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Deutschland

Ausstellungsbesprechung

 

Rezensiert von
Elfie Rembold
Humboldt-Universität, Berlin

Der Ton. Das Bild. Die Bayern und ihr Rundfunk
Museum für Post und Kommunikation, Nürnberg
22. Juli - 17. Oktober 1999

Katalog:
Der Ton. Das Bild. Die Bayern und ihr Rundfunk 1924-1949-1999,
Augsburg: Haus der Bayerischen Geschichte 1999, 342 S.,
ISBN 3-927233-66-8, Preis: DM 29,-


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Ein Medium wie der Bayerische Rundfunk thematisiert sich selbst über das Medium Museum. Der Anlass ist gleich ein doppelter: 75 Jahre Rundfunk in Bayern und 50 Jahre Bayerischer Rundfunk. Grund genug für den Sender, sich seinen HörerInnen und ZuschauerInnen einmal von einer anderen Seite zu präsentieren und sich hinter die Kulissen schauen zu lassen. In Zusammenarbeit mit dem Haus der Bayerischen Geschichte in Augsburg organisierten die Verantwortlichen des Bayerischen Rundfunks die inzwischen von München (13. April - 4. Juli 1999) nach Nürnberg gewanderte Ausstellung. Allerdings können die Interessierten der Nürnberger Präsentation nicht, wie noch ein paar Monate zuvor die Münchner, ihre Neugierde direkt vor Ort, d.h. im Funkhaus selber befriedigen, sondern müssen mit den Räumlichkeiten im Museum für Post und Kommunikation vorlieb nehmen.

Aufgeteilt in sieben Räumen durchwandert der Besucher die Geschichte des medialen Tons und Bilds. Von einem dunkeln Vorraum, in dem noch Vogelstimmen und andere Naturgeräusche zu hören sind und wo schemenhaft Fotos auf das letzte nicht vom Rundfunk übertragene Grossereignis - die Revolution von 1918/19 - verweisen, schreitet man in das Zeitalter der Rundfunkübertragung, wo einem eine Stimme mit "Hier ist die Deutsche Stunde in Bayern" empfängt. Auf einer Standtafel wird erklärt, dass im September 1922 von Robert Riemerschmid, Hermann Klöpfer, Josef Böhm und Ernst Ludwig Voss die "Deutsche Stunde in Bayern Gesellschaft für drahtlose Belehrung und Unterhaltung m.b.H." gegründet wurde (eine vergrösserte Gründungsurkunde hängt von der Wand auf den Originaltisch, an dem die vier Gesellschafter ihre Unterschrift leisteten) . Im März 1924 ging sie dann erstmals in München und im August des selben Jahres in Nürnberg auf Sendung. Bayern folgte so, mit nur viermonatiger Verspätung, der Gründung der "Deutschen Stunde" in der Reichshauptstadt Berlin, und mit dem Riemerschmidbau von 1929 (ein Foto zeigt diesen) errichtete es sich sein eigenes Funkhaus in München.

Technikinteressierte kommen in dieser Ausstellung voll auf ihre Kosten. Sende-, Empfangs- und Übertragungstechnik werden anhand alter und, im hinteren Teil der Ausstellung, auch sehr moderner Unikate sichtbar gemacht. So wird z.B. ein Einröhren-Audionempfänger mit zweistufigem Verstärker und Trichterlautsprecher von der Firma Huth aus dem Jahre 1924 gezeigt oder verschiedene Mikrofone, u.a. ein Kondensatorenmikrofon, die sog. Neumannflasche. Modernere Radio- und Fernsehgeräte (Breitbildschirm), ein Modell einer Rakete für Nachrichtensatelliten sowie diverse Antennenkabel (Koaxial- und Glasfaserkabel) und Geräte zur Geräuschimitation sind ebenfalls zu besichtigen. Daneben finden sich zahlreiche Abbildungen bayerischer Rundfunk-Persönlichkeiten, denen in der "Hall of Fame" breite Aufmerksamkeit gewidmet wird. Reportageausschnitte von z.B. Josef Kirmaier, dem ersten Sportreporter oder dem während der NS-Zeit sehr beliebten Ansager Otto Willi Gail sind auf Knopfdruck im O-Ton zu hören. Ein Video mit Karl Valentin und Liesl Karstadt amüsiert nicht nur den Besucher, sondern vermittelt ihm zugleich, wie damals in den Senderäumen Hintergrundgeräusche erzeugt wurden. Ein Exemplar des Simplicissimus von 1924 sowie eine Plakat mit einem Veranstaltungshinweis auf einen Vortrag über "Das Kulturproblem der Rundfunk-Musik", erinnern daran, dass das neue Medium alte Hörgewohnheiten der Menschen in Frage stellte.

Eine gesonderte Abteilung informiert über die Rolle des Rundfunks im Nationalsozialismus. Zwischen 1934 und 1945 wurde die "Deutsche Stunde in Bayern" zum "Reichssender München". Verschiedene Modelle von Volksempfängern sind zu besichtigen, die alle die Bezeichnung VE 301 trugen, womit das Radio als Massenmedium mit dem Tag der Machtergreifung der Nationalsozialisten identifiziert wurde. Das Informationsmonopol und der Rundfunk als Propagandainstrument verbot eine Senderskala an diesen Geräten. Wer dennoch wahrend des Krieges sog. Feindsender hörte oder eigene Stationen baute, wurde verfolgt oder gar hingerichtet, wie einige Beispiele erläutern. <Bild: Amerikan. Wachsoldat auf dem Gelände des Senders Isamaning, Mai 1945>

Wie der Rundfunk auch während der Nachkriegszeit im Dienste der damaligen Machthaber, der Amerikaner stand, zeigen Programmpläne zur "re-education" der Bayern. Aus dem Reichssender war nun "Radio Munich" geworden. Wie die Umerziehung nicht nur über Bildungs- und Aufklärungsprogramme, sondern ganz entscheidend auch über die Verbreitung amerikanischer Jazzmusik erfolgte, zeigt besonders eindrucksvoll eine Originalwand, deren Graffitti eine Szene aus dem amerikanischen "Penguin Club" darstellt. Dieser befand sich auf dem Gelände des heutigen Studios Franken, wo die Wand bei Renovierungsarbeiten entdeckt wurde. Ihr historischer Wert wird ihr nach der Ausstellung einen Platz im Haus der Geschichte in Bonn sichern.

Am 25. Januar 1949 beginnt eine neue Ära - der Bayerische Rundfunk wird als Anstalt des öffentlichen Rechts gegründet, dessen 50jähriges Bestehen mit der Ausstellung gefeiert wird. Die von den Deutschen entwickelten UKW-Sender waren eine Reaktion auf die von den Westmächten vergebenen Sendefrequenzen auf der Kopenhagener Wellenkonferenz, die Deutschland eine vergleichsweise schlechte Wellenlänge zugestand. Während Bayern in den 1920er Jahren - innovativ -, früh seinen eignen Rundfunksender aufbaute, bildete es in Bezug auf das Fernsehzeitalter eher das Schlusslicht in Deutschland, da es erst ab 1954 mit einem eigenem Programm in der bereits 1950 gegründeten ARD vertreten war. Dieser technisch bedingte Makel in der glanzvoll dargestellten Geschichte des Bayerischen Rundfunks bleibt dem Besucher jedoch verborgen. Der nächste Durchbruch in der Rundfunkgeschichte, die Stereoübertragung, repräsentiert durch einen Kunstkopf für kopfbezogene Stereophonie, ist schon keine bayerische Besonderheit mehr. Diese prägte sich aber umso deutlicher unter der Ägide des Franz Joseph Strauss aus. Denn 1972 strebte die bayerische Staatsregierung eine Änderung des Rundfunkgesetzes an mit dem Ziel, ihre Einflussmöglichkeiten durch eine Vergrösserung des Rundfunkrates zu stärken. Verschiedene Dokumente belegen die Aktionen der Bürgerkomitees, die diesen Schachzug der CSU ablehnten und ihn durch ein Volksbegehren auch tatsächlich rückgängig machen konnten.

Von den übrigen Exponaten, die den Blick auf Requisiten bekannter Fernsehsendungen des BR gestatten, wie "Meister Eder und sein Pumukel", oder auch den Besuchern ein quasi interaktives "Heiteres Beruferaten" anbieten, ist vor allem jene Abteilung besonders hervorzuheben, die den "Bayerischen Rundfunk im Wettbewerb" zeigt. Denn sie verrät, was die Verantwortlichen des Bayerischen Rundfunks neben der Anhäufung von Jubiläumsdaten veranlasst haben mochte, diese Ausstellung zu inszenieren. Mit dem Münchner Kabelprojekt von 1984 wandelte sich die bayerische Rundfunkrealität - der BR verliert seine Monopolstellung im Freistaat. Sicherlich, so könnte man einwenden, ist das zunächst nichts spezifisch bayerisches, zumal auch in anderen Bundesländern das Monopol der öffentlich-rechtlichen Sender verloren geht. Doch kein anderes Bundesland ist so sehr auf seine Eigenart bedacht, wie Bayern - eine Eigenart, die zu pflegen sich nicht zuletzt die dort seit je allein regierende Partei der CSU zur Aufgabe gemacht hat.

Mit dieser Jubiläumsausstellung, die in ihrer Präsentation im grossen und ganzen ein gelungenes, multimediales Ereignis darstellt, das Jung und Alt gleichermassen etwas bieten kann, scheint der Bayerische Rundfunk bzw. seine Macher mit Verve um die Gunst der Besucher zu werben. Nicht umsonst proklamiert der Titel der Ausstellung, dass der Bayerische Rundfunk der Rundfunk der Bayern ist, ungeachtet der inzwischen zahlreichen anderen Privatsender. Diese Ausstellung mag eine Suche des Bayerischen Rundfunks nach dem Eigenen symbolisieren, nach dem, was gerade ihn, mehr als alle anderen Sender, in die Gunst der Hörer und Zuschauer spielen soll. Aber warum zeigt nur der Bayerische Rundfunk seine Geschichte? Denn vor 50 Jahren (1949) wurden ja auch andere "ARD-Rundfunkanstalten von den Allierten in deutsche Hände übergeben".(1) Vielleicht ist es diese Eigenart, die fraglich geworden ist. Was nun aber dieses Bayerische ist, auf das der Sender so stolz zu sein scheint, bleibt unklar. Im Zeitalter der Europäisierung und Globalisierung beschreitet Bayern bewusst den Weg der Regionalisierung. Dennoch wird diese bayerische Eigenart in seiner Inszenierung wohl mehr zum Projekt denn zum Faktum. Und das mediale Bemühen um Volksmusik und Kommödienstadl, um das Bäuerliche und Echte, kurzum um Mundart und Lederhosn, mag in sich selbst bereits ein Zeichen für eine Musealisierung einer wie auch immer gearteten Eigenart sein. Aber es gibt diese Identifikation von Zuhörer und Zuschauer mit ihrem Rundfunk, wie ich aus Bemerkungen anderer Besucher der Ausstellung entnehmen konnte. Obwohl sich die Ausstellung vorwiegend an die Bayern wendet, ist sie doch auch für Nicht-Bayern zu empfehlen, da diese dort vieles wiederfinden, was sie aus ARD-Sendungen kennen oder was einfach allgemeine deutsche oder Technikgeschichte widerspiegelt.

 

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Führungen und Veranstaltungen

Wer nicht die Zeit hat, die Ausstellung genau zu betrachten, aber dennoch einen Überblick über die Geschichte des Bayerischen Rundfunks erhalten will, dem bietet eine ca. einstündige, von einem kompetenten Mitglied des Ausstellungsteams angebotene, kostenlose Führung eine fundierte Zusammenfassung des ansonsten doch mehrere Stunden dauernden Rundgangs. Für Kinder werden während der Ferien diverse Workshops, z.B. "Radio machen", angeboten und für Schulklassen besondere Führungen organisiert.

 

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Internetpräsentation

Für Interessierte, die die Ausstellung in Nürnberg nicht besuchen können, haben die Mitarbeiter des HDBG und des BR eine ebenfalls sehr gelungene, virtuelle Präsentation auf ihre webpage (http://www.bayern.de/HDBG/75jahre.htm und http://www.br-online.de) gelegt. Dort finden sich nicht nur viele Abbildungen der in der realen Ausstellung gezeigten Gegenstände, sondern der websurfer hat auch hier die Gelegenheit - sofern die technischen Voraussetzungen gegeben sind - sich die Radiostimmen im O-Ton anzuhören.

 

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Katalog

Unbedingt empfehlenswert ist der von Margot Hamm u.a. herausgegebene und äusserst preisgünstige Ausstellungskatalog "Der Ton. Das Bild. Die Bayern und ihr Rundfunk 1924-1949-1999". Nach Geleitworten von Albert Scharf, dem Intendanten des Bayerischen Rundfunks, und Claus Grimm, dem Direktor des HDBG, finden sich darin über vierzig Beiträge zu Themen wie "Ein Massenmedium in Staat und Gesellschaft", "Geschichte des Rundfunks in Bayern", "Der BR und sein Programm" und "Der Bayerische Rundfunk und sein Publikum". Den offiziellen Charakter dieses Katalogs unterstreichen die Beiträge des Intendanten über "Dienst an der Gesellschaft. 50 Jahre Bayerischer Rundfunk - Eine Geschichte mit Zukunft" und die Darstellungen über die Hörfunk- und Fernsehprogramme der BR-Direktoren Thomas Gruber und Gerhard Fuchs.(2) Insgesamt eine sehr nützliche, gut bebilderte, mit Graphiken und einer detaillierten Chronologie versehene Festschrift für den Bayerischen Rundfunk.

(1) Walter Roller in seiner Besprechung von "Radiozeiten. 50 Jahre Bayerischer Rundfunk" Rundfunk und Geschichte 25 (1999), S. 172-173.

(2) siehe Ansgar Diller's ausführlichere Rezension dieses Ausstellungsbandes in: Rundfunk und Geschichte 25 (1999), S. 171-172.

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© Elfie Rembold
Alle Rechte beim Autor und VL Museen
Dokument erstellt am 8.8.1999