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Deutschland

Ausstellungsbesprechung

 

Synagoge München

Rezensiert von

Günter Riederer
Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte
Universität Muenchen

Beth ha-Knesseth - Ort der Zusammenkunft. Zur Geschichte der Münchner Synagogen, ihrer Rabbiner und Kantoren
Eine Ausstellung des Stadtarchivs München im Jüdischen Museum München, Reichenbachstraße 27/Rückgebäude; in Zusammenarbeit mit dem Münchner Stadtmuseum, 7. Dezember 1999 - 31. Mai 2000, geöffnet Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, jeweils 14 bis 18 Uhr

Kein Ort mehr. Jüdisches Leben in der Lindwurmstraße 1938-1945
Eine Ausstellung der Münchner Volkshochschule im Haus Lindwurmstraße 127 - I. OG, geöffnet werktags von 9 bis 21 Uhr, am Wochenende von 10 bis 17 Uhr

Kataloge

Beth ha-Knesseth - Ort der Zusammenkunft. Zur Geschichte der Münchner Synagogen, ihrer Rabbiner und Kantoren, München: Buchendorfer Verlag 1999 (ISBN 3-934036-09-0; DM 28)

Kein Ort mehr. Jüdisches Leben in der Lindwurmstraße 1938-1945, München: Buchendorfer Verlag 1999 (ISBN 3-927984-08-2; DM 9,50)


„Am Nachmittag versammelte sich in größter Bewegung (...) die ganze Gemeinde in dem Gotteshaus. Es wurden die Awino Malkenu gesagt, ein letztes Kaddisch, und die Thorarollen wurden in feierlichem Zuge in das Verwaltungsgebäude getragen. Am Tage darauf begann der Abbruch des Gotteshauses. Ich stand mit unserem Oberkantor, Professor Kirschner, auf der Treppe des Verwaltungsgebäudes und schaute auf das Werk der Zerstörung. An unser Ohr tönte der Ruf: ‘Achtung, es wird gesprengt.’ (...) So fiel das Gotteshaus nach 50jährigem Bestand, eine Zierde der Stadt, ein Opfer des fanatischen Hasses.“ Mit diesen eindringlichen Worten beschrieb Dr. Alfred Neumeyer, der Vorsitzende der Münchner Israelitischen Kultusgemeinde, einen Vorgang, der selbst in einer Zeit des aggressiven Antisemitismus eine neue Dimension der Angriffe gegen die jüdische Bevölkerung in Deutschland markierte. Nur einen Tag zuvor, am 8. Juni 1938, hatten ihn Beamte des Bayerischen Innenministeriums zu sich zitiert und ihm eröffnet, daß die Münchner Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße abgerissen werden solle. Über Nacht konnten die Gemeindemitglieder in aller Eile noch einen Teil des Inventars und wichtige Ritualgegenstände retten. Wenige Stunden später, am Vormittag des 9. Juni 1938, begann die bekannte Münchner Baufirma Leonhard Moll im Auftrag der Stadt die Abbrucharbeiten. Nach drei Wochen war das prächtige Gebäude im Zentrum Münchens beseitigt und die freigewordene Fläche diente fortan als Parkplatz.

Die angeblichen „verkehrstechnischen Probleme“, mit denen die Behörden den Abbruch der Synagoge angeordnet hatten, waren jedoch nur vorgetäuscht. Eine persönliche Anweisung Adolf Hitlers, der sich bei einem Anfang Juni 1938 erfolgten Besuch in München durch das Haus gestört fühlte, gab den eigentlichen Grund zur Abbruchentscheidung. Die Hauptsynagoge von München war damit - fünf Monate vor der sogenannten „Reichskristallnacht“ - die erste von den Nationalsozialisten in Deutschland zerstörte Synagoge. Gegen diesen durch staatliche Behörden offiziell legitimierten Akt des Vandalismus regte sich unter der nichtjüdischen Bevölkerung Münchens kein Widerstand. Dem Memorizid, der Auslöschung der symbolischen Orte der Erinnerung an die jüdische Geschichte in München, folgte nur wenig später der Genozid, die planmäßige und industrialisierte Vernichtung der jüdischen Bevölkerung.

Mit der Zerstörung der Münchner Hauptsynagoge beschäftigen sich jetzt aus jeweils unterschiedlicher Perspektive zwei Ausstellungen in der Landeshauptstadt. „Kein Ort mehr“ ist das Ergebnis der Arbeit einer Geschichtswerkstatt, die vom November 1997 bis Sommer 1999 bei der Münchner Volkshochschule angesiedelt war. Ausgangspunkt dieses Projekts bildete die Rekonstruktion der Geschichte des Hauses „Lindwurmstraße 127/Rückgebäude“. Dieses Gebäude, das heute die zentralen Unterrichts- und Seminarräume der Volkshochschule beherbergt, diente der Israelitischen Kultusgemeinde München in den Jahren zwischen 1938 und 1945 als Gemeindehaus mit Betsaal. Demgegenüber spannt die im Jüdischen Museum gezeigte Ausstellung „Beth ha-Knesseth - Ort der Zusammenkunft“, die in enger Kooperation mit dem Stadtarchiv München erarbeitet wurde, einen weiteren Bogen: In vier Ausstellungsräumen rekonstruiert sie jüdisches Leben in München vom Mittelalter bis in die Gegenwart.

Auch die Geschichte der Juden in München ist - wie der erste Raum der Ausstellung „Beth ha-Knesseth“ ausführlich darstellt - durch Gewaltexzesse und wiederholte Vertreibungen gekennzeichnet. Bereits die spärlich überlieferten frühen Zeugnisse jüdischen Lebens in der Haupt- und Residenzstadt weisen deutlich in diese Richtung: Am 12. Oktober 1285 fiel nahezu die gesamte jüdische Einwohnerschaft Münchens einem Pogrom zum Opfer, im Jahr 1349 wurde den Juden eine Pestepidemie zur Last gelegt, 1413 führte eine vermeintliche „Hostienschändung“ zu blutigen Verfolgungen und um 1440 vertrieb Herzog Albrecht III. sämtliche Juden aus der Stadt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erfolgten erste zaghafte Versuche einer rechtlichen Besserstellung der Juden in Bayern. Das am 10. Juni 1813 erlassene „Edikt die Verhältnisse der jüdischen Glaubensgenossen im Königreich Bayern betreffend“ schuf die Grundlage für die Bildung jüdischer Gemeinden. In München erfolgte deren Gründung in den ersten Monaten des Jahres 1815, unmittelbar danach setzten bereits die Planungen zum Bau einer Synagoge ein. Der langwierigen Suche nach einem geeigneten Grundstück und den diversen behördlichen Genehmigungen folgte im Jahr 1826 die Einweihung einer Synagoge in der heutigen Westenriederstraße.

Die beiden folgenden Ausstellungsräume widmen sich den weiteren Sakralbauten, die bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts entstanden: 1887 wurde die eingangs erwähnte große Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße errichtet, in den Jahren 1891 und 1892 erbaute der orthodoxe Teil der jüdischen Gemeinde in der Maximilianstraße die Synagoge „Ohel Jakob“. Um die Jahrhundertwende wuchs die Münchner Kultusgemeinde aufgrund der Zuwanderung von Juden aus Osteuropa stark an. Unter den ostjüdischen Neumünchnern entstand rasch der Wunsch nach einem eigenen, orthodoxen Bethaus. Ende der zwanziger Jahre wurde in der Reichenbachstraße von dem jungen Architekten Gustav Meyerstein im Stil der Neuen Sachlichkeit ein Synagogenneubau errichtet.

Der vierte Raum thematisiert die schwierige Situation der jüdischen Gemeinde in München nach 1945. Gezeigt werden Fotografien von der am 20. Mai 1947 erfolgten feierlichen Wiedereröffnung der Synagoge in der Reichenbachstraße, die bis heute der Israelitischen Kultusgemeinde in München und Oberbayern als Hauptsynagoge dient. Ein eigener Abschnitt widmet sich der Geschichte der Synagogenmusik und stellt verschiedene Kantoren der Münchner Gemeinde vor.

„Beth ha-Knesseth“ löst die im Titel angekündigten Ziele ein und rekapituliert die Geschichte der Münchner Juden aus Sicht der Synagogen, ihrer Rabbiner und Kantoren. Die Ausstellung liefert einen detaillierten Überblick zum jüdischen Leben in München von seinen Anfängen im 12. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Optisch anspruchsvoll gestaltete Stellwände präsentieren umfassende biographische Skizzen zu Rabbinern und Kantoren der Münchner Israelitischen Gemeinde. Pläne und Skizzen zu den Synagogenbauten sowie zahlreiche Kultgegenstände in Vitrinen geben Einblick in das Leben der jüdischen Glaubensgemeinden in München. Wenn auch bei der Präsentation der Stücke erklärende Texte überwiegen, so ist doch das Bemühen um eine multimediale Präsentation unverkennbar: Neben der Einbeziehung von zeitgenössischem Filmmaterial über den Abriß der Hauptsynagoge im Juni 1938 besteht über Kopfhörer die Möglichkeit synagogale Musik zu hören. Etwas improvisiert wirken die engen Ausstellungsräume in einem kleinen Rückgebäude der heutigen Israelitischen Kultusgemeinde. „Beth ha-Knesseth“ soll allerdings den Grundbaustein für das geplante Jüdische Museum der Stadt München bilden und dort in großzügigeren Räumen untergebracht werden. Vielleicht läßt sich dann mehr Mut im Hinblick auf eine unkonventionellere Ausstellungsarchitektur aufbringen.

Wesentlich weniger repräsentativ, jedoch ebenso informativ zeigt sich die Ausstellung „Kein Ort mehr“, die in einem Flur des zentralen Unterrichtsgebäudes der Münchner Volkshochschule untergebracht ist. Ihr Ausgangspunkt ist die Geschichte des Hauses „Lindwurmstraße 127/Rückgebäude“, in dem sich - wie die umfangreichen Recherchen der Geschichtswerkstatt ergaben - die ebenso wechsel- wie leidvolle Geschichte jüdischen Lebens in München widerspiegelt.

Der ehemalige Fabrikbau war am Ende des 19. Jahrhunderts von der Familie Einstein errichtet worden und beherbergte zunächst eine elektrotechnische Fabrik. Nach deren Liquidation noch vor dem Ersten Weltkrieg und zahlreichen Besitzwechseln des Hauses fand im Jahr 1938 die Münchner Israelitische Gemeinde dort ihre letzte Zufluchtsstätte. Der Umzug der Kultusgemeinde aus dem Zentrum der Münchner Altstadt in einen häßlichen Fabrikhinterhof hatte symbolischen Charakter und dokumentierte sinnfällig die zahllosen Repressalien, denen sich die jüdische Bevölkerung in Deutschland mittlerweile ausgesetzt sah. Von hier aus versuchte die Israelitische Gemeinde das Überleben der Juden in München zu ermöglichen.

In zahlreichen Fotografien und Schriftstücken dokumentiert „Kein Ort mehr“ die antisemitischen Übergriffe gegen die jüdische Bevölkerung. Eine Flut von Gesetzen, Verboten und Vorschriften bestimmte den Alltag und machte einen geregelten Lebensablauf unmöglich: Juden war es verboten, die Straßenbahnen zu benutzen, sie durften öffentliche Parks und Gebäude nicht mehr betreten und mußten als weithin sichtbares Zeichen der Diskriminierung den Davidstern an der Kleidung tragen. Dem Ausschluß aus dem öffentlichen Leben folgten Vertreibung, Deportation und Vernichtung.

Die Geschichtswerkstatt, die „Kein Ort mehr“ konzipiert und erarbeitet hat, rekonstruiert detailgetreu die Geschichte des Hauses „Lindwurmstraße 127/Rückgebäude“. Unter der Leitung von Stefan Wimmer begaben sich ihre Mitglieder auf die nicht immer einfache Suche nach Zeitzeugen, Fotografien und schriftlichen Dokumenten. In vorbildlicher Weise präsentieren sie mit dieser Ausstellung die Ergebnisse ihrer Arbeit einer breiten Öffentlichkeit und stellen damit eindrucksvoll unter Beweis, wie wichtig und ergiebig historische Recherchen im Mikrobereich sein können. Besonders hervorzuheben ist die einfache, aber effektive Ausstellungsarchitektur: Texte und Fotos wurden auf Quader aufgezogen, die in unterschiedlicher Tiefe aus der Wand ragen. Die dadurch entstehende reliefartige Struktur gliedert die einzelnen Themenbereiche und erleichtert damit den inhaltlichen Zugang.

Zu beiden Ausstellungen sind Begleitbände erschienen, die in vielen Fotografien und Reproduktionen von Originalquellen reiches Material enthalten. Beide Bücher wollen über die Ausstellung hinaus wirken und liefern einen wichtigen Beitrag zu einem lange vernachlässigten Kapitel der Münchner Stadtgeschichte.


© Günter Riederer
Alle Rechte beim Autor und VL Museen
Dokument erstellt am 01.02.2000