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Ausstellungsbesprechung

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Samuel Beckett Bruce Naumann

Kunsthalle Wien
4.2.2000 - 30.4.2000

Rezensiert von
Petra Weckel,
ARTE 24


Was verbindet Beckett und Naumann? Die Beantwortung dieser Frage ist nur eine Nebensache der Ausstellung in der Kunsthalle Wien. Der Raum, kongenial gestaltet von "Pauhof", den Architekten Michael Hofstätter und Wolfgang Pauzenberger, dient zunächst den Installationen, den Fotos und Videoabspielungen von Bruce Naumann. Aber wie sollte man auch einen Dramatiker ausstellen? Überhaupt macht das Konzept, einen Schriftsteller und einen Künstler in einer Ausstellung gemeinsam zu präsentieren, neugierig. Gelingt es den Kuratoren, Ausgeglichenheit herzustellen zwischen dem visuell unmittelbar ansprechenden Medium der Kunst und dem eher spröden Werk der Sprache, das erst durch seine Inszenierung, durch seinen Vortrag, Vollendung findet?

Was Wilhelm Fraenger in den Zwanziger Jahren in seinen Vorlesungen über Komik und Groteske methodisch entwickelte: die Synapse von Künstlern und Literaten, deren Zusammenschau synergetisch neue Perspektiven eröffnet, das haben die beiden Kuratoren, Christine Hoffmann und Michael Glasmeier erfolgreich und eindrücklich in Szene gesetzt. Zumindest Glasmeier ist Fraenger-Kenner, was er in Wien abermals unter Beweis stellt.

Die Künstler haben ganz unterschiedliche soziale, gesellschaftliche und zeitliche Hintergründe: Beckett ist 1906 in Dublin geboren und starb 1989 in Paris, Naumann, 1941 in Indiana geboren, lebt heute in New Mexiko. Ganz entgegen dem zunehmend beliebten generationsbezogenen Kohortenprinzip werden zwei Künstler gegenübergestellt; und dennoch nicht willkürlich, sondern bewusst und richtungsweisend.

Denn beide verbindet der gleiche Fragenkanon: Beide stellen den Raum und den Körper elementar ins Zentrum. Die Grundformen des Raums, die Tektonik von Situationen, der Wechsel zwischen experimenteller Anwesenheit und theatralischer Abwesenheit, sind, wie Glasmeier und Hoffmann es im einleitenden Aufsatz des Ausstellungskataloges beschreiben, die Spannungsbögen, die die Exponate wie die Künstler verbinden.

Die Ausstellungsmacher setzen auf die unverbildete Offenheit der Besucher. Sie geben Raum für Emphatie, die sie "legitime Leidenschaft" nennen und diese Leidenschaft darf durchaus schmerzhaft sein. Genau dies ist der Zustand, in dem Naumanns imaginärer Baseballschläger scharf trifft: "Ich habe von Anfang an versucht, Kunst zu machen, (...) die sofort voll da ist. Wie ein Hieb ins Gesicht mit dem Baseballschläger, oder besser, wie ein Schlag ins Genick. Man sieht den Schlag nicht kommen, er haut einen einfach um." (B. Naumann).

Spätestens wenn man in "False Silence" eintritt, eine Rauminstallation, die hier zum ersten Mal realisiert wurde, spürt man diesen Schlag. Man geht durch einen Gang, der von oben mit Neonröhren kalt ausgeleuchtet ist. Etwa in der Mitte gibt es links und rechts einen Durchgang, der jedoch nicht hinaus führt. Er mündet in einen kleinen, dreieckigen Raum, der keinen weiteren Ausgang hat. Die Außenwelt versinkt und man hört die sonoren Deklamationen der Stimme von Joan La Barbara (Santa Fe). Eine psychoanalytische Stellungnahme zu dieser Installation wäre hochinteressant, zumal in einer Stadt, in der die Psychoanalyse sozusagen das Licht der Welt erblickte.

Nach dieser mentalen Entwaffnung nähert sich Beckett. Bildschirme zeigen Theaterinszenierungen, Vitrinen mit Manuskripten und handschriftlichen Skizzen schieben sich schwebend in den Raum. Schließlich wird die Kraft des Ausstellungskonzept im Hören von Hörspielaufnahmen spürbar. Die sinnvolle Verschränkung der Künstler spiegelt sich in derjenigen der Medien und berührt unmittelbar. Auch dies ein Band, das Becket mit Naumann verbindet. Beide sind keine "metierbesessenen Kunstproduzenten", sie spielen mit den Medien, probieren verschiedene Formen aus.

"Leave my room - leave my mind" drängt den Betrachter aus dem aufgebauten räumlichen Würfel und bewirkt trotzdem das Gegenteil. Die Räume, von Beckett und Naumann konstruiert, kann man nicht fliehen. Das, was in unseren Köpfen entsteht, wird uns immer begleiten. "Leave my mind" ist der letzte Hammerschlag, der die Münze endgültig prägt. Ihre eine Seite zeigt Beckett, die andere Bruce Naumann.


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Dokument erstellt am 31.5.2000