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Ausstellungsbesprechung

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Evangelisch! Gestern und Heute einer Kirche
Sonderausstellung des Landes Niederösterreich und der Evangelischen Kirche
in Niederösterreich, Schloss Schallaburg, Austria
20. April - 27. Oktober 2002
WWW: http://www.schallaburg.at/
http://www.kunst-kultur.at/ausstellung/schall_evang.html

Katalog:
"Evangelisch! Gestern und Heute einer Kirche". Katalog zur Sonderausstellung
des Landes Niederösterreich und der Evangelischen Kirche Niederösterreich,
hg. von Gustav Reingrabner, St. Pölten: 2002 (=Katalog des NÖ Landesmuseums,
N.F., 437].

Rezensiert für H-MUSEUM und Virtual Library Museum von
Mag. Christiane Rainer, Österreichischer Rundfunk, Wien / Austria
Email: rainerc@gwu.edu


Es dauert eine Weile, bis man begriffen hat, dass das Schild am Treppenaufgang im Innenhof der Schallaburg "Zur Ausstellung" nicht für die Ausstellung gilt, die für diese Rezension besucht wurde. Nachdem der Arkadengang des Renaissanceschlosses, zu dem das Schild hinaufweist, umrundet und man auf seiner Suche wieder in den Innenhof gelangt ist, hat man zwar das schöne Ambiente der Schallaburg genossen, aber vergeblich nach "Evangelisch! Gestern und Heute einer Kirche" Ausschau gehalten. Bis sich herausstellt, dass neben einem ebenerdigen Eingang im Innenhof ein großes Banner mit Hinweis auf die Schau weht, das irgendwie unbemerkt blieb. In Erwartung einer Ausstellungsebene, die einfach einen Stock tiefer bespielt wird, gelangt man zum Eingang der Sonderausstellung - und steht einem Treppenabgang in einen Kellerraum gegenüber.

Bevor ich von dieser Einleitung zur Besprechung der Ausstellung "Evangelisch! Gestern und Heute einer Kirche" komme, möchte ich den Standort umreißen, von dem aus diese Rezension zur Besprechung ansetzt. Die Einleitung hat in gewisser Weise mit diesem Ansatz zu tun, denn sie berücksichtigt das Ambiente des Ausstellungsortes. Als Ansatzpunkt bietet sich im Falle dieser Ausstellung die Ebene der Metakommunikation, d.h. der institutionellen und infrastrukturellen Rahmenbedingungen an, denn sie haben in diesem Fall besonders deutlich sichtbaren Einfluss.

"Metakommunikation" - für einige MuseologInnen vielleicht schon ein ausgelaugter Begriff, da er aus dem Zusammenhang der Semiotik stammt und für einige modisch oder bemüht klingen mag. Ich erachte das Konzept, diesen Begriffe aus der Semiotik auf die Analyse von Ausstellungen anzuwenden als sehr praktikabel, zumal ich erst kürzlich in einem Workshop Gelegenheit hatte zu erproben, inwieweit sich kulturwissenschaftliche Analysemethoden für die Kritik von Ausstellungen eignen.

Gleich vorweg die wichtigsten Punkte, die bei Beschäftigung mit dieser Ausstellung zum Tragen kommen:

1. Die inhaltliche Klammer des "Gestern und Heute" ist ein schönes Konzept, da es nicht lediglich darauf abzielt Jahrestage, Vertreibung durch katholische Landesherrn und Exulanten in den Vordergrund zu stellen, sondern darauf hinausläuft, das Wiederentstehen der evangelischen Kirche in Niederösterreich und deren Lebendigkeit in der Gegenwart zu unterstreichen.
2. Der kleine Ausstellungsraum auf Kellerniveau gibt dem Konzept nicht die Möglichkeit, aufzugehen. Die beengte Ausstellungsfläche und die Lage des Schauraumes im Kellergeschoß haben mich nicht zuletzt dazu gebracht, den vorher beschriebenen Ansatz der metakommunikativen Ebene in der Besprechung in den Vordergrund zu stellen. Ein kleiner Raum muss an sich nichts Schlechtes bedeuten. In diesem Fall allerdings wirkt sich der Raum nicht unbedingt positiv auf die visuelle Präsentation und die Wirkung der Ausstellung auf BesucherInnen aus.
3. Es werden in diversen Schriftsorten (Katalog, Broschüre, Pressetext) und auf der Website der Schallaburg zur Ausstellung zu viele inhaltliche Schwerpunkte gesetzt, die auf so kleinem Raum nicht verwirklicht werden können.

1. Gestern - Heute: Das Konzept

Vor 375 Jahren wurden alle evangelischen Schulmeister und Prediger von Kaiser Ferdinand II. aus Niederösterreich ausgewiesen, 20 Jahre später wurden auf Befehl Kaiser Ferdinand III. Kommissionen eingesetzt, die dafür sorgen sollten, dass sich alle Evangelischen im Land bekehrten. Diese beiden Eckdaten wurden als Anlass genommen, um sich an die Geschichte und Geschicke der früher auch "a-katholisch" genannten Mitglieder der evangelischen Glaubensgemeinschaft zu erinnern. Nach einer raschen Verbreitung der reformatorischen Bewegung - 1580 bekennen sich etwa neun Zehntel der Adeligen als evangelisch, etwa drei Viertel der Waldviertler Bevölkerung dürfte evangelisch gewesen sein - führten seit dem 16. Jahrhundert Bemühungen der Landesherren um eine konfessionelle Einheit in ihren Ländern zur Zerstörung des lutherischen Kirchenwesens sowie zur Bekehrung bzw. Ausweisung seiner AnhängerInnen. Erst nach Erlassung des Toleranzpatents durch Josef II. 1781 konnte sich nach und nach wieder eine Gemeindestruktur und eine kirchliche Organisation bilden.

Dies ist also der Zeitrahmen, den sich die Ausstellung steckt. Der rote Faden in dieser umfangreichen Zeitspanne besteht in dem Konzept, einen Bogen zu spannen zwischen "Gestern - Heute". Ein Beispiel für die Bemühung um die Umsetzung des Konzepts: Das "Gestern", so der wissenschaftliche Leiter Gustav Reingrabner bei einer Sonderführung im Rahmen eines Festaktes auf der Schallaburg, werde zum Beispiel durch den Horner Bundbrief (ein Adelsbündnis zur Sicherung der Religionsfreiheit vom 3.1.1608) illustriert. Als Pendant aus dem "Heute" ist das Bundesgesetzblatt Nr 128/61, das Protestantengesetz vom 6.7. 1961, ausgestellt. Als Exponate, welche das "Heute" der evangelischen Kriche in Niederösterreich vergegenwärtigen sollen, sind Segenstücher ausgestellt. Diese sollen, so Kurator Gustav Reingrabner, die Lebendigkeit der evangelischen Kirche heute illustrieren. Sie sind allerdings am Treppenabgang montiert und werden nicht unbedingt als Bestandteil der Ausstellung wahrgenommen. Die Tücher sind somit quasi aus dem Zusammenhang des Schauraumes herausgerissen.

Wie schon eingangs festgestellt: Das "Gestern - Heute" ist ein gutes Konzept, das die Möglichkeit bietet, aus der langen Zeitspanne von 375 Jahren exemplarisch Begebenheiten und Entwicklungen der Geschichte der Reformation zu beleuchten, die bis heute Einfluss oder Wirkung haben bzw. verloren haben. Die visuelle Aufbereitung dieses Konzepts ist leider nicht gelungen. Es werden zwar Exponate gegenübergestellt, aber die Herstellung eines Gegenwartsbezugs wird nur halbherzig berücksichtigt, das Konzept wird nicht durchgehalten, ein Schwerpunkt der Exponate bleibt in der Vergangenheit. Die gegenwärtige evangelische Kirche in Niederösterreich wird in der Ausstellung nicht wirklich sichtbar.

2. Infrastruktur und institutionelle Rahmenbedingungen

Die Schallaburg wird im Folder und im Pressetext als ehemaliges Zentrum evangelischen Lebens charakterisiert, deshalb die Wahl als Ausstellungsort. Die Ausstellung selbst gibt dazu keine Information, man kann aber im Katalog nachlesen, dass die Burg aufgrund ihrer Baugeschichte und der Bau-/Burgherrn mit der Reformation in Verbindung stand. Mit ein Grund für die Standortwahl dürfte gewesen sein, dass die Burg ohnehin ständig für Ausstellungen genutzt wird, und das nötige Know-how für die Abwicklung dort deshalb vorhanden ist.

Der Schauraum für "Evangelisch!" auf der Schallaburg war keine besonders glückliche Wahl. Warum gerade der ehemalige Vortragssaal im Keller als Schauraum gewählt wurde, mag daran liegen, dass wir es mit einer Sonderausstellung zu tun haben; die übrigen Galerien der Schallaburg waren also schon für andere Projekte verplant. Der Kurator der Ausstellung war sich einerseits bewusst, dass der eher kleine Raum eine Einschränkung für sein Konzept und die Präsentation bedeuten würde. Er konnte dem "Kellergeschoß" allerdings von konservatorischer Seite etwas Positives abgewinnen: da es keine Fenster und somit keine direkte Sonneneinstrahlung gibt, ist der Raum eine ideale Umgebung für die vielen Schaustücke und Leihgaben aus Papier.

Dies liefert das Stichwort für die Präsentation der Ausstellungsobjekte. Die Vitrinen wurden von der Schallaburg zur Verfügung gestellt, wurden also nicht extra für die Ausstellung entworfen. Auch in diesem Zusammenhang kommt die Knappheit des Raumes zu tragen, einige Vitrinen wirken leicht überfüllt. Die Raumbeschriftungen sind im allgemeinen gut gelungen, sowohl in Layout als auch in Verständlichkeit. Es wird beispielsweise ganz zu Anfang ein prägnanter Überblick über die Charakteristika des evangelischen Bekenntnises gegeben.

Die Objektbeschriftung in den Vitrinen ist hingegen manchmal verwirrend, weil sie an scheinbar schon gegebene Informationen anknüpft, die man aber nirgendwo finden kann. Ein Beispiel: "Solche Rückreisende waren freilich allerlei administrativen Quälereien ausgesetzt."

Die sehr gelungenen und dekorativen Wandbauten, die dazu gedacht sind, den Ausstellungsraum zu strukturieren und in Themengebiete einzuteilen, wurden vom Architekten eigens für die Ausstellung in Auftrag gegeben. Sie werden nach Beendigung der Ausstellung vom MAK (Museum für Angewandte Kunst) in Wien übernommen, das auch die Hälfte der Kosten für die Wandbauten übernommen hat.

Der begleitende Ausstellungskatalog besticht schon beim ersten Durchblättern durch seine gelungene, schöne graphische Gestaltung und das übersichtliche Layout (abgesehen von einigen Druckfehlern). Die einzelnen Beiträge geben Antworten auf Fragen, die sich beim Besuch der Ausstellung aufdrängen, da dort manche Zusammenhänge nicht ganz klar werden, beispielsweise warum die Schallaburg ein Zentrum evangelischen Lebens war. Der Katalog zieht in knappen Beiträgen einen recht übersichtlichen Bogen über die wechselhafte Entwicklung der evangelischen Kirche in Niederösterreich vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Damit ergänzt er nicht nur die Ausstellung, sondern geht inhaltlich noch darüber hinaus, z. B. in einem Beitrag über GeheimprotestantInnen in der Region. Der Katalog wurde vom Kurator der Ausstellung, Gustav Reingrabner, herausgegeben; er hat auch den Großteil der Beiträge verfasst. Da er ein anerkannter Experte auf diesem Gebiet ist, stellt der Katalog sicher einen nützlichen und fundierten Überblick über die Geschichte der Reformation in Niederösterreich dar, für den die maßgebliche Literatur der letzten Jahre zum Thema herangezogen wurden.

3. Inhaltliche Schwerpunktsetzung

Nachdem ich die Ausstellung gesehen und Beschreibungen dazu gelesen hatte - Internet, Broschüre, Katalog, Pressetext - ergab sich der Einruck, dass der Schauraum nicht der einzige Grund ist, warum die Umsetzung des Konzepts des "Gestern - Heute" nicht gänzlich geglückt ist. Ein weiterer Grund - der damit Hand in Hand geht - ist, dass zu viele verschiedene Schwerpunkte vermittelt werden sollen. Ich illustriere diesen Eindruck anhand von Zitaten zur Ausstellung:


"Die Ausstellung zeigt in wenigen Beispielen das Besondere am evangelischen Glauben und seiner Kirche, wie es sich seit der Reformation gebildet und ausgeformt hat. Dabei wurde die Frömmigkeit und das kirchliche Leben besonders herausgestellt."

"Sie [die Ausstellung] vermittelt uns aber auch, wie sehr sich das Verhältnis der Religionsgemeinschaft zueinander gewandelt hat, wie sehr es heute von Toleranz, gegenseitiger Achtung und Kooperation getragen und bestimmt wird."

"Ein Schwerpunkt der Ausstellung, die von Gustav Reingrabner [...] gestaltet wird, sind die Hinweise auf die Emigration (Exulanten), auf deren Ansiedlung in Franken, [...], sowie die Hinweise auf die nach Niederösterreich Gekommenen, seien es Gelehrte, Industrielle oder Facharbeiter gewesen, die hier Gemeinden gegründet haben."

Der Fairness halber sei gesagt, dass die Interpretation eines Politikers betreffend die Intentionen einer Ausstellung nicht unbedingt den intendierten Zielsetzungen der Ausstellungsmacher entsprechen muss. Was mit der Zitatesammlung angesprochen werden soll: Dass die unzähligen Aspekte der Geschichte der Reformation und der evangelischen Kirche während der letzten 375 Jahre den Rahmen dieser Ausstellung gesprengt haben.

Hätte man die Auswahl der Schwerpunkte und damit der Objekte eingeschränkt und noch weiter an die Rahmenbedingungen adaptiert, dann wären die Möglichkeiten für die Objekte, ihre Geschichten zu erzählen, in größerem Ausmaß vorhanden gewesen. Ich denke da beispielsweise an einen in der Ausstellung gezeigten Silberbecher, der von Georg von Schönerer, dem Führer der Alldeutschen Partei und Auslöser der "Los-von-Rom-Bewegung", zu einer Taufe gestiftet wurde. Leider erfährt man in der Ausstellung durch die Objektbeschriftung keine näheren Zusammenhänge. Es würde sich also lohnen, historische Inhalte anhand solcher Objekte aufzurollen, und nicht umgekehrt die Inhalte mit Objekten zu bestücken.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die infrastrukturellen Rahmenbedingungen (Metakommuniktion), insbesondere der Ausstellungsraum, die Ausstellung massiv an einer gelungenen Präsentation hindern. Es stellt sich die Frage, welche Umstände dazu führten, dass das gelungene Konzept nicht für die beengten Rahmenbedingungen adaptiert wurde, obwohl den Ausstellungsmachern die Nachteile des Schauraumes bewusst waren.

Das Thema der Ausstellung und das ihm zugrundegelegte Konzept des "Gestern - Heute" würde eine nochmalige Ausstellung unter anderen Rahmenbedingungen verdienen, da das Konzept meiner Meinung nach grundsätzlich gelungen und das Thema interessant und wichtig ist. An Objekten scheint es nicht zu mangeln, die fachliche Kompetenz ist ebenso vorhanden.

Und noch eine Frage stellt sich: es konnte anscheinend lediglich ein relativ kleiner Ausstellungsraum in Kellergeschoßlage für die Ausstellung "Evangelisch! Gestern und Heute einer Kirche" gefunden werden. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier durchaus auch eine Wertigkeit signalisiert wird, wenn auch unbewusst; und man stellt sich vor, wie wohl eine Ausstellung mit dem Titel "Katholisch! Gestern und Heute einer Kirche" aussehen würde.


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Dokument erstellt am 4.9.2002