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Deutschland

Ausstellungsbesprechung

 

Rezensiert von
Günter Riederer
Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte
Universität Muenchen

Polizeireport München 1799-1999
Stadtmuseum München
(23. April bis 22. August 1999)

Website:
http://www.muenchen.de/stadtmuseum

Gliederung:
Ausstellung
Katalog


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Die Ausstellung

Autoritäre Staatsmacht oder Freund und Helfer bedrängter Bürger - seit ihrer Entstehung oszilliert die Beurteilung der Polizei und ihrer Tätigkeit je nach Blickwinkel zwischen diesen beiden Extrempolen. Historisch läßt sich das Wort "Polizei" im deutschen Sprachraum erstmals im Jahr 1466 nachweisen, wo es als "polliczey" in einer Nürnberger Urkunde erschien und fortan die Bewahrung der weltlichen im Gegensatz zur kirchlichen Ordnung bezeichnete. Diese und zahlreiche weitere Informationen zur Organisationsgeschichte der bayerischen Polizei stehen im Mittelpunkt der Ausstellung "Polizeireport München 1799-1999", die noch bis zum 15. August 1999 im Münchner Stadtmuseum zu sehen ist. Ausgehend von berühmten Kriminalfällen und legendären Polizei-Einsätzen versucht die von dem Münchner Verleger, Autor und Ausstellungsmacher Michael Farin konzipierte Ausstellung die Aufgabenbereiche und Entwicklungsgeschichte der Polizei umfassend zu erschließen.

Über den langen Zeitraum von 200 Jahren wird ein beeindruckender Abriß sowohl der Münchner als auch der bayerischen Kriminalgeschichte gegeben. Wer hätte beispielsweise gewußt, daß die Einrichtung der Gendarmerie im Königreich Bayern ein französischer Import war: Die "Gens d’armes", die "Männer, die Waffen tragen dürfen", waren ursprünglich im 15. Jahrhundert in Frankreich entstanden. Durch ein Edikt aus dem Jahr 1812 wurden auch im kurz zuvor gegründeten Königreich Bayern Gendarmerien zur "Erhaltung der Ruhe, Ordnung und Sicherheit im Innern des Reiches" errichtet. Die Ausstellung zeigt darüber hinaus zahlreiche teils bizarre Einzelstücke aus der älteren und neueren Polizeigeschichte, wie beispielsweise eine in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts entwickelte transportable und zerlegbare Arrestzelle. Ebenso kurios ist ein Photo aus dem Jahr 1970, das den Münchner Polizeipräsidenten Schreiber dabei zeigt, wie er persönlich die Durchführung seines "Haarerlasses" überwacht. Münchner Polizisten, die ihre Haarlänge allzusehr den Moden der Zeit angepaßt hatten, wurden hier von ihrem Chef im wörtlichen Sinn "zurechtgestutzt".

Doch der Reihe nach: Schon beim ersten Schritt über die Schwelle des Eingangsbereiches fallen die aufwendigen Bauten und die imposante Gestaltung der Ausstellung auf. Links und rechts an der Wand sieht man sich einer Fülle von großformatigen Gesichtsphotographien, überdimensionalen Fingerabdrücken und vergrößerten Fahndungslisten gegenüber. Sie stammen aus einer Fahndungssammlung der Berliner Polizei um die Jahrhundertwende und geben einen lebendigen Einblick in die erkennungsdienstliche Behandlung von Delinquenten im ausgehenden 19. Jahrhundert. Der französische Anthropologe und Kriminalist Alphonse Bertillon (1853-1914) hatte ein anthropometrisches System zur Identifizierung lebender Personen entwickelt. Zwar arbeitete die nach ihm benannte "Bertillonage" mit 11 verschiedenen Körpermaßen, sie wurde um die Jahrhundertwende allerdings von der "Daktyloskopie", dem wesentlich präziseren Fingerabdruckverfahren, abgelöst. Abgetrennt durch "echte" Gitterstäbe befindet sich am Ende dieses ersten Raumes ein Zellentrakt aus den fünfziger Jahren mit Holzpritsche und Waschgelegenheit sowie der Nachbau jener winzig kleinen Arrestzelle, in welcher Fritz Haarmann untergebracht war. Haarmann und München - dieser Zusammenhang erschließt sich erst auf den zweiten Blick: Das Gehirn des Serienmörders aus Hannover wurde nach seiner Hinrichtung in der sogenannten "Kriminalbiologischen Sammelstelle" in München untersucht und aufbewahrt. Zu dieser Einrichtung, die in Bayern von dem Kriminologen Theodor Viernstein entwickelt wurde, finden sich im großen Hauptraum zahlreiche Ausstellungstücke.

Im nächsten Raum zeigen mehrere in die Wand eingelassene vergitterte Vitrinen Stücke aus der Asservatenkammer des Münchner Polizeipräsidiums: Nazi-Devotionalien, gefälschte Geldscheine, Maschinengewehre, falsche Goldbarren, in Schuhen kunstvoll verstecktes Rauschgift und pornographische Schriften geben ein anschauliches Bild von der Alltagsarbeit der Polizei. Schon an dieser Einführungssequenz wird der ebenso faszinierende wie problematische Charakter der Ausstellung deutlich: Mit den zahllosen Originaldokumenten, Asservaten und Authentizität suggerierenden Nachbauten zielt sie auf die Emotionen der Besucherinnen und Besucher. Vor allem die zahlreichen Photographien von verstümmelten und verwesten Mordopfern sind nichts für schwache Nerven. Unleugbar geht von dem an vielen Tatorten vorgefunden Grauen eine gewisse Faszination aus. Man fragt sich aber, ob die drastischen Darstellungen tatsächlich immer nötig waren, um das Anliegen der Ausstellung zu unterstützen.

Über einen längeren Gang, der die Untersuchung eines aktuellen Mordfalles und damit die heutige Polizeiarbeit photographisch dokumentiert und zudem einige kuriose Werbeplakate der Münchner Polizei aus den siebziger und achtziger Jahren zeigt, gelangt man in den großen Hauptausstellungsraum, der sich in drei chronologisch geordnete Bereiche gliedert. Der erste Abschnitt beschäftigt sich unter dem Titel "Mörder, Räuber und Gendarm" mit dem Zeitraum von 1798 bis 1898, während der zweite Bereich unter dem Stichwort "Täter, Opfer, Polizei" die Jahre zwischen 1898 und 1945 behandelt. Der dritte Teil widmet sich unter der Überschrift "Krawalle, Flugzeugabstürze, Attentate" den Jahren 1945 bis 1999 und spannt damit wiederum den Bogen zur Polizeiarbeit der Gegenwart. Die Ausstellung beschließt ein vom großen Ausstellungsraum abgekoppelter kleinerer Saal, das sogenannte "Schwarze Kabinett". An dessen Eingang hängt ein Schild, das in großen Lettern den Zutritt erst ab 18 Jahren erlaubt. Im "Kabinett" befinden sich Tatortphotos und Materialien zum "Fall Bruno Lüdke", einer aufsehenerregenden Mordserie, der im Berlin der vierziger Jahren 54 Frauen zum Opfer fielen.

Die Ausstellung breitet eine schier überquellende Fülle an Dokumenten, Plakaten, Photos, historischen Uniformen und Asservaten aus, die facettenreich und vielschichtig die Polizeiarbeit dokumentieren. Man sollte sich für ihren Besuch genügend Zeit nehmen, um sich in den Bann der spektakulären Fälle ziehen zu lassen. Der Reiz und die Problematik der Ausstellung liegen damit eng zusammen und gehen eine eigenartige Verbindung ein. Einerseits widmet sich "Polizeireport München" den klassischen Straftaten wie Mord und Totschlag. Andererseits wird eine - allerdings in den meisten Fällen oft nur halbherzig durchgeführte - Anbindung an die gesellschaftliche Wirklichkeit gesucht. So steht den zahlreichen und ausgiebig bis in alle Details geschilderten Straftaten von Serienmördern und Vergewaltigern der Nachbau der Ermordungsstelle des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner gegenüber. Die Rolle der Polizeikräfte in den unruhigen Jahren der Weimarer Republik wird nur gestreift, der Hitlerputsch von 1923 lediglich mit einigen wenigen Photographien aufbereitet. Die tatsächlichen Verflechtungen zwischen politischer Geschichte und Polizeigeschichte werden allzu knapp umrissen und gerne hätte man mehr über die Rolle und das Selbstverständnis der Münchner Polizei in den Krisenjahren der Republik Ende der zwanziger Jahre erfahren.

Als Fazit bleibt festzuhalten: Fachhistoriker und Fachhistorikerinnen sind vermutlich im ersten Moment enttäuscht, daß sich der "Polizeireport" zu sehr auf spektakuläre Einzelfälle der Kriminalgeschichte konzentriert. Zu wenig erfährt man über den gesellschaftlichen Kontext der Kriminalität, die Ursprünge und Besonderheiten dörflicher und urbaner Devianz sowie ihre Einbindung in den größeren Zusammenhang einer Historischen Kriminalitätsforschung. Legt man jedoch die Fachbrille ab, so verbirgt sich hinter "Polizeireport München 1799-1999" ein erstaunliches Panoptikum, das zur Schaulust animiert. Die schaurig-schönen Räubergeschichten aus dem 19. Jahrhundert, die plastischen Berichte über Mord und Totschlag sowie die Einblicke in die kriminalistische Fahndungspraxis ergeben eine spannungsreiche Melange, die nicht nur in die Untiefen der menschlichen Seele blicken läßt, sondern auch zum Nachdenken über Kriminalität und Strafverfolgung anregt.

Die Ausstellung wurde von einem umfangreichen Rahmenprogramm begleitet. Filme zur deutschen Kriminalgeschichte in Filmmuseum und Werkstattkino, Lesungen im "Teamtheater Tankstelle" sowie eine am 25. April 1999 veranstaltete Vortragsreihe mit anschließenden Diskussionen zu den Themenbereichen Jugendkriminalität, Organisierte Kriminalität und Image der Polizei ergänzten in den zurückliegenden Monaten des Ausstellungsprogramm.

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Der Katalog

Der von Michael Farin herausgegebene Katalog unter dem gleichnamigen Titel folgt der chronologischen Gliederung der Ausstellung und teilt sich ebenfalls in die drei oben genannten Bereiche ein. Er übernimmt damit die klassische Funktion eines Ausstellungskataloges, der das in der Ausstellung selbst gesehene noch einmal rekapituliert und an manchen Stellen vertieft. Die einzelnen Beiträge sind von unterschiedlicher Qualität und größtenteils populärwissenschaftlich orientiert.

Einem umfangreichen historischen Überblick von Christoph Bachmann über die Entwicklung der Münchner Gendarmerie folgen Beiträge zu Ferdinand Gump und Eduard Gänswürger, den Raubmördern aus dem Donaumoos, dem Mordfall Chorinsky/Ebergenyi, der "Dachauer Bank" der Adele Spitzeder sowie Johann Berchtold, dem sogenannten "Würger" von München. Ein längerer Beitrag von Christoph Bachmann widmet sich dem in der Nähe von München geborenen "Volkshelden" und Raubmörder Mathias Kneißl. Der erste Teil des Katalogs wird mit einer kurzen Übersicht von Hans-Joachim Hecker über den Zusammenhang von Strafjustiz und Polizei im 19. und 20. Jahrhundert abgeschlossen.

Der zweite Teil des Katalogs bietet zunächst einen chronologischen Überblick zur Organisationsgeschichte der bayerischen Polizei von den Ursprüngen bis zur Gegenwart. Es folgt eine Darstellung des Mordfalles Joseph Apfelböck, einem Münchner Raubmörder, der sogar bis in ein Gedicht von Bertold Brecht Eingang gefunden hat. Der Mord an dem bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner am 21. Februar des Jahres 1919 wird nur mit einigen Photographien dokumentiert. Einem spektakulären und bis heute ungeklärten Mordfall auf dem Land - dem sechsfachen Mord auf dem oberbayerischen Einödhof Hinterkaifeck aus dem Jahr 1922 - widmet sich Peter Leuschner. Der Hitlerputsch von 1923 wird ohne Text auf vier Photoseiten abgehandelt. Ein längerer Beitrag mit wissenschaftlichem Charakter von Stephan Heiß geht unter dem Titel "Die Polizei und Homosexuelle in München zwischen 1900 und 1933" einem spannungsreichen Thema nach, das von Albert Knoll chronologisch bis in die Zeit des Nationalsozialismus fortgeführt wird. Ebenfalls wissenschaftlich ausgearbeitet ist der von Wolfgang Burgmair, Nikolaus Wachsmann und Matthias M. Weber verantwortete Beitrag zur Entwicklung der "Kriminalbiologischen Sammelstelle in Bayern" unter Theodor Viernstein.

Der dritte Teil des Katalogs enthält unter dem Titel "Ereignismeldungen" eine vom Ausstellungsmacher und Herausgeber des Katalogs gekürzte Fassung einer Werbebroschüre mit dem Titel "Das Bayerische Landeskriminalamt im Spiegel seiner Zeit". Schlaglichartig werden wichtige Ereignisse der bayerischen Nachkriegsgeschichte umrissen: das sogenannte "Sprengpaket" für Konrad Adenauer vom 27. März 1952, der Empfang der deutschen Fußballnationalmannschaft in München nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1954, das Flugzeugunglück am Münchner Flughafen im Februar 1958, die "Schwabinger Krawalle" Anfang der sechziger Jahre, die Studentenproteste 1968, das Attentat bei der Olympiade 1972 sowie die umstrittenen Polizeieinsätze am Bauzaun der geplanten Wiederaufbereitungsanlage im oberpfälzischen Wackersdorf Mitte der achtziger Jahre.

Ähnlich wie die Ausstellung hinterläßt auch der Katalog einen zwiespältigen Eindruck: Die einzelnen Aufsätze sind mit Photos umfangreich illustriert und bezeugen noch einmal die bemerkenswerte Materialfülle des gesamten "Polizeireports". Eine Polizeiausstellung ohne Einbeziehung der Polizei ist natürlich nur schwer möglich, trotzdem kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als habe das Münchner Polizeipräsidium den Titel der Ausstellung allzu wörtlich genommen und die Ausstellung zur ausgiebigen Selbstrepräsentation genutzt. Wer "Polizeireport München 1799-1999" mehr als eine Polizeigeschichte aus Perspektive der Polizei und weniger unter dem Gesichtspunkt der Historischen Kriminalitätsforschung besucht, wird mit Schauder und Grusel in ausreichendem Maße belohnt.

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© Günter Riederer
Alle Rechte beim Autor und VL Museen
Dokument erstellt am 2.8.1999