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Deutschland

Ausstellungsbesprechung

 

Rezensiert von
Günter Riederer
Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte
Universität München

Rausgeputzt und vorgeführt. Kinderkleidung vom 18. Jahrhundert bis heute
Stadtmuseum München
9. April bis 15. August 1999

Website:
http://www.muenchen.de/stadtmuseum


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Nicht nur der Schutz gegen Kälte und die Unbilden der Witterung leiten den Menschen bei der Auswahl seiner täglichen Kleidungsstücke. Die Art und Weise, wie jemand sich kleidet, reicht weit über seine grundlegenden praktischen und lebenserhaltenden Funktionen hinaus. Mit Hilfe der Kleidung, der damit eine zeichenhafte Verweisungsfunktion zukommt, sendet der Mensch beständig Signale an seine Umwelt aus. Kleidungsstücke "sprechen" - in ihrer kommunikativen Funktion können sie über geographische Herkunft, Konfession, soziale Stellung, Berufsgruppenzugehörigkeit oder politische Einstellungen ihrer Trägerinnen und Träger Auskunft geben. Als Ausdruck sozialer und gesellschaftlicher Hierarchien machen sie deren Status wahrnehmbar und stellen gleichzeitig Gruppenkohärenz her. Kleidung ist damit gleichermaßen Attribut sozialer Distinktion wie Instrument kollektiver Identitätsstiftung.

Diese Überlegungen gelten für alle Arten der Kleidung, ganz besonders jedoch für die Kinderkleidung. Sie steht im Mittelpunkt einer Ausstellung des Münchner Modemuseums im dortigen Stadtmuseum, die sich unter dem Titel "Rausgeputzt und vorgeführt" Kindergarderobe aus zwei Jahrhunderten widmet. Die sprechende Überschrift deutet das grundlegende Spannungsverhältnis der Ausstellungsthematik bereits an: In den seltensten Fällen bestimmen die Kinder die Art und Beschaffenheit ihrer Kleidung selbst. Der Charakter von Kinderkleidung stellt mehr ein Spiegelbild der Wünsche und Vorstellungen der Eltern, als der Kinder dar. Das Kinderkleid als ideale Projektionsfläche für Eltern und Erziehungsberechtigte - dieser Eindruck bestätigt sich nach einem ersten Rundgang durch die Ausstellung.

Man möchte meinen, daß Kinderkleider zu jenen Alltagsdingen gehören, die schon immer existierten. Tatsächlich läßt sich das Entstehen einer besonderen Kinderkleidung erst im Zusammenhang mit der Aufklärung nachweisen. Unter dem Aspekt der Zweckmäßigkeit und Bewegungsfreiheit setzte sich hier erstmals die Forderung nach einer Kleidung durch, welche die Ansprüche und Bedürfnisse von Kindern in den Vordergrund stellte. In den Erziehungstheorien, wie sie in den Schriften von John Locke (1632-1704) oder Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) entwickelt wurden, sollten Kinder eine ihrem Alter entsprechende, leichte und bequeme Kleidung tragen. Die weitere Entwicklung der Kinderkleidung ist allerdings von zahllosen Rückschlägen gekennzeichnet und erst am Ende des 19. Jahrhunderts gelang im Zusammenhang mit der sogenannten "Reformkleidbewegung" der endgültige Durchbruch einer kindgerechten Kleidung.

Die Ausstellung im Münchner Stadtmuseum wurde von dem Leiter des Modemuseums, Andreas Ley, in Zusammenarbeit mit Ulrike Zischka konzipiert und von einem Team an Mitarbeitern umgesetzt. Sie ist in zwei größeren Räumen untergebracht und zeigt 110 Kinderkleider sowie etwa 200 Accessoires wie Babyfläschchen aus Zinn oder Kristallglas, Kinderscheppern, Puppen und Spielzeug. Die ausgestellten Stücke stammen hauptsächlich aus Deutschland, ein Schwerpunkt liegt auf der Stadt München und den hauseigenen Textilienbeständen.

Am Eingang der Ausstellung werden die Besucherinnen und Besucher von einem Ölgemälde von Luitpold Adam d. Ä. (1888-1950) empfangen, welches das Porträt eines kleinen Mädchens im Alter von zwei Jahren zeigt. In einer schönen Spiegelung hängt unter dem Gemälde ebenjenes auf dem Bild dargestellte Mädchenkleid im Original. In beiden Ausstellungsräumen steht eine große Glasvitrine, die als eine Art "Laufsteg" fungiert und den Raum quer strukturiert. Auf überdimensionalen weißen Quadern am Rand des jeweiligen Raumes befinden sich auf den vier Seiten in schwarzer, großer und damit gut leserlicher Schrift längere Texte zu den Rahmenthemen der Ausstellung. An den Wandseiten stehen jeweils drei Vitrinen, in denen auf eigens für die Ausstellung angefertigten Präsentationsfiguren die Kleidungsstücke gezeigt werden. Die Texte, welche die einzelnen Ausstellungsstücke kennzeichnen, sind sehr knapp gehalten und nennen meist nur die Art des Gegenstandes, eine Datierung sowie eine kurze Beschreibung des Kleidungsstückes.

Die Anordnung der Kinderkleider in der Ausstellung erfolgt nach ausgewählten Sachthemen: An erster Stelle steht der verpackte, verwahrte und verschnürte "Säugling". Windeln, Wickelbänder ("Fatschen") und Steckkissen zeigen, wie der Körper des Kleinkindes eng verschnürt wurde. Bis in das 20. Jahrhundert hing man der irrigen Vorstellung an, dem Kind damit Halt zu geben und durch das Verhindern von Bewegungsfreiheit vor sich selbst zu schützen. Es folgt die Taufkleidung, danach verschiedene Jungen- und Mädchenkleider für Kleinkinder. Auf dem Quader im ersten Ausstellungsraum werden die Themen "Taufkleidung", "Kinderkorsett", "Wickelband und Steckkissen" sowie "Rosa und Hellblau" abgehandelt.

Im zweiten Raum befindet sich eine Vitrine in der Westen, Pantalons, Tauferinnerungen, Hüte und verschiedene Accessoires ausgestellt sind. Eine weitere Vitrine zeigt Spielanzüge, Strümpfe, Kleidung in Notzeiten und Kommunionkleider, während sich in einer dritten Vitrine Matrosenkleider, Uniformen und moderne Kinderkleidung finden. Die große Glasvitrine, die wiederum quer im Raum steht, zeigt zahlreiche Mädchen- und Jungenkleider vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart, mehrere Matrosenanzüge sowie einige Faschingskostüme. Der Quader im zweiten Raum bietet Informationen zu den Themen "Weiße Kleider", "Uniformierung", "Wirtschaftsfaktor Kinderkleidung" und "Matrosenanzug".

"Rausgeputzt und vorgeführt" gibt einen detaillierten Überblick über die Entwicklung der Kinderkleidung in den letzten zweihundert Jahren. Die Ausstellung ist umfangreich und zeigt zahllose Raritäten, wie beispielsweise jenes nach 1945 aus einer umgenähten Hakenkreuzfahne angefertigte Mädchenkleid. Plastisch greifbar werden die Widersprüche und Neuerungen in den Diskussionen um die Kinderkleidung vor Augen geführt. Die einzelnen Ausstellungstücke sind dabei immer wieder an den jeweiligen politischen Kontext angebunden, sie beziehen kultur- und mentalitätsgeschichtliche Beobachtungen ein und machen damit die Lebenswelt von Kindern vergangener Zeiten greifbar. Um nur ein Beispiel zu nennen: Ausführlich wird das "Costume à la matelot", der Anzug nach Art der Matrosen vorgestellt. Von seinem Ursprung im England des 18. Jahrhunderts breitete sich der Matrosenanzug auch auf dem europäischen Festland aus und faßte am Ende des 19. Jahrhunderts im Deutschen Kaiserreich Fuß. Mit dem ersten Matrosenanzug, den die englische Königin Victoria im Jahr 1862 ihrem dreijährigen Enkel (dem späteren Kaiser Wilhelm II.) schenkte, wurde der Siegeszug dieses Kleidungsstückes in Deutschland eingeleitet. In der Popularität und Vielfalt dieser charakteristischen Knabenkleidung spiegelt sich auch die Begeisterung und das Interesse der politischen Eliten des Kaiserreiches für die Marine wieder. Der Matrosenanzug entwickelte sich fast zur Signatur einer ganzen Epoche und verlor erst in den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts wieder an Bedeutung.

Besonders bemerkenswert scheint auch der Aspekt der Farbgebung bei der Kleidung von Kleinkindern. Klischeehaft hat sich bis heute die Vorstellung erhalten, daß rosa Kleidung ein Mädchen, hellblaue Kleidung hingegen einen Jungen charakterisiert. Es handelt sich dabei offensichtlich um eine Art ungeschriebenes Gesetz, das allerdings nur in Deutschland und mehreren Ländern Mittel- und Nordeuropas gilt. Kurioserweise besteht in Holland sowie in einigen Teilen der Schweiz und Italiens die umgekehrte Farbauffassung: Hier kennzeichnet Rosa den Jungen, Hellblau das Mädchen. Dabei spielen auch konfessionelle Fragen eine Rolle, denn in Spanien und anderen katholischen Ländern ging die Farbe Blau für das weibliche Geschlecht auf die blaue Färbung des Marienmantels zurück. Über die positive Bewertung der Farbe Weiß für die Kinderkleidung besteht seit dem 18. Jahrhundert hingegen Einigkeit. In helle Farben gekleidete Kinder suggerieren Unschuld, Frische und Reinheit.

So bleibt am Schluß nur ein kleiner Wermutstropfen der Kritik: Ein Aspekt, der im Titel der Ausstellung angedeutet wird, erscheint in ihrem tatsächlichen Verlauf etwas unterbelichtet. Zwar werden einzelne der ausgestellten Kleider immer wieder ihren Besitzern und Besitzerinnen namentlich zugeordnet. Nur am Rande wird aber erwähnt, daß es hauptsächlich bürgerliche und adelige Schichten waren, denen die Kleider entstammten. Sie konnten es sich einerseits leisten, über Kleidung, Stile und Moden nachzudenken, andererseits besaßen sie auch die ökonomischen Freiheiten in der Durchsetzung bestimmter Kleidermoden. Zwar wird im Katalog an einer Stelle darauf hingewiesen, daß Form und Qualität der Kinderkleidung von der materiellen Lage der Eltern und deren Auffassung von gesellschaftlicher Position bestimmt waren. Die offensichtlich (groß-)bürgerliche Herkunft vieler Kleidungsstücke wird in der Ausstellung aber nur am Rande thematisiert, ihr sozialer Kontext selbst oft ausgeklammert. Nur sehr vage und in allzu schwachen Umrissen erfolgt die soziale Differenzierung der jeweiligen Kleidungsstücke. Trotz dieser Kritik bleibt "Rausgeputzt und vorgeführt" jedoch eine empfehlenswerte Ausstellung, die zahlreiche neue und überraschende Einblicke in die Kulturgeschichte der Kindheit im Europa der Neuzeit möglich macht.

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© Günter Riederer
Alle Rechte beim Autor und VL Museen
Dokument erstellt am 2.8.1999