Forum "Barbarossa": Beitrag 3 - 2003

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Paul Karl Schmidts (alias Paul Carell) propagandistische Vorschläge zur Ermöglichung und Rechtfertigung der Ermordung der Budapester Juden 1944.
Analytische Skizze zu den Nürnberger Dokumenten NG 2424 und NG 2260 (1) : Inhalte – Adressaten – Intentionen - Nachkriegswirkungen.

Mit einer Edition der Dokumente NG 2424 und NG 2260

von Wigbert Benz

1. Das Nürnberger Dokument NG 2424

a) Inhalt:

Das Dokument besteht aus zwei Schriftstücken, einer „Notiz für Herrn Staatssekretär“ des Leiters der Nachrichten- und Presseabteilung Dr. Paul Karl Schmidt vom 27.5.1944 und einem Begleitschreiben des Legationsrates Klaus von Thadden vom 1.Juni 1944 mit dem Betreff „Judenaktion“ in Budapest zwecks Weiterleitung der Vorschläge Paul Karl Schmidts an den Reichsbevollmächtigten für Ungarn, den Gesandten Edmund Veesenmayer. Paul Karl Schmidt bezieht sich in seiner Notiz vom 27.Mai 1944 auf eine ihm vorliegende „recht gute Übersicht über die laufenden und geplanten Judenaktionen in Ungarn“, der er entnehme, „dass im Juni eine Großaktion auf die Budapester Juden geplant ist“. Da heftige Reaktionen im Ausland zu befürchten seien und die Gegner dieser „Judenaktion“ von „Menschenjagd usw. sprechen“ würden, schlägt er dem „Herrn Staatssekretär“ vor, „dass man äußere Anlässe und Begründungen für die Aktion schafft, z.B. Sprengstofffunde in jüdischen Vereinshäusern und Synagogen, Sabotageorganisation, Umsturzpläne, Überfälle auf Polizisten, Devisenschiebungen großen Stils mit dem Ziele der Untergrabung des ungarischen Währungsgefüges. Der Schlussstein unter eine solche Aktion müsste ein besonders krasser Fall sein, an dem man dann die Großrazzia aufhängt“.

Das Dokument trägt den handschriftlichen Vermerk „Der Herr St.S (=Staatssekretär) bittet, vorstehende Anregung des Gesandten Schmidt an Ges. Veesenmayer mitzuteilen und seine Stellungnahme einzufordern“. Es ist von Dr. Schmidt unterschrieben.

b) Adressaten:

Bei dem Adressaten der Notiz vom 27.5. 1944, dem „Herrn Staatssekretär“, handelt es sich nicht, wie zunächst vermutet werden könnte, um den „regulären“ Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Gustav Steengracht v. Moyland, sondern – wie aus dem noch zu erörternden Nürnberger Dokument NG 2260 bzw. dessen Adressatenliste hervorgeht - um den Staatssekretär zur besonderen Verwendung im Auswärtigen Amt, Wilhelm Keppler. Wilhelm Keppler war Hitlers persönlicher Berater in Wirtschaftsfragen, der Hauptverbindungsmann zwischen NSDAP und Wirtschaft. 1936 wurde er Görings persönlicher Berater für die Durchführung des Vierjahresplans, wobei ihm besonders die Sicherstellung von Rohstoffen für die Industrie oblag. Er war Begründer des „Freundeskreises Reichsführer-SS“, der umfangreiche Spenden aus der Privatwirtschaft organisierte und war 1942 zum SS-Obergruppenführer ernannt worden. (2) An ihn richtete Paul Karl Schmidt seine Vorschläge, propagandistische Anlässe und Begründungen für die Ermordung der Budapester Juden zu schaffen. Keppler ließ Schmidts propagandistische Initiative nicht unbeachtet, sondern forderte ausdrücklich die Weiterleitung an den Reichsbevollmächtigten Veesenmayer und dessen Stellungnahme.

In seinem Schreiben vom 1.Juni 1944 paraphrasiert und zitiert Legationsrat Klaus von Thadden unter dem Betreff „Judenaktion in Budapest“ die propagandistischen Vorschläge des Pressechefs des Auswärtigen Amts, Schmidt und fordert in Entsprechung des Vermerks von Staatssekretär Keppler eine „Drahtstellungsnahme“ Veesenmayers an.
Der Reichsbevollmächtigte in Ungarn Veesenmayer war, darauf weisen Christian Gerlach und Götz Aly hin, vorher schon ein langjähriger enger Mitarbeiter Wilhelm Kepplers, und zwar in dessen (Kepplers) Eigenschaft als Präsident des Reichsamtes für Bodenforschung. (3)

c) Intentionen / Wertung der Vorschläge:

Die Vorschläge Paul Karl Schmidts, dessen Identität als „Nachkriegschronist“ und Bestsellerautor des „Unternehmens Barbarossa“ unter dem Pseudonym Paul Carell - abgesehen von „Outings“ durch den Journalisten Otto Köhler, u.a. im SPIEGEL Ende der 60er Jahre (4) - spätestens seit der Dissertation Peter Longerichs zur Presseabteilung des Auswärtigen Amtes 1987 nachgewiesen ist (5) , gehen über die reine Rechtfertigung einer angeblich schon feststehenden Deportation und Ermordung der Budapester Juden hinaus. Diese stand zu diesem Zeitpunkt eben noch nicht definitiv, bis ins Detail geplant oder unumkehrbar fest. Götz Aly und Christian Gerlach, die in ihrer jüngsten Studie zur Endlösung in Ungarn das hier untersuchte Dokument nur indirekt über die Antwort des Reichsbevollmächtigten für Ungarn, Veesenmayer, erwähnen, belegen stichhaltig, dass es sich beim Judenmord in Ungarn um einen stufenweise sich radikalisierenden Prozess handelte, der nicht einfach mechanisch abgearbeitet wurde, sondern in eine teils sich gegenseitig begünstigende, teils Widersprüche erzeugende Interaktion verschiedenster entscheidungsrelevanter Akteure eingebunden war, „wie etwa der Stopp der Deportationen durch Horthy Anfang Juli zeigt“, und nicht dadurch charakterisiert ist, „dass schon früh ein Deportationsplan feststand, der nur geheimgehalten wurde“. (6) Daraus folgt, dass eine Interpretation der Vorschläge Paul Karl Schmidts, propagandistische Anlässe für die Deportation der Budapester Juden zu schaffen, als „PR für die ‚Endlösung’“ zu kurz greift.(7) Historisch falsch ist die Bewertung des bereits erwähnten Journalisten Köhler, Schmidts „Notiz für Herrn Staatssekretär“ sei eine Antwort auf eine „streng geheime Anfrage“ Veesenmayers. (8) Sie erfolgte ohne Auftrag als Schmidts eigene Initiative. Tatsächlich hätte die Realisierung der propagandistischen Vorschläge einen konkreten Schritt in Richtung Radikalisierung hin zur Ermordung auch der Budapester Juden bedeutet, die im Juni noch von Deportationsmaßnahmen verschont blieben. Schließlich stimmte die ungarische Administration, deren Rolle bei der Deportation der jüdischen Menschen meist unterschätzt wird, zwar den Deportationen der nicht assimilierten Juden in den annektierten Gebieten zu,
nicht aber der Budapester Juden. (9) Paul Karl Schmidts Vorschläge hätten geholfen, die Ermordung von ca. 200000 Menschen in Budapest zu ermöglichen und zu rechtfertigen.

d) Wirkungen: Ermittlungsverfahren 1965-1971 der Staatsanwaltschaft Verden 1965-1971 wegen Mordes:

Zwar wurde Paul Karl Schmidt in Nürnberg nicht angeklagt, sondern sagte dort im Nachfolgeprozess Fall 11, dem sog. Wilhelmstraßen-Prozess gegen das Auswärtige Amt, als Zeuge der Anklage aus, und traf „generelle Aussage(n) zur Rolle in der NS-Pressepolitik“ (10), doch wurde gegen ihn von 1965 bis 1971 seitens der Staatsanwaltschaft des Landgerichts Verden ein Ermittlungsverfahren „wegen Mordes“ durchgeführt, das in den Akten der „Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen Ludwigsburg“ dokumentiert ist, die damals entsprechend ihrem Aufgabenbereich für das Landgericht Verden Vorermittlungen durchführte. (11) Paul Karl Schmidt, der als Beruf 1965 „Schriftsteller und Journalist“ angab, und seine Funktion als „Leiter der Presse- und Nachrichtenabteilung des AA“ 1939 bis Kriegsende ausdrücklich bestätigte, erklärte zur „Notiz für Herrn Staatssekretär vom 27.5.1941“ (NG 2424): „(Sie) stammt von mir. Sie trägt auch meine Unterschrift. Der handschriftliche Vermerk des Herrn Staatssekretär vom gleichen Tag ist anschließend hinzugefügt worden, nachdem diese Notiz dem Herrn Staatssekretär vorgelegt worden war.“ Er verwies auf die der Staatsanwaltschaft damals nicht vorliegende Ablehnung seiner Propagandavorschläge durch Veesenmayer, deren Vorliegen „ersichtlich“ machen würden, „dass von meiner Seite aus ein Einfluss auf diese Aktion praktisch nicht bestanden hat.“ Abschließend verweist Schmidt auf die ihn bereits im Zusammenhang mit dem Wilhelmstraßenprozess betreffende Voruntersuchung und seine richterliche Vernehmung in Nürnberg, die das Nichtbestehen eines Einflusses seiner Vorschläge auf eine Aktion gegen die Budapester Juden festgestellt hätten. (12) Nach 6 Jahren wurde mit Mitteilung der Staatsanwaltschaft des Landgerichts Veerden vom 2.6.1971 das Ermittlungsverfahren gegen Paul Karl Schmidt eingestellt, da nach der Ablehnung der propagandistischen Vorschläge Schmidts, „auf den Vorschlag des Beschuldigten daraufhin nichts unternommen (wurde). Aus diesem Sachverhalt ergibt sich jedoch kein Anhalt für eine strafbare Teilnahme (Beihilfe)“ (13).

2. Das Nürnberger Dokument NG 2260

a) Inhalt:

Das Dokument enthält zunächst einen Bericht Legationsrats von Thadden vom 6.Juni 1944 über eine Direktorenbesprechung im Auswärtigen Amt mit dem Gesandten Six, dem ehemaligen Chef der SD-Einsatzgruppe B (14). Von Thadden resümiert die Direktorenbesprechung derart, dass propagandistische Initiativen „bis zum Eingang der schriftlichen Stellungnahme Veesenmayers zurückzustellen“ seien. Im Mittelpunkt der Besprechung standen die aktuell geänderten politischen und militärstrategischen Rahmenbedingungen für die Auslandspropaganda, hervorgerufen durch die Invasion der Alliierten in der Normandie am gleichen Tag. „So könnte z. B.“, schreibt von Thadden über die Besprechung, „sofern die jetzigen Landeunternehmen den erwarteten großen Stil annehmen, eine Vorverlegung der Budapester Aktion zweckmäßig sein, da die Budapester Aktion dann in der Weltpropaganda über die Invasion untergehen dürfte.“

Den zweiten Teil des Dokuments bildet die Antwort des Reichsbevollmächtigten für Ungarn, Veesenmayer vom 8.Juni 1944 auf die Vorschläge Paul Karl Schmidts, geeignete Anlässe für „Großaktionen“, z.B. Sprengstofffunde in jüdischen Synagogen, zu schaffen. Veesenmayer lehnt die propagandistische Initiative Schmidts aus zwei Gründen ab. Zum einen erwartete er aufgrund der bisherigen Erfahrungen keine „größere Reaktion“ des Auslands; zudem sei „seit langem bekannt, dass (die) Ghettoisierung auch in Budapest zu Ende geführt wird.“. Zum anderen fürchtete er kontraproduktive Wirkungen der von Schmidt vorgeschlagenen propagandistischen Aktionen, weswegen er sie als untauglich ablehnt: „Eine Verwendung der in Drahterlass Nr.1640 (= Schmidts Notiz für Herrn Staatssekretär) erwähnten Anlässe und Begründungen für eine propagandistische Vorbereitung der Aktion in Budapest würde gegenteilige Wirkung haben, da überall bekannt ist, dass seit Wochen jüdische Vereinshäuser und Synagogen unter scharfer Kontrolle ungarischer Polizei stehen bzw. bzw. zum Teil beschlagnahmt worden sind, dass jüdisches Vermögen beschlagnahmt bzw. gesperrt ist und dass Juden in Bewegungsfreiheit sehr eingeschränkt sind. Muss dringend bitten, von jeder propagandistischen Aktion abzusehen.“ Veesenmayer sieht die Vorschläge Schmidts als Anmaßung und reklamiert entsprechende Handlungsoptionen seien ihm selbst vorbehalten: „Sollten wider Erwarten vor oder während der Aktion in Budapest sich irgendwelche Vorfälle genannter Art ereignen, so werde ich umgehend berichten und geeignete Auswertungsvorschläge machen“.

b) Adressaten:

Das Schriftstück Thaddens vom 6.Juni 1944 beginnt mit „Hiermit Herrn Gruppenleiter Inl.II mit der Bitte um Kenntnisnahme vorgelegt.“ Leiter der Abteilung Inland II des Auswärtigen Amtes war zu diesem Zeitpunkt Legationsrat Horst Wagner. Die Aufgaben der von Wagner geleiteten Abteilung Inland II werden in einer Geschäftsübersicht des Auswärtigen Amtes vom September 1943 wie folgt bezeichnet: „Verbindung zum Reichsführer SS insbesondere persönlicher Stab .... Judenfragen ... u.a., Verbindung zum Chef der Sicherheitspolizei und des SD, zur Ordnungspolizei zur IKPK. u.a. , Verbindung zum Reichskommissar für die Festigung des Deutschen Volkstums u.a., Volksdeutsche Wirtschaftsfragen u.a.“ (15).

Das Telegramm Veesenmayers vom 8.Juni 1944 richtet sich ebenfalls an die Abteilung Inland II des Auswärtigen Amtes, da über eben dieses Amt auch die propagandistischen Vorschläge Paul Karl Schmidts an den Reichsbevollmächtigten in Ungarn gesandt wurden. Die Stellungnahme Veesenmayers wird an ca. zwei Dutzend Personen/Stellen im Auswärtigen Amt weitergeleitet. An erster Stelle wird „St.S.Keppler“ genannt. Damit wird klar, dass Wilhelm Keppler, wie schon erwähnt: Hitlers persönlicher Berater in Wirtschaftsfragen, Hauptverbindungsmann zwischen NSDAP und Wirtschaft, Görings persönlicher Berater für die Durchführung des Vierjahresplans, Begründer des „Freundeskreises Reichsführer, SS-Obergruppenführer und eben auch Staatssekretär zur besonderen Verwendung im Auswärtigen Amt, der Adressat von Paul Karl Schmidts „Notiz für Herrn Staatssekretär“ vom 27.5.1944 war.

c) Intentionen / Wertung:

Der Bericht Thaddens von der Direktorenbesprechung vom 6.6.1944 und mehr noch die Antwort des Reichsbevollmächtigten Veesenmayer für Ungarn vom 8.6.1944 führten zur Ablehnung der Vorschläge Paul Karl Schmidts, geeignete propagandistische Anlässe für die Deportation der Budapester Juden zu schaffen. Aus Sicht von Thaddens, der die Direktorenbesprechung resümiert und sich ausdrücklich auch auf Herrn „St.S“, also Wilhelm Keppler, bezieht, ergibt sich durch die Invasion der Alliierten in der Normandie am gleichen Tage, die Chance die „Budapester Aktion in der Weltpropaganda der Invasion untergehen“ zu lassen. Die Vorschläge Schmidts, geeignete propagandistische Anlässe zu schaffen, wurden also schlicht durch veränderte Umstände obsolet. Diese Absichten stehen im Mittelpunkt des Berichts von Thaddens.
Demgegenüber geht es dem Reichsbevollmächtigten für Ungarn Edmund Veesenmayer in seiner Antwort vom 8.6.1944 darum, freie Hand für eigene Entscheidungen zu behalten. Die Vorschläge Schmidts erscheinen ihm auf einer Überschätzung der erwarteten Auslandsproteste gegen die Deportation der Budapester Juden zu beruhen, berücksichtigten nicht die reale Situation der unter Bewachung stehenden jüdischen Synagogen und andere Einrichtungen sowie den Umstand, dass „seit langem bekannt sei, dass Ghettoisierung auch in Budapest zu Ende geführt wird.“ In der Tat konnte, nach dem schon im „Völkischen Beobachter“ vom 6.6.1944 „die Deportation aller ungarischen Juden innerhalb von drei Monaten angekündigt wurde“, die auf entsprechende Interviews des ungarischen Staatssekretärs Endre in der ungarischen Presse zurückgingen, von einer Geheimhaltung der Deportationsabsichten keine Rede mehr sein (16).

3. Schlussbemerkung

Methodische Probleme, die sich aus der Quellenlage ergeben, z.B. dass im Auswärtigen Amt offensichtlich kaum Akten zur Auslandspropaganda ab 1944 vorliegen (17) oder Schmidts Initiative vom 27.Mai 1944 schwer in einen antisemitischen Kontext einzuordnen ist, erfordern um so mehr die Anstrengungen der Geschichtswissenschaften, will man die Wertung der Dokumente nicht dem Einfallsreichtum des Journalisten Köhler überlassen, Schmidts Notiz für Herrn Staatssekretär sei eine konkrete Antwort auf eine konkrete Anfrage Veesenmayers gewesen (18).

Die knappe analytische Skizze hinsichtlich Inhalt, Adressaten und Intentionen der Nürnberger Dokumente NG 2424 und NG 2260 macht deutlich, dass Paul Karl Schmidts Initiative vom 27.Mai 1944, „äußere Anlässe und Begründungen. z.B. Sprengstofffunde in jüdischen Vereinshäusern und Synagogen zu schaffen“, keineswegs mit dem Hinweis, dass diese Initiative „folgenlos“ blieb, d.h. nicht in Budapest umgesetzt wurde, der geschichtswissenschaftlichen Erörterung entzogen werden sollte. Mit der angeblichen eigenen „Einflusslosigkeit“ und „Folgenlosigkeit“ hat Schmidt-Carell schon im Rahmen des staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahrens gegen ihn wegen Mordes argumentiert (19).

Insbesondere wurde gezeigt:

- Schmidts „Notiz für Herrn Staatssekretär“ vom 27.5.1944 blieb nur deswegen „folgenlos“, weil sich die Rahmenbedingungen für die propagandistischen Vorschläge mit der Invasion der Alliierten am 6.Juni 1944 dramatisch änderten und der Reichsbevollmächtigte für Ungarn, Edmund Veesenmayer, die zu erwartenden Auslandsproteste zu den projektierten Deportationen der Budapester Juden geringer einschätzte als der Chef der Presseabteilung im Auswärtigen Amt, Paul Karl Schmidt.
- Schmidts Notiz stellte keine geschäftsmäßige Antwort auf eine vorliegende Anfrage Veesenmayers dar, sondern eine eigene propagandistische Initiative;
- Der Adressat dieser Initiative, Staatssekretär Wilhelm Keppler, u.a. Hitlers persönlicher Berater in Wirtschaftsfragen, nahm die Initiative ernst, und ordnete, wie aus dem Vermerk ersichtlich ist, sowohl ihre Weiterleitung an Veesenmayer als auch die Einholung dessen Stellungnahme an.
- Neben Keppler waren weitere hochrangige Vertreter des Auswärtigen Amtes in die Erörterung von Schmidts Initiative involviert: Franz Alfred Six, Chef der SS-Einsatzgruppe B 1941 vor Moskau und nun Leiter der kulturpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes und der Leiter der Abteilung Inland II des AA, Legationsrat Horst Wagner; die Aufgaben von Wagners Abteilung werden in dem unter Abschnitt 2.b) schon ausgeführten Geschäftsbericht vom September 1943 in erster Linie als „Verbindung(sstelle) zum Reichsführer SS“ charakterisiert.
- Schließlich und am wichtigsten: Paul Karl Schmidts Vorschläge vom 27.Mai 1944 hätten geholfen, die Ermordung von ca. 200000 Menschen in Budapest, die zu diesem Zeitpunkt eben noch nicht feststand, zu ermöglichen und zu rechtfertigen.

Anmerkungen

(1) Bundesarchiv, Außenstelle Ludwigsburg; Nürnberger Dokumente NG 2424 u. NG 2260 (siehe Anhang); bei Zitaten oder Paraphrasierungen dieser Dokumente wird künftig auf weitere Anmerkungen verzichtet.
(2) Vgl. Wistrich, Robert: Wer war wer im Dritten Reich? Ein biographisches Lexikon. Frankfurt/M. 1987, S.199f.
(3) Vgl. Gerlach, Christian / Aly, Götz: Das letzte Kapitel. Der Mord an den ungarischen Juden. Stuttgart 2002, S.32 Anm.51
(4) Vgl. Köhler, Otto: Unheimliche Publizisten. Die verdrängte Vergangenheit der Medienmacher. München 1995, S.164-203. Dort erwähnt er auf S.203f. auch seine Spiegel-Kolumne vom 13.Februar 1967 zu Schmidt-Carell
(5) Vgl. Longerich, Peter: Propagandisten im Krieg. Die Presseabteilung des Auswärtigen Amtes unter Ribbentrop. München 1987, S.154f.
(6) Vgl. Gerlach, Christian / Aly, Götz: Das letzte Kapitel. Der Mord an den ungarischen Juden. Stuttgart 2002, S.249-343. - Zitat, S.266; Verweis auf das Telegramm von Veesenmayer vom 8.6.1944 an das Auswärtige Amt (=Antwort auf die Vorschläge Paul Karl Schmidts), S,329
(7) Vgl. Weiß, Matthias: Journalisten – Worte als Taten. In: Frei, Norbert: Karrieren im Zwielicht. Hitlers Eliten nach 1945. Frankfurt./M. 2001, S.241-302, hier S.269. Weiß zitiert dort aus dem Nürnberger Dokument NG 2424 mit der Überschrift: „Paul Schmidt macht 1944 PR für die ‚Endlösung’“.
(8) Vgl. Köhler a.a.O., S.185
(9) Vgl. Gerlach / Aly a.a.O., S.269
(10) Vgl. Nürnberger Dokument NG 3590, nach Longerich a.a.O., S.154 Anm.13
(11) Vgl. Bundesarchiv, Zweigstelle Ludwigsburg (=ehemalige Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen Ludwigsburg), Akte VI 412 AR 1082/65, Blatt 1-53 (=Ermittlungsverfahren gegen die ehemaligen Gesandten Dr. Paul Karl Schmidt und Dr. Paul Otto Schmidt, sowie den ehemaligen ständigen Beauftragten des Reichsaußenministers für Propagandafragen Dr. Megerle wegen Mordes)
(12) Ebd., Blatt 25-27 (=Anlage zum Protokoll vom 23.März 1965 in der Ermittlungssache gegen Dr. Schmidt)
(13) Ebd., Blatt 47-53, Zitat, S.53 (= Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft Verden vom 2.6.1971)
(14) Franz Alfred Six, der ehemalige Chef der SS-Einsatzgruppe B im Herbst 1941 vor Moskau, hatte 1943 die Leitung der kulturpolitischen Abteilung im Auswärtigen Amt übernommen und war zeitweilig SS-Oberführer in Ungarn 1944. Vgl. Judenverfolgung in Ungarn. Dokumentensammlung. Vorgelegt von der United Restitution Organisation in Frankfurt/Main 1959, Anhang.
(15) Vgl. Bundesarchiv, Zweigstelle Ludwigsburg, Akte VI 412 AR 1082/65, Blatt 47; gegen Wagner selbst lief in den 60er Jahren ein Ermittlungsverfahren „wegen Beihilfe zum Mord“ der Staatsanwaltschaft Essen, aus dem das bereits skizzierte Verfahren gegen Paul Karl Schmidt, Paul Otto Schmidt und Karl Megerle abgetrennt wurde – 29 Ks 4/67 StA Essen
(16) Vgl. Gerlach / Aly a.a.O., S.268
(17) So endet das Kapitel III: Auslandspropaganda in Longerichs Dissertation mit dem Jahr 1943. Vgl. Longerich a.a.O., S. 97 - 108
(18) Vgl. Köhler a.a.O., S. 185
(19) siehe Anm.12


Anhang: Nürnberger Dokumente NG 2424 und NG 2260 [nach oben]


Staatsarchiv Nürnberg, Dokument NG 2424

Der Leiter der Nachrichten- und Presseabteilung Geheime Reichssache!
Stempel: Auswärtiges Amt, Inl II 308 gRs, eing. 1.Juni 1944

Notiz für Herrn Staatssekretär:

(Durchschlag für Herrn Botschafter von Rintelen)

Aus einer recht guten Übersicht über die laufenden und geplanten Judenaktionen in Ungarn entnehme ich, dass im Juni eine Großaktion auf die Budapester Juden geplant ist.
Die geplante Aktion wird in ihrem Ausmaß im Auslande große Beachtung finden und sicher Anlaß zu einer heftigen Reaktion bilden. Die Gegner werden schreien und von Menschenjagd usw. sprechen und unter Verwendung von Greuelberichten die eigene Stimmung und auch die Stimmung bei den Neutralen aufzuputschen versuchen. Ich möchte deshalb anregen, ob man diesen Dingen nicht vorbeugen sollte dadurch, daß man äußere Anlässe und Begründungen für die Aktion schafft, z.B. Sprengstoffunde in jüdischen Vereinshäusern und Synagogen, Sabotageorganisation, Umsturzpläne, Überfälle auf Polizisten, Devisenschiebungen großen Stils mit dem Ziele der Untergrabung des ungarischen Währungsgefüges. Der Schlußstein unter eine solche Aktion müsste ein besonders krasser Fall sein, an dem man dann die Großrazzia aufhängt.
Berlin, den 27.Mai 1944
gez. Dr. Schmidt
Hat St. S. vorgelegen (Init. unl.) 30/5.
(handschriftl.: )
Über Leiter Presse an Inl. II.
Der Herr St. S. bittet, vorstehende Anregungen des Gesandten Schmidt an Ges. Veesenmayer mitzuteilen und seine Stellungnahme anzufordern.
Gez. (Unterschr. Unl.) 27/5.


Bundesarchiv, Außenstelle Ludwigsburg, NG 2424

Geheime Reichssache Akt. Z. Inl. II 308 gRs
Telegramm (IZ. (geh. Ch. V.)
Berlin, den Mai (durchgestr.) 1.Juni 1944.
Diplogerma Budapest Nr. 1640.
Referent L.R. I. Kl. v. Thadden

Betreff: Judenaktion in Budapest

Bevorstehende schlagartige Großaktion gegen Budapester Juden wird im Ausland heftige Reaktionen erzeugen. Presse-Abtl. beabsichtigt, beim Minister anzuregen, daß man äußere Anlässe und Begründungen für die Aktion schafft, z.B. Sprengstoffunde in jüdischen Vereinshäusern und Synagogen, Sabotageorganisationen, Umsturzpläne, Überfälle auf Polizisten, Devisenschiebungen großen Stils mit dem Ziele der Untergrabung des ungarischen Wirtschaftsgefüges. Der Schlußstein unter eine solche Aktion müsste ein besonders krasser Fall sein, an dem man die Großrazzia aufhängt. (Handschr.: ) Evtl. 1).
Erbitte Drahtstellungsnahme.
Thadden
gez. (Unterschrift) 1/6.

1) - könnte, um Exekutivarbeit zu erleichtern, propagandistische Vorbreitung möglichst auf Auslandsmeldungen beschränkt werden.

Nach Abg.
P (Herrn Ges. Schmidt vorzulegen.
z. Kts. (Init. unl.) 5/6.



Staatsarchiv Nürnberg, Dokument NG 2260

(Stempel: )
Geheime Reichssache
Ref.: LR I. Kl. v. Thadden zu Inl. II 319 g. Rs.
(handschr.: )
Th R

Hiermit
Herrn Gruppenleiter Inl.II
mit der Bitte um Kenntnisnahme vorgelegt.

Da Herr Gesandter Six die Angelegenheit in der heutigen Direktorenbesprechung anschnitt, habe ich das Telegramm von Gesandten Veesenmayer verlesen und gebeten, eine Vorlage der drei Propaganda-Abteilungen bei dem Herrn RAM bis zum Eingang der schriftlichen Stellungnahme Veesenmayers zurückzustellen. Gleichzeitig habe ich angeregt, was auch Herr St.S. und Herr U.St.S. Hencke anscheined als richtig empfunden haben, , gegebenenfalls mit Ges. Veesenmayer in dem Sinne zu sprechen, daß der Termin der Budapester Großaktion,. falls eine propagandistische Vorbereitung unterbleibt, im Einvernehmen mit uns festgesetzt wird. So könnte z. Bsp., sofern die jetzigen Landesunternehmen den erwarteten großen Stil annehmen, eine Vorverlegung der Budapester Aktion zweckmäßig sein, da die Budapester Aktion dann in der Weltpropaganda über die Invasion untergehen dürfte. Wird die Invasion zurückgeschlagen und erfolgt unmittelbar darauf die Budapester Aktion, würden wir den Feindmächten ein propagandistisches Hilfsmittel in die Hand geben, um die Weltöffentlichkeit von ihrem militärischen Fehlschlag bis zu einem gewissen Grade abzulenken. Es darf um Weisung gebeten werden, ob im Sinne dieser Anregung ein Erlaß nach Budapest veranlasst werden soll.

Berlin, den 6.Juni 1944
gez. v. Thadden
(handschr.: )

bin gegen Vorschlag, ebenso
G.Veesenmayer (Handz.)

1) Abs. P zur Ktn.
2) Schriftbereicht aus Budapest bleibt abzuwarten
3) WV in 1 Woche
v. Th. 8/6.


Bundesarchiv, Zweigstelle Ludwigsburg, Nürnberger Dokument NG 2260

(Stempel: )
Auswärtiges Amt
Inl.II 330 g Rs
Eing. 9.Juni 1944

Telegramm
(geh.Ch.V.)


Budapest, den 8.Juni 1944 15.30 Uhr
Ankunft: den 8.Juni 1944 17.00 Uhr

(Stempel: ) Geheime Reichssache
Nur als Verschlußsache zu behandeln.

Nr. 1622 vom 8.6. Geheime Reichssache!

Auf Drahterlaß Nr.1640* vom 2.Juni und im Anschluss an Drahtbericht Nr.150** vom 4.Juni

Die bisher in Ungarn durchgeführten Evakuierungsmaßnahmen haben, soweit hier bekannt, im Ausland keine größere Reaktion erzeugt. Diese dürfte auch bei Aktion gegen Budapester Juden nicht eintreten, da seit langem bekannt, daß Ghettoisierung auch in Budapest zu Ende geführt wird.
Eine Verwendung der in Drahterlass Nr.1640 erwähnten Anlässe und Begründungen für eine propagandistische Vorbereitung der Aktion in Budapest würde gegenteilige Wirkung haben, da überall bekannt ist, daß seit Wochen jüdische Vereinshäuser und Synagogen unter scharfer Kontrolle ungarischer Polizei stehen bzw. bezw. zum Teil beschlagnahmt worden sind, daß jüdisches Vermögen beschlagnahmt bezw. gesperrt ist und daß Juden in Bewegungsfreiheit sehr eingeschränkt sind. Muß dringend bitten, von jeder propagandistischen Aktion abzusehen.
Sollten wider Erwarten vor oder während der Aktion in Budapest sich irgendwelche Vorfälle genannter Art ereignen, so werde ich umgehend berichten und geeignete Auswertungsvorschläge machen.

Veesenmayer
*Inl. II 308 g Rs
** bei Inl. II 319 g Rs M
Dg.Pol - (Stempel : )
Gr.Leiter Inl.I
(Stempel: ) Hat Herrn Gesandten
Dr. Schmidt vorgelegen
St.S. Keppler Gr.Leiter Inl.II gez. (unl.)
U.St.S. Pol – Arb,Exempl.bei (Handschr.: )
Botsch.Ritter – Botsch. v. Rintelen - 1) Abs.P-...Schmidt z. Ktn.
Botsch.Gauss Ges.Benzler 2) Frist bei Inl. II 319 gRs
Leiter Abt. Pers. Ges.Frohwein - löschen
Leiter Abt. Ha Pol Ges. v. Grundherr 3) z.d.A. v. Th. 9/6.
Leiter Abt. Recht LR Melchers (Stempel : )
Leiter Abt. Kult Pol - Dr. Megerle Arbeitsexemplar! Bei
Leiter Abt. Presse - LR v. Grothe Inl. II eintragen
Leiter Abt. Rundfunk Dies ist Exemplar Nr. 1.
Chef Prot

Wigbert Benz

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