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Ausstellungsbesprechung

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Art Forum Berlin
26. - 30. September 2002
WWW: http://www.art-forum-berlin.de

Rezensiert  von
Dr. Paolo Sanvito, Berlin
Email: sanvitop@yahoo.com


Art Forum Berlin - eine Stadt geriet für fünf Tage in den Bann der Kunst

Das siebte sollte, wie sprichwörtlich, das letzte Jahr sein und doch scheint es, als ob die drohende Abschaffung des Art-Forums lediglich, wie immer wieder in der Hauptstadt, apotropäisch ausgesprochen wurde, damit sich alle Beteiligten nun mit umso größerem Elan an die Lobbying-Arbeit für die Unterstützung der nächsten Messe machen. Die Prognosen waren am Anfang nicht optimistisch, da die Anzahl der Galerien dieses Jahr deutlich geschrumpft war. Aber die Messe schöpfte wohl ihre Lebendigkeit aus der Produktivität der Berliner Ateliers und einer anerkannten, bunten Kunsthauptstadt: Mehrere andere Institutionen waren ebnefalls beteiligt und bereicherten die fünf Tage der Kunstmesse mit parallelen Ereignissen. Überhaupt war die Messe, wie früher, nur einer der Partner des so genannten Kunstherbstes, an dem u.a. noch die DaimlerChrysler Contemporary, das DeutschlandRadio, die Deutsche Guggenheim, das Haus der Kulturen der Welt, die Berliner Festspiele,
Insideout UNDABDIEPOST2002, das Institut für Kultur- und Medienmanagement an der Hochschule für Musik "Hanns Eisler", das Jüdische Museum, die Kunstsammlung des deutschen Bundestages, die Kunststiftung Starke, der Landesverband Berliner Galerien und der Neue Berliner Kunstverein involviert waren. Alle Galerien aus Mitte hatten am Samstag, 28.9., einen Rundgang veranstaltet und überall, nicht nur in Mitte, waren täglich zahlreiche Vernissagen, Finissagen und Spezialperformances zu sehen. Eher abwesend, wie auch früher schon, waren die Staatlichen Museen, die zur Zeit in eigene Projekte verwickelt sind - wobei sich geschickterweise die Eröffnung von Julian Rosefeldts "asylum"-Film-Installation (27. 9. - 27. 10. 2002 in der Rieck-Halle des Hamburger Bahnhofs) mit der Messe überschnitt; es handelt sich hierbei um eine extrem politische Arbeit, die das brisante Dasein von Einwanderern im (zwischen SPD und CDU) geteilten Deutschland thematisiert.

In den sparsamen Eröffnungsreden bei einer halbstündigen Pressekonferenz am 25.9. wurde nachdrücklich betont, wie wichtig dem Art Forum die Öffnung zu Osteuropa ist und wie sehr man sich in diese Richtung schon bemüht hat, allerdings erwies sich diese Absicht als wenig realistisch, da nur elf Galerien von über 154 ausstellenden Galerien aus Osteuropa kamen - bei der letzten Messe waren es übrigens acht. Die wenig bevölkerten, aber künstlerisch aktiven skandinavischen Länder waren z. B. allein mit 16 Galerien vertreten. Die künstlerische Leiterin Sabrina van der Ley, nach deren faszinierender Formel "die Messe als Ort kulturpolitischen Handelns" verstanden wird, wollte in dieser Edition ausdrücklich die Kunst und das Leben enger miteinander verbinden, allerdings ist dies, in Anbetracht des ästhetischen Angebots bei den einzelnen Galerien, weniger als im Alltag der Berliner Kunstszene garantiert. Aktions-, Performance- und Installationskunst waren nur in wenigen Fällen vertreten, die Malerei spielte offensichtlich die Hauptrolle und dies spiegelten auch die Verkäufe in diesen Tagen wider. Ein manchmal zu dekorativer Geschmack charakterisierte einen großen Teil der vertretenen Galerien und man könnte sich berechtigt fragen, ob das nicht einer unerklärlichen Tendenz in der Berliner Kunstlandschaft, die hinter der Organisation des Ereignisses steht, entspricht. Unerklärlich, insofern als die Stadt trotzdem momentan zu den anerkannten internationalen Hauptstandorten der zeitgenössischen Kunst zählt.

Ein interessantes Moment des Konzeptes der diesjährigen Messe war die Dynamisierung und Involvierung von nichtkommerziellen, teilweise zugleich sehr geachteten künstlerischen Institutionen zumeist musealer Prägung und von Projektmuseen - eher ungewohnt für einen Ort wie eine Messe. Z. B. war das Künstlerhaus Bethanien vertreten, zusammen mit Institutionen wie dem Haus am Lützowplatz, dem Kunstmuseum Wolfsburg und dem Museum Franz Gertsch aus Burgdorf-Bern. Die beiden letztgenannten sind aus sehr unterschiedlichen Gründen besonders engagierte Institutionen. Das eine, das Wolfsburger Museum, gilt als ein führender Orientierungs- und Debattenplatz in der gesamten Bundesrepublik, das andere ist ein Museum, das sich durch sehr innovative Betriebs- und Finanzierungsideen sowie durch neue Strukturen die
Aufmerksamkeit des Publikums und der Fachleute bereits jetzt, einen Monat vor seiner Eröffnung, gesichert hat (das Museum ist eine Kombination aus Galerie und Ausstellungshalle, wobei die finanziellen Gewinne der Galerie, laut Pressemitteilung, 100% in die Ausstellungsprojekte des Museums fließen werden).

Erfrischend war der Besuch der Berliner Messe vor allem hinsichtlich der Mischung aus unterschiedlichen ästhetischen und betrieblichen Modellen. Neben den 154 Galerien waren auch zahlreiche Verlage und eben die genannten Institutionen (insgesamt 27) vertreten, übrigens im Informationsmaterial als "Sonderstände" (im Englischen mit der fragwürdigen Übersetzung "Specials") bezeichnet, die die Wahrnehmung zeitgenössischer Kunst vor allem unter lokalem Gesichtspunkt (fast komplett stammten diese "specials" aus Berlin) zu einem mitunter reizvollen intellektuellen Erlebnis machten.

 


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Dokument erstellt am 2.11.2002