Forum "Barbarossa": Beitrag 3 - 2002

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Englands "Festlandsdegen" Russland zerschlagen? Zur These vom Charakter des "Unternehmens Barbarossa" als Kompensationskrieg im Osten

von Wigbert Benz

"Aus Sicht Hitlers und der deutschen Führung stellten die Vernichtung der Sowjetunion und des Weltkommunismus zwar langjährige, grundlegende politische Ziele dar. Auf lange Sicht hielt man daher einen Krieg im Osten für unvermeidlich. Doch nicht deswegen fiel 1940 der Entschluss zum Angriff. Stattdessen geriet das Deutsche Reich militärisch in eine Sackgasse, als England nicht zum politischen Einlenken zu bewegen war und der Angriff auf die britischen Inseln scheiterte. In einem langfristigen Abnutzungskrieg mit Großbritannien, dem voraussichtlichen Kriegsgegner USA und mit dem unsicheren, ideologisch feindlichen Verbündeten Sowjetunion im Rücken konnte Deutschland aus Sicht der NS-Führung nicht bestehen. Geostrategisch und wirtschaftlich blieb nur ein Angriff auf die UdSSR; er sollte dem Reich eine unangreifbare Bastion im Osten und die Verfügungsgewalt über die für einen langen Krieg bitter benötigten sowjetischen Rohstoffe und Nahrungsmittel verschaffen, Großbritannien dadurch möglichst zu einem Verlustfrieden zwingen und die deutsche Hegemonie in Europa sicherstellen. Für diese Hegemonie wäre es ohnehin erforderlich gewesen, beide Gegner zu überwältigen." (Christian Gerlach in seinem Beitrag "Operationsplanung der Wehrmacht" im Forum "Operationsgeschichte"; Link zur WWW-Edition von Gerlachs Beitrag siehe unten)

"Christian Gerlach schreibt in seinem Beitrag treffend: ‚Geostrategisch und wirtschaftlich blieb nur ein Angriff auf die UdSSR.'" (Klaus Jochen Arnold in seinem Beitrag "Mythos der operativen Führungskunst" im Forum "Operationsgeschichte")

"Jüngerer Historiographie zufolge scheinen dazu jedoch die Stimmen der "Pragmatisten" wieder gegenüber den "Intentionalisten" an Gewicht zu gewinnen (vgl. dazu auch Dr. Gerlachs Beitrag im Faden "Operationsgeschichte Barbarossa" hier im Forum, wo er feststellt, daß die Entscheidung zu Barbarossa erst 1940 unter Berücksichtigung der Unbezwingbarkeit Großbritanniens fiel (Luftschlacht verloren, Seelöwe ad infinitum vertagt) – unabhängig davon, daß sie bestens zur älteren ideologischen Ausrichtung ("Lebensraum im Osten" etc., vgl. Hoßbach-Protokoll 1937) passte." (Donat Müller in seinem Beitrag "Fragen zur inneren Logik von Stalins Kalkül" im Forum "Ostpolen")

"Hitler erließ am 18. Dezember 1940 die maßgebliche strategische Weisung für den Krieg im Osten. Die Sowjetunion sollte `in einem schnellen Feldzug niedergeworfen, die Rote Armee in kühnen Operationen unter weitem Vortreiben von Panzerkeilen´ vom Heer mit Unterstützung der Land- und Seestreitkräfte geschlagen werden" (Katalog S. 38). Mit diesen Sätzen leitet die Ausstellung das Kapitel "Kein Krieg im herkömmlichen Sinne" ein, ohne die Vorgeschichte der strategischen Überlegungen, aber auch der 1940 aktuellen politischen Überlegungen zu berücksichtigen, die bereits mit Halders Kriegstagebuch-Eintragung vom 31. Juli 1940 und damit Hitlers Überlegungen zu "Englands Festlanddegen Sowjetunion" beginnen. Neben der ideologischen Komponente, die aufgrund der dort beschriebenen Kriegsplanung den Russlandfeldzug zweifelsohne zu einem nicht "normalen Krieg" werden ließ, werden damit jedoch strategische Ziele vernachlässigt." (Michael Schröders in seinem Beitrag "Neue Ausstellung: Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges" im gleichnamigen Forum )

Auf den ersten Blick artikulieren hier vier verschiedene Autoren (Christian Gerlach, Klaus Jochen Arnold, Donat Müller und Michael Schröders) bei drei völlig verschiedenen Forumsthemen (Operationsgeschichte, Ostpolen, neue Wehrmachtsausstellung) der vom Nachrichtendienst für Historiker und dem Historischen Centrum Hagen kooperativ betriebenen Forengruppe "Unternehmen Barbarossa" tatsächlich oder vermeintlich die jeweils gleiche These, die sich wie folgt resümieren lässt:

Der konkrete Entschluss zum deutschen Überfall auf die Sowjetunion erfolgte aus der angeblichen militärischen Zwangslage der Sommers 1940 heraus: Dem unbesiegten England müsse sein russischer "Festlandsdegen" aus der Hand geschlagen werden. Also ein Krieg im Osten zwecks militärstrategischer Kompensation des nur halb erfolgreichen Westfeldzugs, da Großbritannien nicht in die Knie gezwungen werden konnte? - Rolf-Dieter Müller definiert die entscheidende Kontroverse in dem jüngsten Forschungsbericht "Hitlers Krieg im Osten" wie folgt: "Im Kern geht es dabei um die Frage nach den eigentlichen Motiven Hitlers für diesen wohl wichtigsten Entschluss seines Lebens. War es die politisch-ideologische Motivation, die den Diktator nach der Niederwerfung Franreichs veranlasste, sein eigentliches Kriegsziel anzugehen, die Eroberung von Lebensraum ist Osten (...) Oder spielten nicht vielmehr militärstrategische Überlegungen eine entscheidende Rolle, da England nach dem Rückzug vom Festland keine Bereitschaft zum Friedensschluss zeigte und sich der Kriegseintritt der USA drohend am Horizont abzeichnete?" (1).

Diese These vom Kompensationskrieg im Osten, zu dem sich Hitler angeblich in erster Linie deswegen entschloss, weil sein Westfeldzug nur halb erfolgreich war, so dass er mit der Wendung gegen Russland den gordischen Knoten seiner militärstrategischen Zwangslage mit Gewalt durchtrennen wollte, ist allerdings alles andere als neu. Sie erscheint als argumentatives Stereotyp u.a. schon 1957 in dem bis heute in zahlreichen Auflagen erschienenen, an den Schulen dominierenden Quellenband "Der Nationalsozialismus. Dokumente 1933 – 1945". Dessen Herausgeber Walter Hofer kommentiert die Essenz seines Quellenarrangements zu Hitlers Entschlussbildung so: "Er (=Hitler) wollte die Sowjetunion schlagen, um England zum Frieden (! W.B.) zu zwingen. Er war der Ansicht, Englands einzige Hoffnungen seien Russland und Amerika. Mit einer Niederlage Russlands würde England sein letzter Festlandsdegen aus der Hand geschlagen. Es war das Dilemma Napoleons: England auf dem Umweg über Russland zu schlagen" (2).

Nun gibt es in der Tat ein gewichtiges geschichtliches Faktum, das den Vertretern der These vom Kompensationskrieg im Osten Recht zu geben scheint. Am 31. Juli äußerte Hitler auf einer "Führerbesprechung" mit den Spitzenmilitärs von Brauchitsch, Halder, Keitel, Jodl und Raeder laut Tagebucheintrag Generalstabchefs Halder folgenden Entschluss: "Englands Hoffnung ist Russland und Amerika. Wenn Hoffnung auf Russland wegfällt, fällt auch Amerika weg (...)Ist aber Russland zerschlagen, dann ist Englands letzte Hoffnung getilgt. Der Herr Europas und des Balkans ist dann Deutschland. Entschluss: Im Zuge dieser Auseinandersetzung muss Russland erledigt werden. Frühjahr 1941. Je schneller wir Russland zerschlagen, um so besser. Operation hat nur Sinn, wenn wir Staat in einem Zug zerschlagen."

Die Würdigung der oben genannten Quelle als stichhaltigen Beleg für die These vom Kompensationskrieg im Osten hat zumindest folgende quellenkritische Fragestellung zu berücksichtigen:

WER HAT DIE ZITIERTE ÄUSSERUNG IN WELCHER SITUATION MIT WELCHER ABSICHT AN WEN GERICHTET?

Es ist davon auszugehen, dass Hitler seinen "Entschluss...Russland (muss) erledigt werden", wohl kaum während der Besprechung mit seinen Spitzenmilitärs, sondern bereits vorher gefasst hat und mit einer möglichst plausiblen Begründung den höchsten Wehrmachtsgenerälen nahe bringen wollte. Auch ein Diktator musste daran interessiert sein, die wichtigsten Generäle des Regimes, u.a. den Oberbefehlshaber des Heeres von Brauchitsch und den Chef des Generalstabes Halder, aus Gründen der Effizienz in sein Vorhaben bestmöglich zu integrieren. Dies war bei der zitierten Besprechung, die nach Jürgen Förster den Charakter einer "Besprechung über die Gesamtkriegslage" hatte (3), um so dringlicher, weil Hitler keinesfalls davon ausgehen konnte, dass die Generäle seinem Vorhaben, einer Wendung des Krieges gen Osten, von sich aus zustimmen würden. Die Quellen belegen eher das Gegenteil: Einen Tag (!) vor der "Führerbesprechung" hatten sich von Brauchitsch und Halder noch auf eine ganz andere Lösung verständigt, laut Tagebucheintrag Halders vom 30.Juli 1940:

"Die Frage, ob man, wenn gegen England eine Entscheidung nicht erzwungen werden kann und die Gefahr besteht, dass England sich mit Russland liiert, den dann entstehenden Zweifrontenkrieg zunächst gegen Russland führen soll, ist dahin zu beantworten, dass man besser mit Russland Freundschaft hält. Wir können dann einen jahrelangen Krieg mit England getrost in Kauf nehmen."

Militärhistoriker wie Gerd R. Ueberschär und Jürgen Förster betonen deswegen, dass Hitler gemäß seiner politisch-ideologischen Programmatik gehandelt – d.h. mit der Zielvorstellung der Gewinnung von "Lebensraum" im Osten als Ursache für seinen Entschluss zum Angriff -, aber der Generalität gegenüber militärstrategische Überlegungen ins Feld geführt hat (4). Der Krieg gegen die Sowjetunion wurde nicht wegen, sondern trotz des nicht bezwungenen Englands geplant. Ist es wirklich so schwer zu antizipieren, dass ein totaler Sieg im Westen, also die erfolgreiche Niederwerfung Großbritanniens, ein Grund mehr - und nicht ein Grund weniger - für NS-Deutschland gewesen wäre, die Sowjetunion ins Visier zu nehmen: Hitler hätte seinen schon in den 20er Jahre prophezeiten großen Krieg gegen die Sowjetunion unter erleichterten und nicht erschwerten militärstrategischen Bedingungen realisieren können.

"Für diese Hegemonie (in Europa) wäre es ohnehin erforderlich gewesen, beide Gegner zu überwältigen.", zitiere ich Christian Gerlach eingangs meines Beitrages. Mir scheint, einige Forumsteilnehmer haben diesen Satz Gerlachs schlicht überlesen. Und wie Hitler insgeheim seine eigene adressatenbezogene Äußerung gegenüber den Generälen, Russland sei der kontinentale Degen Englands, tatsächlich beurteilte, zeigt ein Tagebucheintrag Goebbels vom 1. November 1940 - also sogar noch ein Vierteljahr nach Eintreten der angeblich alle Handlungsoptionen dominierenden militärstrategischen Lage – nach einem Gespräch mit Hitler über die weiteren Kriegchancen der Engländer: "Sie müssen endgültig aus Europa heraus. Sie finden hier auch keinen Festlandsdegen mehr. Russland? Dazu ist Stalin viel zu schlau. Und unsere Wehrmacht zu stark. Stalin will doch etwas verdienen bei der Sache und keine vagen Risiken eingehen."

Die tiefste Ursache des beispiellosen nationalsozialistischen Eroberungs-, Versklavungs- und Vernichtungskrieges im Osten besteht meines Erachtens in der systematischen Einteilung der Völker in wertvolle und minderwertige und der daraus abgeleiteten NS-Vernichtungspolitik. Die "wertvollen" Völker, an ihrer Spitze die Deutschen als Führungsmacht, hatten das Recht auf Kosten der "minderwertigen" besser zu leben, ja sogar "Lebensraum" im Osten zu erobern. Angesichts ihres, so würde man heute sagen, überlegenen Genpools erschien es ganz selbstverständlich, dass die höherwertigen Völker größere Rechte als andere hatten, sich auf der Erde und insbesondere den fruchtbaren Gebieten der von "minderwertigen" Slawen bevölkerten Sowjetunion auszubreiten. Das Fehlen dieses kausalen Aspektes für den Vernichtungskrieg in der neuen Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges" würde ich an Stelle der von Michael Schröders (siehe oben) beklagten, angeblichen Versäumnisse der Darstellung militärstrategischer Umstände kritisieren. Machtpolitisches Ziel war die hegemoniale Stellung – mindestens in Europa. Dazu war es erforderlich, ich zitiere noch einmal aus Christian Gerlachs o.g. wichtigem Forumsbeitrag, "beide Gegner (England und die UdSSR) zu überwältigen". In welcher Reihenfolge und unter welchen Rahmenbedingungen diese Überwältigung erfolgen konnte – dafür spielte die konkrete militärstrategische Situation sicher eine Rolle, ursächlich für die Entschlussbildung zum Überfall am 22.Juni 1941 war sie nicht. Man sollte Christian Gerlachs Beitrag zur Operationsplanung der Wehrmacht also in dem vom Autor dargestellten Kontext lesen (5). Dann kann ein aus dem Zusammenhang gegriffener Satz auch nicht als Beleg für die quellenkritisch nicht haltbare These vom Kompensationskrieg im Osten, der primär aufgrund einer militärstrategischen Zwangslage geführt worden sei, missverstanden werden.

Anmerkungen und Literatur:

(1) Rolf-Dieter Müller / Gerd R. Ueberschär: Hitlers Krieg im Osten 1941 – 1945. Ein Forschungsbericht. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2000, S. 1 -55; Zitat S.30; spezielle, auch jüngere Literatur zur Kontroverse und auch zum Folgenden, S.52ff.

(2) Der Nationalsozialismus. Dokumente 1933 – 1945. Hrsg. u. kommentiert v. Walter Hofer. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag, 869. – 950.Tausend, Dezember 1982, S.214

(3) Jürgen Förster: Hitlers Entscheidung für den Krieg gegen die Sowjetunion. In: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Bd.4. Der Angriff auf die Sowjetunion. Hrsg. v. Militärgeschichtlichen Forschungsamt. Stuttgart: DVA 1983, S.3-37, Zitat S.11

(4) Vgl. z.B. Gerd R. Ueberschär: Hitlers Entschluss zum "Lebensraum"-Krieg im Osten. Programmatisches Ziel oder militärstrategisches Kalkül? In: Ders. / Wolfram Wette (Hg.): Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. "Unternehmen Barbarossa" 1941. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1991, S.13-44

(5) Christian Gerlach: Operationsplanung der Wehrmacht. WWW-Edition beim Historischen Centrum Hagen: http://www.historisches-centrum.de/forum/gerlach01-1.html-

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