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Ausstellungsbesprechung

 

3D-Photographie, 1900

Berlin wird Metropole 
3D-Photographien der Jahrhundertwende

Kreuzberg Museum, Berlin
29. Januar bis 19. März 2000

Rezensiert von
Petra Weckel,
ARTE 24

Website:
http://www.dhm.de/museen/kreuzberg/

Katalog:
Michael Bienert/Erhard Senf: Berlin wird Metropole. 
Bilder aus dem Kaiser-Panorama, 24x30 cm, 136 Seiten, 
ca. 130 Abb., geb./SU 78,00 DM, ISBN 3-930863-64-2


Die letzte Berliner "Lange Nacht der Museen" hat der Stadt ein Kleinod beschert, das wie geschaffen ist für die Nacht. Am 29. Januar eröffnete das Kreuzberg Museum seine Ausstellung "Berlin wird Metropole". Der Titel suggeriert ganz gegenwärtige Selbstfindungsprobleme des sich zurechtrückenden Berlin. Doch klärt der Untertitel sogleich auf: es geht hier um die Jahrhundertwende, eine Zeit, in der Berlin schon einmal den Weg zum Metropolendasein einschlug.

In dieser Zeit hat der Berliner Fotograf August Fuhrmann (1844-1925) ungezählte Aufnahmen des städtischen Lebens gemacht, die er als Stereofotos in besonders entwickelten Apparaten zur Schau stellte. Die Stereofotografie wurde Mitte des 19. Jahrhunderts erfunden. Mit speziellen Kameras wurden zwei parallele Fotos desselben Objekts geschossen und durch 2 Linsen oder eine spezielle 3D-Brille betrachtet. Auf diese Weise entstand ein dreidimensionaler Eindruck vom Bild, der Betrachter stand sozusagen mitten im Geschehen.

Fuhrmann entwickelte einen Apparat, an dem 25 Personen gleichzeitig die Fotos betrachten konnten, er erfand den Vorläufer des Kinos. Den Apparat, den er 1880 in Berlin einweihte, nannte er "Kaiserpanorama". Fuhrmanns Fotos waren heiß begehrt, und durch ein entwickeltes Verleihsystem konnte er über 250 Kaiser-Panoramen mit seinen weltweit gesammelten Bildern beliefern. So wurde er einer der ersten Medienmogule. Mit der Erfindung der bewegten Bilder, des Kinos, ging sein Erfolg alllerdings zurück. Das komplizierte Herstellungsverfahren tat sein übriges und so mußte das letzte Panorama 1939 schließen.

Der Wirtschafts- und Sozialhistoriker Erhard Senf besitzt eine Sammlung von über 12000 Stereofotografien aus dem Fuhrmannschen Bestand. Seit Jahren beschäftigt er sich mit den Bildern, reproduziert er sie und widmet sich der weiteren Zugänglichkeit der Fotos. Diese Sammlung hat er dem Museum zur Verfügung gestellt.

Am Eingang erhält der Besucher eine 3D-Brille, wie er sie aus alten Zeiten kennt. Eine rote und eine grüne Folie ermöglichen die Umsetztung des doppelten Bildes in ein dreidimensionales. Im abgedunkelten Raum hängt eine Dialeinwand, die von beiden Seiten mit wechselnden Stereofotografien bestrahlt wird. Man sieht, als würde man aus einem Fenster schauen: Aufmärsche von Soldaten, Festtage mit vielen Herren in Zylindern und Frauen mit opulent geschmückten Hüten. Tannengrüne Girlanden sind um das Brandenburger Tor gehängt. Polizisten bewachen die Menge von stolzen Pferden herab. Eine seltsam stille, unkommentierte Abfolge von Panoramen aus einer anderen Zeit. Hinweise auf das Dargestellte gibt es jeweils auf beiliegenden Tafeln. Leider fehlt oft die genaue Datierung, was schade ist, aber wahrscheinlich sehr viel Recherche bedürfte.

Neben der Diaschau gibt es verschiedene Holzkästen - Betrachtungsgeräte - und einen Teil eines echten Kaiserpanoramas zu sehen. Alle Apparate, es sind unterschiedliche Anfertigungen, sind in Funktion und zeigen thematisch gegliederte Ansichten: Königliche Auftritte, Einweihungen von Denkmälern, Sedan-Feiern, Interieurs von Schlössern und besonders interessante Fotos von den Anfängen der Flugversuche, unter anderem der Gebrüder Wright auf dem Tempelhofer Feld.

Die Ausstellung wird sinnfällig durch einen Bildband ergänzt. Der Leihgeber Erhard Senf und der Journalist Michael Bienert haben einen Bildband herausgegeben, der 120 der schönsten Stereoskopien enthält. Damit man sie auch entsprechend betrachten kann, liegt dem Band eine 3D-Brille bei.

Wer sich intensiver und auch praktisch mit der Stereoskopie befassen möchte, dem sei der 3D-Raumbildclub e.V. ans Herz gelegt, der sich jeden 2. Dienstag im Monat im Museum Europäischer Kulturen, Im Winkel 6-8 in 14195 Berlin-Dahlem trifft. Kontakt über die Geschäftsstelle, Prof. Erhard Senf, Schönfließer Str. 97 a, 13465 Berlin, Tel.: 030/4013543 oder Fax: 030/3061319.


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Dokument erstellt am 7.3.2000