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Ausstellungsbesprechung

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circa 1500
Landesausstellung 2000 Mostra storica.

3 Länder, 3 Orte, 1 Ausstellung
13. Mai bis 31. Oktober 2000
Tirol / Lienz / Schloß Bruck - Leonhard und Paola. Ein ungleiches Paar
Südtirol / Brixen / Hofburg - De ludo globi. Vom Spiel der Welt
Trentino / Besenello / Castel Beseno - An der Grenze des Reiches

Rezensiert von
Susanne Claudine Pils,
Archive der Stadt Wien

Website:
http://www.1500circa.net


Das Ausstellungskonzept

Der Zeitenwende 1500 ist die gemeinsame Landesausstellung Tirols, Südtirols und des Trentino im Jahr 2000 gewidmet. "Circa 1500 muß es gewesen sein, als die Neuzeit begann, jene Zeit, in der wir bis heute leben. So sah es der Hallenser Professor Christoph Cellarius im Jahre 1685. Seitdem gilt für die abendländische Geschichtsschreibung die grobe Dreiteilung der Zeiten in Altertum, Mittelalter und Neuzeit."

In Leonhard und Paola fanden sich jene zwei gegensätzlichen Welten - Mittelalter und Neuzeit, Gotik und Renaissance - in einem Paar vereint. Als die beiden im Jahr 1478 heirateten, traf die am Renaissance-Hof in Mantua aufgewachsene und dort bereits in den Idealen des Humanismus erzogene, als gebildet beschriebene 15-jährige Paola Gonzaga auf den rund zwei Jahrzehnte älteren Grafen Leonhard von Görz, der die im Norden noch immer vorherrschende Gotik und die altgewohnte mittelalterliche Geisteshaltung vertrat. Als ein Fürst des Heiligen Römischen Reiches war Graf Leonhard von Görz-Tirol der letzte Repräsentant eines alten Geschlechts, das sich bereits um 1100 in der Umgebung von Lienz, in Oberkärnten, im Pustertal und in Friaul festgesetzt hatte. Aufgrund der geographischen Schlüsselposition zwischen den Mächten Habsburg und Venedig kam es immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Zudem mußte Leonhard sein Territorium gegen die anstürmenden Türken verteidigen und befand sich somit in permanenten Geldnöten. Durch die Verbindung mit Paola, die dem relativ jungen Herrschergeschlecht der Gonzaga entstammte, das im 14. Jahrhundert den in Mantua regierenden Bonacolsi die Herrschaft entrissen hatte, versuchte Leonhard seine Position vor allem finanziell abzusichern. Darüber hinaus unterstützte die Familie seiner Gattin die antivenezianische Politik. Paola vertritt den neuen Frauentyp an den führenden Renaissance-Höfe, der sich durch seine humanistische Bildung auszeichnete. In ihrer reichen Brautausstattung, die sie mit nach Lienz brachte, befanden sich zahlreiche Werke klassischer Autoren sowie moderner Renaissance-Autoren. Ihr Mann wird dagegen als "Praktiker" beschrieben. Der Ausstellungsteil ins Lienz stellt mit diesem ungleichen Paar den Umbruch in eine neue Zeit dar, die auch mit dem Tod Leonhards im Jahr 1500 eine weitere Fortsetzung fand. Da die Ehe mit der stets kränkelnden Paola (gest. 1495) kinderlos geblieben war, erlosch mit ihm das Geschlecht der Görzer Grafen. Seine Nachfolge trat Maximilian I. an, der seit 1490 Landesfürst in Tirol sowie seit 1493 auch Landesfürst der österreichischen Erbländer und damit direkter Nachbar der görzischen Territorien war. Mit dem Erbanfall hatte er die erstrebte territoriale Verbindung zwischen den innerösterreichischen und den vorderösterreichischen Ländern erreicht. Die alte Grafschaft wurde von ihm neu organisiert, die nördlichen Gebiete Tirol bzw. Kärnten angeschlossen und die nunmehr selbständigen südlichen Gebiete Innerösterreich unterstellt. Lienz verlor damit seine Stellung als Residenzstadt, die es bis dahin inne hatte.

Dem Anbruch dieser neuen Zeit und den Wirkungen in die Zukunft, schlagwortartig beschrieben mit der Entdeckung Amerikas, der Erfindung des Buchdrucks durch Johann Gutenberg, der Veröffentlichung der 95 Thesen durch Martin Luther, den Bauernunruhen u.a. widmet sich auch der Ausstellungsteil in Brixen. De ludo globi, jenes Werk in Dialogform von Nicolaus Cusanus (Nikolaus von Kues, 1401-1464), das dem Autor als Gleichnis für das menschliche Leben, für die Natur der Dinge und ihr Verhältnis zu Gott diente, wurde dabei als Titel der Ausstellung gewählt. Das von Cusanus erdachte, in seinem Umkreis auch tatsächlich gespielte Globusspiel, könnte man als eine Variante des Boule- oder Bocciaspiels ansehen, wobei hier das Ziel aufgrund der besonderen Form der ausgehöhlten Spielhalbkugel schwerer zu treffen ist. Da die Globi sich wegen ihrer Gestalt nicht geradlinig, sondern auf einer gekrümmten Bahn bewegen, kann der Spieler die optimale Bahn nicht berechnen. Der Besucher kann dies in der Ausstellung selbst nachvollziehen. Mit der Unvollkommenheit realer Körper und der damit zusammenhängenden Unvorhersehbarkeit ihrer Bewegungen bringt Nicolaus Cusanus die Unvollkommenheit des Menschen und die Unvorhersehbarkeit menschlicher Lebensläufe in Verbindung. Daneben veranschaulicht das Spiel die religiös fundierte Moral: So wie den Teilnehmern am Globusspiel die Aufgabe gestellt wird, die Globi möglichst nahe an die Zielmarke heranzubringen, so wird den Menschen die Aufgabe gestellt, sich Christus anzunähern, ihm ähnlich zu werden. Im Werk von Nicolaus Cusanus finden sich neben der starken Beziehung zur christlichen Tradition und der antiken Philosophie auch "modernere" Gedanken als im Werk vieler anderer Renaissance-Philosophen.

"An der Grenzes des Reiches", auf dem Castel Beseno bei Besenello, unternimmt die Ausstellung in einem weiteren, dem Trentino gewidmeten Teil einen Brückenschlag zur gemeinsamen Geschichte. Die am 10. August 1487 gegen Venedig gewonnene Schlacht von Calliano, in dessen Verlauf der Heerführer der Truppen Venedigs, Roberto da Sanseverino, fiel, vereinte die Interessen der Gonzaga, der Görzer Grafen und des Kaisers. Sie wurde jedoch auch für die an der Grenze des Kaiserreiches wohnenden deutschen Bewohner der Region, die in der Stadt Trient ungefähr 15 % der Einwohnerschaft stellten, zum Symbol ihrer Zugehörigkeit zum Reich. Vor allem ihr Wunsch war es, daß der Leichnam Sanseverinos nicht nach Mailand überführt werden sollte, dem jedoch von Kaiser Maximilian I. nicht entsprochen wurde. In zahlreichen Darstellungen wurde die Schlacht bildhaft umgesetzt. Das Ereignis wirkte auch zweihundert Jahre später im Bewußtsein und Selbstverständnis der Bevölkerung des Trentino nach. Die Grenze wird jedoch in dieser Ausstellung nicht als trennenden Element gesehen, sondern als Teil der gemeinsamen Geschichte.

Die Architektur der Ausstellungen

Während das Castel Beseno, das ebenso wie Schloß Bruck umfangreich renoviert wurde, vor allem durch seine Lage und das am Wochenende stattfindende Rahmenprogramm mit einem mittelalterlichen Gauklerfest, Theaterinszenierungen (auf Italienisch) und Schauturnieren besticht, so zeichnen sich die Ausstellungen in Lienz und Brixen durch eine dezente, jedoch aufwendig gestaltete und sehr gelungene Ausstellungsarchitektur aus. Durch diese Inszenierung werden die Objekte ausgesprochen schön ins rechte Licht gerückt. Zwar funktionierte in Lienz beim Besuch der Rezensentin nicht jede der Computeranimationen, die z.B. die territoriale Entwicklung der Grafschaft Görz zeigen, beim ersten Versuch, aber das überaus freundliche Ausstellungspersonal versuchte dem immer wieder abzuhelfen. Die zum Teil schlecht kopierten und stark vergrößerten Abbildungen im Castel Beseno störten die sonst überaus bemühte Ausstellungsgestaltung in diesem schönen Rahmen. Lobend ist hier jedoch vor allem die reibungslose Fahrt zur Burg durch die eingesetzten Shuttlebusse anzumerken, während die Beschilderung zur Ausstellung beim letzten Kreisverkehr in Lienz etwas ausführlicher sein könnte.

Auf zwei Ebenen werden in Lienz Exponate gezeigt, die einerseits - durch Briefe - das Verhältnis des Ehepaares zueinander, aber auch die beiden Familien, der Grafen von Görz und der Gonzaga, darstellen. Daneben wird der adeligen Wohnkultur, der Kleidung, dem Spiel, der Bildung um 1500, das heißt dem Alltag dieser Zeit Raum gegeben.

Als Medium einer neuen Zeit gilt die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Letter durch Johann Gutenberg. Dementsprechend ist das Prunkstück des Ausstellungsteiles in der Hofburg in Brixen jene älteste, voll funktionstüchtige Buchdruckerpresse aus dem 16. Jahrhundert, die erst 1990 auf dem Dachboden des Hauses Nr. 2, ehemals der Sitz der Druckerei A. Weger, wiederentdeckt wurde. Bis mindestens 1829 druckte diese Wegersche Presse, auf deren Vorhandensein Joseph von Mörl, dessen Familie die Wegersche Druckerei 1872 übernommen hatte, noch um 1929 hinwies. 1993 begann man die hölzerne Presse zu restaurieren, seit Dezember 1997 druckt sie wieder. Fünfhundert Jahre nach dieser revolutionären Erfindung setzt auch die Ausstellung in Brixen auf den Einsatz des Computers, der alle drei Ausstellungen auch auf der anschaulich gestalteten Homepage verbindet.

Auf der mit 16.000 Quadratmetern größten Befestigungsanlage des Trentino, dem Castel Beseno, steht die bereits erwähnte Schlacht von Calliano im Mittelpunkt. Auf einem Rundgang durch die Burg beleuchten Waffen, Rüstungen und kartographische Materialen die Kriegsschauplätze.

Parallel zur Ausstellung bereitet der Führer zur Landesausstellung in mehreren gut beschriebenen "Reiseroute(n)" die Sehenswürdigkeiten und Schauplätze aus der Zeit um 1500 auf und lädt damit ein, das Land selbständig oder auch mit geführten Reisegruppen kennenzulernen. Zumindest drei Tage ist allein für den Besuch aller Ausstellungsteile einzuplanen, die sich jedoch auf alle Fälle lohnen. Empfehlenswert ist auch, sich vor Antritt der Reise über das zusätzliche Rahmenprogramm zu informieren, das besonders auf Castel Beseno den Reiz der Ausstellung erhöht.

Die Internetpräsentation

Unter dem Slogan 3 Länder, 3 Orte, 1 Ausstellung wirbt diese besondere Landesausstellung Tirols, Südtirols und des Trentino. In der Präsentation im Internet wurde ein gemeinsamer Ort der drei an dieser Ausstellung beteiligten Länder gefunden. Als jenes Medium, das ähnlich wie der Buchdruck um 1500 revolutionären Charakter hat, wird damit die Verknüpfung zur Zeitenwende 2000 hergestellt. Über die Adresse http:/www.1500circa.net kann man diese Ausstellung virtuell betreten, die gemeinsame Idee nachvollziehen und sich über die Themen der einzelnen Ausstellungsorte informieren. Die Bereiche News (alle 14 Tage neu!), Ausstellungen, Reise-Routen, Schulen, Media-Service, Materialien, Guestbook, Anfragen und Links werden ständig gewartet und aktualisiert. Wichtige Daten der Zeit um 1500 und Biographien von beschriebenen Personen ergänzen das Internetangebot, zusätzlich zu Information über die Öffnungszeiten, besondere Veranstaltungen und spezielle Angebote der Region. Besonderes Augenmerk legte man bei der Gestaltung der Homepage und der Ausstellung insgesamt auf das Angebot für Schulen. Neben den Materialen zur Ausstellung, etwa der Bereitstellung des Brieftextes von Paolas Mutter Barbara an ihren Schwiegersohn Leonhard, bieten Linkverweise zu internationalen Museumslisten, anderen Ausstellungen etc. zusätzliche Informationen. Ein Anklicken lohnt auf jeden Fall!

Der Katalog und erhältliche Begleitliteratur

Alle drei Ausstellungen enthält der 539 Seiten starke, reich bebilderte Katalog zur Landesausstellung, in dem 50 Autoren die Geschichte Tirols um "circa 1500" skizzieren. Der auf Deutsch und Italienisch erschienene Katalog vereint Textbeiträge, jeweils anschließende Abbildungsteile von besonderen Exponaten (insgesamt 640) und die Beschreibung der Exponate. Das Ausstellungsvideo (D, I) spannt in 17 Minuten in moderner Bildsprache den roten Faden, der die drei Ausstellungsorte verbindet. Von den Pädagogischen Instituten wurden zusätzlich Unterrichtsmaterialien (D, I, Einleitung in Ladinisch) herausgegeben. Auf die Broschüre zu den Reiserouten (D, I), die detaillierte Information zu Orten auf der Strecke zwischen Mantua-Beseno-Brixen-Lienz-Görz beinhaltet, wurde bereits hingewiesen.


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Dokument erstellt am 31.8.2000