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Deutschland

Ausstellungsbesprechung

 

Rezensiert von
Margrit Sollbach-Papeler
Herdecke

Leben und Tod im Alten Ägypten
Meisterwerke aus dem Reichsmuseum für Altertümer in Leiden
13. Juni bis 17. Oktober 1999
Gustav-Lübcke Museum, Neue Bahnhofstrasse 9, 59065 Hamm

Website:
Es ist keine Website zur Ausstellung vorhanden

Kataloge
Leben und Tod im Alten Ägypten.
Meisterwerke aus dem Reichsmuseum für Altertümer in Leiden,
hrsg. v. Reichsmuseum für Altertümer in Leiden und Gustav-Lübcke-
Museum der Stadt Hamm, Leiden/Hamm 1999.

Abdel Ghaffar Shedid/Anneliese Shedid: Das Grab des Sennedjem.
Ein Künstlergrab der 19. Dynastie in Deir el Medineh, 2. Auflage, Mainz 1999.

Gliederung:
Ausstellung
Katalog
Begleitprogramm


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Die Ausstellung

Auf rd. 800 qm Ausstellungsfläche werden im Gustav-Lübcke-Museum in Hamm insgesamt 302 ägyptische Originalexponate präsentiert, die sämtlich aus dem Reichsmuseum für Altertümer in Leiden stammen. Die Ausstellung erstreckt sich über zwei Etagen. Der untere Bereich ist wegen der dort gezeigten lichtempfindlichen Objekte aus konservatorischen künstlich beleuchtet. Die Exponate in der ersten Etage erhalten von oben kommendes Tageslicht.

Beim Betreten der Ausstellungsräume fällt die Weitläufigkeit der angeordneten Vitrinen und Ausstellungsstücke ins Auge. Diese ist beabsichtigt und ermöglicht es, daß auch die TeilnehmerInnen an Führungen von Klassen und größeren Gruppen einen ungehinderten Blick auf die Objekte haben. Die meisten der Vitrinen sind zudem verhältnismäßig niedrig und die Beschriftungen zu den einzelnen Exponaten im unteren Bereich angebracht. Hier hat man vorwiegend an kleinere Kinder und Rollstuhlfahrer gedacht, damit auch diese die einzelnen Objekten in Augenhöhe haben.

Innerhalb der Ausstellung erfolgt eine thematische Unterteilung:

Jenseitsvorstellungen prädynastischer Zeit und des Alten Reichs
Alltag im Jenseits
Schrift- und Schriftentwicklung
Papyrus
Kosmetik
Mumifizierung
Textzeugnis zur Mumifizierung
Description de l‘Egypte
Josef Henrici - Vom Ganges in den Orient der Jahrhundertwende
Ägyptenbegeisterung im 19. Jahrhundert und die Anfänge der Ägyptensammlung in Hamm.

Die Ausstellung im unteren Bereich beginnt mit einer Chronologie und einer Karte des Alten Ägypten. Daneben wird auf einer großen Tafel mit der Überschrift "Leben nach dem Tod" die Konzeption der Ausstellung erläutert. Auf großen, gut lesbaren Schrifttafeln werden kurze Erläuterungen zu dem jeweiligen Themenbereich gegeben. Zumeist in Vitrinen sind zugehörige Objekte ausgestellt. So wird z. B. zur Jenseitsvorstellung das Totenbuch der Taherjt gezeigt, das aus 26 Papyrieblätter besteht und 11 Meter lang ist. Taherjt war um 1.000 v. Chr. Amum-Priesterin in der 3. Zwischenzeit, der 21. Dynastie in Ägypten. Eine zentrale Rolle im Jenseitsglauben der Ägypter nahm Osiris ein. Er, der selbst – mit Hilfe seiner Frau Isis – den Tod überwunden hatte, demonstrierte, daß das Sterben lediglich die erste Phase des Übergangs in das nächste Leben in einer besseren Welt war. Daher erscheint Osiris in zahlreichen Darstellungen, von denen auch eine Reihe in der Ausstellung gezeigt werden. Um dieses Leben im Jenseits so angenehm wie möglich zu gestalten, erhielt der Verstorbene zahlreiche Gegenstände mit ins Grab, die je nach Vermögensstand der Hinterbliebenen mehr oder weniger aufwendiger ausfielen. So ist z. B. in der Ausstellung ein Hausmodell mit Hof (ca. 2.000 v. Chr.) zu sehen, das aus rot bemaltem Terrakotta besteht. Ein zweites Modell, aus bemaltem Holz, zeigt das Modell einer Brauerei (ca. 1.900 v. Chr.). Beide Modelle stammen aus den Gräbern von weniger begüterten Bevölkerungsschichten, vermitteln jedoch als „Momentaufnahmen" und als Ausschnitt ein anschauliches Bild vom Alltagslebens im alten Ägypten. Im Neuen Reich ersetzen sogen. Uschebtis solche Modelle, von denen in der Ausstellung ebenfalls einige repräsentative Stücke zu sehen sind.

Ein Zeichen dafür, daß die Familie des Verstorbenen reich und angesehen war, ist die Tatsache, daß wertvoller Schmuck mit in das Grab gegeben wurde. Selten sieht man eine so umfangreiche Schmucksammlung aus Ägypten wie in dieser Ausstellung. Besonders eindrucksvoll sind drei Halsketten aus Gold und Karneol, die alle aus der Zeit um 1.375 v. Chr. stammen.

Besonders wichtig für das jenseitige Leben war die Mumifizierung, die ab 3.000 v. Chr. einsetzte und in den Grundzügen bis zum Ende der ägyptischen Ära beibehalten wurde. Herodot – der übersetzte Text ist in der Ausstellung auf einer Schrifttafel zu sehen - beschrieb sogar in seinen Historien II 86 im 5. Jahrhundert v. Chr. eine solche Mumifizierung. Daher bilden auch zwei vollkommen intakte Mumien den Mittelpunkt dieses Ausstellungsraums. In beiden Fällen handelt es sich, wie aufgrund radiologischer Untersuchungen festgestellt wurde, um junge Leute. Auch die Mumie einer Katze und eines Krokodils sind zu sehen.

Zum Schluß dieses Ausstellungsbereichs wird auf die Entwicklung der Ägyptologie eingegangen, die ihren Ursprung in dem Ägyptenfeldzug Napoleons von 1798/1799 hat. Die Ägyptenbegeisterung im 19. Jahrhundert führte schließlich auch dazu, daß am 14.12.1886 in Hamm eine Mumie eintraf, die von Hammer Bürgern erworben worden war und die Grundlage zu der heutigen Ägyptensammlung des Gustav-Lübcke-Museums bildete.

Doch was wäre eine Ägyptenausstellung zu dem Thema "Leben und Tod im Alten Ägypten" ohne eine Grabkammer? Aus diesem Grunde hat man im Museum in Hamm die Nachbildung der Grabkammer des Sennedjem, der Baumeister zur Zeit Ramses II. war, ausgestellt. Diese Grabkammer wurde auf Veranlassung des Ägyptologen Wolfgang Wettengel von einem Künstler abgemalt und anschließend rekonstruiert. Das Grab des Sennedjem gehört zu den wenigen Gräbern in Ägypten, das vollkommen intakt, noch mit einem unversehrten Siegel nach der letzten Bestattung und Öffnung des Grabes versehen, vorgefunden worden ist. Es wurde von einem Handwerker, der ansonsten für die Herstellung von Königsgräbern zuständig war, für sich selbst hergestellt.

Die Attraktion im unteren Ausstellungsbereich ist eine multimediale Reise in das alte Ägypten. Auf einem Fernsehmonitor kann man z. B. einen dreidimensionalen Gang durch eine rekonstruierte Grabanlage oder durch die Siedlung Deir el Medina machen, seinen Namen mit Hilfe von Hieroglyphen schreiben oder etwas über die Götterwelt im alten Ägypten erfahren. Die entsprechende CD-ROM ist an der Museumskasse käuflich zu erwerben.

Im oberen Bereich der Ausstellung steht ein Pyramiden-Modell mit einem aufgesetzten Pyramidon im Mittelpunkt. Die Pyramiden symbolisierten im Alten und Mittleren Reich möglicherweise einen Strahl des Sonnenlichtes, an dem entlang der König zum Himmel hinaufsteigen konnte. Erst im Neuen Reich konnte auch die Pyramidenform für andere als die Könige verwandt werden. So sind z. B. auch Dachaufbauten über den Kapellen großer Privatgräber nunmehr als Pyramiden gestaltet worden. Um das ausgestellte Pyramiden-Modell sind strahlenförmig die drei Themenbereiche Götter, Könige und Beamte bzw. Priester jeweils etwas erhöht angeordnet. Im Hintergrund dieser Ausstellungsbereiche wurden überlebensgroße Darstellungen der Götter Horus und Hathor, einem König und einer Königin sowie zweier "weltlicher" Personen mit dem typischen Parfümkegel auf dem Kopf auf Tafeln an den Wänden angebracht. Die drei Bereiche werden durch figürliche Darstellungen von Göttinnen, Göttern, der Könige und Königinnen, der Beamten- und Priesterschaft veranschaulicht. Eine Reihe von Statuen, Statuetten, Uschebtis, Stelen, Ausschnitten aus Wandreliefs, Kelchen, Amphoren, Gefäßen u. ä. vermitteln einen Einblick in die Glaubens- und Lebenswelt des alten Ägypten. Zu den wertvollsten Gegenständen dieses Ausstellungsbereichs gehört die Silber-Statuette des Gottes Nefertem.

Den Abschluß dieses oberen Ausstellungsbereichs bilden Modelle von baulichen Anlagen im alten Ägypten. Hierzu gehören Modelle der Villa des Neferhotep, des Palastes von Amenhotep III., der Anlage von Abusir, der Tempelanlagen in Philae, Chons und Karnak sowie ein Glasmodell der Cheopspyramide. Ergänzt werden diese Modelle durch Zustandfotos aus dem heutigen Ägypten.

Die Ausstellung "Leben und Tod im Alten Ägypten" wird einzig im Gustav-Lübcke-Museum zu sehen sein. Anschließend gehen die Exponate wieder an das Museum in Leiden zurück.

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Der Katalog

Der Katalog "Leben und Tod im Alten Ägypten" hat einen Umfang von 176 Seiten. Neben den üblichen Präliminarien wie dem Grußwort, dem Vorwort, Erläuterungen zur Konzeption der Ausstellung, dem Dank der Museumsdirektorin, Frau Dr. Ellen Schwinzer, die 12 Seiten umfassen, werden in dem Katalog die einzelnen Themenbereiche der Ausstellung und die entsprechenden Objekte aufgeführt und erläutert. Im Anhang finden sich ein allgemeines Glossar mit den wichtigsten Begriffen zum Thema „Alt-Ägypten" sowie ein weiteres zur alt-ägyptischen Götterwelt. Der Ausstellungskatalog ist übersichtlich aufgebaut und die Texte gut verständlich. Besonders positiv hervorzuheben ist die hervorragende Qualität der Farbaufnahmen aller in der Ausstellung gezeigter Exponate.

Der zweite Katalog ist zu dem Grab des Sennedjem erschienen. In diesem Katalog wird zunächst die Arbeiter- und Künstlersiedlung von Deir el Medineh und deren Bewohner beschrieben. Den größten Teil nimmt jedoch der Bericht über die Auffindung des Grabes von Sennedjem sowie Beschreibung und fotografische Wiedergabe des Grabes ein. Ergänzend enthält der Katalog noch einschlägige Literaturangaben und eine Chronologie der Geschichte Ägyptens. Auch dieser Katalog ist empfehlenswert, da er qualitativ ausgezeichnete Farbaufnahmen enthält und die Texte einen exemplarischen Einblick in das Konzept und Herstellung eines Beamtengrabes der 18. Dynastie geben.

Begleitprogramm

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Die Ausstellung selbst wird durch zahlreiche Begleit- und Erweiterungsprogramme bzw. Vorträge ergänzt. Für Schulklassen gibt es z. B., der jeweiligen Jahrgangsstufe angepaßte thematische Führungen. Im Anschluß daran wird das Gehörte und Gesehene praktisch umgesetzt. An zwei Sonntagen im September sind Führungen für Kinder und Erwachsene vorgesehen. Öffentliche Führungen finden jeweils samstags um 15.00 Uhr und sonntags 11.00 und 15.00 Uhr statt. Eine spezielle Führung für Senioren erfolgt am 25. August 1999 um 15.00 Uhr. Es gibt auch selbst geführte Besichtigungen mittels Tonkassette und Kopfhörer. Zum Beiprogramm gehört eine wissenschaftliche Vortragsreihe. Während der Ausstellung wird zudem eine Ägypten-Fotoausstellung von Bernd Danke „Reisebilder-Fotografien" gezeigt. Dazu ist im Kettler-Verlag, Bönen, ein reich bebilderter Katalog erschienen.

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© Margrit Sollbach-Papeler
Alle Rechte bei der Autorin und VL Museen
Dokument erstellt am 24.7.1999