VL Museen

Ausstellungsbesprechung

Andreas Templins digitales Werk. "Caspar David Friedrich Sports"

Kunstverein Trier Junge Kunst e.V.
11. Januar 2002 - 2. März 2003
WWW: http://www.junge-kunst-trier.de/

Rezensiert von:
Dr. Paolo Sanvito, Berlin
Email: sanvitop@yahoo.com


Seit geraumer Zeit wandern Andreas Templins Ausstellungen von Berliner Ausstellungsräumen (zuerst Berlintokyo, später Wiensowski und Harbord, 10.02.-3.03.2002) durch mehrere Veranstaltungsorte innerhalb der Bundesrepublik, zwischen Ausstellungen im Westen (Ludwigshafen, Wilhelm-Hack-Museum, "Junge Kunst 2002" 6.9.-20.10.2002) und Bayern (Fürth, Kunstraum Günter Braunsberg, 08.11.-21.12.2002; Ateliertage Fürth "Gastspiel", 09.11.-11.11.2002). Sogar in Italien werden Templins Arbeiten zu sehen sein (Florenz, Biennale Internazionale dell'arte contemporanea, Dezember 2003). Des weiteren liegt für den April eine Einladung nach S'Hertogensbosch in die Gallerie Artis vor.

Die gegenwärtige Station ist Trier: dort wird die Arbeit "Caspar David Friedrich Sports" präsentiert. Die Ausstellung zeigt eine Auswahl der Wettbewerbsbeiträge des Saar-Ferngas-Förderpreises im Hack-Museum. Eine große Einzelausstellung wird Ende März in Berlin stattfinden: Dort wird eine größere Anzahl der Arbeiten debütieren. Templin hat Freie Kunst an der Gerrit Rietveld Academie Amsterdam studiert, er lebt und arbeitet heute in Berlin. In Amsterdam hat er u.a. andere Künstler kuratiert und auch nach seinem Umzug nach Berlin zehrt seine Kunst noch teilweise von den Eindrücken der Amsterdamer Szene aus dieser Zeit: Marina Abramovic, Ulay, das Projekt über Deleuze/Guattari (siehe dazu die aus dem Jahr 1999 noch vorhandene Website buG: www.bugsite.dds.nl), was eine eingehende Konfrontation, überhaupt eine kritische Auseinandersetzung mit der Idee und dem Inhalts seiner kuratorischen Tätigkeit darstellte. Dennoch ist Templin in der Folgezeit, vor allem nach seiner Rückkehr nach Deutschland, einen sehr eigentümlichen und von den Amsterdamer Bekanntschaften unabhängigen Weg gegangen. Wie er, darüber befragt, neulich nebenbei bemerkte: "Diese Entwicklungen waren im Nachhinein für gewisse Zeitabschnitte ganz vernünftig. Jetzt interessiert mich an Deleuze/Guattari eigentlich nur noch die Suche nach dem Schizoiden in all seinen Blüten. Damit kann man sehr interessant arbeiten".

Die von seinem Schaffen erfassten Bereiche, die sich an ihren spezifischen Charakteristika ausmachen lassen, sind drei verschiedene, obwohl die eine Werkgruppe sich ständig vom Fortschreiten und der Entwicklung der beiden anderen nährt:

a. Werke, die sich mit Fotomaterial aktueller Berichterstattungen beschäftigen - "Double Zen", von 2001, der "Rush"-Zyklus von 2002, - die diese wiederum völlig entfremden und mit knallfluoreszenten Farben entstellen und damit unkenntlich machen;

b. Die "reinszenierten Altmeistergemälde", Überarbeitungen von historischen Meisterwerken der Malerei, die er seit 2000 bis heute kontinuierlich schafft (z. B. von Hieronymus Bosch, Caspar David Friedrich und Pieter Breugel d.Ä.). Diese Serie stellt eine bewusste Plünderung des Erfindungsreichtums der alten Kunst dar, der parallel ihrem häufigen, allgegenwärtigen Ausbeuten für die Zwecke des Marktes und der Mode in unserer Epoche verläuft und dadurch, aber in scheinbarer vollkommener Ziellosigkeit, die Mechanismen der Ausbeutung selbst auf die Spitze treibt. Ihre Wirkung ist somit, neben einer auf ästhetischem Niveau, auch eine Reflexion über deren Einflussmacht auf die Individuen;

c. Eine Serie, die das Spannungsverhältnis der bildenden Kunst zu den Themen der Populärkultur und der mit ihr intim verbundenen Aggression thematisiert ("You can say what you want, but you won't change my mind", "I like Germany and Germany likes me", "circuit"). Templin bearbeitet durch einen vielschichtigen, fast alchemischen Prozess die Präsenzen und die Antinomien der globalen Kultur und ihrer sprengenden Potentiale und setzt sich dagegen in eine widersprechende oder problematisierende Haltung, ohne aber zwangsweise deshalb zu einer Art politisch korrekter Ablehnung bzw. patenten Kritik zu gelangen. Nur die Andeutung der Problematik dieser Themen ist anwesend, der kritische Prozess soll automatisch, und, wenn dieses Wort nicht zu stark klingt, demokratisch im Bewusstsein, im Gedächtnis oder in der Wahrnehmung des Betrachters angezündet werden.

Ähnlich ist der Impuls, aus dem "I'm happy I hope you are happy too" entstanden ist, von dem vor kurzem das erste Segment einer raumgreifenden Installation auf den Ateliertagen in Fürth zu sehen war. Darin ist die äußerste Morbidität des gesellschaftlichen Leitmotivs des Glücklichseins und seiner obsessiven Iteration ein bedruckendes, fast schockierendes Erlebnis.
Vielleicht kann man behaupten, dass sogar das gesamte Werk Andreas Templins, trotz des genannten hohen intellektuell-kritischen Inhalts, gleichzeitig einen relativen Grad von "Halluzinisierung" der visuellen Wahrnehmung erreicht. Zum Beispiel werden bei ihm Flugzeuge zur Halluzination, ein Thema, das durch die erschreckenden Ereignisse des 11.9.01 stark an gedanklicher und symbolischer Präsenz gewonnen hat. Diese Arbeiten waren u. a. auch in der Ausstellung mit "rush" bei Wiensowski und Harbord angedeutet und werden demnächst in der Einzelausstellung in Berlin zu sehen sein.

Auf Anhieb könnte der Durchschnittsbetrachter den Eindruck gewinnen, dass Templins Einstellung zu den Tätigkeitsbereichen und -techniken der zeitgenössischen Kunst auf Grund der wesentlichen Ablehnung der gewöhnlichen Gestaltungsprinzipien eine vollkommen und zielstrebig antitraditionalistische ist, die gegenwärtig in zweidimensionaler, aber auch in installativer Kunst von älteren Kunstgattungen wieder aufgegriffen wird. Jedoch täuscht dieser Eindruck, denn ausgerechnet diese Kombinationen neuer Medien (und vor allem digitaler Medien) nimmt eine grundlegende, höchst aktuelle Stellungnahme zur Rolle und zur Bedeutung der dominierenden Gattung Malerei ein, auf die sich jede seiner Prints bezieht. Viele Arbeiten Andreas Templins basieren natürlich auf der Annahme, dass kein tatsächlich neues Bild mehr vorhanden ist. Und es ist dadurch aber schon wieder das Bild in all seiner Integrität, das noch vor unseren Augen, obwohl (oder gerade weil) völlig usurpiert, schwebt. Oder, wie er selbst über seinen Umgang mit digitalen Bildern schreibt, in der Verwendung von vorwiegend aus dem Internet stammenden Bildmaterials "ensteht, mit Hilfe des Computers, ein verformbarer Kosmos in der Fortsetzung malerischer Tradition".


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Dokument erstellt am 15.3.2003