VL Museen

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Ausstellungsbesprechung

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Rezensiert von
Elfie Rembold
Humboldt-Universität, Berlin

Fremdkörper - Fremde Körper.
Von unvermeidlichen Kontakten und
widerstreitenden Gefühlen.

Deutsches Hygiene-Museum Dresden
6. Oktober 1999 bis 27. Februar 2000

Website
http://www.dhmd.de

Ausstellungskatalog: Fremdkörper-Fremde Körper.
Von unvermeidlichen Kontakten und widerstreitenden Gefühlen, hrsg. v. Annemarie Hürlimann, Marin Roth und Klaus Vogel, Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz Verlag 1999, 268 S., ISBN 3-7757-0845-6, Preis: DM 34,-.

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"Das Ich ist nicht autark und autonom, sondern ein von Fremdheit und Verschiedenheit des Anderen geschaffenes und durchzogenes Ich - der 'Andere des Anderen'". (aus: Die Spur des Anderen)

Diese philosophischen Worte von Emmanuel Lévinas nähern sich dem Thema der Identität durch ihr Gegenteil - der Alterität. Ähnlich umkreist die Ausstellung denselben Gegenstand mit den Begriffen der Fremdheit und des Körpers und schöpft damit - dem Medium angemessen - aus dem Bereich des Sinnlichen und Emotionalen. Es geht hier also um Identität und Fremdheit und damit um ein hochaktuelles und brisantes Thema, das nicht nur die Bundesrepublik, aber diese vor allem, bewegt. Wenn Deutschland zum Einwanderungsland wird, Fremde im Alltag aber ausgegrenzt und zum Objekt des Hasses werden, mit oft tödlichen Folgen, tut Aufklärung Not. Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden hat sich dieser diffizilen Aufgabe auf eine Weise angenommen, die das Publikum zu faszinieren vermag: es gelingt, aufzuklären, ohne dabei belehrend den Zeigefinger zu heben. Diese Ausstellung ist in der Tat ein Projekt, das auch an andere Orten dieser Republik wandern sollte, um Nachdenken anzuregen und Selbstreflexion zu fördern.

Man betritt die Ausstellung, indem man auf einen kurzen auf den Boden projizierten Text tritt, der vom Fremden und Eigenem und Sich-Einlassen handelt. Es wird dunkel - und so bleibt es auch durch die vier grossen Räume hindurch. Nur die rund 500 Exponate, die dazugehörenden Erläuterungen und die an die Wand geworfenen Zitate und sind hell erleuchtet. Auf eine sehr sinnliche Weise taucht die Besucherin und der Besucher in die Welt des Anderen ein: wie der Duktus der Ausstellung von Kontrasten geprägt ist, so sind die Räumlichkeiten in schwarz und weiss gehalten, spiegeln gleichsam eine Art des Denkens wider, die Ulrich Beck, so ein weiteres Zitat, wie folgt umschreibt: "Wir leben in einer anderen Welt als in der, in der wir denken. Wir leben in einer Welt des UND, denken aber in Kategorien des ENTWEDER - ODER" bzw. des schwarz - weiss. Dieses dichotomische Denken für die Besucher sinnen-fällig gemacht zu haben und in ihnen Emotionen zu wecken, die eigene Vor-urteile auf den Prüfstand stellen, ist ein grosses Verdienst der Ausstellungsmacher unter der Leitung von Annemarie Hürlimann.

Entsprechend ihrem Titel präsentiert sich die Ausstellung in zwei grossen Teilen, die durch einen kleinen dritten verbunden werden. Durch die dargestellten "Fremdkörper" werden die Gefühle gegen das Andere mobilisiert - das Andere, das in Form von Nägeln, Gewehrkugeln, Gallen- und Nierensteine etc. in unseren Körpern eingedrungen ist, der sich über Eiterungen, Schwellungen und Blähungen dagegen wehrt. Unweigerlich regen sich da bisweilen Ekelgefühle, die sich aber, sobald man sich der anderen Seite des Raumes zuwendet, in ein erleichtertes Aufatmen verwandeln, da aus dem "Gegeneinander" des Pfeils, das "Miteinander" der Prothese geworden ist. Fremdkörper, so wird durch die verschiedenen Exponate von künstlichen Zähnen, Herzschrittmachern, Brillen und Hörgeräten anschaulich deutlich, sind nicht nur unerwünscht und abstossend, sondern auch willkommene Helfer, die wir uns selber zufügen. - Zwei Seiten einer Medaillie also. Doch diese Ausschliesslichkeit des entweder "guten" oder "schlechten" reicht nicht aus, um Fremdkörper zu erfassen, wie eine riesenhaft vergrösserte Haarbalgmilbe belegt. (Abb.1) Dieser Mitbewohner in unserer Gesichtshaut (von 60-80% der Menschen) symbolisiert die friedliche Koexistenz eines Fremdkörpers mit unserem Körper.

Wie sehr unsere Wahrnehmung unsere Umwelt strukturiert, zeigen am deutlichsten die Abbildungen und Präperate im kleinsten Raum der Ausstellung, der quasi das Zwischenkapitel in diesem Essay bildet. Hier werden "wundersame Wesen", Zwischenwesen zwischen Mensch und Tier, vom antiken Satyr bis zur modernen Science-Fiction Figur des Mr. Spock gezeigt; allesamt Ausgeburten der menschlichen Fantasie, die sich dadurch das Unbekannte in das Bekannte einzuverleiben versucht. Anders als in dem vorhergehenden Raum wird hier allerdings nicht sofort ersichtlich, warum diese Mischgestalten gezeigt werden. Der Übergang von den "Fremdkörpern" zu den "Wundersamen Wesen" scheint zu fliessend, und eine klarere räumliche Trennung hätte einem besseren Verständnis sicherlich gut getan.

Nach dieser emotionalen Einstimmung dürfte die Besucherin und der Besucher nun genügend vorbereitet sein, um die Botschaft des letzten und eigentlichen Teils der Ausstellung in Empfang zu nehmen. Hier wird gezeigt, wie der aus der Medizin und Naturwissenschaft stammende Begriff des "Fremdkörpers" Eingang findet in unsere Alltagssprache, die dann "Fremde Körper", die zu Menschen gehören, in "Typen" und "Stereotypen" kleidet, mit der Folge, daß uns nun die Worte fehlen, um Fremde als "Individuen" zu sehen und als solche begreifen zu können. Die "Fremdbilder aus der Innenwelt der westlichen Kultur" sollen die Besucher über unsere Denkmuster aufklären, sollen sie darauf stoßen, wie sehr die typisierende Methode der Biologie einerseits und die Erfahrungen des europäische Kolonialismus andererseits dazu beigetragen haben, Bilder vom Fremden zu malen, die ihn schematisch zum Schwarzen, Gelben, Roten, Juden und Zigeuner machten. (Abb. 2) Durch Darstellungen in Lexika oder Schulbüchern, in Weltausstellungen und in Kinderspielzeug wurden diese Vorstellungen von den Fremden popularisiert und verfestigt und bilden bis heute Teil unserer modernen, westeuropäischen Mentalität. Um das Individuum gegen das Stereotyp zu seinem Recht kommen zu lassen, wird dem Besucher z.B. die Künstlichkeit des Klischees der besonderen jüdischen Nase dadurch vor Augen geführt, dass aus einer Wand etwa 50 Nasenmodelle herausragen, die allesamt verschieden sind und erahnen lassen, dass die Rede von einer "jüdischen Rasse" ein haltloses Konstrukt war und ist, um unliebsame Personen auszugrenzen. Weniger gelungen hingegen wirkt der Versuch, die Bedeutung des Schleiers zu dekonstruieren, indem hinter verschiedenen Gucklöchern weisse Schals sichtbar werden, die von den verschiedensten Frauen aus verschiedenen Kulturkreisen zu verschiedensten Anlässen getragen wurden. Die Vielfältigkeit grenzt hier aber schon an Beliebigkeit und verliert dadurch an Aussagekraft.

Das sind jedoch die Ausnahmen in einer ansonsten durchweg überzeugenden Darstellung von westlichen Identitätskonstruktionen anhand von Fremdenbildern, die entweder physiognomische Merkmale unzulässig verallgemeinern oder dem Anderen Eigenschaften zuschreiben, die dem eigenen Schönheitsideal widersprechen und ihn so degradieren. Es wird ersichtlich, dass in beiden Fällen die Fremdenbilder Grenzen erzeugen, gegen die sich das Ich konstituieren und die es beherrschen kann. Mit einer Videoinstallation von York der Knöfel, in der auf 48 Monitoren Menschen jeden Alters und unterschiedlichen Aussehens ihre persönlichen Alltagsgeschichten erzählen, endet die Ausstellung schliesslich mit einem Plädoyer für Toleranz und Akzeptanz des Anderen.

So gelungen diese Ausstellung im Ganzen auch ist, so bleibt doch die Frage offen, warum in einer Ausstellung, die im Deutschen Hygiene-Museum gezeigt wird, nicht auch die besondere Rolle von Sauberkeit im Selbstverständnis der Deutschen und damit auch ein Aspekt der Geschichte des Museums selbst thematisiert wird. Dies hätte sich angeboten, da es das Fremdheit-Identitätsthema mit dem Ausstellungsort enger verzahnt hätte. Denn das Deutsche Hygiene-Museum ist ja der manifeste Ausdruck eines deutschen Sauber- und Reinheitsverständnisses, das 1911 in einer Internationalen Hygiene-Ausstellung der Welt vorgeführt wurde - in einer Zeit, in der Weltausstellungen en vogue waren und in einem Jahr, in dem in Wien eine Internationale Jagd-, in Glasgow eine Nationale Geschichts-, in London eine Krönungs- und in Rom schlicht eine Internationale Ausstellung im Stile einer Weltausstellung zu sehen gewesen waren. Aber vielleicht ist das ja einmal ein ganz eigenes Thema, das uns das Hygiene-Museum in Dresden in einem europäischen Kontext präsentieren wird.

Während in der Ausstellung selbst auf ausgedehnte Erklärungen verzichtet und stattdessen mit prägnanten Zitaten und kurz gefassten Texten gearbeitet wurde, bietet der gleichnamige Katalog, herausgegeben von Annemarie Hürlimann, Marin Roth und Klaus Vogel, die in Wort und Bild vertextete Version des Präsentierten. In der ersten Hälfte des 268 Seiten umfassenden Buches wird das Thema in sieben Aufsätzen unter verschiedenen allgemeinen Gesichtspunkten (Rassismus, Sexismus, Globalisierung etc.) näher beleuchtet, um dann der Leserin und dem Leser auf eine der Ausstellung ähnlichen, nämlich unterhaltsamen und spannenden Weise deren Unterthemen und Exponate zu erläutern. Nicht nur für Pädagogen eine sehr wertvolle und preislich ebenfalls günstige (DM 34,-) Ergänzung zur Ausstellung.

In einer die Ausstellung begleitenden Lesereihe ("Fremde Blicke auf Deutschland") wird die Perspektive umgekehrt, und ausländische Autoren vermitteln Einblicke und Sichtweisen über Deutsche und Deutschland. Leider wird dieses zusätzliche Angebot nicht besonders publik gemacht. Und auf der Homepage des Museums wird darauf nur im Veranstaltungskalender, zwischen Terminen zu allgemeinen Fragestunden und Diabetes-Vorträgen, hingewiesen.

Überhaupt fällt die Internet-Präsentation (http://www.dhmd.de/Pages/mainfrb13.htm) der Ausstellung sehr dürftig aus. Neben irritierenden html-Fehlern findet sich nichts weiter als eine kurze Zusammenfassung über die Sonderausstellung. Angesichts gerade des aufklärerischen Anspruchs der Ausstellungsmacher wäre eine ausführlichere, virtuelle Darstellung gerade für schulische Zwecke sehr wünschenswert gewesen.

Trotz dieser eher geringfügigen Mängel ist die Ausstellung ein durch und durch empfehlenswertes Ereignis, nicht nur für Schulklassen, sondern auch für Familien, die einen Museumsbesuch an einem Sonntagnachmittag mit einem Stadtbummel in der ebenso sehenswerten Elbe-Metropole Dresden verbinden möchten.


© Elfie Rembold
Alle Rechte beim Autor und VL Museen
Dokument erstellt am 3.11.1999