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Ausstellungsbesprechung

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Zwangsarbeit in Rheinland und Westfalen 1939-1945
Historisches Centrum Hagen
22. September 2002 - 14. Februar 2003
WWW: http://www.nrw-zwangsarbeit.de

Rezensiert von
Joachim Schröder M.A., Lehrstuhl für Neuere Geschichte der
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Email: schroejo@rz.uni-duesseldorf.de


Als vor etwa vier Jahren, angesichts drohender Sammelklagen aus den USA, in der Bundesrepublik eine allgemeine Debatte über die Entschädigung der ehemaligen NS-ZwangsarbeiterInnen einsetzte, erlebte das Thema "NS-Zwangsarbeit" eine vorher nicht gekannte Aufmerksamkeit. Die Fülle der in den letzten drei Jahren erschienen Publikationen zum Thema belegt dies in eindrucksvoller Weise, auch wenn heute, wo die Entschädigung nicht mehr auf der politischen Tagesordnung steht, ein Abflauen des öffentlichen Interesses konstatiert werden kann. Insofern war es eine dringende Aufgabe, die erzielten Forschungsergebnisse in geeigneter Form einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren.

Im Rahmen eines Gemeinschaftsprojektes mehrerer rheinischer und westfälischer Stadtarchive und -museen wurde am 22. September 2002 im Historischen Centrum Hagen die Ausstellung "Zwangsarbeit in Rheinland und Westfalen 1939-1945" eröffnet (als weitere Standorte folgen die an dem Projekt beteiligten Städte). Erste Station der Ausstellung (jeweils ergänzt durch einen lokalspezifischen Teil) ist nicht zufällig das Historische Centrum, in dem seit 1998 Stadtarchiv und Stadtmuseum vereinigt sind. Die südwestfälische Institution hat in den letzten Jahren einen weit überdurchschnittlichen Teil ihrer Kapazitäten auf das Thema "NS-Zwangsarbeit" konzentriert, was sich auch in der Ausstellung überaus positiv bemerkbar macht. [1] Die Hagener Ausstellung stellt - mindestens in der Region [2] - den bisher überzeugendsten Versuch dar, dieses hochkomplexe Thema einer breiteren Öffentlichkeit nahezubringen. Zwar beschränkt sie sich auf die Darstellung der NS-Zwangsarbeit in Rheinland und Westfalen. Es ist aber in überzeugender Weise gelungen, den lokalen "Reichseinsatz" während des Zweiten Weltkrieges durch eine geschickte Auswahl von überwiegend lokalen, vor allem aus dem Hagener Stadtarchiv stammenden Quellen, so zu vermitteln, dass verallgemeinernde Schlüsse gezogen werden können.

In mehreren Räumen werden die verschiedenen Aspekte des von den Nationalsozialisten so bezeichneten "Reichseinsatzes" vorgestellt: der
Arbeitsalltag, das Leben im Lager, ihr Einsatz in allen Wirtschaftszweigen, die besondere Situation der Zwangsarbeiterinnen, der Zusammenhang von Kriegsverlauf und Zwangsarbeit sowie die Rolle der Gestapo bei der Disziplinierung und Verfolgung der ZwangsarbeiterInnen. Auch die Traditionen des "Reichseinsatzes" und die Motive für die neuerliche massenhafte Anwerbung von ausländischen Arbeitskräften werden erläutert. Deutlich hervorgehoben wird vor allem die ideologisch motivierte und NS-spezifische rassistische Wertehierarchie, in die die ins Reich geholten Menschen eingestuft wurden. Es gab eben nicht "den Zwangsarbeiter". Je nach Standort in dieser Hierarchie wurden die Lebens- und Arbeitsbedingungen der AusländerInnen gestaltet, wobei die aus Osteuropa stammenden Arbeitskräfte besonders unmenschlichen Bedingungen unterworfen waren, weil die Machthaber in ihrem Einsatz aufgrund der "rassischen Unterschiede" eine erhebliche "völkische Gefahr" erblickten. Dies wird in der Ausstellung anschaulich dokumentiert, u.a. durch ein mehrseitiges Rundschreiben des "Reichsführers SS und Chefs der Deutschen Polizei" über die "Einsatzbedingungen der Ostarbeiter" vom 13. Juni 1942. Die Arbeitskräfte aus Osteuropa stehen im Zentrum der Ausstellung, was damit zusammenhängt, dass sie - nicht nur in der Region Hagen - die größte Gruppe innerhalb der ausländischen Bevölkerung bildeten.

Etwas ambivalent steht der Rezensent dem Versuch der AustellungsmacherInnen gegenüber, Praxis und Alltag des "Reichseinsatzes" mit Hilfe von Inszenierungen Authentizität zu verleihen. So ist der Eingang der Ausstellung einem Güterwaggon der "Deutschen Reichsbahn" nachempfunden, mit dem OstarbeiterInnen nach Deutschland gebracht wurden. In einem weiteren Raum befindet sich eine Leinwand, auf dem u.a. ein NS-Propagandafilm von 1944 über das Leben der ausländischen Arbeitskräfte im Reich zu sehen ist, hinter einem Stacheldrahtzaun. Gewiss stellen solche Elemente einen nicht ungewichtigen Teil der Realität des "Reichseinsatzes" - vor allem der OsteuropäerInnen - dar, gleichzeitig besteht hier aber die Gefahr eben jener Verallgemeinerungen, die die Ausstellung ansonsten in so positiver Weise zu vermeiden bemüht ist. Überdies hätte der Propagandafilm unbedingt eines kritischen Kommentars bedurft. Es ist ungewiss, ob sich der hier offenbarte,
grenzenlose Zynismus auch dem Laien in seiner vollen Breite erschließt. Angesichts der Ausstellungsdauer bis zum 14. Februar 2003 wäre hier vielleicht noch eine Nachbesserung sinnvoll.

Einen wichtigen Raum nimmt, wie gesagt, die Darstellung der rassistischen Dimension des "Reichseinsatzes" ein, u.a. das von den Machthabern mit äußerster Strenge verfolgte Gebot der "Rassereinheit". In diesem Zusammenhang macht die Ausstellung mit Hilfe einer Reihe eindrucksvoller, erschütternder Fotografien auf ein bisher wenig untersuchtes Phänomen aufmerksam: das der öffentlichen Zurschaustellung und Anprangerung vor allem von deutschen Frauen, die intime Beziehungen mit Polen oder "Ostarbeitern" eingegangen waren. Dies geschah am hellichten Tag, auf öffentlichen Plätzen und Straßen - und "vor aller Augen".[3] Hier wird die Unerbittlichkeit sichtbar, mit der die nationalsozialistische "Volksgemeinschaft" diejenigen verfolgte, die sich nicht an deren Regeln hielten. Die "Volksgemeinschaft"
war dazu aufgerufen, Polizei und Gestapo bei der Überwachung der AusländerInnen zu unterstützen und wurde so vielfach zum Komplizen bei ihrer Unterdrückung. Die Langzeitwirkung dieser Indienstnahme der "Volksgemeinschaft" sowie der permanenten Schürung bzw. Zementierung von rassistischen Vorurteilen gegenüber den "minderwertigen" AusländerInnen ist nur schwierig zu ermessen. Interessant wäre in dieser Hinsicht ein Blick auf Kontinuitäten und Diskontinuitäten angesichts der in den 1950er Jahren erneut einsetzenden Massenanwerbung von ausländischen Arbeitskräften gewesen (die übrigens ebenfalls als "Fremdarbeiter" bezeichnet wurden).

Auch biographische Aspekte kommen in der Ausstellung nicht zu kurz. Akustisch umgesetzt werden einerseits die Vernehmungsprotokolle zweier Täter: des Chefs der Hagener Gestapo und des Leiters eines Gestapo-Straflagers bei den Klöckner-Werken. Ausführlich kommen auch Opfer (in Ton, Schrift und Bild) zu Wort: ein ehemaliger Ostarbeiter schildert ausführlich seine Erlebnisse in Deutschland, ein ehemaliger französischer Zwangsarbeiter berichtet über seine Erlebnisse bei der "Organisation Todt" (das zuweilen immer noch kursierende relativ positive Bild der OT wird in der Ausstellung übrigens ein weiteres Mal widerlegt). Die Ausstellung bietet allerlei aussagekräftige, teilweise auch kuriose Exponate, die den vielschichtigen Alltag des "Reichseinsatzes" dokumentieren: Hausbücher mit Namenslisten, die berüchtigten Holzsohlenschuhe der OstarbeiterInnen, Rauchverbotsschilder in zehn Sprachen, eine Werbeanzeige für den "neuartigen Notek-P-Scheinwerfer" der Firma Buman & Co., der die Bewachung der Ostarbeiterlager erleichtern sollte, oder bezeichnende Stilblüten der
NS-Bürokratie ("Die Freiheit der Arbeiter spielt sich ausschließlich im Lager ab"). Aussagekräftig ist ein Schreiben des
Reichsverteidigungskommissars im Wehrkreis VI aus dem Jahr 1941 über eine Besprechung mit mehreren Verantwortlichen des "Reichseinsatzes", in der es um die Frage der Finanzierung und des Unterhaltes von Bordellen für ausländische Arbeiter ging. Für die Einstellung des Bordellwirtes und die Beschaffung der "Freudenmädchen" war die Kriminalpolizei zuständig. Für den Unterhalt sollten diejenigen aufkommen, in deren Interesse die Arbeitskräfte geholt worden sind: die Unternehmen.

Anhand solcher Dokumente manifestiert sich die Verantwortung der Unternehmen für den Einsatz von ZwangsarbeiterInnen. Die Frage nach der Verantwortung wird in der Ausstellung bedauernswerterweise nicht explizit gestellt, auch wenn deutlich wird, dass die Unternehmen großen Einfluss auf die Gestaltung der Arbeits- und Lebensbedingungen der ZwangsarbeiterInnen hatten - was einige Unternehmen noch heute bestreiten, selbst wenn sie Entschädigungszahlungen geleistet haben. Die jüngste Entwicklung der Entschädigung für NS-Zwangsarbeit - das auf Druck der Öffentlichkeit erfolgte Einlenken von Staat und Wirtschaft, die Gründung der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft", etc. - wird in der Ausstellung ebenfalls dokumentiert (leider ohne Hinweis auf das würdelose Feilschen der Wirtschaftsvertreter und die Verzögerung der Auszahlung wegen der fehlenden "Rechtssicherheit"). Die Ausstellung schließt mit der namentlichen Aufzählung von über 35.000 (in einer Datenbank erfassten) ehemaligen ZwangsarbeiterInnen im Stadtkreis Hagen.

Hingewiesen sei zum Schluss auf das umfangreiche und übersichtlich gestaltete Online-Angebot zu dieser rundum gelungenen und bemerkenswerten Ausstellung, [4] sowie auf das aktuelle Begleitprogramm. Neben zahlreichen Vorträgen wird vermutlich das Angebot der LehrerInnenfortbildung auf breiteres Interesse stoßen. Gerade LehrerInnen sei auch die CD-ROM zur Ausstellung empfohlen. Sie enthält - neben den Ausstellungstexten, zahlreichen Quellenabbildungen und Fotos - ausgearbeitete Unterrichtsreihen (samt Material) für die Sekundarstufen I und II (2, 6 oder 12 Stunden). Erhältlich ist überdies ein Video (38 Minuten, erarbeitet vom Institut für Geschichte und Biographie der FernUniversität Hagen) mit Interviews ehemaliger ZwangsarbeiterInnen, die in Hagen eingesetzt waren.

Anmerkungen:

[1] Man denke an das im Jahr 2000 entstandene Internetportal "Arbeiten für die Kriegsrüstung. Zwangsarbeit im Dritten Reich", online unter:
<http://www.historisches-centrum.de/zwangsarbeit/>. Das wissenschaftliche Konzept der Ausstellung stammt von Ralf Blank, Dietmar Freiesleben und Andrea Niewerth, die Ausstellungsgestaltung übernahm Dietmar Freiesleben, das pädagogische Begleit- und Unterrichtsmaterial (auf CD-ROM erhältlich) ist von Holger Flick erarbeitet worden, während die Gesamtleitung des Projektes bei Beate Hobein lag, der Direktorin des Historischen Centrums.
[2] Nach Ulrich Herbert - er hielt die Eröffnungsansprache in Hagen am 22.9.2002 - darf dieses Urteil auch für den gesamten deutschsprachigen Raum gelten.
[3] So der Titel der Ausstellung, der diese Bilder entliehen sind. Sie wurde konzipiert von der Berliner Stiftung Topographie des Terrors, siehe auch der Katalog: Vor aller Augen. Fotodokumente des nationalsozialistischen Terrors in der Provinz, hg. von Klaus Hesse und Philipp Springer, Essen 2002.
[4] "Zwangsarbeit in Rheinland und Westfalen 1939-1945", online unter: <http://www.nrw-zwangsarbeit.de/>. Hier werden auch die nächsten Stationen der Wanderausstellung aufgeführt.


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Dokument erstellt am 2.11.2002