Autor: Prof.Dr. Gerhard E. Sollbach<sollbach@dx1.hrz.uni-dortmund.de>
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Version vom:30.5.2002

Einblicke - Zeitschrift für Regionalgeschichte | 2. Jahrgang | 2002 | Ausgabe 3 (Juni) | ISSN 1618-9752

Gerhard E. Sollbach
Brandbrief eines Lehrers, Mai 1812

[Stadtarchiv Hagen, Bestand Amt Enneperstrasse, Akte 328]
Transkription der Quelle

Hochlöbliches Directorium

Hochdemselben bin ich genöthiget gehorsamst und dringend vorzustellen: daß nach bißher schon mehrmal ergangenen Erinnerungen an diejenige Eingesessenen, welche das Schulgeld zu bezahlen verpflichtet sind, denoch nicht so viel von denselben bezahlt worden ist, daß ich mein auf letzt vergangenen Maj Tag schuldiges Kostgeld bezahlen kann, ohnerachtet mein ganz rückständiges Schulgehalt biß auf gegenwärtige Zeit, sich wiederum gegen 140 Rth. belauft.
Gehorsamst wird nun Ein Hochlob. Directorium ersucht, daß Hochdasselbe schleunigst solche gesetzmäßig Mitteln veranstaltet, wodurch mir wenigstens 60 bis 70 Reichthlr eingehändigt werden.

In Hinsicht eines baldigen Erfolgs meines gerechten Verlangens, verharrt in der schuldigsten Hochachtung,
Eines Hochlöblichen Directorii
gehorsamster Diener

Tücking, den 11ten Maj Johann Conrad Mohr, Schullr.
1812

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Es war dies nicht das erste und auch nicht das letzte dringende Hilfeersuchen, das der Lehrer der (einklassigen) lutherischen Volksschule auf dem Tücking in der Bauerschaft Haspe im damaligen lutherischen Kirchspiel Hagen an die vorgesetzte Behörde richtete. Seinerzeit verging kaum ein Monat, dass nicht Lehrer Mohr aus akuter Existenznot sich an den zuständigen Maire der während der französischen großherzoglich-bergischen Zeit hier eingerichteten Mairie Enneperstraße mit dem flehentlichen Ersuchen wandte, ihm zu seinem dringend benötigten Lehrergehalt zu verhelfen. Zwar hatten sich die Eingesessenen des Bezirks Tücking bei der Einrichtung der Schule 1797 verpflichtet, dem anzustellenden Lehrer ein "zuverlässiges jährliches Gehalt" zu verschaffen. Zu diesem Zweck sollte für jedes im Schulbezirk wohnende Kind im Alter von 5 bis 14 Jahren ein wöchentliches Schulgeld von 2 Stübern gemeines Geld angesetzt werden. Die sich daraus ergebende Gesamtsumme war von den zu wählenden Schulvorstehern auf sämtliche Haushaltungen, unabhängig davon, ob sie schulpflichtige Kinder hatten oder nicht und auch ohne Rücksicht auf ihre jeweilige Konfession, gestaffelt nach Vermögensklassen, umzulegen, vierteljährlich einzusammeln und dem Lehrer auszuzahlen. Diese Regelung der Schul- und Gehaltsfinanzierung entsprach auch dem drei Jahre zuvor in Kraft getretenen Allgemeinen Landrecht für die Preußischen Staaten.

Dessen Schulartikel legte nämlich fest, dass dort, wo keine Stiftungsmittel für den Unterhalt der "gemeinen Schulen" vorhanden waren, die Aufbringung der Gelder "allen Hausvätern" des Orts obliege und durch Umlage in Form einer klassifizierten Schulsteuer erfolgen solle. Dieses Verfahren der Schulfinanzierung hatte Vorteile gegenüber der herkömmlichen Form der Schulgeldentrichtung von jedem einzelnen Schulkind. Bei der individuellen Schulgeldzahlung war nämlich der zu leistende Betrag für den ärmsten wie für den wohlhabendsten Eingesessenen bzw. dessen Kinder gleich, und wurden die ersteren dadurch vergleichsweise stärker belastet. Dagegen bewirkte die klassifizierte Schulsteuer eine den wirtschaftlichen Vermögensverhältnissen angepasstere und gerechtere Belastung der Eingesessenen. Man erwartete daher, und das war auch der Zweck der Schulsteuer, dass die Schulbeiträge dadurch besser aufkämen und der Lehrer nunmehr ein auskömmliches und sicheres Einkommen erhalten würde. Doch die Praxis sah anders aus, wie auch Lehrer Mohr erfuhr.

Obwohl die Behörde bei seiner Anstellung Ende Oktober 1809 erneut und ausdrücklich die Aufbringung seines selbst in voller Höhe kaum zum Überleben ausreichenden Gehalts von 120 Reichstalern jährlich (abzüglich 10 Reichstaler Erhebungsgebühren, aber einschließlich des Betrags für das Heizen des Schulzimmers und für das Schulinventar) in Form einer klassifizierten Schulsteuer angeordnet hatte, erhielt Lehrer Mohr sein Gehalt nur saumselig oder auch gar nicht. Der Grund war, wie von dem Büro des Maire in Enneperstraße dem Unterpräfekten in Hagen am 10. Januar 1810 mitgeteilt wurde, dass im Schulbezirk Tücking "so viel Widerspruch" gegen die angeordnete Schulsteuer herrschte, und die Meisten nicht an einen festen Betrag gebunden seien und nur entsprechend der Anzahl ihrer Kinder und "freywillig" zahlen wollten. Wiederholt musste von der übergeordneten Behörde gegen die hartnäckigen Zahlungsverweigerer, die alle Mahnungen und Drohungen ignorierten, schließlich mit Zwangsbeitreibungen vorgegangen werden. Es ist verständlich, dass der Lehrer sich dadurch bei den Eingesessen höchst unbeliebt machte und daher ständiger Anfeindungen ausgesetzt war.

Der Widerstand gegen die Zahlung von Schulbeiträgen hatte eine Reihe von Gründen. So herrschte in der damaligen Epoche einer ständisch-traditionellen Gesellschaft mit noch überwiegend geringen technischen und intellektuellen Anforderungen an die Berufstätigkeit gerade in der Masse der unteren sozialen Schichten wenig Verständnis für den Sinn und Nutzen eines öffentlichen Schulwesens und folglich auch wenig Bereitschaft, dafür etwas zu zahlen. Hinzu kam, dass die Entrichtung auch eines geringen Schulbeitrags für diese Bevölkerungskreise, die schon genug Mühe hatten, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, eine schwere zusätzliche Belastung darstellten, der sie sich nach Möglichkeit auch zu entziehen suchten. Wie die Liste der schulsteuerpflichtigen Eingesessenen des Schulbezirks Tücking von 1809 ausweist, bestand die übergroße Mehrheit aus Tagelöhnern und kleinen Handwerkern sowie Fuhrleuten, die in den meisten Fällen auch über keinerlei Haus- oder Grundeigentum verfügten. Doch auch vom Staat war zunächst hier keine wirksame Hilfe zu erwarten. Das lag einmal daran, dass auch nach dem Ende der Napoleonischen Kriege die allgemeine Wirtschafts- und folglich auch die staatliche Finanzlage in Preußen noch lange schlecht blieb. Zum anderen hatte dies seinen Grund darin, dass Bildung traditionell als ein Konsumgut galt, für das in erster Linie auch der Konsument selbst aufzukommen hatte.

Ein 1838 unternommener Versuch, für die Provinz Westfalen eine allgemeine Schulsteuer einzuführen, scheiterte am Einspruch der westfälischen Landstände. Eine entscheidende Änderung und Verbesserung bewirkte auf diesem Gebiet in Preußen vielerorts erst das Volksschulunterhaltungsgesetz von 1906, das eine Übernahme der gesamten Volksschullasten auf den Haushalt der jeweiligen politischen Gemeinde vorschrieb. Durch die Schulartikel der Weimarer Reichsverfassung von 1919 wurde schließlich die Unentgeltlichkeit des Pflichtschulbesuchs im ganzen Deutschen Reich eingeführt.

Literatur:
P. Albrecht/E. Hinrichs (Hg): Das niedere Schulwesen im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert. Tübingen 1995
W. Neugebauer: Absolutistischer Staat und Schulwirklichkeit in Brandenburg-Preußen. Berlin-New York 1985
W. Scheibe (Hg.): Zur Geschichte der Volksschule. II. Bd. Heilbronn 1965
P. Schulte: Die Geschichte der Tückinger Volksschule - Festschrift zur Feier des 125jährigen Bestehens unserer Schule. Haspe 1925
G. E. Sollbach: Schule am Vorabend der Industriellen Revolution. Bochum 1997


Autor: Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach <sollbach@dx1.hrz.uni-dortmund.de>
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