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Ausstellungsbesprechung

 

Erich Kästner - Potraitfoto von Stefan Moses, 1958

Rezensiert von
Günter Riederer
Lehrstuhl für Neuere u. Neueste Geschichte,
Maximilians-Universität München

Die Zeit fährt Auto. Erich Kästner zum 100. Geburtstag
Eine Co-Produktion des Münchner Stadtmuseums mit dem
Deutschen Historischen Museum Berlin

Stadtmuseum München
2. Juli bis 31. Oktober 1999
http://www.stadtmuseum-online.de

Ausstellungsseite:
http://www.stadtmuseum-online.de/aktuell/dizefa.htm
(letzter Zugriff am 15.9.1999)

Katalog:
Manfred Wegner (Hg.), ‘Die Zeit fährt Auto’.
Erich Kästner zum 100. Geburtstag, Berlin 1999, 306 S.,
260 teilweise erstmals veröffentlichen s/w Abbildungen
und einer farbig illustrierten Bibliographie der
Erstausgaben Erich Kästners, DM 38, ISBN: 3-86102-106-4

Gliederung:
Ausstellung
Katalog


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Die Ausstellung

Unter dem Titel „Die Zeit fährt Auto" widmet sich das Münchner Stadtmuseum einem Literaten, der zweifellos zu den erfolgreichsten Autoren in Deutschland zählt und schon zu Lebzeiten als moderner Klassiker gehandelt wurde. Die Rede ist von Erich Kästner und dessen umfangreichen Werk, das nicht nur - wie viele auf den ersten Blick glauben - Kinderbücher umfaßt. Die über 14 Millionen verkaufter Exemplare belegen auf eindrucksvolle Weise die außerordentliche Popularität dieses Schriftstellers. Ob als Romancier, Lyriker, Essayist, Journalist, Drehbuchschreiber, Verbandsfunktionär, Zeitschriftenherausgeber oder Kinderbuch- und Kabarettautor - Kästner verfügte über eine schier unerschöpfliche Schaffenskraft, die zu einem weitgefächerten literarischen Werk führte.

Dabei blieb Erich Kästner eine ebenso widerspruchsvolle wie schillernde Persönlichkeit. Sein Ruhm gründete nicht zuletzt darauf, mit seinem Gespür für soziale Ungerechtigkeiten Anwalt des „kleinen Mannes" zu sein. Kästner wählte - obwohl überzeugter Antimilitarist und dezidierter Gegner des Nationalsozialismus - nach 1933 die innere Emigration. Seine Versuche, sich in diesen für ihn schweren Zeiten wirtschaftlich über Wasser zu halten, ließen ihn immer wieder in bedenkliche Nähe des Regimes rücken. Kästners verächtliche Haltung gegenüber Frauen, die Intoleranz gegenüber Homosexuellen und seine lebenslange Mutterfixierung tun ein übriges, den ambivalenten Charakter dieses Schriftstellers zu begründen. Der Autor verweigert sich damit - wie die Literaturwissenschaft nicht müde zu betonen wird - einer klaren Kategorisierung. Dabei scheint doch alles so einfach, wenn man sich auf sein Hauptwerk - die Kinderbücher - konzentriert. Jeder kleine und große Leser kennt und schätzt „Das fliegende Klassenzimmer", „Pünktchen und Anton" oder „Emil und die Detektive".

Anlaß der Ausstellung ist ein Jubiläum des Schriftstellers, der am 23. Februar 1999 hundert Jahre alt geworden wäre. Erich Kästner weist einen verschlungenen Lebensweg auf und gleich mehrere Städte fühlen sich seiner Person auf die eine oder andere Weise besonders verbunden: Dresden, Leipzig, Berlin und München buhlen darum, Lebensmittelpunkt Kästners gewesen zu sein. Wie auch immer diese Konkurrenz ausgehen mag - Tatsache bleibt, daß das großstädtische Milieu den Schriftsteller und seine Arbeiten tiefgreifend geprägt hat.

Bei der nun im Münchner Stadtmuseum zu sehenden Ausstellung handelt es sich um eine großangelegte Gemeinschaftsproduktion des Deutschen Historischen Museums in Berlin - wo die Ausstellung auch zuerst zu sehen war - und des Münchner Stadtmuseums. Die Ausstellungsorganisatoren Martin Lindner und Manfred Wegner lösen das Problem, eine Einzelperson - noch dazu einen Dichter - auszustellen, auf elegante Weise. Die umfangreich angelegte Schau zeigt nicht nur zahllose Photos, Dokumente, Erstausgaben, Projektionen und Filme sondern auch unzählige Briefe aus dem erst seit kurzem zugänglichen privaten Nachlaß des Schriftstellers. Darüber hinaus sind eine Fülle von Gegenständen zu sehen, die im Leben Kästners eine mehr oder weniger wichtige Rolle spielten: Seine Schreibmaschine ist ebenso ausgestellt, wie Brille und Geldbörse oder die sich in seinem Besitz befindliche zehnbändige Erstausgabe der Schriften Lessings. Der Text der Ausstellung erzählt das Leben Erich Kästner in chronologischer Abfolge, ihre Konzeption orientiert sich an den jeweiligen biographischen Stationen. Dresden als Geburts- und Heimatstadt (1899-1919), Leipzig als Studienstadt (1919-1927), Berlin als Ort der literarischen Erfolge (1927-1945) und die Nachkriegsjahre in München (1945-1974) - alle diese Städte, die wichtige Abschnitte im Leben Kästners markieren, erhalten jeweils eigene Räume.

Geboren und aufgewachsen in Dresden, entging er dem Ersten Weltkrieg als angehender Gymnasiast und Soldat der Reserve. Kästner wohnte ab 1919 in Leipzig, wo er neben dem Studium der Germanistik als Journalist arbeitete und erste Gedichte verfaßte. Obwohl er sich in Leipzig wohlfühlte zog es ihn nach Berlin, wo er im Jahr 1927 seinen Wohnsitz nahm. Die pulsierende Metropole mit ihrem kultur- und kunstinteressierten Publikum eröffnete dem jungen Autor ein breites Betätigungsfeld: Er schrieb Kino-, Kunst- und Theaterkritiken und verfaßte unablässig Geschichten und Couplets. Hier gelang ihm auch sein endgültiger Durchbruch als Schriftsteller: Das Kinderbuch „Emil und die Detektive" (1929) und der Erwachsenenroman „Fabian" (1931) verschafften Kästner Berühmtheit in der Literaturszene der späten Weimarer Republik.

Nach der sogenannten „Machtergreifung" durch die Nationalsozialisten kamen schwere Zeiten auf Kästner zu. Seine Bücher wurden am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz verbrannt und noch im selben Jahr erhielt er Publikationsverbot in Deutschland. Erich Kästner blieb jedoch im Land. Die unverbindliche Haltung gegenüber dem Regime sowie sein Verstummen als Pazifist, Satiriker und Aufklärer brachten ihm vor allem aus Emigrantenkreisen viel Kritik ein. Er wich auf Unterhaltungsliteratur aus und mit Hilfe seiner Kontakte zum Film gelang ihm ein großer Coup: Unter einem Pseudonym verfaßte er das Drehbuch zu „Münchhausen", dem Jubiläumsfilm der UFA, der 1943 in die Kinos kam. Das Kriegsende erlebte Kästner im tirolerischen Mayrhofen. Ein Filmteam der UFA, daß sich dort zu angeblichen Dreharbeiten aus Berlin abgesetzt hatte, hatte Kästner mit falschen Papieren in den sicheren Süden mitgenommen.

Nach 1945 entwickelte sich Erich Kästner zu einer Leitfigur der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Er erhielt höchste öffentliche Anerkennung und wurde zu einer Art „moralischen Instanz" der Adenauer Jahre. Er ließ sich in München nieder, gab verschiedene Zeitschriften heraus und arbeitete in gewisser Weise bereits am eigenen Denkmal. Kästner wandte sich in den fünfziger Jahren gegen restaurative Bestrebungen, hielt Reden gegen die Wiederbewaffnung und demonstrierte gegen das „Gesetz über den Vertrieb jugendgefährdender Schriften". Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Luiselotte Enderle wohnte er bis zu seinem Tod am 29. Juli 1974 im Münchner Stadtteil Bogenhausen.

Alle diese Lebensstationen werden in der Ausstellung in vielen liebevoll zusammengestellten Details aufgearbeitet. Insgesamt wirkt die Fülle des ausgebreiteten Materials im ersten Moment fast erschlagend. Wollte man alles lesen, so könnte man sich wohl Tage in der Ausstellung aufhalten. Die Organisatoren liefern nicht nur eine umfassende Biographie des Schriftstellers, sondern folgen auch interessanten Nebenpfaden, die sich dem gesellschaftlichen und politischen Kontext der jeweiligen Zeit widmen. Um ein Beispiel zu geben: Kästner wohnte Anfang der dreißiger Jahre am Berliner Nollendorfplatz, wo er - wie die Ausstellung suggeriert - Zeuge der Straßenschlachten geworden sein mußte, die sich Polizei und SA um die Premiere des Films „Im Westen nichts Neues" lieferten. Sympathisanten der NSDAP versuchten die Aufführung des Films mit Stinkbomben, weißen Mäusen und Prügeleien zu verhindern. Informationen über die Berliner Künstler-Bohème, die pazifistische Bewegung und zur Filmindustrie der Weimarer Republik vermischen sich hier zu einer eindrucksvollen Zeitcollage.

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Katalog

Der Katalog zur Ausstellung „Die Zeit fährt Auto" übernimmt die Funktion eines Begleitbandes. Die Berliner und Münchner Ausstellungsorganisatoren haben darauf verzichtet, jedes Exponat zu verzeichnen, stattdessen beleuchten insgesamt 16 wissenschaftliche Beiträge, die ebenfalls chronologisch angeordnet sind, die Biographie und einzelne Aspekte des Lebens Erich Kästners. Da hier der Raum fehlt, alle Einzelbeiträge gebührend zu würdigen, seien nur einige Beiträge besonders hervorgehoben. So widmet sich ein Aufsatz von Gundel Mattenklott der Rolle Kästners als Kinderbuchautor. Knuth Hickethier geht Kästners Verhältnis zum Film nach und analysiert seine Arbeit als Drehbuchautor, während Volker Kühn über den Einfluß Kästners auf das Kabarett der jeweiligen Zeit schreibt. Der Beitrag von Jan-Pieter Barbian beleuchtet die Rolle Erich Kästners im „Dritten Reich" und Sven Hanuschek widmet sich der Tätigkeit Erich Kästners im PEN. Den Band beschließt eine Bibliographie der selbständigen Erstausgaben Erich Kästners.

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Dokument erstellt am 15.9.1999