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Ausstellungsbesprechung

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Weltenharmonie
Die Kunstkammer und die Ordnung des Wissens

Herzog Anton Ulrich Museum Braunschweig
20. Juli bis 22. Oktober 2000

Rezensiert von
Sabine Wittkopf, Hamburg


Im Zentrum der Ausstellung des Herzog Anton Ulrich Museums in Braunschweig stehen die Kunst - und Wunderkammern des 16.Jahrhunderts, doch die Ausstellung geht darüber hinaus. Wie schon der Titel anklingen läßt, dienen die Kunstkammern der umfassende Darstellung des Wissens ihrer Zeit, des Weltbildes des 16./17.Jahrhunderts. Dies spiegelt auch ihre historische Funktion. Sie stellten nicht eine reine Anhäufung von Objekten, Artefakten und Kuriosa dar, sondern ihre "Erbauer" waren bemüht eine Erfassung der (bekannten) Welt durch ein geordnetes Zusammentragen (und vielfach auch Ausstellen) von Gegenständen aus "ars" und "natura" zu erreichen. Sie folgten dem Weltbild der Renaissance. Geprägt von der Dichotomie zwischen Mikro- und Makrokosmos wurde zwischen Gegenständen jeglicher Art eine verborgene Beziehung angenommen. Diese Korrespondenz deutlich zu machen war ein Ziel der Kunstkammern.

Ausstellungskonzept

Eine Ausstellung also, die Objekte versammelt, "unzählige" Objekte (fast 450), die Objekte ausstellt in Vitrinen - keine Objekte zum Anfassen, keine Interaktionsmöglichkeiten für den Besucher, keine Rauminstallationen, keine Animation - all das, was heute vielfach als unabdingbar für Ausstellungen, für das "Event" Museum angesehen wird - all das findet hier nicht statt. Und dennoch verzaubert diese Ausstellung. Es gelingt ihr in faszinierender Weise nicht nur ein Bild der Kunst- und Wunderkammern entstehen zu lassen, sondern ihrem Titel voll gerecht zu werden und ein Bild des Wissens, einen Einblick in das Weltverständnis des 16.Jahrhunderts zu vermitteln. Es gelingt mit Hilfe der scheinbar zahllosen und wahllosen Objekte die Darstellung von Ordnung und Struktur. Ein Blick auf die "Weltordnung" hinter den Dingen wird frei und konkret für den Besucher erfahrbar.

Der Aufbau der Ausstellung erscheint denkbar einfach und dadurch um so wirkungsvoller:

Den Raum prägen Vitrinen, vergleichbar schmalen, hohen Säulen, auf vier Seiten mit Objekten auf verschiedenen Ebenen bestückt. Im "Entree" auf großen Stoffbahnen ein Einführungstext, eine Kurzeinführung in die Kunstkammern und ihre Zeit, sozusagen die Bedienungsanleitung für die Objekte.

Jede Vitrine behandelt einen Wissenschaftszweig, gegliedert von der Natur (Botanik, Zoologie) zum Menschen (Medizin/Anatomie), von der (Erd)geschichte (Mineralogie/Paläontolgie, Archäologie) zur Kunst (Bildende Kunst, Kunsthandwerk, Musik), von den Naturwissenschaften (Chemie, Mathematik/Physik) zu Astronomie/Astrologie und Geographie/Ethnologie.

Die Vitrinen sind so arrangiert, daß der Blick des Besuchers jeweils auf eine konzentriert ist und somit auf ein Thema, feinuntergliedert mit Hilfe der vier Seiten jeder Vitrine. Darin scheinbar "wahllose" Objekte, unbeschriftet, ohne Erläuterungen - eine verwirrende Vielfalt, deren Bezug zum Thema häufig nur schwer nachvollziehbar erscheint. Ein Beispiel: Die Vitrine zum Thema "Blumen". Zentrales Objekt ist hier eine Perlmuttereinlegearbeit mit Blumenstilleben, daneben Emaildose - und bild mit floralem Design, Stick- und Perlenarbeiten, eine Fayence-Tulpe, Maiglöckchen aus Elfenbein, eine Leinenquaste in Blütenform. - Erst in der Vitrinenseite zu "Heilpflanzen" sehen wir ein Hebarium mit Blüten. Daneben bei der Darstellung von "Früchten": zwei getrocknete "Rosen von Jericho", eine geschnitzte Kokosnuß mit Goldfassung, zwei Elfenbein-Figuren Ceres und Flora, geschnitzte Kirschkerne, eine Zitrone aus Majolika.... Die Aufzählung ließe sich fortsetzen, mythologisch Abstraktes neben naturwissenschaftlich Konkretem, unterschiedlichste Materialien nebeneinander, scheinbar Banales neben künstlerisch Herausragendem und Wertvollem.

Der Besucher bleibt allein mit diesen Objekten. Der Bezugsrahmen, zunächst von unserer heutigen Vorstellung der "wissenschaftlichen" Kategorien geprägt, löst sich auf. Wie lassen sich (neue), andere Bezüge zwischen den Objekten, und zwischen den Objekten und dem definierten Rahmenthema der Vitrine herstellen, wo liegen ihre Gemeinsamkeiten, was macht sie zu "ausstellenswerten" Objekten?

Neben den Vitrinen hängen Stoffbahnen mit Grundsatzinformationen zu den Objekten: was ist ausgestellt, welches Material, woher stammen die Objekte, die klassischen musealen Objektunterzeilen. Keine Funktionsbeschreibung, kein gesellschaftlicher Hintergrund. Nach wie vor ist der Blick auf die Objekte beschränkt und konzentriert. Der Besucher bleibt aufgefordert die Bezüge selbst herzustellen.

Im Gang um eine Vitrine, in der Umrundung der vier Seiten mit ihren Objektemsembles kann der Besucher sich dem jeweiligen Thema von verschiedenen Aspekten her nähern, es sich betrachtend und vergleichend erarbeiten. Am Ende dieser Kreisbewegung hängt eine weitere Textfahne im Raum, sie liefert abschließend eine systematische Einordnung des jeweiligen Themas, verweist auf den philosophischen Kontext, bietet zusätzliche, erläuternde Abbildungen. Die gewonnen Eindrücke ordnen sich, ein neuer Blick auf die Objekte, ihr Bezugsystem wird deutlich. Vielfach führt der Weg zurück zu den Objekten, um die neuen Informationen zu überprüfen. Der Informationstext erläutert auch einzelne herausragende Objekte und stellt ihre Bezüge zu den Kunstkammern dar.

Vom räumlichen Aufbau der Ausstellung her wird der Blick auf diese "Fahne" erst nach der Betrachtung der Objekte frei. Mit den Erläuterungen ist ein neuere Blick auf die Objekte möglich, eine Intensivierung der Auseinandersetzung.

Dieser dreistufige Informationsaufbau kennzeichnet die ganze Ausstellung und wird konsequent durchgehalten. Eine weiter Informationsebene läßt sich mit Hilfe des Katalogs anfügen, hierzu am Ende mehr.

Der Aufbau, die Auswahl und die thematische Zusammenstellung der Objekte in den Vitrinen ermöglicht es dem Besucher, sich Grundvorstellungen zu den jeweiligen Themen selbst zu erarbeiten. Die Unterschiede zu unserer heutigen Weltvorstellung, unserer Vorstellung von Wissenschaft werden greifbar, "Überraschungseffekte" schärfen den Blick: ein Wachsmodell des "Toten Christus" neben anatomischen Modellen und Präparaten.

Der Fülle der Exponate steht eine klar strukturierte, minimalistische Raumgestaltung gegenüber. Helles Holz, Glas, Stoffbahnen "schweben" im Raum und tragen die Texte. (An dieser Stelle sei auch auf die gute Lesbarkeit der Textfahnen hingewiesen, die leider in Ausstellungen keine Selbstverständlichkeit darstellt.)

Der Besucher bleibt mit den Objekten allein, es lenken ihn keine Texte, Tafeln oder Schilder in den Vitrinen ab.

Gleichzeitig gelingt durch den Aufbau die Strukturierung und Ordnung der scheinbar endlosen Zahl von Exponaten. Zunächst erscheinen sie als bunte, vielfältige, sich zum teil wiederholende Einzelobjekte, gegliedert nach Wissenschaftsgebieten ordnen sie sich zu einem Gesamtbild, genauso wie "die Welt" und das Wissen des 16.Jahrhunderts als geordnet verstanden wurde. Nicht nur die Beziehungen der Objekte innerhalb eines Ensembles werden deutlich, sondern auch die Korrespondenzen zwischen den einzelnen Bereiche und fügen sich zu einem harmonischen Ganzen. Die Raumgestaltung, der Ausstellungsaufbau erscheint als Umsetzung des "Weltkonzeptes" mit musealen Mitteln.

Obwohl die Darstellung des Weltbildes des 16./17.Jahrhunderts als theoretisches Thema erscheint, treten die Texte in der Vermittlung zurück, die Erläuterungen bilden nur einen Rahmen, Informationsträger sind Objekte und Bilder. Es entsteht ein Lexikon der Objekte, das nicht nur das Konzept der Wunderkammern lebendig werden läßt, sondern auch deren weltanschauliche Zielsetzung dem heutigen Besucher verdeutlicht.

Der Katalog

Der zur Ausstellung herausgegebene Katalog liefert ein reich bebildertes Gesamtbild der Ausstellung.

In seinem Hauptteil folgt er folgt der Gliederung der Ausstellung und liefert zu jedem Objekt weitere Hintergrundinformationen, insbesondere zum Stellenwert und zur Funktion der Objekte in den Kunstkammern. Er zeichnet auch die Wege der Objekte durch die verschiedenen Kunstkammern und Museen nach, in vielen Fällen unter Anführung interessanter zeitgenössischer Beschreibungen oder der erhaltenen Inventarsnotizen des 17. und 18.Jahrhunderts. Hierbei wird auch deutlich welch hoher Anteil der ausgestellten Exponate auf die Sammlungen der Kunstkammern zurückgeht und über sie den Weg in die heutigen Sammlungen der Museen gefunden hat.

Den Objektbeschreibungen wird eine ausführliche Einführung in das jeweilige "Wissensgebiet" vorangestellt, die die Geschichte des jeweiligen Wissenschaftszweiges, seiner philosophischen Hintergründe und die Bezüge zur Kunstkammer erörtert.

Darüber hinaus bietet der Katalog natürlich eine Überblicksdarstellung zum Thema: "Die Kunstkammer und die Ordnung des Wissens", verfaßt von Alfred Walz. Hier wird ausführlich auf den weltanschaulichen Hintergrund der Kunstkammern, ihre Entstehungsgeschichte, ihre weiter historische Entwicklung eingegangen. Auch Fragen der äußeren Gestaltung der Kunstkammern, der Präsentation und Aufbewahrung der Sammlungen werden erörtert, zur Verdeutlichung werden zeitgenössische Darstellungen herangezogen. Breiten Raum nimmt die Entwicklung der Kunstkammern der Herzöge von Braunschweig - Lüneburg ein, aus denen eine Vielzahl der Exponate dieser Ausstellung stammen und aus denen unter anderem auch das Herzog Anton Ulrich Museum hervorgegangen ist.

Mit seinen nach Wissensgebieten geordneten Überblicksdarstellungen wird der Katalog zu einem Handbuch der Geschichte der verschiedenen Wissenschaftszweige und deren Anfänge zu Beginn der frühen Neuzeit.

Und nicht zuletzt erzählt der Katalog Geschichten, die "Geschichten der Dinge", wie die des "Mantuarischen Onyxgefäßes", einem römischen Fundstück (um 54 n.Chr.). Es ist auch heute eines der wertvollsten Stücke der Aussstellung. Es dokumentiert eine bewegte Geschichte durch verschiedene Kunstkammern seit dem 16.Jahrhundert, es wurde als Salbölgefäß aus dem Tempel Salomon angesehen und dementsprechend galt sein Wert als "unermeßlich". Doch es war nicht nur begehrtes Kunst- und Streitobjekt, die Wertschätzung ging so weit, daß es zum "Spielball der Politik" wurde: Herzog Ferdinand Albrecht bot 1677 den Onyx Kaiser Leopold in Wien zum Tausch gegen die Statthalterschaft von Tirol an.

Videoeinführung

Zusätzlich zur Ausstellung bietet das Museum den Besuchern eine Videopräsentation. Sie bietet eine Kurzeinführung und Überblicksdarstellung zum Thema. Der Reiz des 15minütigen Filmes liegt aber auch hier wieder in der Objektpräsentation, er ermöglicht eine "mikroskopische" Annäherung an einzelne Objekte, läßt Details sichtbar werden, die dem Besucher in der Vitrine verborgen bleiben und erlaubt so neue Ansichten, die am realen Objekt der Ausstellung vertieft oder überprüft werden können. Gleichzeitig ergänzt er die mechanischen Objekte um das "Bewegungselement", Automaten erfreuten sich besonderer Beliebtheit in den Kunstkammern und eröffnet auch hier neue Blickwinkel.

Insgesamt läßt sich ein gelungenes Zusammenwirken der verschiedenen Ausstellungsmedien feststellen, in deren Zentrum die Objekte, als Träger von Wissen, Weltbild und Geschichte stehen.


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Dokument erstellt am 29.10
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