VL Museen

Virtual Library Museen
Deutschland

Ausstellungsbesprechung

 

Rezensiert von
Margrit Sollbach-Papeler
Herdecke

Agatha Christie und der Orient
Kriminalistik und Archäologie

Ruhrlandmuseum Essen
19.10.1999 - 5.3.2000

Weitere Stationen:
Museum für Völkerkunde, Wien:

13.4.2000 bis 17.9.2000
Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig:
29.10.2000 bis 1.4.2001
Kulturforum am Potsdamer Platz, Berlin:
5.5.2001 bis 30.9.2001
The British Museum, London:
November 2001 bis März 2002

Website:
http://www.essen.de/aktuell/ruhrlandmuseum.html

Katalog
Agatha Christie und der Orient.
Kriminalistik und Archäologie,
hg. von Charlotte Trümpler
Bern/München,/Wien:Scherz Verlag,
1999

Gliederung:
Ausstellung
Katalog
Begleitprogramm


Ausstellung

Das Ruhrlandmuseum in Essen präsentiert derzeit die Ausstellung "Agatha Christie und der Orient. Kriminalistik und Archäologie". Schon das Thema macht deutlich, dass es hierbei um zwei Aspekte geht; nämlich zum einen um Agatha Christie, die erfolgreiche Kriminalschriftstellerin, und zum anderen um ihre Beziehung zum Orient und zur Archäologie. Doch was hat das eine mit dem Anderen zu tun?

Viele Freundinnen und Freunde ihrer Kriminalromane wissen nicht: Agatha Christie war jahrzehntelang persönlich und aktiv an Ausgrabungen in Syrien und im Irak beteiligt. Beide Faktoren - Orient und Archäologie - beeinflussten jedoch auch entscheidend ihr schriftstellerisches Schaffen. Ihre Reiseerlebnisse und Ausgrabungserfahrungen fanden Eingang in ihre berühmten und teilweise verfilmten "Klassiker" wie "Mord im Orientexpress" oder "Der Tod auf dem Nil". In Essen wird weltweit erstmalig eine Ausstellung über die berühmte alte Dame der Kriminalgeschichte(n) präsentiert. Einzigartig sind auch die zahlreichen Medien, wie Fotografien und Filmsequenzen, die zum Teil bisher der Öffentlichkeit nicht zugänglich waren. 

Zur Einstimmung in die Thematik erfolgt direkt vor dem Eingang der Ausstellungsräume die Konfrontation mit einer überlebensgrossen Fotografie von Agatha Christie aus dem Jahr 1950 - umgeben von Stapeln ihrer zahlreichen veröffentlichten Bücher im Arbeitszimmer von Winterbrook House in Wallingford.  Erst nach dieser Impression gelangt man in die eigentliche Ausstellung, die auf einer Gesamtfläche von 500 qm insgesamt 400 Exponate präsentiert.

Der Ausstellungsaufbau orientiert sich an den vielen Reisen der Schriftstellerin. Ausgehend von Agatha Christies erster Fahrt mit dem Orient-Express beginnt auch die Ausstellung mit einer Inszenierung des Wartesaals der Victoria-Station in London. Hier fällt zunächst eine authentische Bahnhofswartebank ins Auge, vor der ein Original-Reisekoffer von Agatha Christie postiert ist. An den Wänden sind historische Plakate, Prospekte, Hotelbillets und Postkarten aus der vergangenen Zeit der grossen Luxuszüge angebracht. Der realistische Eindruck der Bahnhofssituation wird zudem noch durch wechselnde Lichteffekte verstärkt.

Im Anschluss an den Eingangsbereich folgen wie Wegmarken die einzelnen Stationen dieser äusserst reisefreudigen Dame, wobei jeweils ein Zusammenhang mit ihren einschlägigen Krimis dargestellt wird. Zu Beginn jeder Abteilung finden sich Trolleys mit Koffern. Auf diesen stehen grosse Tafeln mit den Bereichstexten, die den jeweiligen Themenbereich erläutern. Die ausgestellten Objekte sind in Wandvitrinen oder frei stehenden Expositionen – bei einigen handelt es sich sogar um Drehvitrinen – untergebracht. Zu jedem Objekt gehört ein an der Wand daneben befestigtes Textschild, das ausser der Objektbeschreibung und den Fundort noch Angaben über die heutigen Eigentümer bzw. die Leihgeber enthält - also übliche Exponatbeschilderungen. Viele der Leihgaben entstammen dem British Museum in London sowie auch dem Eigentum der Familie(n) von Agatha Christie und ihres Ehemannes Max Mallowan, dem berühmten englischen Archäologen. Prägnante Zitate aus Agatha Christies  Werken zieren die Wände des Ausstellungsensembles. In der Präsentationsabfolge ist jedoch durchaus ein Standard zu erkennen, der äusserlich den berühmten "roten Faden" bezeichnet:   Mittelpunkt eines jeden Ausstellungsabschnittes bildet eine frei stehende Vitrine mit einem orangefarbenen Fuss. Im oberen Bereich finden sich jeweils Erstausgaben der Veröffentlichungen Agatha Christies, während  darunter Bezugspunkte aufgeführt sind. Diese sind sehr vielfältig und auch durchaus "kriminalistisch" angehaucht. So finden sich - mit einem leichten Augenzwinkern -  neben verschiedenen Ausgaben der betreffenden Romane auch eine Pistole, eine Giftspritze samt Giftfläschchen oder gar Papyri.

Vom "Wartesaal" aus gelangt man weiter in einen nachgebildeten Wagen des Orient-Express, mit dem Agatha Christie seinerzeit zunächst bis Istanbul und dann weiter nach Damaskus und Bagdad reiste. An dieser Inszenierung sind im Sinne der zeitlichen Originalität hingegen nur das an dem Zug angebrachte Emblem des Orient-Express sowie auch ein gedeckter Tisch und die zugehörigen Stühle aus den 1930er-Jahren authentisch. Nach der vermeintlichen "Ankunft" in Istanbul, erscheinen Vitrinen mit historischen Reise- und Hotelprospekten, Reiseführern und Ansichtskarten. An der Wand ist eine Streckenkarte des Simplon-Orient- und des Taurus Express von 1930/31 angebracht. Darauf sind die damaligen Reiserouten der Eisenbahngesellschaften in Europa und Vorderasien auszumachen. Dem Streckenplan ist beispielsweise zu entnehmen, dass für die 3.342 km lange Route von Calais nach Istanbul, immerhin drei Tage benötig wurden.

Agatha Christies erste Station auf ihrer Reise in den Orient war die babylonische Königsstadt Ur, die berühmte und legendenumwobene Ausgrabungsstätte zwischen Euphrat und Tigris. Zur Illustration dieser Reise werden Halsketten und der bekannte Dolch (der auch Katalog und Plakat sowie einige Devotionalien an der Museumkasse ziert), bestehend aus Gold und Lapislazuli [2.600 - 2.500 v. Chr.] präsentiert, die den archäologischen Untersuchungen in Ur entstammen. Der archäologische und auch für Nicht-Fachleute inhaltlich hochinteressante Bereich dieser grossen Ausgrabungsstätte wird in einem separaten Raum präsentiert, dessen Mittelpunkt eine Vitrine mit der Erstausgabe von "Absent in the Spring" (dt.: "Verdrängter Verdacht") von 1944 bildet. Dieses Buch erschien allerdings noch unter Agatha Christies Pseudonym "Mary Westmacott". An den Wänden sind u. a. Ausgrabungsfotos zu sehen, die ihr zweiter Ehemann, der Archäologe Max Mallowan, in den 1920er Jahren aufgenommen hat und die einen hohen dokumentarischen Wert für die moderne Archäologie besitzen. Max Mallowan und Agatha Christie lernten sich in Ur auf ihrer zweiten Reise kennen. Die Heirat erfolgte im September 1930. Somit besaß Ur für Agatha Christi auch eine persönliche Komponente in ihrer Biographie.

Der nächste Bereich ist Ninive im Irak gewidmet, einer ebenso legendären und reichhaltigen Fundstätte. In den Jahren 1931/1932 ergrub Max Mallowan als Assistent des Archäologen Campbell Thompson die dort bis dahin unerforschten prähistorischen Schichten. Ein Grabungsvertrag – im Original zu sehen – besagt, dass Agatha Christie einen Monat lang bei der Ausgrabung anwesend sein durfte. Für ihre Verpflegung und Unterkunft musste sie jedoch selbst aufkommen, was - das sei von der Rezensentin ironisch angemerkt - belegt, dass die Archäologie schon damals eine "brotlose Kunst" gewesen ist. In der Essener Ausstellung werden Funde aus Ninive der Uruk-Zeit (3.500 – 3.100 v. Chr.) sowie aus der Ninive 5 - Zeit (2.800 v. Chr.) präsentiert. Mallowan legte bei seiner Grabung einen 30 Meter großen Tiefschnitt an, der sich nach unten hin verjüngte und aufgrund der ganz erheblichen Einsturzgefahr eine recht gefährliche Angelegenheit für das Grabungsteam darstellte. In der Ausstellung wird diese Situation in einer Inszenierung nachempfungen: die Wände dieses Ausstellungsraums verjüngen sich v-förmig nach unten und sollen bei den BesucherInnen ein Gefühl für die beengte Grabungslage erzeugen. Wie dieses Gefühl bei hohem Publikumsandrang noch verstärkt werden kann, musste die Rezensentin höchstpersönlich erfahren.

Nur wenige Schritte weiter gelangt man zu einem der berühmtesten Krimis von Agatha Christie, dem "Mord im Orient-Express".   Zunächst verweisen rechts im Raum eine Reihe von Koffern, z. B. ein Schrankkoffer, ein Schuhkoffer, ein Reisenessessär und ein Apothekerkoffer, alle natürlich aus Holz angefertigt, auf die Reisetätigkeit Agatha Christies im allgemeinen und den Krimi bzw. Film im besonderen, dessen Handlung ja in einem steckengebliebenen Luxuszug spielt. Agatha Christie wurde zu diesem Krimi zum einen dadurch inspiriert, dass sie selbst mehrere Tage in einem eingeschneiten Zug festsass, zum anderen aber auch durch die Presseberichterstattung über die Entführung und Ermordung des Lindbergh-Babys. Im hinteren Raumbereich befindet sich sogar ein Abteilwagen des Simplon-Orient-Express aus den späten 1920erJahren. Daneben ist eine Schlafwagenschaffner-Uniform und ein Schlafrock aus dem Film "Mord im Orientexpress" zu sehen. Links daneben sind auf einem Podest die namentlich gekennzeichneten Stühle der SchauspielerInnen, die bei dem Film "Mord im Orient-Express" im Jahre 1974 mitgewirkt haben, aufgestellt. Bei den Stühlen selbst handelt es sich allerdings um Nachbildungen, doch die  daran angebrachten Namensschilder sind original. Darunter befinden sich auch die Namen so berühmter Filmstars wie Albert Finey, der damals den Hercule Poirot spielte, sowie von Sean Connery, Anthony Perkins und Vanessa Redgrave. Von Hercule Poirot ist sogar der Smoking zu sehen, den er bzw. sein Darsteller in dem Film getragen hat. Die Fotos aus dem Film, die dazu ausgestellt sind, wurden von Lord Snowdon, dem Ex-Ehegatten von Prinzessin Margaret von England aufgenommen. Alles in allem eine runde und in sich geschlossene Präsentation, die durch eine gelungene technische und inhaltliche Umsetzung besticht, andererseits aber auch unter einer räumlichen Enge und Unübersichtlichkeit leidet.

Der als nächstes gezeigte Ausgrabungsort (links im Raum) ist das Tell Arpachiyah im Irak, wo Max Mallowan, assistiert von seiner Ehefrau, 1933 die erste selbstständige Grabung durchführte. Als Glanzstück dieser Grabung werden farbenprächtige, sehr qualitätvolle Gefässe gezeigt, die von Agatha Christie seinerzeit eigenhändig restauriert wurden und die den Beständen des British Museum entstammen. Ausserdem sind hier die Verträge zu sehen, die Max Mallowan im Zusammenhang mit seinen Ausgrabungen abgeschlossen hat. Die beiden weiteren Länder, die in der Ausstellung in Beziehung zur Person Agatha Christies vorgestellt werden, hat die Autorin allerdings nicht in archäologischer Mission besucht, sondern nur als eine, wenn auch interessierte, Touristin. Es handelt sich hierbei um Jordanien und Ägypten. In Jordanien wurde sie vor allem durch die eigentümliche Atmosphäre der Felsenstadt Petra zu ihrem 1928 erschienen Kriminalroman "Appointment with Death" (dt.: "Der Tod wartet") inspiriert. Neben der Erstausgabe dieses Werks werden in der Vitrine ein Faksimile dieses Buches sowie eine Giftspritze mit einem Giftfläschchen gezeigt.

Ägypten hat Agatha Christie indessen mehrmals besucht. Diese Reisen, sowie auch ihre Liebe zu Ägypten seit Kindertagen und die Auffindung des Grabes von Tutanchamun, veranlassten sie, sich intensiv mit der ägyptischen Geschichte zu beschäftigen. Aus diesem Interesse sind mehrere Kriminalromane und ein Theaterstück entstanden. Einer ihrer berühmtesten Kriminalromane, "Death on the Nil" (dt.: "Tod auf dem Nil") von 1937, wurde mit Peter Ustinov als Hercule Poirot verfilmt. Auf die Verfilmung verweist eine grosse Wandvitrine mit imitiertem Nil-Schlamm auf dem Boden, in der neben 12 Kostümentwürfen u.a. der Tropenanzug und der Schlafrock des Hercule-Poirot-Darstellers ausgestellt sind. An der Wand daneben hängen Szenenfotos aus dem Film "Tod auf dem Nil“ und ein Plan von Karnak. Des weiteren können die BesucherInnen durch vier Fernrohr-Attrappen als Dia-Aufnahmen verschiedene Ansichten von Karnak betrachten. Die Zusammenstellung von Agatha Christies Romanen, Filmsequenzen und Originalrequisiten wirken äusserst belebend und regen die BesucherInnen - so erging es zumindest der Rezensentin - zu einem längeren Verweilen in diesem Ausstellungsbereich an. Mit den Fernrohr-Attrappen wurde zudem eine Möglichkeit geschaffen, die BesucherInnen aktiv in das Ausstellungsgeschehen einzubeziehen. Leider blieb dies eine Ausnahme, und es ist sehr zu wünschen, dass die AusstellungsmacherInnen gerade hier Nachbesserung betreiben. Vor allem der Einsatz von Multimedia bietet ja im Ausstellungsbereich sehr gute Möglichkeit für eine Besucherführung.

Während der Ausgrabungscampagnen haben Agatha Christie und ihr Ehemann ebenso wie die übrigen Mitglieder des Grabungsteams in Zelten sowie im Grabungs- und Expeditionshaus gelebt. Noch als 58jährige hat Agatha Christie in einem Zelt übernachtet. In der Ausstellung ist auch ein derartiges Expeditionszelt aufgebaut. Im Innern wird ein Film gezeigt, den Agatha Christie vom Grabungsalltag in Chagar Bazar und Tell Brak in Syrien aufgenommen hat, wo ab 1934 die archäologischen Tätigkeiten von Max Mallowan und seiner Ehefrau stattfanden. Von 1935 bis 1937 untersuchte Max Mallowan den prähistorischen Hügel Chagar Barzar in Nordsyrien. Eine große Wandkarte zeigt diesen Tell und seine Umgebung. In einer Vitrine sind auf langen Holztischen Fundgegenstände angeordnet, die bei den dortigen Ausgrabungen entdeckt wurden, wie z.B. Rollsiegel und verschiedene Statuetten. Zu sehen sind weiter die Erstausgabe von "Come tell me how you live" (dt.: "Erinnerung an glückliche Tage"), aus dem Jahr 1946, bei der es sich um eine der beiden Autobiografien von Agatha Christie handelt, sowie ein Personalausweis von Max Mallowan. Ausserdem dokumentieren weitere Exponate des British Museum in London, wie Tonstatuetten von Göttinnen, Keramikgefässe, Bronzefunde, Amulette und Siegel, diese Grabungsaktion.

Der nächste Ausstellungsbereich befasst sich mit den Ausgrabungen in Tell Brak in Nordsyrien. Hier werden einige der gefundenen besonders sensationellen Objekte präsentiert, wie z.B. Augenidole aus Alabaster, ein Altarfries aus Gold und Lapislazuli sowie einer der frühesten stilisierten Menschenköpfe der Welt. Ein an der Wand angebrachtes überdimensionales Foto aus dem Jahre 1938 zeigt Max Mallowan, der im Ausgrabungsauto "Queen Mary" sitzend den Lohn an seine Grabungsarbeiter auszahlt. Neben der Grabungsgenehmigung für das Tell Brak ist daher auch das Zahlbuch von Mallowan ausgestellt. Interessant daran ist, dass einige Unterschriften fehlen, stattdessen aber Daumenabdrücke zu erkennen sind, die wohl mangels Schreibfähigkeit der betreffenden Personen angebracht wurden. Direkt neben dieser Vitrine kann eine Dunkelkammer betreten werden, in der die Originalkameras von Agatha Christie ausgelegt sind, mit denen sie in Syrien und im Irak die Grabungsfotos machte und sie anschließend auch selbst entwickelte. Es handelt sich hierbei um eine Zeiss Ikon 551/6 und eine Leica D.R.P. III. Agatha Christie hatte, so vermittelt es diese Auswahl, offensichtlich eine Vorliebe für diese deutschen Produkte.

Der letzte Ausstellungabschnitt ist in einem separaten Raum untergebracht. Diese räumliche Trennung visualisiert einen biographischen Bruch im Leben und Wirken des Ehepaares. Durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden nämlich die Ausgrabungsarbeiten von Max Mallowan und Agatha Christie unterbrochen. Erst nach dem Kriegsende konnten sie ihre archäologische Forschung wieder aufnehmen und waren danach in Nimrud tätig. In der Mitte des nächsten Raumes soll die Replik eines Ziehbrunnens aus dem Nordwestpalast in Nimrud die Aktivitäten des Ausgrabungsteams vermitteln. In diesem Brunnen, der bis zu einer Tiefe von 10 Metern mit feuchtem Schlamm gefüllt war, stiessen die Archäologen seinerzeit auf eine Reihe von bemerkenswerten Funden. Einige dieser Fundstücke, wie Vorratsgefässe, Tonfiguren, Keilschrifttafeln und Rollsiegel, werden im selben Raumes ausgestellt. Zu den Höhepunkten der Agatha Christie-Ausstellung dürften jedoch die an der Stirnwand des Raumes präsentierten Fundobjekte aus Nimrud gehören. Es handelt sich insgesamt um drei fantastische Elfenbeinartefakte und Reliefs, die zum Teil von Agatha Christie persönlich gesäubert und restauriert worden sind. Zum Ausstellungsensemble dieses Raumes  gehören jedoch ebenso Fachveröffentlichungen von Max Mallowan, unter anderem Ausgaben seiner Publikationen "Ein Autobiograf in Bagdad" und "Nimrud and its Remains" sowie seine Grabungstagebücher aus den Jahren 1952 und 1957 in Nimrud.

Am Ausgang des Ausstellungsraumes sind zwei Monitore aufgestellt, auf denen erstmals Filme gezeigt werden, die Agatha Christie 1952 bzw. 1957 bei den Ausgrabungsarbeiten in Nimrud aufgenommen hat. Sie selbst ist allerdings nur in ganz kurzen Sequenzen zu sehen. Ausser Filmen und Fotografien werden in der Ausstellung noch eine Reihe weiterer audiovisueller Medien eingesetzt. So kommt beim Rundgang keine Langeweile auf, da in regelmäßigen Abständen immer wieder einzelne Höhepunkte bzw. neue Überraschungen eingebaut sind. Sogar der ominöse Schrei im Orient-Express ist hin und wieder zu hören, wenn eine bestimmte Lichtschranke überschritten wird.

Obwohl die Ausstellung bei der Rezensentin ein überwiegend positiven Eindruck hinterliess, muss dennoch angemerkt werden, dass die Präsentation nicht für alle Interessierte zugänglich ist. Gehbehinderte und ältere Menschen haben in der gesamten Ausstellung mit  gravierenden Problemen zu kämpfen. Ursache dafür ist die unterschiedliche Anordnung der Ausstellungsebenen, die zum Teil nur bei Überwindung von Treppen und engen Durchgängen erreicht werden können, was zweifellos an der relativ kleinen Ausstellungfläche liegt. Das Verhältnis zwischen Ausstellungsfläche und Exponaten erscheint weniger ausgewogen. Hier sollte das Raumkonzept vielleicht nochmals geprüft werden. Dennoch kommt man nicht umhin, den AusstellungsmacherInnen Respekt zu zollen. Eine inhaltlich und wissenschaftlich gut konzipierte Ausstellung, die nicht zuletzt auch durch ein hervorragendes Begleitprogramm und einen erstklassigen Katalog viele der kleinen Fehler wettmacht.

Begleitprogramme

Zur Ausstellung selbst werden zahlreiche Veranstaltungen angeboten, die u.a. auch auf der Webseite zu ersehen sind. An dieser Stelle kann nur eine kleine Auswahl angeführt werden: Im Rahmen der "Langen Nächte im Ruhrlandmuseum" finden jeweils bis 24.00 Uhr folgende Veranstaltungen statt: "Poirot, übernehmen Sie!", "Eine Nacht im kolonialen Ägypten", "Eine Nacht in Syrien", "Eine Nacht im Irak", "Wir haben noch Leichen im Keller". Ergänzend hierzu gibt es eine Reihe von Vorträgen zum Thema "Agatha Christie und der Orient". Filme über die antiken Hochkulturen des Vorderen Orients im Ruhrlandmuseum ergänzen vor allem den archäologischen Teil der Ausstellung.

Selbstverständlich fehlen auch die Agatha Christie- Krimi-Filme nicht. Einige der "Klassiker" werden während der Zeit der Ausstellung in verschiedener Essener Kinos gezeigt: u. a. "16.50 ab Paddington", "Der Wachsblumenstrauß", "Die Morde des Herrn ABC", "Mord im Orient-Express" und natürlich auch "Zeugin der Anklage", in dem Marlene Dietrich eine ihrer Glanzrollen spielte. Für die kleinen Museumsgäste werden im Museum Sonderführungen und spezielle Veranstaltungen durchgeführt.

Zur Ausstellung gibt es übrigens im Café und Restaurant des Museums an jedem Donnerstag- und Freitagabend sowie jeden Sonntagmorgen mehr oder weniger direkt zum Ausstellungsthema in Bezug stehende besondere Menüs bzw. Frühstücke. Im Preis für die Mahlzeiten sind der Eintritt und zum Teil sogar Führungen enthalten. Es empfiehlt sich eine entsprechende Voranmeldung.

Katalog

Zu der Ausstellung ist ein 476 Seiten umfassendes von Charlotte Trümpler herausgegebenes Begleitbuch erschienen. Der Katalog beginnt mit den üblichen Präliminarien, wie Danksagung an alle Sponsoren, durch deren tatkräftige Unterstützung die Ausstellung erst ermöglicht wurde, einem Grusswort von Mathew Prichard, dem Enkel von Agatha Christie sowie der Einleitung von der Herausgeberin und Ausstellungsmacherin Charlotte Trümpler.

Danach folgen die Biografien von Agatha Christie und ihrem zweiten Ehemann Max Mallowan und zahlreiche Beiträge über Agatha Christies Grabungsaufenthalte und Grabungstätigkeiten im Orient, über die Ausgrabungsstätten und das Leben, eine nacherlebte Orientreise sowie ein Bericht über Agatha Christie als Reisende. Der zweite Teil des Begleitbandes enthält Abhandlungen über ihre Kriminalromane und in einem dritten, allerdings nur aus einem Beitrag bestehenden Teil, werden unter dem Titel "Abendland filmt Morgenland" Agatha Christie, der Film und die Archäologie behandelt.Ein Anhang enthält Karten der Reiserouten und Ausgrabungsorte Agatha Christies, ein Glossar, eine Bibliografie, Abbildungsnachweise und das Impressum.

Das Begleitbuch ist auf Grund seiner hochwertigen äußeren Aufmachung ebenso wie auch vom Inhalt her uneingeschränkt positiv zu bewerten. Sowohl die Wissenschaftlichkeit als auch Bildauswahl und –qualität sind optimal. Nicht zuletzt ist der Text sprachlich klar und auch für Laien verständlich formuliert und gut zu lesen. Es bleibt zu hoffen, dass auch der Katalog eine ausführliche Rezension erfährt.


© Margrit Sollbach-Papeler
Alle Rechte bei der Autorin und VL Museen
Dokument erstellt am 27.11.1999