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Ausstellungsbesprechung

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Fräulein Haberbeck und ihre Hüte. Kreationen zwischen Jugendstil und Moderne
Lippisches Landesmuseum Detmold
28. Mai bis 22. Oktober 2000

2000 Hüte. Kopfbedeckungen aus der Sammlung des Modemuseums
im Münchner Stadtmuseum vom 18. Jahrhundert bis 2000

Stadtmuseum München
14. April bis 20. August 2000
http://www.stadtmuseum-online.de/aktuell/huete.htm

Kataloge:

1) Birgit Bräuer, Fräulein Haberbeck und ihre Hüte. Kreationen zwischen Jugendstil und Moderne (=Kataloge des Lippischen Landesmuseums Detmold; Bd. 2), Detmold 2000

2) Hüte. Von Kopf bis Hut. Kopfbedeckungen aus der Sammlung des Modemuseums im Münchner Stadtmuseum vom 18. Jahrhundert bis 2000, München 2000

Rezensiert für VL Museen von:
Günter Riederer
Lehrstuhl für Neuere u. Neueste Geschichte
Ludwig Maximilians-Universität München


"Menschen auf geistig niedriger Stufe, wie die Neger im Urwald, brauchen keine Kopfbedeckung, aber auch unter diesen Primitiven pflegen Häuptlinge und Medizinmänner Hüte zu tragen, um dabei ihre geistige Überlegenheit anzuzeigen." Es ist erstaunlich, daß dieses mit rassistischen Stereotypen gespickte Plädoyer für das Tragen von Hüten keineswegs der heißen Phase des Imperialismus am Ende des 19. Jahrhunderts entstammt. Zu finden ist es vielmehr in einer Werbebroschüre der „Gemeinschaftswerbung Herrenhut" aus den 1950er Jahren, mit der die deutsche Hutindustrie gegen den neuen hutlosen Lebensstil der Nachkriegszeit anzugehen versuchte. Dieses Zitat verweist auf die Relevanz, die ein vermeintlich beiläufiges und marginal erscheinendes Kleidungsstück wie der Hut im Hinblick auf kulturgeschichtliche Fragestellungen birgt.

Wer sich näher mit dem Hut und seinen vielfältigen Ausformungen beschäftigt wird bald feststellen, wie wichtig die Hüte im Alltagsleben vergangener Zeiten waren. Der Hut und seine Moden können dabei aber schnell auch „politisch" werden - sei es als rote Jakobinermütze oder als Zylinder aus der 1848er Revolution mit schwarz-rot-goldener Kokarde, sei es als Bischofshut oder als Uniformmütze bei Militär und Polizei. Zur Zeit nähern sich zwei Ausstellungen in München und Detmold dem Hut aus jeweils unterschiedlicher Perspektive an - Grund genug sie in einer Doppelrezension einer vergleichenden Analyse zu unterziehen. Dieser Vergleich fördert dabei nicht nur Gemeinsamkeiten, sondern - wie sollte es auch anders sein - einige interessante Unterschiede in Herangehensweise und Konzeption zu Tage.

Zunächst zur Münchner Ausstellung: Ob es nun exakt 2000 Hüte sind, die dort gezeigt werden, hat der Verfasser im einzelnen nicht nachgeprüft. Die Masse, in der die Hüte im Stadtmuseum auftreten, ist allerdings überwältigend. Zu sehen sind Hüte der letzten zwei Jahrhunderte in allen Formen und Farben: Hüte für Männer, Frauen und Kinder, Hüte für Post-, Bahn- und Polizeibeamte, Schiffs- und Flugkapitänsmützen, Badekappen, Trachtenhüte, Riegelhauben, Strohhüte und Narrenkappen - die Variationsmöglichkeiten dieses Kleidungsstücks scheinen schier unendlich. Erklärtes Ziel der Ausstellung im Stadtmuseum München ist es, dem Bedeutungswandel der Kopfbedeckung „Hut" bis in die unmittelbare Gegenwart nachzuspüren. Der Hut - so eine der zentralen Thesen der Ausstellung - steht für Stimmungen und kann einer ganzen Palette von Gefühlen Ausdruck geben. Das Spiel der emotionalen Zeichen reicht dabei von männlich-sportlich über jugendlich-verführerisch bis hin zu exotisch und geheimnisvoll.

Die Konzeption der Ausstellung versucht auf subtile Weise, dieses Anliegen zu befördern. Die im Titel versprochenen „2000 Hüte" sind in zwei großen Räumen untergebracht. An ihren Rändern befinden sich Vitrinen, in denen die Hüte nach verschiedenen Themenbereichen geordnet liegen. In der Mitte der Räume steht jeweils eine große „Hutinstallation", die einem überdimensionalen großen Tisch gleicht und auf der - wie an einem Marktstand - thematisch geordnete Hüte in ihren jeweiligen Variationen flach ausgebreitet liegen. Um ein Beispiel zu geben: Sieht man in der Vitrine Hüte und Mützen zum Thema „Kopfbedeckungen als Hoheitszeichen", so wird in der Installation diese Thematik erneut aufgegriffen. Zu sehen sind dann etwa 30 verschiedene Uniformmützen aus mehreren Jahrhunderten, deren Grundform zwar immer gleichbleibt, die jedoch in Farbe und Form jeweils leichte Variationen aufweisen und eben deswegen als Uniformmützen erkennbar bleiben.

Die Ausstellung verzichtet - mit Ausnahme eines großen Banners im Eingangsbereich, auf dem einige ihrer grundlegenden Ziele kurz thematisiert werden - weitgehend auf Text. Somit ist der zeitgleich erschienene Katalogband eine fast unverzichtbare Ergänzung zum Rundgang. Dem Buch kommt zum einen die klassische Funktion eines Nachschlagewerks für die Sammlung „Hüte" im Münchner Modemuseum zu, denn jeder einzelne Hut, der in den Vitrinen zu sehen ist, wird verzeichnet und genauer erläutert. Zum anderen enthält der Band aber auch einige ebenso anregende wie amüsante Aufsätze zu den Themen Hut und Politik, zur Symbolfunktion von Hüten in der Kunstgeschichte, zum Kopftuch oder zum Verhältnis von Haar und Hut.

Den gleichen Gegenstand, jedoch unter einem völlig anderen Zugang, behandelt die Ausstellung „Fräulein Haberbeck und ihre Hüte" im Lippischen Landesmuseum in Detmold. Um es gleich vorwegzunehmen: Zu sehen ist hier Mikrogeschichte par excellence, die an einem lokalen Beispiel - der Detmolder „Putzmacherin" Auguste Haberbeck - ein weitverzweigtes Netz von Bezügen knüpft. Den Grundstock für Ausstellung und Katalogband bildet der Nachlaß der Auguste Haberbeck, die 32 Jahre lang - von 1901 bis 1933 - ihr Hutgeschäft in der Detmolder Innenstadt betrieben hat. Souverän führt die Ausstellung ihre einzelnen Aspekte zusammen und verschmilzt auf diese Weise die Geschichte der Frauenarbeit am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die Sozialgeschichte einer kleinen Residenzstadt wie Detmold und nicht zuletzt die Modegeschichte zu einer beeindruckenden Melange.

Untergebracht im Sonderausstellungssaal des Lippischen Landesmuseums nimmt die Ausstellung ihren Ausgangspunkt in einer detailgetreuen Inszenierung eines Putzwarenladens um 1905. Die Putzmacherei umfaßte neben dem Entwerfen und der Anfertigung von Damen- und Mädchenhüten auch Änderungen und Reparaturen an weiblichen Kopfbedeckungen. Die Hüte wurden zumeist vorgefertigt eingekauft und von der Putzmacherin mit modischen Details wie Federn, Stoffblumen oder Hutnadeln ausgestattet. Die Ausstellung thematisiert den „Putzwarenhandel" als weibliche Domäne und greift dabei auf unterschiedlichste Exponate zurück. Eine Vitrine ist der umfangreichen Mädchen-Ratgeberliteratur der Jahrhundertwende gewidmet, die den Beruf der Putzmacherin und der Schneiderin als „dem weiblichen Geschlecht am nächsten" positiv beurteilte. Fotografien von Putz- und Modewarenhandlungen und Illustrationen über die Strohhutfabrikation werden ebenso gezeigt wie Hutmodellbögen, alte Kassen- und Rechnungsbücher, Warenkartons gefüllt mit künstlichen Margeriten oder Hutnadeln mit bemalten Porzellanköpfen.

Anhand der von Auguste Haberbeck hinterlassenen Frauenhüte wird eine überzeugende Stilgeschichte des Hutes über mehrere Jahrzehnte geschrieben. Der Ausstellungsrundgang geht dabei chronologisch vor und setzt verschiedene zeitliche Schnitte: Um 1900 ist die Damenhutmode vor allem vom Einfluß des Jugendstils geprägt. Seine Vorliebe für geschwungene Linienführung drückte sich durch asymmetrisch aufgebogene Hutkrempen und oft aufsehenerregend schrägen Sitz der Hüte aus. Um 1910 zeichnete sich dann ein neuer Stil ab, Ausdruck des gesteigerten weiblichen Selbstbewußtseins war der dramatisch gewachsene Umfang der Hüte. Mit den Auswirkungen des Ersten Weltkrieges verringerte sich dann die Größe der Damenhüte wieder und eine Tendenz zu Einfachheit und Bequemlichkeit setzte ein. Im Modestil der zwanziger Jahre wiederum spiegelte sich die gewandelte Stellung der Frau in der Gesellschaft. Auffallend ist die funktionale Sachlichkeit in der Hutmode, schmale Glocken- und Topfhüte sowie enganliegende, randlose Hüte kommen in Mode. Diese verschiedenen Stationen der Damenhutmode werden in kurzen, einfachen und übersichtlichen Texten prägnant präsentiert und in den Vitrinen durch zahlreiche Beispiele belegt.

Der letzte Abschnitt des Rundgangs gibt einen Überblick zur Hutmode der 1950er und 1960er Jahre und thematisiert den Niedergang der Hutindustrie mit Auszügen aus Modezeitschriften. In diesem Ausstellungsbereich findet sich auch das eingangs erwähnte Zitat wieder. Die letzte Vitrine präsentiert - ähnlich wie auch die Münchner Ausstellung - aktuelle Kreationen für die laufende Hutsaison und eine Anprobierecke.

Die beiden Ausstellungen in München und Detmold untermauern die Bedeutung des Hutes für die Alltags- und Kulturgeschichte. In beiden Fällen ist die Ausstellungsarchitektur sehr gelungen, wobei im Vergleich zu München Detmold hier einige Pluspunkte sammelt: Katalogband, Ausstellungswände und Informationsmaterial bis hin zur Eintrittskarte weisen ein gelungenes und vor allem grafisch einheitliches Design auf. Die Detmolder Ausstellung bemüht sich darüber hinaus in vorbildlicher Weise um die Einbeziehung der Besucher: Ein Glossar mit den wichtigsten Fachbegriffen zur Hutmode liegt zu Beginn der Ausstellung auf und erleichtert beim Gang durch die Exponate deren Verständnis.

Obwohl im Zentrum des Interesses jeweils der gleiche Untersuchungsgegenstand steht, zeichnen sich in beiden Ausstellungen zwei völlig unterschiedliche museale Zugänge ab. Die Münchner Ausstellung arbeitet weitgehend ohne Text und setzt dabei ganz - wie der Titel bereits andeutet - auf sein in ungewöhnlicher Dichte ausgestelltes Objekt. Der Hut tritt in der Masse auf und erst dadurch wird das gewagte Experiment mit den Typologien möglich. Die geballte Menge verlangt von den Besuchern allerdings eine beträchtliche Eigenleistung, denn erst nach längerem Schauen und Vergleichen erschließt sich die Ordnung der Hüte nach Themen. Letztlich stellt sich damit die alte und bislang ungelöste museumspädagogische Streitfrage, ob sich Ausstellungsexponate aus sich selbst erklären, oder ob Betrachter und Betrachterin mit Hilfe eines ausführlichen Textes an die Hand genommen und durch die Ausstellung geleitet werden sollten.

Ganz offenkundig setzt die Ausstellung in Detmold hier auf die konventionellere Variante: Übersichtlich gestaltete und gut lesbare Texttafeln thematisieren die Mode- und Stilwechsel in der Damenhutmode am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zudem beschränkt sich der Untersuchungsgegenstand von vornherein nicht nur auf den Hut, sondern bezieht auch den Aspekt der Herstellung, den Kontext des Handwerks und sozialgeschichtliche Perspektiven näher mit ein. Inhaltlich liegt der Schwerpunkt allerdings auf Damenhüten, die Vielfalt der Münchner Ausstellung wird auf diese Weise natürlich nicht erreicht. Als Fazit bleibt jedoch festzuhalten: Trotz oder gerade wegen ihrer völlig unterschiedlichen Inszenierungen gelingt beiden Ausstellungen das gleiche Kunststück - nämlich große Strukturen, tiefgreifenden sozialen Wandel und komplexe gesellschaftliche Prozesse auf wunderbar erfrischende Weise an einem kleinen unscheinbaren Bekleidungsgegenstand zu erklären.


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Dokument erstellt am 7.7.2000