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Ausstellungsbesprechung

 

Schönberg Schönberg, Kandinsky, Blauer Reiter und die Russische Avantgarde - Die Kunst gehört dem Unbewußten

Arnold Schönberg Center
Palais Fanto, Schwarzenbergplatz 6, Wien
www.schoenberg. at

9. März bis 28. Mai 2000

Rezensiert von:
Christine Ranseder, Wien


Die Ausstellung:

„Sie haben in Ihren Werken das verwirklicht, wonach ich in freilich unbestimmter Form in der Musik so eine große Sehnsucht hatte. Das selbstständige Gehen durch eigene Schicksale, das eigene Leben der einzelnen Stimmen in Ihren Compositionen ist gerade das, was auch ich in malerischer Form zu finden versuche. Ich finde eben, daß unsere heutige Harmonie nicht auf dem ‚geometrischen‘ Wege zu finden ist, sondern auf dem direkt antigeometrischen, antilogischen. Und dieser Weg ist der der ‚Dissonanzen in der Kunst‘ also auch in der Malerei ebenso, wie in der Musik."

So begeistert schrieb Wassily Kandinsky an den, ihm zu diesem Zeitpunkt noch nicht persönlich bekannten, Arnold Schönberg, kurz nach dem Besuch eines Konzertes mit dessen Werken am 2. Jänner 1911 in München. Um seiner Wertschätzung besonderen Ausdruck zu verleihen, legte er diesem ersten Brief an Schönberg seine Holzschnitt-Serie „Xylographies" bei, die in dieser Ausstellung erstmals in Wien zu sehen ist.

Schönberg antwortete erfreut und aus dem sofort intensiven Briefwechsel erwuchs die Freundschaft zweier geistesverwandter Männer, die dennoch beide eigenständig ihren künstlerischen Weg gingen. Wassily Kandinsky ließ die Gegenständlichkeit hinter sich und löste die Perspektive auf. Arnold Schönberg entgrenzte die traditionelle Musik und verließ die Organisationsgrundlage der Tonalität.

Im Spätsommer des Jahres 1911 kam es am Starnberger See zum ersten persönlichen Treffen. Bald darauf lud Kandinsky Schönberg zur Teilnahme an der ersten Ausstellung des „Blauen Reiter" 1911/12 in München ein und ebnete ihm den Weg für ein Gastspiel in St. Petersburg. Immer wieder setzte sich Kandinsky für Schönberg ein: Er übersetzte dessen „Harmonielehre" ins Russische, besprach Bilder oder ermöglichte die Publikation von Artikeln Schönbergs und seiner Schüler. Der intensive persönliche Kontakt sollte jedoch nur drei Jahre andauern, die Geistesverwandschaft blieb bestehen. Mehr als zehn Jahre später entstanden parallel zueinander Schönbergs „Zwölftonmethode" und Kandinskys Geometrisierung der Formen in den Bauhaus-Jahren.

Mit über 200 Gemälden, Aquarellen und Manuskripten zeigt die Ausstellung nicht nur einen Querschnitt durch das bildnerische Werk Arnold Schönbergs, sondern auch wichtige Kunstwerke von Wassily Kandinsky, seinen Weggefährten im „Blauen Reiter" und der russischen Avantgardisten.

Ausstellungsgestaltung:

Im Arnold Schönberg Center befinden sich Ausstellungssäle und Büros Seite an Seite (Ein Tip für Liebhaber guter Innenarchitektur: Schon allein die maigrüne, ovale Bibliothek ist einen Besuch wert). Eine Rekonstruktion des letzten Arbeitszimmers von Arnold Schönberg erinnert an dessen Jahre in Los Angeles (1936-1951).

Zur Einstimmung auf die Ausstellung empfehlenswert ist die im Medienraum gezeigte „Dia-Schau" über den Briefwechsel zwischen Schönberg und Kandinsky, die wichtige Zitate, Bilder und Hörbeispiele vereint.

Die eigentliche Ausstellung beginnt rechter Hand des Eingangs in das Arnold Schönberg Center. Dem großen, durch kurze Seitenwände in drei Räume geteilten Saal ist eine Zeittafel zu Schönbergs Leben, auf der die wichtigsten Ereignisse und Kompositionen zusammengefasst sind, vorangestellt.

Als Erstes wendet sich der Besucher zwei Skizzen zu, die im oder kurz nach Kandinskys Besuch des Münchener Schönberg-Konzertes entstanden waren. In der ersten Skizze ist die Perspektive des Konzertsaales noch erkennbar, in der zweiten Skizze ist sie bereits aufgegeben. Gleich daneben hängt das fertige Gemälde Impression III (Konzert). In diesem Raum wird sozusagen der Prolog zur völligen Abstraktion, die engste Berührung zwischen Schönberg und Kandinsky gezeigt. Gemälde von Gabriele Münter und Alexej von Jawlensky geben Aufschluß über das Schaffen der anderen Mitglieder des engsten Kreises um Kandinsky.

Der zweite Raum ist den größerformatigen Bildern Kandinskys und Jawlenskys sowie der Überleitung zur Grafik vorbehalten. Von hier betritt man entweder den, in der Saalachse liegenden Raum 3, der ausschließlich Bildern von A. Schönberg gewidmet ist oder das „Grafikkabinett", durch das man - vorbei an den „Xylographies" und Hinterglasbildern Kandinskys - wieder zum Ausgang kommt.

Daraufhin durchquert der Besucher das Arnold Schönberg Center, um zum zweiten Saal der Ausstellung zu gelangen. Er ist, ausgehend von Schönbergs Aufenthalt in St. Petersburg, dem Kubismus und der Russischen Avantgarde gewidmet.

In jedem der Räume befinden sich (Pult-)Vitrinen mit Memorabilia, d.h. Büchern, Partituren, Briefen und persönlichen Gegenständen.

In den Ausstellungsräumen herrscht durch die mittelgraue Wandfarbe, das Fehlen natürlicher Lichtquellen und die Beleuchtung der Exponate mit Spots eine behagliche Atmosphäre. Die Gemälde sind relativ dicht, kleinere Formate wie Grafiken stellenweise sehr dicht gehängt.

Sowohl die Objektbeschriftungen als auch die wenigen erklärenden Texte (zu Künstlern oder Kunststilen) sind in sehr kleiner, schwarzer Schrift auf grauen Karton, der eine Spur heller als die Wandfarbe ist, gedruckt. Die Anbringung erfolgt in der Höhe der Bildunterkante, also verhältnismäßig niedrig. Auf Themenüberschriften (=Raumüberschriften) und allgemeine Raum-/Bereichstexte, die durch ihre Größe auf den ersten Blick erkennbar sind, wird verzichtet.

Offensichtlich überlassen die Ausstellungsgestalter die inhaltliche Orientierung der Besucher dem Audio-Führer.

Begleitprogramm:

Das die Ausstellung begleitende Veranstaltungsprogramm ist beachtlich, wobei das Hauptaugenmerk - wie zu erwarten - auf der Musik liegt. Schwerpunkte sind Schönbergs expressionistisches Werk und die Schönberg-Rezeption in der russischen Avantgarde.

Das Kernstück des Begleitprogrammes besteht aus 17 Konzerten. Den Auftakt bilden Werke von Schönberg, Kandinsky, Herschkowitz und Webern, anhand derer die Verflechtung von gegenstandsloser Malerei und freitonaler Musik gezeigt wird. In der Folge begibt sich das Programm auf eine Reise durch die Welt der Ausdrucksmusik, stellt Werke der Komponisten des Schönberg-Kreises vor (vernachlässigt aber auch nicht die Gegenpositionen zum Erbe Schönbergs) und wirft einen Blick über die Grenzen nach Russland zur dortigen, in Österreich wohl weniger bekannten, Komponistenszene. Aber auch Vertrautes wird dargeboten, unter anderem Werke von Beethoven, Berg, Strawinsky, Schubert, Bach, Mozart und Brahms.

Ein dreitägiger öffentlicher Workshop zum Thema „Klavierinterpretation in der Wiener Schule" gibt Einblick in den Meisterkurs von Alexej Lubimov mit russischen und österreichischen Studenten.

Das zweitägige (24./25. März) Symposium „Schönberg und Osteuropa zu Beginn und am Ende des 20. Jahrhunderts" zeigt mit Vorträgen und musikalischen Beispielen Nachfolge und Gegenpositionen zur Wiener Schule in Osteuropa.

Im Vergleich dazu werden kaum Vermittlungsprogramme angeboten, die sich mit den ausgestellten Gemälden, Grafiken und Memorabilia beschäftigen. Führungen durch die Ausstellung finden nur für Gruppen gegen telefonische Voranmeldung statt. Der Einzelbesucher bleibt sich weitgehend selbst überlassen, ihm steht zur Vertiefung seines Wissens nur der Audio-Führer und die Bilder/Zitate-Collage im Medienraum zur Verfügung.

Das ist ein bißchen schade, denn in einer Ausstellung mit so wichtigen und in Wien selten gezeigten Werken, wären z.B. das bildbezogene Kunstgespräch oder eine zu Diskussionen einladende Kunstauskunft (beides natürlich zu festgesetzten und im Programm beworbenen Terminen) spannende Vermittlungsmethoden.

Katalog:

Begleitend zur Ausstellung erscheint ein Katalog (broschiert, 285 Seiten, ISBN 3-902012-01-3) um ATS 344,-. An ihm fällt zuerst das gefällige Format auf. Mit Abmessungen von 17,6 x 21,5 cm liegt er gut in der Hand und ist nicht zu schwer (Kunstliebhaber sind zwar mittlerweile den Muskelkrampf beim Lesen gewohnt - aber es ist schön, wenn es einmal auch ohne geht). Er paßt sogar noch als Lektüre in die Handtasche! Die graphische Gestaltung ist modern, luftig (genügend Weißraum!) und übersichtlich, die Bildwiedergabe und der Druck sind exzellent.

Den inhaltlichen Auftakt des Buches bildet ein allgemeiner Teil mit einer Sammlung von Artikeln, die sozusagen die Grundlagen vermitteln. Die folgenden Abschnitte verbinden jeweils einen Spezialaspekt (Das Konzert - München, 2. Januar 1911; Schönberg und Kandinsky - Bühnenkompositionen; Arnold Schönberg als Maler; Schönberg, Kandinsky und die Russische Avantgarde) mit dem eigentlichen Katalog der Bilder. Die Texte sind zweisprachig (Deutsch und Englisch).

Für jene, die sich den Katalog nicht leisten wollen oder können, ist der gefällig gestaltete Folder mit Veranstaltungskalender ein schönes Souvenir.


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Dokument erstellt am 8.4.2000