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Ausstellungsbesprechung

 

Exotica Exotica
Portugals Entdeckungen im Spiegel fürstlicher Kunst- und Wunderkammern der Renaissance

Kunsthistorisches Museum
Maria-Theresien-Platz, Wien
http://www.khm.at

3. März bis 21. Mai 2000

Rezensiert von:
Christine Ranseder, Wien

Katalog:
Exotica. Portugals Entdeckungen im Spiegel fürstlicher Kunst- und Wunderkammern der Renaissace, hrsg. v. W. Seipl, Ausstellungkatalog des Kunsthistorischen Museums Wien 2000 (Skira Verlag, ISBN 3-85497-009-9)


Die Ausstellung:

„Maldivas Insel ist der Strauch gegeben, / der tief im Meeresgrunde sich verzweigt / und dessen Frucht, wenn Gift im Körper wütet, / als bestes Gegengift den Tod verhütet.“ So beschreibt der portugisische Dichter Luis de Camõs im 16. Jahrhundert die damals als „Cocco di Maldiva“ oder „indianische Meernuß“ bekannte Seyschellennuß. Wie die Bezoare - Magensteine einer asiatischen Ziegenart, die zu Pulver zermahlen als Heilmittel gegen Gifte und die Melancholie verabreicht wurden - hielt man den größten Samen der Welt zunächst für ein Pharmakon.

Diese und andere unter dem Begriff Exotica zusammengefaßte Kuriositäten aus fernen Ländern, wie Kokosnuß, Straußenei, Nautilus oder das Horn des Rhinozeros sowie Luxusprodukte aus Elfenbein, Perlmutt oder Schildpatt, chinesisches Porzellan, japanische Lackarbeiten, orientalische Waffen und vieles mehr waren von den Fürsten Europas für ihre Sammlungen begehrte Objekte. Die Exponate dieser enzyklopädisch angelegten Kunst- und Wunderkammern waren inhaltlich nach einer von den naturalia über die artificialia zu den scientifica reichende Stufenleiter geordnet. Auf diese Weise wurde ein Abbild der Welt im Kleinen, ein Mikrokosmos, geschaffen, über dem der - meist adelige - Besitzer der Kunstkammer stand. Die Exotica durchbrachen diese dreistufige Gliederung. In ihrem ursprünglichen Zustand belassen zählten sie zu den naturalia, kostbar gefaßt oder zu Gefäßen umgearbeitet gehörten Sie zu den artificialia. Unter den Schätzen der Kunstkammer kam ihnen eine besondere Rolle zu, denn sie dokumentierten die über die Grenzen Europas hinausreichenden, den Globus umfassenden Beziehungen des Besitzers und untermauerten damit seinen Anspruch auf eine hervorragende soziale Stellung.

Gerade die Habsburger wußten die symbolische Bedeutung der Kunst- und Wunderkammern geschickt zu nutzen. In ihrer Eigenschaft als Könige von Spanien und durch ein, heiratspolitisch bedingtes, europaweites familiäres Beziehungsgeflecht - darunter auch zum portugiesischen Haus der Aviz - hatten sie optimale Zugriffsmöglichkeiten auf die seltenen Exotica. König Philipp II, seit 1580 König von Spanien und Portugal, besaß die reichste Kunstkammer aller habsburgischen Sammler. Auch Erzherzog Ferdinand II von Tirol und Kaiser Rudolf II. konnten ansehnliche Sammlungen vorweisen. Überhaupt beschenkten sich die Habsburger gerne mit Exotica. Auch vererbten und verkauften sie einander Stücke aus ihren Kunstkammern.

Portugal hatte bei der Beschaffung von und dem Handel mit Exotica eine Schlüsselstellung inne. Durch seine hochentwickelte Seefahrt, die Entdeckungsreisen des 15. und 16. Jahrhunderts und risikofreudige, kühne Kaufleute standen diesem Land neue Handelswege in fremde Welten offen. Zehn Jahre nach der Umschiffung des Kaps der guten Hoffnung durch Bartolomeu Dias (1487/88) erreichte Vasco da Gama Indien auf dem Seeweg. In der Folge wurden die neu erschlossenen Routen durch die Errichtung von Stützpunkten und Faktoreien gefestigt und ausgebaut. Besonders dicht war dieses Netz portugiesischer Enklaven an der Ostküste des afrikanischen Kontinentes und der Westküste Indiens. Einheimische Handwerker fertigten für die hier gelegenen Faktoreien Kunst- und Gebrauchsgegenstände, deren Design und Ikonographie an europäische Sehgewohnkeiten und Vorstellungsweisen angepaßt war.

Die Erringung der Vorherrschaft im Indischen Ozean, bedeutete sowohl die Kontrolle über den Zugang zum Roten Meer als auch über die maritimen Handelswege Persiens mit Hilfe der an einem Ende der Seidenstraße liegenden Festung Hormuz. Nach der Sicherung der Seewege zum, beziehungsweise im Estado da India brachten die Portugiesen Ceylon und die Straße von Malakka unter ihre Kontrolle, womit ihnen Indonesien und der Weg zu den, wegen des Gewürzhandels wichtigen, Molukken offen stand. Schlußendlich wurden Brückenköpfe in China (Macao) und Japan errichtet.

Die Ausstellungsgestaltung wirkt einladend und offen, nicht zuletzt wegen der, den neuen Trends entsprechenden, Rückkehr zu einer lebhafteren und reicheren Farbigkeit. Schon im Foyer des Museums macht ein indisches Bett den Besucher neugierig und lockt ihn in den, im ersten Stock gelegenen, Sonderausstellungssaal. Dessen Eingang wird von den Einleitungstexten, die die Grundinformation bieten, flankiert. Nach dem Durchschreiten der Glastüre fällt der Blick zuerst auf eine afrikanische Bastmatte und eine kleine freistehende Vitrine mit einem Salzgefäß aus Elfenbein, das auch die Ausstellungsplakate ziert. Rechts vom Eingang sind die Porträts der Sammler angebracht. Geht der Besucher in dieser Richtung weiter, gelangt er zu mit Japan in Verbindung stehenden Objekten und somit dem am weitesten von Portugal entfernten Land. Der Beginn der Reise durch die Schätze der Kunstkammern liegt links des Eingangs. Von hier ausgehend folgt die Gruppierung der Exponate nach Herkunftsgebieten dem Weg der portugiesischen Schiffe bis nach Japan. Um diesen linearen Ablauf zu wahren, wurde der Sonderausstellungssaal des Kunsthistorischen Museums durch geschicktes Plazieren von Trennwänden und Vitrinen zu einem Rundgang umgewandelt und die den einzelnen Ländern zugewiesenen Bereiche farblich kenntlich gemacht. Innerhalb der geographischen Gliederung sind die Gegenstände, der Ausstellungspraxis in den Kunstkammern folgend, weitgehend nach Materialien zusammengestellt. Nicht nur das Nebeneinander von einfach gefertigten Gegenständen und Meisterleistungen des Kunsthandwerkes, sondern auch die mit über 200 Exponaten relativ hohe Ausstellungsdichte pro Quadratmeter erinnert an die Aufstellungspraxis der Kunstkammern des 16. Jahrhunderts. Dank der gelungenen Farbwahl und übersichtlichen graphischen Gestaltung sowohl der Bereichstexte als auch der Objektbeschriftungen, wirkt die Aufstellung jedoch nie optisch erdrückend. Besonders zu begrüßen ist die Zweisprachigkeit (Deutsch, Englisch) der wichtigsten Ausstellungstexte, die durchwegs in einer gut lesbaren Schriftgröße wiedergegeben werden.

Begleitprogramm:

Das Veranstaltungsprogramm rund um die Ausstellung ist eher dürftig und beschränkt sich auf Altbewährtes. Führungen finden jeweils am Donnerstag (18 Uhr) und am Samstag (16 Uhr) statt. Vertiefendes Wissen kann in einem Zyklus aus 7 Vorträgen mit anschließender Spezialführung in der Ausstellung erworben werden (Termine: 13., 20. und 27. März, 3. und 10. April sowie 8. und 15. Mai, jeweils um 18.30 Uhr).

Katalog:

Der, in seiner Gestaltung gediegen-konservativ gehaltene, Katalog besticht nicht nur durch ausgezeichnete Bild- und Druckqualität sondern auch durch seine leichte Lesbarkeit. Die Beiträge sind durchwegs übersichtlich gegliedert und von angenehmer Länge. Eine Karte der wichtigsten See- und Handelswege, in der auch die Niederlassungen aus der Zeit des 16. Jahrhunderts eingetragen sind, sowie Stammbäume der Häuser Österreich, Valois und Aviz sind zur geographischen und genealogischen Orientierung wohlüberlegt am Beginn des Buches plaziert. Der einzige Wermutstropfen ist der stattliche Preis von ATS 690,- für ein broschiertes, 323 Seiten starkes Buch (Format: 24,6 x 28 cm).


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Dokument erstellt am 8.4.2000