VL Museen

Ausstellungsbesprechung

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Otto der Grosse, Magdeburg und Europa 

27. Europaratsausstellung und Landesausstellung Sachsen-Anhalt Magdeburg,
Kulturhistorisches Museum 

27. August - 2. Dezember 2001 

WWW: http://www.ottodergrosse.de 

Rezensiert von 
Prof. Dr. Alfons Zettler
Historisches Institut der Universitaet Dortmund 
E-Mail: <alfons.zettler@udo.edu>


Prachtvolle Goldschmiedearbeiten, kunstvolle Elfenbeinschnitzereien, Urkunden aus tausendjährigem Pergament, aber auch Gegenstände des Alltagslebens der Menschen vor mehr als 1000 Jahren sind vom 27. August bis zum 2. Dezember 2001 im Kulturhistorischen Museum Magdeburg zu sehen. Am Beginn des dritten Jahrtausends führt die Zeitreise der Europarats- und Landesausstellung " Otto der Große, Magdeburg und Europa" in die Welt des 10. Jahrhunderts. „Die Faszination Mittelalter erwartet den Besucher; ein Blick in eine Zeit, die uns heute fremd erscheint, in der aber die Wurzeln unseres heutigen Europas liegen. Otto I. (936-973), dem bereits zu Lebzeiten der Beiname "der Große" verliehen wurde und der sich 962 zum Kaiser krönen ließ, steht im Mittelpunkt der Ausstellung - eine Persönlichkeit, die wie kaum eine andere die Entstehung und Entwicklung des heutigen Europa beeinflusst hat“. So jedenfalls sehen die Veranstalter selbst ihr Werk, das hier besprochen werden soll.

Die Ausstellung besteht aus vier hauptsächlichen Elementen, einmal dem Kernstück, gegliedert in sechs Abteilungen, im Obergeschoss des Kulturhistorischen Museums der Stadt Magdeburg, ferner einem (unten noch näher zu erwähnenden) „museumspädagogischen Appendix“, dann dem Kaiser-Otto-Saal, wo die bekannte Skulpturengruppe des Magdeburger Reiters in würdigem Ambiente präsentiert wird, und schließlich einer Multivisions-Einheit im Erdgeschoss, die laut Ankündigung zu einem „virtuellen Spaziergang durch ein monumentales Gebäude der Magdeburger Pfalz Ottos des Großen“ einlädt. In und um Magdeburg gibt es während der Ausstellung ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm. So kann man beispielsweise auf den Spuren Ottos des Großen durch Sachsen-Anhalt reisen.

Präsentiert in sechs Abteilungen, setzt die Ausstellung ein mit „Geschichte und Überlieferung“, einer Einheit, die vor Augen führt, woher wir unser Wissen über Otto und seine Herrschaft beziehen. Der Besucher erhält einen lebendigen Eindruck von der Spärlichkeit der historiographisch-biographischen Überlieferung, die das ottonische Zeitalter charakterisiert. Dazu gehört auch, dass es zwar Bildnisse Ottos gibt, beispielsweise auf den Siegeln der Urkunden, doch vermitteln diese keine Vorstellung von der wirklichen Gestalt und Erscheinung des Herrschers. Sodann wird der Besucher in die „ottonische Königslandschaft in Sachsen“ geführt. Diese Abteilung erscheint etwas überfrachtet, wohl auch deshalb, weil neben Kirchenmodellen, neben der Archäologie und der geschriebenen Geschichte bedeutender historischer Stätten im ottonischen Sachsen auch noch ansatzweise eine Darstellung des Alltagslebens hineingepackt worden ist. In den zentralen Abschnitten „Otto der Große und seine Familie“ sowie „Herrschaft und Reich“ (auch noch die letzte Abteilung „Das ottonische Kaisertum in Europa“ rechnet im Grunde hierzu) läuft die Schau gleichsam zu ihrer Hochform auf. Hier ist ein guter Teil der erhaltenen, heute in aller Welt verstreuten Kunst- und Bildwerke aus dem 10. Jahrhundert zusammengeführt. Zu Recht äußerte der Direktor des Kulturhistorischen Museums und Chef-Koordinator der Austellung die Befürchtung, dass das Kulturerbe des 10. Jahrhunderts in Magdeburg unter unglücklichen Umständen weitgehend ausgelöscht werden könnte.

Nur einige hervorragende Stücke und Komplexe seien hier stellvertretend besonders erwähnt. Da ist einmal die tischgroße „Heiratsurkunde“ der Theophanu, ausgestellt anläßlich der Hochzeit Ottos II. mit der Byzantinerin im Jahre 972, ein Stück, das überhaupt keine direkte Parallele hat (III. 16). Der Text ist in Goldschrift gehalten, das Pergament gestaltet nach Art der kostbaren orientalischen Seidenstoffe mit Tierkampfszenen in Medaillons. Grundfarbe des Beschreibstoffes ist Purpur - eine Farbe, die in Byzanz dem Kaiserhause vorbehalten war. Die Prachturkunde ist dermaßen singulär, dass weder Künstler noch Werkstatt bisher ausgemacht werden konnten. Ähnlich verhält es sich mit den Magdeburger Elfenbeintafeln (V. 35). Otto der Große ließ sie ca. 968 für seine Gründung Magdeburg anfertigen. Sechzehn Stücke sind erhalten geblieben, doch ist völlig unklar, was sie einst schmückten: einen Altar oder Ambo, den Magdeburger Bischofsthron oder anderes.

Die beiden abschließenden Kapitel sind Magdeburg und den europäischen Dimensionen von Ottos Kaisertum gewidmet. Leider bleibt „Magdeburg“ selbst, das als „königliche Stadt“ präsentiert wird, etwas blass, obwohl hier, oder vielleicht gerade: weil hier die berühmten Elfenbeintafeln am Ort ihres Ursprungs zusammengeführt wurden und ohne Zweifel das Gravitationszentrum der Abteilung bilden.

Daran schließt sich ein über der Tür als „Museumspädagogik“ ausgewiesener Trakt an, in dem in lockerer Folge Aspekte des Alltagslebens im Mittelalter, der Zeitrechnung und Zeiteinteilung u.ä. präsentiert werden. Sie führen hin zu einem Audio-Bereich, wo sich der Besucher über Kopfhörer mit den Inhalten der verschiedenen Abteilungen vertraut machen kann. Die Vermittlung geschieht durch gesprochenen Text und eingeschaltete Interviews mit Fachwissenschaftlern, die an der Konzeption der Schau beteiligt waren.

Ein attraktives museumsdidaktisches Aktionsprogramm wird im letzten Saal dieses Nebentrakts angeboten. Es richtet sich vor allem an Schulklassen und Jugendgruppen, aber auch Erwachsene dürfen sich daran versuchen. Auf den Tischen stehen Tintenfässer und Gänsekiele bereit, mit denen man sich der hohen Kunst des Schreibens zu Zeiten Ottos des Großen, annähern kann. Nach Abschluss der Schreibstudien erhält man für das eigene Schreibprodukt ein ottonisches Wachssiegel, das im Originalverfahren auf der „Urkunde“ angebracht wird.

Wie manch andere Ausstellung hat auch die Magdeburger ihren kleinen Skandal, der bei der Besprechung des Multivisions-Traktes Erwähnung finden muss. Dieser Bereich sollte dem Besucher eigentlich die Grabungsbefunde von der vermeintlichen Magdeburger Königspfalz Ottos des Großen vor Augen führen und ihm einen „virtuellen Spaziergang“ durch und um die Pfalzgebäude ermöglichen. Erst kurz vor der Eröffnung der Ausstellung - und nach erfolgter Kennzeichnung der wenig nördlich des Domes ausgegrabenen Fundamentreste sowie der Einrichtung einer Gedenkstätte an diesem Ort - verstärkten sich die Hinweise darauf, dass dort nicht Teile eines Pfalzgebäudes, sondern einer Kirche, aufgedeckt worden sind. Die Pfalz in Magdeburg also „weggeforscht“ - für den Besucher, der nicht vom Fach ist, sind diese komplizierten Sachverhalte allerdings kaum erfassbar, geschweige denn nachvollziehbar. Außerdem ist in diesem Bereich eine Dokumentation über Otto den Großen zu sehen, die für den MDR produziert wurde.

Die Ausstellung ist, insgesamt betrachtet und von einigen Kleinigkeiten abgesehen, gut geplant und organisiert, sie ist handwerklich hervorragend gemacht. Das beeindruckende Gebäude des Kulturhistorischen Museums in der Otto-von-Guericke-Straße, das die Ausstellung beherbergt, wurde zu Beginn des letzten Jahrhunderts als Museum errichtet. Es gibt der Ausstellung einen würdigen Rahmen. Vor dem Aufbau der Ausstellung wurde der ehemalige Festsaal mit dem restaurierten monumentalen Wandbild von Arthur Kampf („Magdeburger Saal“) wiederhergestellt und als Kaiser-Otto-Saal neu eingeweiht. Hier sind die Originale der Skulpturengruppe des Magdeburger Reiters vom Alten Markt, ein herausragendes Kunstwerk aus der Zeit um 1240, aufgestellt.

Besonders beeindruckend ist neben dem breiten Panorama ottonenzeitlicher Kunst und Kultur, das in Magdeburg geboten wird, die gradlinige und „sparsame“ Inszenierung, die den großen Schatz an Bildern ohne Schnörkel für sich wirken lässt. Nur gelegentlich sahen sich die Veranstalter veranlasst, stärker auf Urkunden und sonstige „Flachware“ zurückzugreifen - auch dies ein erwähnenswertes Positivum. Inszenierungen fehlen dagegen fast völlig; die Magdeburg-Abteilung hätte sicherlich durch die eine oder andere Ausgestaltung solcher Art gewonnen.

Trotz erheblichen Andrangs - die Ausstellung erreichte schon kurze Zeit nach der Eröffnung die ursprünglich erwartete Gesamtbesucherzahl - verzeichnete der Rezensent bei seinem Besuch eine ruhige und angenehme Besichtigungsatmosphäre; es herrschte nicht das bei Ausstellungen dieser Art vielfach anzutreffende Gedränge vor den Vitrinen.

Noch ein kleiner Mangel am Schluss! Am Treppenaufgang informiert eine Plakatwand zwar über über zwei weitere Ausstellungen in Bayern und Oberitalien, die mit der Magdeburger in Verbindung stehen sollen. Dazu gab es aber auch auf Nachfrage im Informationszentrum keine näheren Informationen, und im schriftlichen Informationsmaterial sind nirgendwo Hinweise darauf enthalten, auch nicht auf der offiziellen Website (www.ottodergrosse.de).

Fazit: Sehenswert! Eine Ausstellung, die Spaß macht. Man sollte allerdings viel Zeit mitbringen. Mit einem zwei- oder dreistündigen Durchgang ist es nicht getan.

 

Katalog und Handbuch zur Ausstellung: Otto der Große, Magdeburg und Europa, hg. von Matthias Puhle, Bd. 1: Essays, Bd. 2: Katalog, Philipp von Zabern: Mainz am Rhein 2001, zus. 584 + 616 Seiten, Ausstellungsausgabe DM 98.-

(Zuvor war schon ein Band mit den Beiträgen des Symposions zur Vorbereitung der Ausstellung erschienen: Ottonische Neuanfänge, hg. von Bernd Schneidmüller/Stefan Weinfurter, Philipp von Zabern: Mainz am Rhein 2001, 398 Seiten, Verlagsausgabe DM 115.-, im Paket mit Katalog und Begleitbuch zur Ausstellung DM 220.-)

In ähnlich gediegener Qualität wie die Ausstellung selbst präsentiert sich auch das zweibändige Begleitbuch. Der erste Band enthält neben einem einführenden Beitrag des Herausgebers und Ltd. Direktors des Kulturhistorischen Museums 36 Essays, geordnet nach den Abteilungen I bis VI der Schau.

Verfasst von anerkannten Fachleuten, die sich meist um Allgemeinverständlichkeit bemühen, bewegt sich der Umfang der Ausführungen nicht immer, aber doch gewöhnlich in benutzerfreundlichen Rahmen. Das eröffnet dem Besucher die Möglichkeit, sich auch mal das eine oder andere Kapitel, worauf sein besonderes Interesse fallen mag, „vor Ort“, in der Ausstellung, zur Lektüre vorzunehmen.

Es fällt allerdings schon auf den ersten Blick ins Auge, wie ungleich die einzelnen Abteilungen besetzt sind. Während beispielsweise in Abteilung I „Geschichte und Überlieferung“ Gerd Althoffs Beitrag zu Ottos des Großen Darstellung in der ottonischen Geschichtsschreibung allein auf weiter Flur steht, drängeln sich in der Abteilung IV „Reich und Herrschaft“ neben den wenigen Beiträgen, die wirklich zentral zu diesem Thema gehören, nicht wenige, bei denen man ins Stutzen kommt. Denn hier wird mehr zu Kirche, Kultur und Kunstproduktion der ottonischen Epoche gesagt als zu „Reich und Herrschaft“, wenn die Titel-Formel nicht so weit geöffnet werden sollte, dass im Grunde der ganze Band unter ihr laufen könnte. Was hat beispielsweise Rosamond McKittericks „Ottonische Kultur und Bildung“, was haben Clemens Koschs Aufsatz „Zur ortsfesten Ausstattung der Kirchen...“ und Victor H. Elberns Bemerkungen „Über die mobile Ausstattung der Kirchen...“ und schließlich die von Rainer Kashnitz bzw. Matthias Exner über Buch- und Wandmalerei jener Zeit hier zu suchen? Ganz abgesehen davon, dass in der Ausstellung die „ottonische Wandmalerei“ ohnehin kaum thematisiert wird. Auf diesem Feld müßten die genauen Verbindungslinien zwischen den (wenigen erhaltenen kirchlichen) Monumenten und ottonischer „Herrschaft und Reich“ erst noch aufgezeigt werden. Bei einigen anderen Kapiteln bzw. Abteilungen verhält es sich ähnlich.

Hier tut sich, wie es scheint, das ganze Dilemma auf, das auch beim Besuch der Ausstellung schon aufgefallen war, und das wohl vor allem in der Gesamtkonzeption und - zu geringerem Teil - daneben auch in der Koordination von Schau und Begleitbuch begründet liegt. Dabei ist die Ottonen-Ausstellung wie kaum eine andere außerordentlich sorgfältig und über lange Jahre vorbereitet worden, deren Konzeption in der Planungsphase durch ein wissenschaftliches Symposion flankiert worden ist (die Beiträge sind mittlerweile publiziert, siehe oben). Trotzdem scheint die konzeptionelle Verbindung von ottonischer Epoche, von lokalem Bezug (Magdeburg) und schließlich noch einem übergeordneten europäischen Aspekt (Kaisertum in Europa) kaum mit zufriedenstellendem Resultat realisierbar zu sein.

Es gibt zwar eine Einführung in das Thema, in der indes wenig über das Konzept und garnichts über die Realisation und ausstellungspraktische Umsetzung desselben gesagt ist. Eines geht aber aus den wenigen Bemerkungen weiter oben hervor: die Ausstellung vermag es nicht, „die Epoche Ottos des Großen in ihrer Gesamtheit lebendig“ werden zu lassen, wie beispielsweise das Grußwort des Bundespräsidenten postuliert (S. IX). Zu stark wirken die Verwerfungen, die offenbar nicht zuletzt aus dem Versuch resultieren, zu Unterschiedliches mithilfe des Amalgams Magdeburg organisch miteinander zu verbinden. Es ist im Grunde eine exzellent ausgestattete und präsentierte Schau zu einigen Aspekten „Ottonischer Kunst und Kultur in Magdeburg, Sachsen und Europa“.


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Dokument erstellt am 29.11.2001