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Deutschland

Ausstellungsbesprechung

 

Rezensiert von
Gerhard E. Sollbach
Universität Dortmund

Winnetous Tod
Mythos und Wirklichkeit nordamerikanischer Indianer

Neanderthal-Museum, Mettmann
(20. Mai bis 31. Oktober 1999)

Website:
http://www.neanderthal.de/n_thal/muse/aktuel.htm
(letzter Zugriff am 15.7.1999)

Kein Katalog, umfangreiches Begleitprogramm

Gliederung:
Ausstellung
Internet-Präsentation


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Die Ausstellung

Durch die populäre Literatur im 19. und auch noch im 20. Jahrhundert, dann aber vor allem auch durch den Film, wurde in Europa ein auf die Kultur der nomadisierenden Büffeljäger und mit Federhauben geschmückter Reiterkrieger der Plains beschränktes sowie vielfach idealisiertes Bild des „typischen" nordamerikanischen Indianers bis heute etabliert. Die Ausstellung will diese populäre und wirklichkeitsfremde Vorstellung von "dem" Indianer korrigieren und statt dessen einen Eindruck von der Vielfalt der traditionellen Indianer-Kulturen in Nordamerika und ihrer Lebenswirklichkeit vermitteln. Zu Beginn der Sonderausstellung, die sich im Tiefgeschoß des Museums befindet, werden unterhalb des Portraits von Pierre Brice, Darsteller des Helden Winnetou in den 1963 bis 1965 gedrehten drei Winnetou-Filmen nach den Romanen von Karl May, die Quellen für die Entstehung des Klischees vom "typischen" Indianer im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert ausgestellt. Neben historischen Ausgaben von J. F. Coopers "Lederstrumpf-Erzählungen" und Karls Mays Winnetou-Romanen, werden auch Fotografien und kolorierten Postkarten von der Hagenbeckschen Völkerschau 1910 in Hamburg, für die 42 Sioux aus der Pine Ridge-Reservation in North und South Dakota angeworben worden waren, präsentiert. Neben diesem Ensemble laufen auf einem Monitor Szenen aus den drei Winnetou-Filmen mit Lex Barker als Old Shatterhand und Pierre Brice als Winnetou.

Zu Beginn der eigentlichen Ausstellung im Untergeschoß werden in einer Vitrine zunächst einige ausgewählte Bilder – zum Teil wertvolle Originale – berühmter Indianer-Maler und -Fotografen (Karl Bodmer, George Catlin und Edward S. Curtis) gezeigt. Einführende Informationen u. a. über die Entstehung und Verbreitung des populären Indianerbildes, aber auch über die verschiedenen großen Kulturgruppen sowie eine kurze Geschichte der Indianer in Nordamerika bis heute können über ein Audiosystem abgerufen werden.

Die Vielfalt der nordamerikanischen Indianer-Kulturen - das Kernstück der Ausstellung - wird anhand von drei ausgewählten repräsentativen Kulturen aufgezeigt: Der Kultur des östlichen Waldlands, der Plains sowie der Nordwestküste. Die Kulturen der subarktischen Jägervölker sowie der seßhaften und einen hochentwickelten Ackerbau treibenden Pueblo-Indianer im Südwesten und die auf einfacher Jagd- und Sammelwirtschaft beruhenden Indianer-Kulturen im großen Becken und in Kalifornien sind (lt. Information der Museumsleitung an den Rezensenten) aus Platzgründen und nicht zuletzt auch aufgrund des Mangels an geeigneten Exponaten ausgespart worden. Die drei Indianer-Kulturen werden anhand einer Inszenierung erläutert, die aus jeweils durch von der Decke bis in Augenhöhe herabhängende, kreisförmig angeordnete und vom Innenkreis her abzugehende und zu betrachtende Tafeln mit einschlägigen bildlichen Darstellungen besteht.  Neben einem knappen Einführungstext enthalten die einzelnen Abbildungen nur noch kurze Bildzeilen. Die Außenseiten der Tafeln zeigen den jeweiligen typischen Naturraum. An den Wänden sind in Vitrinen die zugehörigen Objekte der materiellen und geistigen Kultur ausgestellt. Im Fall der östlichen Waldlandkultur, die durch die Irokesen repräsentiert wird, sind z. B. folgende Themenbereiche aufgegriffen worden: Leben im Wald (hier sind ein Paar Schneeschuhe und ein Paar Mokassins sowie ein Modell eines Birkenkanus zu sehen), Krieg und Frieden (gezeigt werden eine traditionelle Kugelkopfkeule - sogen. "Schädelbrecher" - ein erst durch den Handel mit den Europäern erworbener Tomahawk, ein Eisenmesser und ein Wampum-Gürtel aus Glasperlen) und Glaubenswelt (Ausstellungsobjekte sind hier eine aus dem Panzer einer Schildkröte gefertigte Rassel und eine aus Holz geschnitzte "Falschgesichtsmaske").

Bei der Präsentation der Plains-Kultur wird mit Hilfe von Bildern und Ausstellungsstücken vor allem die zentrale Bedeutung des Bisons sowie seine Funktion als "Allzwecktier" für diese Stämme herausgestellt. Darüber hinaus erfährt der Besucher hier aber auch, daß diese bekannteste Indianer-Kultur keine autochthone ist, sondern erst durch den Erwerb des von den Europäern eingeführten Pferdes zu Beginn des 18. Jahrhunderts auf den Great Plains entstand und lediglich gut 100 Jahre geblüht hat.

Im dritten Kulturkreis der hinsichtlich ihrer Nahrungsgrundlage vor allem auf Fisch- und Meerestierfang basierenden Indianer-Kulturen an der Nordwestküste begegnet der Besucher schließlich auch in einer Vitrine dem Modell eines Totempfahls. Hierbei handelt es sich nicht um einen in der populären Vorstellung verhafteten Marterpfahl. Wie ein Text belehrt, sind diese aus Zedernholz geschnitzten figurenreichen Totempfähle tatsächlich eine Art Sippengenealogie.

Zu den jeweiligen Kulturkreisen können ebenfalls über ein Audiosystem Sachinformationen abgerufen werden. Diese Informationen geben einen auf das Wesentliche beschränkten, sachlich korrekten, und auch für den Laien durchaus verständlichen und auszureichenden Überblick über die Kultur und Geschichte der betreffenden Indianer-Kultur. Der zugehörige Naturraum wird außerdem durch auf Monitoren laufende Filmausschnitte aus der BBC-Produktion "Land of the Eagle" mit faszinierenden Naturaufnahmen aufgezeigt. Dieser über die klassische Objektpräsentation hinausgehende integrierte Einsatz von Filmen und Audiosystemen mit dadurch erweiterten visuellen und auditiven Erlebnissen und Informationsvermittlungen ist eine besondere Attraktion dieser Ausstellung. Die sparsame quantitative Objektpräsentation ebenso wie die zeitlich nicht zu lang (aber auch nicht zu kurz) bemessenen Filmsequenzen und die über das Audiosystem individuell abzurufenden Zusatzinformationen überfordern auch die Aufmerksamkeit des nur allgemein am Thema interessierten Besuchers nicht. Vielmehr veranlassen sie ihn, das Informationasangebot auch voll zu nutzen.

In einem Nebenraum wird das Thema "Indianer" in die Gegenwart fortgesetzt. Dies geschieht mittels einer Dia-Schau mit Aufnahmen der Fotografin Sabine Kückelmann von Indianern verschiedener Lebensräume und Arbeitswelten in den heutigen USA. Diesen Aufnahmen sind jeweils auf Schrifttafeln wiedergegebene kurze Zitate der betreffenden Personen vorangestellt. Die Zitate lassen - vielleicht als Reverenz gegenüber der modisch-modernen Zivilisationskritik - die Indianer vor allem als die Natur achtende und ein Leben in Harmonie mit ihrer natürlichen und menschlichen Umwelt vertretende Zeitgenossen erscheinen. Vielleicht ist auch dies ein neuer Indianer-Mythos.

Parallel zur Ausstellung läuft ein Begleitprogramm von Vorträgen, Filmaufführung, Workshops, einer Mitmachaktion für Kinder in den Herbstferien sowie Ausstellungen von Werken zeitgenössischer indianischer Künstler.

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Internet-Präsentation

Unter der http://www.neanderthal.de/n_thal/muse/aktuel.htm (letzter Zugriff am 16.7.1999) wird eine gut strukturierte und mit Abbildungen versehene Einführung in die Ausstellung sowie über das Begleitprogramm angeboten. Die darin enthaltenen Sachinformationen bestechen durch ihre sorgfältige Auswahl und inhaltlichen Aussagekraft. Durch den schwarzen Hintergund und die unterschiedlichen Schriftfarben ergeben sich jedoch drucktechnische Probleme, so dass die Internet-Präsentation eigentlich nur auf dem Monitor uneingeschränkt benutzbar ist. Die Ausstellungspräsentation ist dabei Teil der allgemeinen Informationsseite über aktuelle Ereignisse im Neanderthal-Museum und dürfte deshalb erfahrungsgemäss nach Ausstellungsende nicht mehr über diese url erreichbar sein.

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© Gerhard E. Sollbach
Alle Rechte beim Autor und VL Museen
Dokument erstellt am 16.7.1999