz, Wigbert: Die Nürnberger Dokumente NG 2424 und NG 2260. Zur Rolle von Paul Karl Schmidt alias Paul Carell beim Judenmord in Ungarn 1944. In: Bulletin für Faschismus- und Weltkriegsforschung. Heft 22 (2004), S.82-95; weiterhin ders.: Paul Carell alias Paul Karl Schmidt. Kriegs- und Holocaustpropagandist. Wirken und Karriere des Pressechefs im NS-Außenministerium vor und nach 1945. In: Informationen für den Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer. Heft 67 (2004), S.60-71

(15) Vgl. Bundesarchiv, Zweigstelle Ludwigsburg (=ehemalige Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen Ludwigsburg), Akte VI 412 AR 1082/65, neue Signatur (seit November 2003): B 162 AR 650 1082, Blatt 1-53; ( =Ermittlungsverfahren gegen die ehemaligen Gesandten Dr. Paul Karl Schmidt und Dr. Paul Otto Schmidt, sowie den ehemaligen ständigen Beauftragten des Reichsaußenministers für Propagandafragen Dr. Megerle wegen Mordes ). Ich danke dem Leiter des Archivs, Herrn Dr. Heinz-Ludger Borgert für seine Unterstützung bei der Auffindung dieses bislang unbeachteten Dokuments im August 2003.

(16) Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft Verden vom 2.6.1971, ebd., Blatt 47-53, Zitat, S.53

(17) Dazu der Historiker und SPIEGEL-Redakteur Klaus Wiegrefe unter dem Titel „Flammendes Fanal“ in: DER SPIEGEL 15/2001, S.38ff.; vgl. auch Hofer, Walter: Noch einmal: der Reichstagsbrand. In: Neue Zürcher Zeitung v. 11.5.2001; zur Autorenschaft Schmidts für DIE ZEIT vgl. Mathias von der Heide / Christian Wagener: „Weiter rechts als die CDU“. Das erste Jahrzehnt der ZEIT. In: Hachmeister, Lutz / Friedemann Siering: Die Herren Journalisten. Die Elite der deutschen Presse nach 1945. München 2002, S.165-184, hier S.182.

(18) DIE ZEIT v. 2.September 1954, S.3

(19) Hachmeister, Lutz: Der Gegnerforscher. Die Karriere des SS-Führers Franz Alfred Six. München 1998, zur „Hundertmann-Gruppe“ S.294f.

(20) KRISTALL, Jg.7, Nr.25 (1952), S.1 u. S.803f.

(21) Redakteure machen nicht mit. Ehemaliger NS-Publizist wird Ressortchef. In: Frankfurter Rundschau Nr. 176 vom 3.8.1959

(22) Kristall“ - nicht ganz kristallklar. Remarque in zweifelhafte Gesellschaft gebracht / Vier Redakteure revoltierten. Von Volkmar Hoffmann (Hamburg). In: Frankfurter Rundschau Nr. 179 vom 6.8.1959

(23) Paul Schmidt vorläufig von Mitarbeit bei „Kristall“ entbunden. In: Frankfurter Rundschau Nr.196 vom 26.8.1959

(24) Carell, Paul: Unternehmen Barbarossa. Der Marsch nach Russland. Berlin - Frankfurt/M. 1963; Hitlers Tagesbefehl mit der Präventivkriegsbehauptung, S.13f. ; Ullstein-Verlagsanzeige im SPIEGEL Nr. 11/1967 v. 6.März 1967, S. 10

(25) Ders.: Stalingrad. Sieg und Untergang der 6.Armee. Berlin - Frankfurt/M. 1992

(26) Ebd., S.336

(27) Longerich, Propagandisten, S.154. - Nach den Recherchen des ehemaligen STERN-Chefre­dak­teurs und Springer-Biographen Michael Jürgs war Schmidt einer der engsten Berater, Reden­schreiber und Vertrauten Axel Springers und bis zum Tode des Verlegers dessen Sicherheitschef. Die Vertrautheit ging so weit, dass Schmidt die Identifizierung von Axel Springer jr. nach dessen Selbstmord 1980 übernahm. Vgl. Michael Jürgs: Der Verleger. Der Fall Axel Springer. München 2001, S.315-319 u. 352.

* Vortragstext von Wigbert Benz für die vom Zentrum für Deutsche Studien des Instituts für Allgemeine Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften Moskau, der Friedrich Ebert Stiftung Moskau und dem Verein für Geschichte des Weltsystems e.V. (Homepage: <http://www.vgws.org>. ) am 24./25.9.2004 in Moskau veranstaltete internationale Historikertagung "Die deutsche und die russische Auseinandersetzung mit der Diktatur". Der Beitrag wird erscheinen in:

- Nolte, Hans-Heinrich (Hg).: Die deutschen und die russischen Auseinandersetzungen mit den Diktaturen, MUSTER-SCHMIDT Verlag, Göttingen 2005

© Wigbert Benz

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